2003er Riesling GGs: Abschied ohne Wehmut

Der Jahrgang 2003 war in Weindingen in fast ganz Europa ein außergewöhnlicher. Einen so heißen Sommer – er forderte über 10.000 Todesopfer, vorwiegend unter Europas Senioren –  hatte der Kontinent noch nicht gesehen.

2003er Riesling GGs: Abschied ohne Wehmut weiterlesen

Drei, zwei, eins – Wein

Ich gebe zu: Ich kaufe Wein bei ebay – nicht immer aber immer mal wieder. Und allmählich habe ich meine Erfahrungen gemacht (ja, auch eine Fälschung war dabei). Deswegen kenne ich jetzt die Risiken und gehe sie wenigstens sehenden Auges ein. Eine schöne Wette ist die Auktion einer ‚angebrochenen Kiste‘ (so meine interne Klassifizierung). Jemand versteigert 5 Flaschen eines Weines gehobener Qualität.

Das ist meiner Meinung nach ein Zeichen dafür, dass der Wein erstens nicht gefallen, und zweitens der Verkäufer keine Hoffnung hat, dass sich das mit Reife ändert. Also geht der Rest der Kiste weg und zwar auf einmal. Verkäufer ist vermutlich ein Sammler, dem egal ist, dass er damit weniger erlöst als mit kleineren Lotgrößen; da geht es nur darum, den Platz im Keller frei zu machen.

Also kann man deutlich sparen, hat aber das Risiko, gleich fünf Flaschen schwachen Weines zu erwerben. Meine letze ‚angebrochene Kiste‘ war diese hier, deren erste Flasche einigermaßen gefiel.

Wagner-Stempel, (Siefersheimer) Höllberg Großes Gewächs, Riesling QbA, 2007, Rheinhessen. In der Nase ist der Wein unglaublich süß und verführerisch: Mango, reifer Pfirsich, Honigmelone und Aloe Vera. Am Gaumen kann das GG dieses Versprechen allerdings nicht einlösen. Zu klassischer Rieslingfrucht mit Aprikose und Apfel gesellt sich zwar eine spürbare Säure aber kein besonders animierendes Spiel. Zu voluminös und mastig mit einem deutlichen Zuckerschwanz kommt der Wein daher, dazu ist er ziemlich alkoholisch – 13,5% sind mäßig integriert. Zu einer kalkigen Mineralik gesellt sich Gärkohlensäure. Der Abgang ist lang, kräftig und etwas eindimensional.

Überreif, nicht ganz trocken, vermutlich langes Hefelager für cremiges Volumen – es gibt Tage an denen mir sowas gefällt und Tage, an denen dieser sehr gewollte GG-Stil mich rasch ermüdet. Dadurch schwanken meine Bewertungen extrem, wie ich vor kurzem hier beschrieben habe. Bei Wagner-Stempels Höllberg wird die Kunst sein, den richtigen Tag (oder eher die richtigen vier Tage) für diesen Wein zu finden. Ein paar Mittrinker sollten ebenfalls nicht schaden. Alles in allem bei 19€ pro Flasche ein Auktionserfolg.

Altersmilde

Zugegeben, die Überschrift könnte als Provokation verstanden werden ob des grantelnden älteren Herren, an den ich heute zufällig geraten bin. Tatsächlich geht es aber gar nicht um Spinner und Blogs sondern um Veränderungen in meinem Wesen und die Headline kam mir in den Sinn, als ich am Sonntag den Wein öffnete, um den es hier geht.

Ich werde älter und damit einhergehend auch weniger konsequent in meinen Abneigungen. Meine Antipathie gegenüber dem FC Bayern gerät genauso ins Wanken wie meine strikte ABC-Trinkerschaft. ABC, was mein Lieblingsanglizismus ist und “Anything But Chardonnay” heißt, war für mich immer tugendhafter Ausdruck des Riesling-Patriotismus. Weißburgunder – darf mal sein, Chardonnay? – schleich Dich!

Weingeschmack im Wandel

Und nun das: So geschätzte drei bis vier Flaschen Chardonnay pro Jahr sind es mittlerweile, die sich in mein Glas verirren.  Die Mischung aus recht kräftigem Säuregerüst, buttrigem Schmelz, feinen Holznoten und satter Mundfülle schmeckt mir zu manchen Speisen halt doch besser als Grau- oder Weissburgunder.

Ich rede von besternten oder mit einem -S- auf dem Weinetikett versehenen, Barrique-ausgebauten Brummern aus deutschen Landen. Die gibt es von immer mehr ernstzunehmenden Winzern und verglichen mit deren Riesling Großgewächsen sind sie sogar recht preisgünstig. Aktuell viel Spass macht mir der Jahrgang 2002, denn auch die einheimischen Chardonnays vertragen ein paar Jahre Flaschenreife. Seit Sonntag in bester Form präsentiert sich Wagner Stempel, 2002 Chardonnay ‚S‘, Rheinhessen, 14% Alk. In der Nase Butter, Haselnuss und Quitte mit riechbar viel Alkohol, der am Gaumen aber nicht störend in Erscheinung tritt. Im Mund nussig, sehr stoffige Textur, cremig aber mit akzentuierter Säure und etwas Muskat. Das Holz ist sehr gut eingebunden aber noch schmeckbar mit einer Toast-Note vertreten. Der Abgang ist ausgesprochen lang. Der Wein kratzt für mich an den 90 Punkten. Eigentlich hätte er sie verdient.

Aber ganz so alt bin ich dann doch noch nicht!