Blindflug 115: Das Buntsandstein-Komplott

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Felix
Startet mit dem Chardonnay
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Sascha
Startet ab 38:38 mit dem Albillo

Zwei großartige Weißweine in einer hastigen Folge und neue Erkenntnisse über Terroir.

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Reine Formsache

Kennen Sie das: Sie sitzen in gemütlicher Runde mit netten Weinfreunden, jemand schenkt einen Wein ein und alle sind begeistert ob der Klasse und Eleganz des Gereichten, nur Sie denken bei sich: ‚was ist das denn für ein banaler Tropfen?‘ – obwohl Rebsorte und Art eigentlich genau Ihr Ding sein sollten? Und haben Sie schon einmal der Gelegenheit entgegengefiebert einen Wein, den Sie in jüngster Zeit mehrfach mit größtem Vergnügen getrunken haben, im vinophilen Freundeskreis vorzuführen, und wenn es dann endlich so weit ist, dass Sie Ihren Superstar präsentieren, tritt betretenes Schweigen ein, bis schließlich jemand verlegen etwas sagt, was ungefähr klingt wie ‚Ja, öhm, äh … also das ist wirklich okay, aber jetzt, so Begeisterungsstürme, äh…eher nicht…‘ und dann probieren Sie nach und stellen fest, dass Ihr Liebling sie gerade im Stich lässt und diese spezielle Flasche auch bei Ihnen keine Euphorie auslöst? Reine Formsache weiterlesen

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Am Samstag durfte ich bei einer Weinprobe mitmachen, die so viele Erkenntnisse brachte, dass ich zwei Tage brauchte um alle Informationen zu verarbeiten. Zwanzig Probanden in wenigen Stunden, kleine Probeschlucke und ein paar Minuten pro Wein, eine mehr oder weniger zufällige Zusammenstellung des Feldes – all das sind Gründe Proben nicht überzubewerten und im Schnutentunker hinlänglich diskutiert. Diesmal war vieles anders und deswegen hat diese Probe nachhaltigen Einfluss auf mich. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft weiterlesen

Gekühlte Zicke

Manche Themen beschäftigen mich so sehr, dass ich sie mit einem Blogpost alleine nicht abarbeiten kann. So auch die im letzten Bericht angeklungene Thematik der Preise guter und sehr guter Rotweine aus der Spätburgundertraube. Dazu habe ich die Angewohnheit beim ersten Kälterückschlag des Frühjahres – und der kommt in Berlin so sicher wie das Amen in der Kirche – einen unbändigen Heißhunger auf Pinot zu entwickeln. Und dann war da noch die zum X-ten Male aufgetauchte Diskussion um die Preise deutscher Premiumweine, die auf Mario Scheuermanns hier zu findenden Versuch einer Grand-Cru-Klassifikation hiesiger Spitzengewächse auf Preisbasis folgte. Beim Griff zu einem Spätburgunder GG aus dem Hause Knipser war also viel Unterbewusstsein im Spiel.

Die Knipsers gehören zu den bezahlbaren Produzenten der ersten Liga deutschen Pinots. Sie können sich vor positiver Presse kaum retten. Ihr Kirschgarten GG hat auch international schon häufig für Furore gesorgt, weswegen es wohl in einer Liste deutscher Grand Crus, die nicht lediglich Verkaufspreise zugrunde legte, einen gesicherten Platz hätte. In meinem Freundeskreis stoßen ihre Weine aber nicht nur auf Begeisterung und bei einigen Blindproben der jüngeren Vergangenheit landete das eine oder andere Knipser GG lediglich im Mittelfeld, Tenor jeweils: das ist ein bisschen viel des Guten. Und das ging mir auch beim Mergelweg GG aus 2005 durch den Kopf, als ich einen ersten Schluck aus der frisch geöffneten Flasche nahm. ‚Hui, das ist sehr viel Kraft, sehr viel Holz, sehr viel Alkohol!‘

Studieren geht über probieren

Nun trinke ich zuhause meine Weine und probiere nicht nur und sie reichen meistens mehr als einen Abend. Der Mergelweg machte schon nach zwei Stunden deutlich mehr Spaß und am zweiten Abend ergab es sich dann, dass ich den Wein – der die Zwischenzeit im Kühlschrank verbracht hatte – deutlich zu kalt einschenkte. Beim langsamen Erwärmen zeigte sich, dass das GG bei immer noch leicht kühlen 14 oder 15 Grad seinen alkoholischen Schrecken verlor. Das Holz – sonst bei leicht gekühltem Rotwein eher unangenehm – hatte sich zwischenzeitlich veratmet. Was übrig blieb war ein absolut wunderbares Erlebnis. Dass der Wein nach acht Jahren über 24 Stunden in der Flasche noch zulegt, empfinde ich dabei als Qualitätsmerkmal.

Also ist eigentlich wieder alles beim Alten: Spätburgunder ist eine Zicke, wer ihn mit einem Zeitplan im Kopf aufmacht, wird meist enttäuscht, wer ihn öffnet und bereit ist stundenlang auf den optimalen Trinkzeitpunkt zu warten, mit Luft und Temperatur zu experimentieren und auch dann nicht weint, wenn all das nicht hilft, der hat ihn sich redlich verdient: den wundervollen Pinot-Moment.

Knipser Mergelweg GGKnipser, Mergelweg GG, Spätburgunder, 2005, Pfalz. In der Nase unmittelbar nach dem Öffnen viel Holz, rote Früchte, Blut, Leder und Schuhcreme. Das ist eigentlich der Mix, der mich in Verzückung versetzt und an der Nase gibt es auch zu keiner Zeit etwas auszusetzen. Mit der Zeit tritt das Holz etwas in den Hintergrund und wäre nicht ein bisschen Alkohol im Spiel, wäre es eine Weltklasse-Nase. Am Gaumen erst sehr voll, später deutlich eleganter, süße Frucht, Kirsche und dunkle Beeren, spürbare Säure, die den Wein herrlich strukturiert, zunächst etwas brandig und zu konzentriert, mit Luft klassischer und leicht gekühlt dann großartig. Sehr seidiges Tannin, deutliche Röstaromen, sehr saftiger, langer Abgang.

 

Weinentdeckungsgesellschaft: Liebesheirat

Der neue Entdeckerwein ist da. Carsten Henn veröffentlicht einmal im Jahr einen Wein, der neue Erkenntnisse bringen soll. Diese Nochniedagewesenen sind immer ein besonderes Vergnügen. Wer mehr zum Projekt wissen will, der findet hier eine Erklärung, in der Weinliste finden sich unter W (wie Weinentdeckungsgesellschaft) alle bisherigen Entdeckerweine.

Dieses Jahr geht es um den Müller-Thurgau und den Versuch, den besten je produzierten auf die Flasche zu bringen. Wenn man Erbsen zählt, kann man bemängeln, dass es diese Idee schon gab. Der Weinkritiker Stuart Pigott hat bereits einen Müller-Thurgau (auch Rivaner genannt) mit der Sorgfalt eines Großen Gewächses ausgebaut. Den gab es nicht zu kaufen und ich habe ihn nie getrunken. Die ihn getrunken haben und mir davon berichten mochten, haben alle die Worte ‚Monster‘ und ‚Frankenstein‘ in den Mund genommen, wenn sie von Pigotts Rivaner sprachen. Das Experiment ist wohl nicht so erfolgreich gewesen.

Jetzt also die Entdeckungsgesellschaft in Kollaboration mit dem Weingut Huber: Viel Mühe haben sie sich gegeben aber den Rivaner Rivaner sein lassen – also keine extrem späte Ernte und Überreife. 40 Jahre alte Reben, im Ertrag reduziert und durch Traubenteilung noch ein paar Grad Öchsle mehr raus gekitzelt aber nicht in Rieslingdimensionen gepeitscht. Im September gelesen und in drei Partien ausgebaut. Ein neues Barrique war mit im Spiel, dazu ein gebrauchtes und ein Stahltank. Im Holz wurde der Müller-Thurgau wie ein dicker Chardonnay behandelt, mit Hefe aufrühren und allem, was dazu gehört. Im Stahltank durfte der Rivaner er selber sein, mit Säure und Kohlensäure. Huber und Henn haben auf Zucker verzichtet, sowohl beim Most wie auch beim Wein: nicht angereichert und durchgegoren auf vier Gramm Restzucker. Dann wurde vermählt und ein bisschen gedopt, mit einem Schuss Chardonnay und Muskateller.

Der Wein besitzt die Textur eines großen Weines aber nicht seine aromatische Tiefe. Landauf landab wird in den nächsten Wochen der Ruf erschallen: ‚Das ist Müller-Thurgau? So viel kann man aus dieser Rebsorte rausholen?‘ Doch ich vermute, keiner wird sagen: was für ein Schnäppchen. Oder anders gesagt: für einen Müller-Thurgau ist das ein Hammer, für einen 24-Euro-Wein nicht unbedingt. Dazu fehlt die Vielschichtigkeit. Da stößt das Experiment an seine Grenzen. Die Bäume wachsen nicht in den Himmel für den Müller-Thurgau. Wie weit sie wachsen können, das wollte ich schon immer wissen und jetzt durfte ich es entdecken. Dafür ist die Weinentdeckungsgesellschaft da. Mission accomplished.

Weinentdeckungsgesellschaft_LiebesheiratWeingut Huber & Deutsche Wein-Entdeckungs-Gesellschaft, ‚Liebesheirat’, Müller-Thurgau, 2012, Baden. Farbe ist für mich kein Qualitätskriterium, trotzdem finde ich die Farbe des Weines erwähnenswert, er ist fast farblos. Die Nase ist sehr angenehm: die duftige Blumigkeit des Müller-Thurgau ist da, die Muskatnote eher nicht, da ist das Holz vor, das aber auch nur dezent durchscheint., Frucht ist da aber nicht leicht zu benennen, Apfel, Birne, sucht Euch was aus, Kräuter tauchen auch noch auf. Am Gaumen unmittelbar nach dem Öffnen ein echter Rivaner, Leichtwein, süffig, schlotzig. Mit zwei Stunden Luft wird es sehr viel spannender, da kommt eine starke, süße Frucht durch, dazu Nuss, etwas Holz, Nougat. Schöne Textur und Mineralik/Phenolik, plus Gärkohlensäure, plus Frische, plus etwas Gerbstoff – das ergibt enorm viel Volumen im Mund, das weder von Alkohol, noch von Zucker stammt. Das ist hochspannend und gleichzeitig einfach zu trinken. Was auffällt ist der extrem lange Abgang.

Und weil in den letzten Jahren in den Kommentaren zu den WEG-Artikeln immer Fragen kamen, hier die Gebrauchsanweisung: Wer jetzt einen aufmachen will, sollte ihm zwei Stunden Luft gönnen, einfach ein kleines Glas nach dem Öffnen einschenken und probieren, den Rest für zwei Stunden zurück in den Kühlschrank. Ich habe die angebrochene Flasche mit auf Reisen genommen. Dabei wurde die gesamte Kohlensäure aus dem Wein geschüttelt. Das hat ihm gar nicht gut getan. Also verzichten Sie auf die Karaffe. Der Wein benötigt keine weitere Flaschenreife, sondern präsentiert sich jetzt so, wie er vermutlich gedacht ist. Wer nur eine Flasche hat, sollte sie nicht ewig liegen lassen.