Death by Latte Macchiato

Wann darf man sich öffentlich wertend über Wein äußern? Das ist eine viel diskutierte Frage. Die einfache Antwort lautet: am besten nie. Zumindest nicht, wenn man kontroverse/polarisierende/superlativische Äußerungen von sich gibt und vergisst zu erwähnen, dass das natürlich nur die eigene Meinung … in aller Demut … mit gegebener Irrtumswahrscheinlichkeit … auf Basis des persönlichen Erfahrungs- und Kenntnisstandes – na, Sie wissen schon. ‚Selbsternannte Experten‘ oder ‚Schreiberling‘, googeln Sie das mal mit dem Zusatz ‚Wein‘. 200.000 Treffer. Dabei sollte klar sein: so, wie jeder das trinken soll, was ihm schmeckt, sollte auch jeder das über Wein schreiben, was er denkt, findet oder glaubt. Und viel wichtiger: wenn einer in Geschmacksfragen schreibt, dann ist das Beschriebene meist sein Geschmack oder ‚nur seine Meinung‘, selbst wenn er es nicht jedes Mal dazu schreibt. Death by Latte Macchiato weiterlesen

Weinrallye 61: Syrah – oder: Mein erster Io

Syrah ist das Thema der heutigen Weinrallye und ich will nicht verhehlen, dass meine Teilnahme dem Zufall geschuldet ist. Der Wein war eh gerade dran. Das trifft sich gut.

Rallye61Der Umgang der Deutschen mit ihren Weinen treibt die Netzgemeinde um, seit Captain Cork ihn in einem Artikel thematisiert hat. Pauschale Aussagen über Völker finde ich problematisch, dazu habe ich zu viele Spanier getroffen, die gar nicht stolz waren, zu viele Engländer ohne Sommersprossen und zu viele Amerikaner mit Normalgewicht. Doch so ein paar herkunftsbedingte Macken sind nicht zu leugnen.

Stelle einem Deutschen ein Glas mit den Worten hin: ,Probier mal, das ist der beste Wein der Welt‘ – er wird den Rest des Abends damit verbringen, europäische Weine aufzulisten, die diesen Titel viel eher verdienen (und deutsche dabei peinlichst vermeiden, aber das ist heute nicht das Thema). Ein Franzose antwortete vermutlich (ohne vorher zu probieren): ,Danke, dass Du mir einen Wein aus meiner Heimat servierst‘ . Nur der Amerikaner (der normalgewichtige) würde antworten: ,Es ist eine Ehre, dass Du für mich den besten Wein der Welt aufmachst‘ – Respekt ist eine der Grundtugenden des kultivierten Teils der US-Bevölkerung. Die andere ist eine mit ,anything goes‘ ebenso vage wie zutreffend beschriebene Haltung. Also dächte mein amerikanischer Freund bei sich: ,Das kann ich auch‘. Tränken wir ein Fläschchen, würde er mir dieses auch mit gebührendem Respekt ins Gesicht sagen. Tränken wir drei, überredete er mich gar, das Projekt gemeinsam mit ihm anzugehen.

So oder ähnlich trug es sich wohl vor vielen Jahren zu, als Robert Mondavi, Ikone des US-Weinbaus, ein paar Pülleken Chateau Mouton Rothschild pichelte – nur dass nicht ich ihm diese servierte, sondern Baron Philippe de Rothschild himself. Das Ergebnis ist legendär. Die beiden taten sich zusammen und kreierten Opus One. Der Kalifornische Bordeaux-Blend gehört heute zu den großen Rotweinen der Welt.

Amerikaner glauben, dass man alles immer noch besser machen oder zumindest große Erfolge wiederholen kann. Also ergab es sich ein paar Jahre später, dass Mondavi das Rhone-Tal bereiste und die besten Syrah-Weine der Welt trank. Leider hatte er scheinbar niemanden, mit dem er drei Pülleken trinken konnte, denn als er zurück nach Kalifornien kam, gründete er zwar ein Weingut namens ,Io‘, welches künftig im Santa Barbara County einen Weltklasse-Syrah hervorbringen sollte, doch er tat dies alleine – und vielleicht deswegen mit nur mäßigem Erfolg. Der ,Io‘ landete alsbald in den Restekisten europäischer Weinhändler und wechselte für 30 Euro statt der erhofften höheren Beträge den Besitzer. Eine dieser Restflaschen hielt vor etlichen Jahren auch Einzug in meinen Keller.

Neulich hatte ich Besuch von einem Weinfreund mit Rotweinvorliebe und da bot sich die Gelegenheit, den ,Io‘ seiner Bestimmung zuzuführen. Ich servierte ihn blind und mein Gegenüber tippte zunächst auf einen gereiften Italiener. Mit dreißig Minuten Luft stellte sich dann echtes Südfrankreich-Feeling ein und wir waren überrascht. Ob der Vorgeschichte hatten wir höchstens Mittelmaß erwartet. Das Erlebnis war aber aller Ehren wert und für die tatsächlich bezahlten 30 Euro sogar ausgezeichnet.

Mondavi_IO_1999Io (Robert Mondavi), Io Red Wine, 1999, Santa Barbara County, Kalifornien. Der Wein besteht zu 80% aus Syrah, 11% aus Grenache und 9% aus Mourvedre. In der Nase unmittelbar nach dem Öffnen kalifornische Fruchtbombe, dann gereifter Italiener und schließlich Rhonetal-Kuhstall mit Kirsche, Pflaume, Eukalyptus und Zedernholz. Am Gaumen hübsch fruchtig mit Kirsche und Brombeere, dazu Lakritz und Holz. Das Tannin ist sehr fein, der Wein sehr voll und der Alkohol (14,5%) macht ordentlich Dampf ohne zu übertreiben. Der Abgang ist ausserordentlich lang und yummie (um die kalifornische Variante von lecker ins Spiel zu bringen). Schnäppchen!

Der Gipfel der Anmaßung

Seit ich ein Weinblog schreibe, bin ich immer wieder mit der Frage konfrontiert, was wohl zum Schreiben eines Weinblogs befähigt. Eigentlich ist es ziemlich anmaßend, sich öffentlich zu Wein äußern zu wollen, bloß weil man gern und regelmäßig welchen trinkt. Diesem Prinzip folgend, könnte man auch beim ZDF anrufen und einen Platz im literarischen Quartett einfordern, bloß weil man gerne liest.

Da das mit dem Weinbloggen mittlerweile niemanden mehr aufregt, dachte ich mir im Dezember, ich könnte Spannung in mein Leben bringen und genau das tun: unter die Literaturkritiker gehen mit keinerlei Qualifikation als meiner Fähigkeit zu lesen. Um die Hybris ein wenig weiter zu treiben, tat ich etwas, was ich bei Wein noch niemals getan habe: ich bestellte mir ein kostenloses Rezensionsexemplar mit dem Hinweis auf eine Besprechung in diesem Blog (meine Reichweite habe ich verschwiegen, hätte nur die Chancen tatsächlicher Bemusterung ruiniert). Dass ich die Bestellung überhaupt aufgeben konnte, lag daran, dass das fragliche Buch entfernt mit Wein zu tun hat. Es handelt sich um Carsten Sebastian Henns neuen Roman ,Gran Reserva‘ – einen Weinkrimi. Er spielt, wie Experten schon erraten haben, in der Rioja, Heimat des Gran Reserva.

Ich hatte mir das alles ganz einfach vorgestellt. Ich hole mir einen Gran Reserva aus dem Keller, lese den Krimi, mache mir ein paar Notizen und schreibe dann eine beschwingte Kritik. Aber es kam natürlich anders. Mein Kellerbuch verzeichnet im Kapitel Spanien ganze vier Weine und keiner ist ein Gran Reserva. Es war auch nur einer aus der Rioja da und an einem Abend würde ich den Wälzer niemals durchlesen. Also galt es, die Lektüre mit einer Annäherung an einen Gran Reserva zu beginnen. Ich wählte einen ziemlich alten Cabernet aus Kalifornien – ist ja fast das gleiche. Ähnlich kompetent mutete an, was ich mir als Notizen zum Krimi machte. Aber aus der Nummer komm ich nicht mehr raus. Also teile ich meinen Bericht in zwei Hälften. Dieser erste Teil schildert die Entstehung und Begleitumstände meiner Literaturkritik. Er ist nur für Eingeweihte, Stammleser, quasi eine vorweg genommene Entschuldigung, also bitte nicht bei facebook teilen oder gar twittern. Zum zweiten Teil, den ich hochseriös verfassen werde, sobald ich meine nervösen Zuckungen in den Griff kriege, werde ich den Link dann auch an den Verlag schicken, in der Hoffnung, dass die Printheinis keine Ahnung haben, wie man durch ein Blog navigiert oder schlicht zu beschäftigt sind, mehr als die Headline zu lesen. Soviel sei aber schon an dieser Stelle verraten: Ich habe Henns Weinkrimi sehr genossen, genau wie den kalifornischen Gran Reserva.

Hätte man auch mal abstauben können, bevor man ihn fotografiertRobert Mondavi, Oakville, Cabernet Sauvignon 1999, Napa Valley, Kalifornien. In der Nase   dominieren schwarze Johannisbeere und Holz, es riecht aber auch ein wenig nach einem Spaziergang im Viehstall. Am Gaumen ist der Wein sehr von süßer Frucht dominiert: Johannisbeere oder Cassis, wie man in der Weinwelt lieber sagt (warum eigentlich?). Dazu ein Eindruck von Bleistiftspäne und sehr feines Tannin, das nur ein bisschen schmirgelt. Der Wein ist zwar enorm fruchtig aber nicht übertrieben dick oder gar marmeladig, eher mit kühler Aromatik und feiner Note von Menthol. 14% Alkohol sind nicht einmal zu erahnen. Ich finde den Oakville sehr elegant und das Tannin verleiht ihm eine sehr noble Struktur. Der Abgang ist sehr lang und leicht adstringierend. So mag sogar ich Cabernet – ein ausgesprochen guter Wein.