Ausflug an die Mosel (4): Weins-Prüm

Weins-Prüm Riesling von der Mosel

Manche Erlebnisse verbinden sich in meinem Gedächtnis mit einem einzelnen Wort. So erging es mir auch bei meinem Besuch des Mosel-Weinguts Weins-Prüm. ‚Aufgeräumt‘ kam mir in den Sinn und hat sich dort seitdem festgesetzt. Nicht weil die Winzerstube besonders sauber gewesen wäre – das war sie auch, aber diese Bedeutung des Wortes ist nicht gemeint. Selten bin ich einem Winzer begegnet, der so aufgeräumt wirkte, in sich ruhend, freundlich, mit sich und seiner Umwelt im Reinen. Aber der Reihe nach.

Kurz vor meinem Moseltrip trank ich eine Flasche Wein mit meinem Freund Charlie, der, wie mehrfach erwähnt, in meinem Leben für die Altweinerlebnisse zuständig ist. Es handelte sich um einen fruchtsüßen Kabinett aus der Lage Wehlener Sonnenuhr aus dem Jahrgang 2001 vom Weingut Weins-Prüm (oder Dr. F. Weins-Prüm, wie der exakte Name lautet). Es war ein Altwein aus der Kategorie ‚war vermutlich nie besser als heute‘, einer, den auch Menschen verstehen und mögen, die Riesling lieber frisch trinken. Ich merkte an, dass Weins-Prüm zu den Gütern gehört, die ich lediglich dem Namen nach kenne. Das solle ich ändern meinte Charlie und bot an, mir ein Entree bei Bert Selbach zu machen, dem Inhaber des Weinguts.

Also besuchte ich Weins-Prüm auf meiner Moselreise. Das Gut ist in einer klassischen Moselschiefer-Kastenvilla untergebracht – das Haus links neben dem berühmten Vetter J.J. Prüm und wie dieses auch aus der Erbteilung der Prüm’schen Besitztümer 1911 hervorgegangen. Herr Selbach ist ein direkter Nachfahre und der letzte seiner Art. Mangels Nachkommen hofft er auf einen Sinneswandel bei Nichte oder Neffe, allerdings scheint ihm das keine Sorgenfalten auf die Stirn zu treiben. Er begrüßte uns mit der Bemerkung, er sei eben gerade im Keller gewesen und habe mal gezählt, er habe noch genau 640 Flaschen Wein zu verkaufen – Ende August! Aber auch das schien ihn nicht zu zermürben. Ja, die Ernte sei sehr klein gewesen. Man habe daraufhin die Preisliste ausschließlich an Kunden verschickt, die in den letzten zwei Jahren etwas gekauft hätten (Marketing auf moselanisch) und dieses Jahr würde er eine kleine Portion des Gutsrieslings vielleicht schon im Dezember füllen, für die amerikanischen Kunden. Er wirkte dabei – wie erwähnt – völlig aufgeräumt.

Weins-Prüm: Riesling aus Top-Lagen

Weins-Prüm ist Mitglied im VDP und die Weine tragen den Adler auf der Kapsel. Auf die Verwendung der anderen Insignien wie VDP.Große Lage verzichtet das Weingut. Selbach berühren die heißen Themen Lagenverbrauch und GG nicht, er macht eh nur süße Weine mit Ausnahme eines trockenen Gutsrieslings. Den probierten wir als erstes und er gefiel mir ausnehmend gut, dabei war ich doch wegen der süßen Weine gekommen. Während wir probierten, erzählte Selbach von seinem Weingut. Die 4,5 Hektar Weinbergsfläche liegen in Top-Lagen, darunter dem Kernstück des Erdener Prälat und dem Ürziger Würzgarten. Selbach arbeitet weitgehend allein, im Frühjahr kommen Helfer für das Binden, im Sommer für die Laubarbeit und dann ein Team von Lesehelfern. Den Rest macht er selbst und wenn die Ernte wie 2013 kleiner ausfällt, dann gibt es halt weniger Wein, Zukauf gehört nicht zum Plan.

All diese Informationen vermittelt Selbach binnen kürzester Zeit. Er redet in normalem Tempo und noch nicht einmal besonders viel; trotzdem hatte ich nach einer Stunde den Eindruck, ich wüsste alles Wissenswerte über das Weingut und die Weine. Dabei zeigte der Winzer eine manchmal unheimlich anmutende Fähigkeit Gedanken zu lesen: mehrfach kamen mir Fragen in den Sinn, die er mit dem nächsten Satz beantwortete, noch bevor ich sie stellen konnte. Und es schien sehr glaubhaft, was Selbach erzählt, denn wer will, findet Ansatzpunkte zur Kritik. Er habe 2013 Botrytizide gespritzt und er sei heilfroh drum, denn erstens hätte er sonst noch weniger Wein und zweitens habe er damit seine Trauben bis in die allerletzte Sonnenscheinperiode gerettet, was zumindest qualitativ zu einem Happy End führte. Wr rochen in unser Glas und konnten nur zustimmen. Und ja, er habe entsäuert, auf jede Kelter ein Kilo Kalk, damit es keines separaten Filtrationsvorgangs bedürfe. Meine jüngeren Winzerfreunde schlagen bei so einer Aussage die Hände vors Gesicht: ‚Damit extrahierst Du Bitterstoffe, das wird seit zwanzig Jahren gelehrt, dass man das nicht macht‘. Wie gut, dass das niemand den Trauben von Herrn Selbach erzählt hat, denn vermehrte Bitterstoffe finden wir in keinem der Weine – grau ist alle Theorie. Auch das Thema Vergärung streifen wir: Er lese jedes Jahr zu Beginn eine Fuhre ausgesucht gesunden Traubenmaterials und bringe dies spontan zur Gärung. Aus diesem Fuder beimpfe er dann jede neue Partie. Wie man das nun nennen soll, überließ er uns – er ist da ganz aufgeräumt.

Nach einer guten Stunde sind wir wieder raus und Herr Selbach hat deutlich weniger als 640 Flaschen zum Verkauf übrig. Aber auch das nimmt er mit fröhlichem Gleichmut. Dass er auf seinen Weinen sitzen bleibt, muss er eh nicht befürchten – angesichts einer Preisgestaltung, die bei 6,80 Euro für den Gutswein beginnt und bei 14,50 Euro für die Auslese aus dem Prälaten endet. Die süßen Kabinette werde ich für viele Jahre weglegen, dass sich das lohnt, weiss ich von Charlie und 2013 schmeckt nach enormen Reifepotential. Ich werde ein Eckchen im Keller finden – müsste halt mal wieder aufräumen.

Weins-Prüm-GutsrieslingWeins-Prüm, Gutsriesling trocken, 2013, Mosel. In der Nase fruchtig mit Grapefruit und süßlich-mürbem Apfel – etwas süßer und malziger als der Wein sich am Gaumen präsentiert. Denn da findet sich vor allem Zitrus (Grapefruit), etwas Aprikose und viel grüner Apfel. Der Wein ist ziemlich trocken, sehr mineralisch/phenolisch mit kräftiger Säure, die aber nicht zu heftig daherkommt. Der Wein ist gefällig, verleugnet aber den Jahrgang nicht. Er ist nicht sehr kräftig, ein klassischer Mosel-Gutsriesling, mit viel Saft und gut integrierten 12% Alkohol – das ergibt wunderbaren Trinkfluss. Der Abgang ist mittellang. Das war mein Lieblingsschoppen in der zweiten Sommerhälfte.

Ausflug an die Mosel (3): Später-Veit

Später-Veit Kollektion

Aus dem Handbuch der Winzerbeleidigungen, Kapitel Mosel, Abschnitt ‚vergiftetes Lob‘: ‚Ich wollte Ihr Weingut schon immer einmal besuchen, denn ich hab schon ganz oft gehört, dass Sie so tollen Spätburgunder machen’. Manchmal bringt mich mein Hang zur Wahrheit in Bedrängnis. Ich war im Weingut Später-Veit und hatte es gerade ausgesprochen, da fiel mir ein, dass das im Herzen der Riesling-Region Nummer 1 vielleicht ein etwas tollpatschiger Start in die Verkostung gewesen sein könnte. Glücklicherweise ist der Junior des Hauses ein tiefenentspannter Mensch. Ein unterdrücktes Zucken, ein etwas gequältes Lächeln und eine Bemerkung, die Rieslinge seien aber schon das Kerngeschäft und die müsste ich auch unbedingt probieren, dann ging es los.

Später-Veit stand schon lange auf meiner Liste der unbedingt zu besuchenden Moselweingüter und es war tatsächlich die vielfach kolportierte Qualität der Spätburgunder dafür verantwortlich. Doch schon der erste Riesling zeigte mir deutlich, dass diese Sicht zu einseitig wäre. Vater und Sohn Welter haben ein Händchen für beides. Als Geheimtipp kann man das Weingut nicht mehr bezeichnen, dazu fällt der Name zu oft in den letzten Jahren; was vermutlich aber weniger bekannt ist, die Weine von Später-Veit sind so preisgünstig, dass mir nur das verpönte Wort ‚spottbillig‘ einfällt.

Später-Veit: Riesling in Reinkultur und Spätburgunder mit ruppigen Rappen

Die Einstiegsdroge bei Später-Veit ist der Riesling ‚vom Schiefer‘, den gibt es in trocken und feinherb und er kostet 5 Euro. Ich hatte das Glück, noch 2012er probieren und kaufen zu können. Nichts gegen 2013, an der Mittelmosel durfte ich viele ordentliche Weine aus dem Jahrgang probieren, aber 2012 besitzt hier vielfach eine Strahlkraft, wie länger schon kein Jahrgang mehr – das zeigt sich vor allem jetzt mit einem Jahr Flaschenreife. Aus der Parzelle ‚Armes‘ keltern die Welters (Frau Welter ist eine geborene Später, das Gut ist in ununterbrochenem Familienbesitz) einen klassischen fruchtsüßen Mosel-Kabinett, die feinherben und trockenen Spätlesen stellen echte Preis-Leistungsgiganten dar. Unabhängig vom Jahrgang waren die Später-Veit Rieslinge mit einer Ausnahme von großer Klarheit und Brillanz – und diese Ausnahme war gewollt.

Denn da ist noch der Wein mit dem langen Namen. Piesporter Goldtröpfchen Riesling Spätlese trocken Reserve. Aktuell im Umlauf ist der 2011er, denn die Spätlese liegt ein Extra-Jahr im Fass. Dabei liegt der Wein nicht nur auf der Vollhefe, er wird auch nicht geschwefelt. Als logische Konsequenz gärt er immer weiter. Der 2011er hat um ein Gramm Restzucker, viel Körper und ein sehr stoffiges Mundgefühl. Die Brillanz der Später-Veit Rieslinge ersetzt hier eine cremige Fülle und so süße Frucht, dass man die analytischen Werte gar nicht glauben mag. Ein ‚gemachter‘ Riesling, bei dem althergebrachte Methoden der Weinbereitung zu einer sehr eigenständigen Interpretation der Rebsorte führen. Ich finde es großartig, wenn Winzer ein Geschmacksbild im Kopf haben, im Keller mit klassischen Verfahren darauf hinarbeiten und hinterher auch darüber reden mögen, welchen Anteil der Winzer am Wein hat.

Bei den Spätburgundern sieht es ganz ähnlich aus. Welters mögen kantige Pinots mit kräftigem Tannin: Weine, die lange liegen müssen. Also geben sie selektierte Rappen zur Maische, sind beim Holzeinsatz aber zurückhaltend. Hübsches Zitat von Welter Junior: ‚Wir nehmen die Gerbstoffe lieber aus dem Berg als aus dem Fass‘. Und Zeit lassen sie sich mit den Burgundern. Aktuell ist noch der 2008er im Verkauf. Die besten Trauben wandern in den Spätburgunder No. I und in besonders guten Jahren dessen bestes Fass in die Private Reserve, auf dem Etikett gekennzeichnet durch ein einfaches P. Den 2009er P konnte ich kosten (und kaufen): Ein Spätburgunder für die Erste Liga – und mit 33 Euro der einzige Wein, der ansatzweise das kostet, was man ob der großartigen Qualität bei Später-Veit erwarten würde.

Später-Veit, Riesling trocken ‚vom Schiefer‘, 2012, Mosel. In der Nase klar und straff, grüner Apfel, etwas Aprikose und Zitrus, kleiner würziger Unterton und auch etwas riechbare Säure. Am Gaumen mittlerer Körper, saftig, kräftige Säure und ein leichter Bitterton, gepuffert von etwas Süße; moderate Frucht und gutes Spiel. Nicht besonders tief, aber im Kontext eines Gutsrieslings sehr angenehm. Die spürbare Mineralik/Phenolik überwiegt, der Alkohol von 12% ist kaum wahrnehmbar. Der Wein ist einfach eine runde Sache, zeigt Moseltypizität, einen mittellangen Abgang und erinnert daran, dass 2012 vermutlich wirklich der beste Jahrgang in den letzen 5 Jahren war.

Später-Veit RieslingSpäter-Veit, Piesporter Goldtröpfchen Spätlese tr. Reserve, 2011, Mosel. In der Nase viel reife Aprikose, Aloe Vera und etwas Hefe. Bis auf diese leicht cremige Note ist das eine ganz klassische Riesling-Nase ohne Firlefanz. Am Gaumen körperreich, sehr viel süße Frucht, mürber Apfel und Aprikose, die Säure ist präsent aber reif, gibt Struktur und lässt keinen Zweifel aufkommen, dass es sich um Riesling handelt, ist aber nicht beißend, eigentlich noch nicht einmal kräftig zu nennen; die völlige Abwesenheit von Zucker passt jedoch perfekt zu dieser Säure, so dass die süße (zuckerfreie) Frucht mit der reifen Säure ein perfektes Spiel produziert. Meine (sehr viel) bessere Hälfte, die Moselrieslinge nur in feinherb oder süßer trinkt, ist begeistert. Mineralik/Phenolik ist zwar spürbar, die häufig in solchen Rieslingen zu findende beißende Schiefermineralik verschwindet aber unter dem Hefelager wie unter einer dicken Daunendecke – aber das ist nicht schlechter, sonder nur anders als beim klassischen Moselriesling, denn Tiefe, Würze und Intensität sind die drei Komponenten dieser Daunendecke. Sehr langer Abgang, sehr großes Vergnügen bei unauffälligen 12,5% Alkohol.

Ausflug an die Mosel (2): Steffen-Prüm

Steffen-Pruem

In Vorbereitung meines Moselausflugs hatte ich mir wie beschrieben eine Liste von Gütern zusammengestellt, die ich erstmalig besuchen wollte. Zu diesem Zweck hatte ich auch im Freundeskreis nach jüngsten Entdeckungen gefragt. Aus diesem kam der Tipp für meine zweite Station. Enge Freunde von mir haben vor einigen Jahren ihre Sachen gepackt und sind mit Kind und Kegel nach Zeltingen gezogen – von Hamburg aus, was mir bewies, dass es Menschen gibt, die noch viel weinverrückter sind als ich. Diese schlugen das Weingut Steffen-Prüm in Maring-Noviand vor, nahmen Kontakt zum Junior Benedikt Steffen auf und arrangierten den Besuch.

So richtig wohl war mir nicht in meiner Haut, als wir uns dann im Weingut Steffen-Prüm zur Probe einfanden. Das hatte aber weder mit den Weinen, noch mit dem sympathischen Gastgeber zu tun. Es war die Uhrzeit. An einem Sonntag um 18.00 Uhr einen frisch gebackenen Vater von der Familie fernzuhalten – man könnte denken, Weinbloggern ist nichts peinlich. Doch der Winzer hatte den Termin selbst vorgeschlagen. Unter der Woche arbeitet er drei Tage in der Logistik im Weingut Egon Müller und da muss für das eigene Weingut eben das Wochenende herhalten. Trotzdem beeilten wir uns ein wenig, probierten nur, was wir auch potentiell auf den Einkaufszettel heben wollten und ließen die edelsüßen Rieslinge aus.

Dreieinhalb Hektar bewirtschaftet Familie Steffen überwiegend in Maringer Lagen. Parzellen im Lieser Niederberg Helden und dem Erdener Treppchen werten das Portfolio auf. Doch auch aus Maringer Honigberg, Rosenlay und Sonnenuhr lassen sich sehr gute Rieslinge keltern, wie ich lernen sollte. Das Regiment im Weingut führt Vater Gerd Steffen, Sohn Benedikt hat bei vielem – aber wohl längst noch nicht allem – die Finger im Spiel. Es kann Einbildung sein, doch ich gewann den Eindruck, dass es eine gewisse stilistische Divergenz im Portfolio gibt. Das und die Tatsache, dass unser Gastgeber kaum verhehlen konnte, dass er einige Ideen hat, die er aus ungenannten Gründen nicht umsetzt, ließen in mir die Vermutung aufkeimen, dass es Weingüter gibt, in denen der Generationenwechsel reibungsloser verläuft. Egal, werfen wir fünf Euro ins Phrasenschwein und halten fest: letzten Endes zählt die Qualität im Glas und die war teils erstaunlich.

Den Anfang machte ein tadelloser Gutsriesling. Das klingt harmloser als es ist, denn beim BerlinGutsrieslingCup Anfang des Jahres durfte ich lernen, dass 2013 ein Jahrgang ist, in dem das Erzeugen überhaupt trinkbarer Gutsrieslinge eine Aufgabe war, an der etliche renommierte Betriebe gescheitert sind. Vor diesem Hintergrund ist der Gutsriesling große Klasse – und spottbillig ist er sowieso. Die ‚Grauschiefer’ genannte lagenlose, trockene Spätlese legte eine Schippe drauf. Sie war dichter, aromatisch komplexer, in der Säure allerdings auch aggressiver. Trotzdem kratzt sie die Kurve, erweckt den Eindruck, dass sie die nötigen Reserven hat um in drei Jahren einen harmonischen Trinkgenuss zu liefern und dann viele Jahre durchzuhalten, weil die Säure milder als in 2010 ist, das Extrakt spürbarer und Familie Steffen darauf verzichtete, für frühes Pläsier eine Extraportion Zucker stehen zu lassen. Trocken heißt bei Steffen-Prüm geschmacklich wirklich trocken, auch wenn das 2013 ein Risiko darstellt. Die Weine sprechen die Sprache des Jahrgangs, ohne sich dabei im Ton zu vergreifen. Es gibt viel bessere Betriebe an der Mosel, die das dieses Jahr nicht hingekriegt haben. Auch die anderen Süßegrade beherrschen die Steffens: der fruchtsüße Kabinett aus der Rosenlay und die feinherbe Spätlese aus der Sonnenuhr sind unbedingt probierenswert.

Die Versuchung ist groß, sich von der Begeisterung über den Fund eines Newcomers davontragen zu lassen. Social Media heißt häufig auch, je lauter, desto besser und manchmal scheint der Autor wichtiger als der Winzer und das Produkt, über das er schreibt. Ein wenig will ich also auf die Euphoriebremse treten. Was bei Steffen-Prüm eine Spätlese ist, verkaufen die berühmten Nachbarn in Brauneberg als Ortswein (allerdings immer noch zum doppelten Preis). Nicht alle Weine haben mich so begeistert, dass ich sie kaufen musste. Und die Verleihung einer ‚Traube‘ im letzten Gault-Millau zeigt, dass schon andere vor mir gemerkt haben, welch positive Entwicklung der Betrieb zeigt. Aber wer ein Weingut sucht, das heute noch Müller-Thurgau, Dornfelder, Rotling und Regent auf der Weinliste hat, einfache Käuferschichten mit sehr günstigen Weinen bedient und sich gerade auf die Reise hin zu einem gehobenen Rieslingerzeuger macht, der sollte sich beim Weingut Steffen-Prüm auf die Zuschauertribüne setzen und diese spannende Entwicklung begleiten. Da kommt noch was, da glaube ich fest dran.

Steffen-Pruem-GutsrieslingSteffen-Prüm, Gutsriesling, 2013, Mosel. In der Nase eher verhalten, Riesling auf der fruchtigen Seite mit Grapefruit und Aprikose. Am Gaumen mittlerer Druck, für einen Gutsriesling recht voll, saftig, mit knackiger Säure aber auch ein ganz bisschen cremig. Aromatisch ist der Riesling am Gaumen voll im Soll: Aprikose, grüner Apfel, leicht würzig, mit schöner Frucht aber ohne Zuckerschwänzchen, ein paar Gerb- und Bitterstoffe sorgen für die nötige Stoffigkeit, die die Säure im Zaum hält. Die knackige Säure leugnet den Jahrgang nicht, bewegt sich aber im vertretbaren Rahmen, da sie nicht aggressiv ist. Der Wein hat hat etwas, was vielen 2013ern abgeht: jeder Schluck macht Lust auf den nächsten. Der Abgang ist mittellang, der Alkohol unauffällig. Das ist Easy Drinking mit Herkunft für kleines Geld aus einem Jahr, in dem das gar nicht leicht zu produzieren war.

Ausflug an die Mosel (1)

Essigproduktion bei Steffens-Keß

Ich war an der Mosel, Weingüter besuchen. Das mache ich seit neun Jahren regelmäßig. Dieses Jahr stellte ich die Reise unter ein Motto: ‚Neues und Liegengebliebenes‘. Ich wollte Güter besuchen, die ich schon lange auf dem Zettel aber nie geschafft hatte und ich wollte Neues entdecken. Fünf Weingüter hatten sich entlang dieser Kriterien auf meiner Liste eingefunden. Zwei fielen in die Kategorie ‚längst überfällig‘ eines in die Kategorie ‚selten genanntes Traditionsweingut‘ und zwei waren so etwas wie Geheimtipps. Wenn das jetzt so klingt, als hätte ich mit einem Auge auf mein Blog geschielt, als ich die Ziele zusammenstellte – stimmt; nach all den Jahrgangspräsentationen und Homestories dieses Jahr wollte ich mich mal als Trüffelschwein für meine Leser versuchen. Ich bin fündig geworden.

Mein erstes Ziel war das Bio-Weingut Steffens-Keß in Reil. Harald Steffens ist nicht nur Winzer, er ist auch Bloggerkollege. Seine ‚Bildergeschichten aus dem Weingut‘ zieren seit 5 Jahren die Blogroll meines Blogs und seit drei Jahren kennen wir uns auch persönlich, treffen uns regelmäßig auf dem Barcamp der Online-Weinszene, dem VinoCamp in Geisenheim. Seine Weine kannte ich bis dato gar nicht. Das Weingut beliefert zu 80 Prozent Privatkunden, die eher über die Bio-Schiene kommen; dazu finden sich die Weine in einigen Bio-Märkten wie der LPG in Berlin. Auf klassischen Weinmessen ist das Gut nicht vertreten und in der Szene der Weinfreaks tauchen die Rieslinge nicht auf – vielleicht weil sie mit Preisen von 6,70 bis 10,40 Euro einfach zu günstig sind, um bei denen ernstgenommen zu werden.

Über Harald und sein Weingut weiß man vieles, denn die ‚Bildergeschichten‘ bieten einen interessanten Blick hinter die Kulissen eines Bio-Betriebes. Einige Berühmtheit erlangte sein Hochwasservideo 2011, seine Essigproduktion und der ‚Mosto Cotto’, ein Traubenmostkonzentrat für die feine Küche, genießen ebenfalls Anerkennung. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass Harald extrem auf die Gärnebenprodukte von Weinen aus Spontangärung reagiert – mit heftigen Kopfschmerzen. Zu beobachten ist das regelmäßig auf dem VinoCamp, wo naturgemäß viele Freakweine auf den Tisch kommen. Harald drückt sich vor keiner Probe und man kann ihm dabei zusehen, wie ihm der Schädel zu Brummen anfängt. Als ich ihn im Juni fragte, wie er denn als Biowinzer damit zurecht käme, klärte er mich auf: Bioweine sind nicht zwangsweise spontan vergoren. Im Weingut Steffens-Keß wird entsprechend ausschließlich mit Reinzuchthefen gearbeitet. Das verstärkte meine Neugier auf die Weine und für mich war klar, mein nächster Moseltrip führt mich zu Harald.

Das Weingut Steffens-Keß wirtschaftet seit über 30 Jahren ökologisch, ist Gründungsmitglied von EcoVin, für die Harald auch dem Regionalverband Mosel-Saar-Ahr vorsteht. Den Keller verantwortet der Winzer selbst, im Weinberg helfen Saisonkräfte – ein typischer Familienbetrieb eben. Begütert sind Harald Steffens und Marita Keß in der Reiler Goldlay, dem Burger Wendelstück und dem Burger Hahnenschrittchen, alles keine Hänge von Weltruf aber klassische Schiefer-Steillagen. Die Abwesenheit von international bekannten Spitzenbetrieben im Dorf – Melsheimer ist vermutlich der bekannteste Reiler Betrieb – trägt dazu bei, dass Mosel-Weinfreak-Tourer auf dem Weg von Pünderich nach Enkirch Reil gerne rechts liegen lassen. Dabei ist das Weingut ein unbedingt lohnenswertes Ziel – nicht nur wegen der extrem schmucken Hofanlage.

Reinzuchthefen unterschiedlicher Gärstärke

Steffens hat sich auf die Fahne geschrieben mit dem Mythos aufzuräumen, dass Wein dadurch entsteht, dass man Trauben auspresst und den Saft drei Monate in eine Ecke stellt. Wie sein Winzerblogger-Kollege Bernhard Fiedler ist er Verfechter des ‚gläsernen Weins‘, macht aus den einzelnen Behandlungsschritten seiner Weine kein Geheimnis und war auch der erste Winzer, der einfach mal seine Reinzuchthefen auf den Tisch stellt und erklärt, welche wann zum Einsatz kommt und wie sie sich auf das Produkt auswirken – Fotogenehmigung inklusive. Ein Besuch bei Harald ist der garantiert winzerlateinfreie Vormittag, den man sich als Kunde so sehr wünscht – und den man so selten erleben darf.

Der Jahrgang 2013 erbrachte auch an der Mittelmosel Mini-Ernten, daher probierten wir nur wenige 2013er; der Großteil ist ausverkauft. Aus 2011 und 2012 gab es noch Restmengen und so konnte ich mir ein Bild über Teile von drei Jahrgängen machen. Allen Weinen des Weingutes Steffens-Keß ist eine große Klarheit gemein. Mag sich der Bio-Winzer im Weinberg selbst verwirklichen, im Keller stellt er eindeutig den Konsumenten in den Mittelpunkt: die Weine sind unkompliziert im besten Sinne. Frucht, Säure, Frische (auch bei den leicht gereiften 2011ern) sind die wichtigsten Eigenschaften der Rieslinge. Sie wollen getrunken werden, saufen geht auch, analysieren muss hingegen nicht sein. Auch als Weinblogger mit Lust auf Experimente und ausgefallene Weine kann ich diesem Ansatz etwas abgewinnen, denn einfach zu verstehen und banal sind zwei verschiedene Dinge, die nur durch die Ideologie-Brille zu einer Einheit verschwimmen.

Burger Hahnenschrittchen Riesling trocken von Steffens-KeßSteffens-Keß, Burger Hahnenschrittchen, Riesling trocken, 2012, Mosel. In der Nase ein ganz klassischer Riesling mit Apfel, Aprikose und etwas Hefe. Am Gaumen richtig trocken, mit pikanter Säure, wiederum viel Frucht, die aber ohne Zuckerschwänzchen daherkommt. Der Wein zeigt mittleres Volumen, ist saftig, leicht, klar und nicht besonders druckvoll – wie man es von einem Wein dieser Gewichts- und Preisklasse (€6,70) erwartet. 11,5 Volumenprozent sorgen für reueloses Vergnügen. Der Abgang ist verhältnismäßig lang, leicht mineralisch/phenolisch und fruchtig. Wenn ich das Erlebnis mit einem einfachen Wort zusammenfassen sollte, würde ich mich bei diesem Wein nicht für ‚lecker‘ entscheiden, sonder für ‚angenehm‘ – wenn Sie wissen, was ich meine.

Harald gab mir auch ein kleines Interview zum Thema Bio-Wein. Zu hören ist es in meiner Sendung auf kochblogradio.de heute um 18.00 Uhr und Sonntag zur gleichen Zeit in der Wiederholung.

Du da, im Radio …

Kochblogradio.de

Es gibt ein neues Webradio, das sich ganz dem Genuss verschrieben hat. kochblogradio.de heißt der nichtkommerzielle Sender des Nürnbergers Tim Farber. Tim ist Foodblogger, sein Blog heißt L’art de gourmet, und hat lange Jahre beim Privatradio gearbeitet. Da lag es nahe, die Erfahrung und das Hobby zu einem neuen Projekt zusammenzuführen.

Kochblogradio.de‚Genuss PUR‘ lautet das Motto von kochblogradio.de und zum vollendeten Genus gehört Wein, so zumindest meine Meinung (und vermutlich auch Ihre, warum lesen Sie sonst ein Weinblog?) – und da komme ich ins Spiel. ‚Der Schnutentunker‘ wird multimedial, ab sofort produziere ich die Radiosendung zum Blog. Die Generalprobe war diesen Montag. Sie ist vernünftig gelaufen, also traue ich mich an die Öffentlichkeit. Immer Montags um 18.00 Uhr dreht es sich bei kochblogradio.de nunmehr um Wein.

Eines der festen Themen in jeder Sendung wird ein von mir ausgesuchter (und live getrunkener) Wein sein. Den Anfang macht ein ganz einfacher Rosé aus der Kategorie ‚Lecker‘. Der kostet 6 Euro und hat nichts, was den durchschnittlichen Hörer eines Genussradios abschrecken könnte. Wer wissen will, warum er mir gefällt und was es sonst mit dem Wein und meiner Sendung auf sich hat, die Show vom Montag wird wiederholt: am Donnerstag, Samstag und Sonntag dieser Woche jeweils um 14.00 Uhr sowie Sonntag Abend um 18.00 Uhr . Hören Sie doch mal rein.