Unterwegs im Elsass (2)

Der Rangen in Thann

Die Aufgabe von PR ist es, Zusammenhänge, Situationen oder Ereignisse möglichst positiv darzustellen und Themen in den Medien zu platzieren, die ohne PR dort nicht auftauchen würden. Die Aufgabe des Journalismus ist es darauf nicht hereinzufallen. So einfach wäre die Welt, wenn zwischen Schwarz und Weiß nicht noch dieses merkwürdige Grau existierte. Besonders grau wird die Situation, wenn es sich beim Journalismus um solchen zu den Themen Reise, Kochen oder Wein dreht. Denn wo beim politischen Journalismus die Maxime gilt ‚Only bad news are good news‘, der Nutzwert der Berichterstattung also im Aufdecken negativer Tendenzen und dem damit verbundenen Erhalt des Gemeinwohls, der Übernahme der Wächterfunktion und dem Verbraucherschutz liegt, definiert sich Nutzwert bei Genussmagazinen viel profaner: Was sollte man gesehen, gegessen oder getrunken haben und wo kann man dies besonders gut, günstig oder stilvoll tun?

Man stelle sich ein Weinjournal voller Berichte über misslungene Rieslinge, eine Reise-illustrierte mit einer Fotostrecke der skandalösesten Hotelbadezimmer oder einen Hygiene-Report im Feinschmeckermagazin mit dem Titel ‚Die Kakerlakenkatastrophe‘ vor – wer will das lesen, wer würde das kaufen? Nichts gegen gelegentliche Warnungen oder einen wohlgesetzten Verriss, doch gerade beim Wein, der durch und durch Geschmacksache ist, sind Verrisse meiner bescheidenen Erfahrung nach oft durch verletzte Eitelkeit, Neid oder persönliche Ressentiments zwischen Autor und Winzer motiviert, die dem Leser verborgen bleiben. Also schreibe ich im Schnutentunker nur über Weine, die mir gefallen haben und mit denen ich eine Anekdote oder Erkenntnis verbinde, die ich mitteilenswert finde. Dem Investigativen fröne ich nicht. Allerdings vertrete ich auch entschieden die Ansicht, dass man schreiben und veröffentlichen darf, ohne sich Journalist zu nennen oder sein Blog ein Weinmedium.

Nachdem ich und eine Reihe anderer Teilnehmer unsere Reise ins Elsass mit Fotos auf Facebook begleitet hatten, erschien ein für mich befremdlicher Artikel über Blogger bei der VieVinum und Millesimes Alsace beim geschätzten Michael Pleitgen, in dem dieser unter anderem schrieb:

Im Netz hauen überwiegend „Bürger-Reporter“ in die Tasten oder drücken auf den Auslöser. Deren Beiträge sind für kleines Geld zu bekommen: oft reicht eine Einladung – man fühlt sich geehrt, dabei sein zu dürfen. Als Maximal-Investition tut es ein Ticket oder eine Gratis-Übernachtung. Dafür gibt es dann reichlich Coverage – meist in schnelllebigen Kanälen wie Facebook oder Twitter. Inhalte: man freut sich, bekannte Namen und Etiketten wieder zu sehen, gut zu essen und zu trinken, zu feiern oder einfach wichtig zu sein. Alles menschliche, all zu menschliche Eigenschaften, die dort im Hintergrund wirken.

Das machte mich nachdenklich. Schließlich waren nicht besonders viele Blogger bei der Millesimes Alsace, genau genommen nur zwei und einer davon war ich. Ich tendiere bei Kritik dazu, mich erst mal an die eigene Nase zu fassen. Doch als ich weiter las

Trennung von PR / Werbung und Inhalt? So gut wie bei keinem Weinblogger oder Facebook-Autor findet sich ein Hinweis, von wem er unentgeltlich Waren oder Dienstleistungen zur Verfügung gestellt bekommt.

entstand so etwas wie eine Trotzreaktion. Leider mahnt da einer den Verfall der Sitten ab, ohne ein einziges konkretes Beispiel zu nennen, was den Niedergang des Journalismus treffend dokumentiert, freilich auf eine etwas andere Art als vom Autoren beabsichtigt. Gibt es die vom Berliner Weinakademiker behaupteten Verstöße gegen das Gebot der Offenlegung in Weinblogs? Ich bat um ein Beispiel. Ich warte bis heute.

Dass ich im Elsass war und wer das bezahlt hat, schilderte ich bereits im letzten Artikel. Für den zweiten Teil hatte ich ein paar Tipps angekündigt. Solche Auflistungen von kommenden Stars leiten wir Bürger-Reporter meist mit Phrasen wie ‚Es herrscht Aufbruchstimmung‘ oder ‚Das Gebiet erwacht aus dem Dornröschenschlaf‘ ein. Allein, das ist eine Binse. Winzer sind Menschen, Menschen werden alt, gehen in Rente oder sterben. Dann kommt die nächste Generation, übernimmt und macht oftmals Dinge anders. Also ist überall wo Winzer werkeln auch Aufbruch. Im Elsass existieren allerdings viele Nachwuchswinzer, die gar nichts ändern. Das Gebiet könnte innovativer sein. Das ergab ein Rundgang über die Messe, ein investigativer Rundgang sozusagen. Die anschließenden Exkursionen führten zu Innovationstreibern. Das hatte die PR-Agentur eingefädelt. Aber eine Reise zu den Schnarchnasen des Gebietes will keiner machen – und niemand drüber lesen.

Domaine Leon Boesch

Die Winzer vor ihrer selbstgeflochtenen Strohtür

Die erste Station war das Weingut Leon Boesch. Die Domaine wird von Sohn Matthieu Boesch und seiner Frau geführt, die Eltern sind noch unterstützend an Bord. Die Boeschs haben sich ganz der Biodynamik verschrieben, ein neues Kelterhaus mit biodynamischem Grundriss gebaut und für dieses eigenhändig Strohtüren geflochten. Die Weine sind von großer Klarheit, straffe Rieslinge und vor allem ausnahmslos trocken. Der Haken an den Boeschs: Sie haben keinen Vertrieb in Deutschland. Das ändert sich hoffentlich bald, denn mit Preisen zwischen 12 und 20 Euro repräsentieren sie das bezahlbare Elsass. Zwei Pinots haben die Boeschs ebenfalls im Programm, einen kräftigen Spätburgunder ohne Holzeinsatz namens ‚Luss‘, der seine kantige Art der Tatsache verdankt, dass er teils mit Rappen vergoren ist und einen ‚Vogel‘ genannten, unfiltriert und ungeschwefelt abgefüllten Spätburgunder der Extraklasse, der vollkommen aus Frucht zu bestehen scheint.

Der Keller der Boeschs

Großes Holzfass – ganz großes Holzfass!

Boesch liefert damit auch die beiden wichtigsten Stichworte, über die der elsassreisende Bürger-Reporter sprechen muss, wenn er einen guten Job machen will: Die aufstrebenden Ausnahmen gruppieren sich um die beiden weltweit trendigen Themen: Umstellung auf Biodynamik – das Elsass hat mit die höchste Dichte an Biodyn-Betrieben und ständig werden es mehr – und Experimente mit ungeschwefelten Weinen – ob Cremant (beispielsweise ein hervorragender Clos Liebenberg Rosé von Valentin Zusslin) oder Spätburgunder (von Clement Lissner oder der Rittersberg von Jean-Paul Schmitt, der eine tolle Kollektion auf der Messe zeigte).

Das zweite besuchte Weingut war die Domaine Barmès-Buecher, ebenfalls ein biodynamischer Betrieb. Parallelen zum Weingut Franzen drängen sich auf, wurde die nächste Generation doch durch den plötzlichen Tod des Winzers in extrem jungen Jahren in die Verantwortung geholt. Mutter Geneviève führte uns durch die Gewölbe und nahm kein Blatt vor den Mund. Das Elsass sei out, Barmès-Buecher habe das Äquivalent von zwei kompletten Jahrgängen im Lager liegen. Man müsse dringend in die Kommunikation investieren. Recht hat sie, denn an der Weinqualität oder den Preisen kann es nicht liegen. Die vollen Lager zu sehen tat mir in der Seele weh, denn wer Wein und das Winzerdasein so lebt, der hätte Erfolg verdient.

Pinot von Barmès-Buecher

Mutig: Pinot Reserve mit fast 7 Gramm Säure – aber großartiger Struktur.

16 Weine bekamen wir zu kosten, darunter auch der ein oder andere halbtrockene Grauburgunder, mit dem ich, wie in Teil 1 erwähnt, nichts anfangen kann. Der Start war grandios: ein Zero Dosage Cremant der leckersten Art. Dann kam ein Sylvaner von alten Reben traditioneller Machart, den ich blind vermutlich in Franken verortet hätte und der mit 10 Euro in die Kategorie Schnäppchen fiel. Die Lagenrieslinge Clos Sand (18€) Rosenberg (15€), Leimental (17€) und Grand Cru Steingrubler (25€) unterschieden sich aromatisch und strukturell sehr, zeigten nach Aussage unserer Gastgeberin deutlich ihre Herkunft. Das kann ich nicht beurteilen. Beurteilen kann ich, dass sie ausnahmslos Klasse waren und mit Restzuckerwerten zwischen 2 und 5 Gramm richtig trocken. – vier preiswerte Rieslinge der gehobenen Kategorie. Der Grand Cru Hengst (25€) war kurz gesagt eine Granate, den ich sehr gerne mal blind in eine GG Probe schmuggeln würde. Mit 5,2 Gramm Restzucker und 13,5% Alkohol war das ein opulenter Brummer. In vernünftigen Dosen genossen mag ich das sehr.

Da alle obigen nur in homöopathischen Dosen in mein Glas kamen, verzichte ich auf eine ausführliche Verkostungsnotiz eines der Weine. Stattdessen greife ich auf einen zurück über den wir Bürger-Reporter uns doch so freuen: bekannter Name und bekanntes Etikett. Fünf mal hatte ich ihn während der Reise im Glas, mit und ohne (gutes) Essen und zweimal auch mehr als nur einen Probeschluck.

Der Rangen in Thann

Heimat des Clos St. Urban: Der Rangen

Zind-Humbrecht, Riesling ‚Clos St. Urbain’, Grand Cru Rangen de Thann, 2012, Elsass, Frankreich. Intensive, süßliche Nase mit viel überreifer Aprikose, etwas Melone und noch einer Spur Hefe. Am Gaumen voll und wuchtig, sehr lebendige Säure, die angenehm mit der Süße der Frucht, des spürbaren Alkohols (14,1%) und knapp 6 Gramm Restzucker spielt. Noten von Malz machen den Wein am Gaumen etwas mollig, der sehr lange, enorm mineralisch/phenolische Abgang wirkt dann aber so speicheltreibend, dass ich Lust auf den nächsten Schluck bekomme. Die Tiefe des Weines ist beeindruckend, die Jugend deutlich – ich bin sicher, dass der Wein in vielen Jahren seine ganze Klasse zeigen wird.

Damit ich das überprüfen kann, bekam ich am Ende der Reise sogar noch eine Flasche davon geschenkt. Ich hoffe, dass ich in zehn Jahren, wenn ich vielleicht an dieser Stelle wieder darüber berichte, nicht vergesse das zu erwähnen.

Die Zuckerampel

Die neue Zuckerampel auf dem Etikett elsässer Weine

Wäre ich für das Marketing eines Weinbaugebietes verantwortlich und wollte eine Gruppe von ‚Multiplikatoren‘ (wie ich sie als Marketingverantwortlicher nennen würde) davon überzeugen, wie großartig die Weine meines Gebietes sind, ich würde sie in einen Bus setzen, zum schönsten Weinberg meiner Ecke karren, dort von einem weltberühmten Winzer abholen und rundum verwöhnen lassen. Dieser Gedanke kam mir vor knapp drei Wochen, als ich als Teil einer Gruppe Weinblogger und -händler sowie Journalisten und Sommeliers durch den Weinberg ‚Rangen‘ in Thann kraxelte, angeführt von Star-Winzer Olivier Humbrecht vom Weingut Zind-Humbrecht, der uns kurz darauf mit einigen Kollegen die Weine der steilsten und eindrucksvollsten Lage des Elsass’ kredenzte – bei einem Picknick am Fuße der Lage, mit Spezialitäten der Region und alten Jahrgängen bis in die 1980er. Soweit also die Offenlegung: ich war im Elsass, eingeladen, verwöhnt, manipuliert – letzteres vor allem von guten Weinen.

Anlass meiner Reise ins Elsass war die Millésimes Alsace, eine Leistungsschau elsässer Winzer, die alle zwei Jahre in Colmar stattfindet. Dieses Jahr fand Sie parallel zur VieVinum in Wien statt. Das war ein bisschen ungeschickt von den Organisatoren. Wenn es darum geht ein bisschen ungeschickt zu sein, sind die Elsässer versiert. Das hatte der elsässer Weinbaupräsident Rémy Gresser vorletztes Jahr beim Vinocamp 2012 offen angesprochen – und dann großartige Weine gezeigt, weswegen ich diese Reise überhaupt antrat. Ich wollte unbedingt mehr über das Elsass und seine Weine wissen. Jetzt weiß ich mehr – auch über den elsässischen Hang zur Ungeschicklichkeit.

Eigentlich könnte das Elsass so was wie das Mallorca des deutschen Weintrinkers sein, quasi ein vierzehntes Anbaugebiet. Der gemeine Deutsche könnte mit dem Auto hinfahren, käme mit seiner Muttersprache ziemlich weit, hätte besseres Wetter als daheim und müsste auf nix verzichten. Wie der Rentner auf den Ballearen überall sein Schnitzel oder seine Currywurst erhält, hätte der deutsche Schoppenschlotzer hier seinen heimischen Rebsortenmix: Riesling, Grau- und Weißburgunder, Silvaner und ein bisschen Spätburgunder. Und Neues gäbe es auch zu entdecken: Unter den 14 Bodenformationen des Elsass befinden sich auch solche, die in Deutschland eher selten auftreten. Richtig guten Riesling vom Granit kenne ich aus Deutschland gar nicht – was nicht heißt, dass es Ihn nicht gibt, mir fällt allerdings keine bekannte Granitlage ein (der Durbacher Plauelrain vielleicht, obwohl dort der Granit schon sehr stark zu Sand verwittert ist). Die probierten Riesling Grand Crus aus den Lagen Schlossberg oder Winzenberg haben alle ein verbindendes Element, eine Festigkeit die ihnen hervorragend steht. Aber das Elsass ist nicht so etwas wie das Mallorca deutscher Weintrinker. Viele gute Erzeuger haben keinen Importeur für Deutschland. Das Elsass findet hierzulande nicht statt.

Ein Grund könnte sein, dass elsässer Weinetiketten noch verwirrender als deutsche sind. Ich probierte wohl an die zwei Dutzend Weine aus besagtem Schlossberg, einer von 51 elsässischen Grand Crus, und von furztrocken bis pappsüß war alles dabei. Die Rebsorte ist ausgewiesen, die gesetzlichen Bezeichnungen Sec oder Demi Sec finden keine Anwendung. Wo Schlossberg draufsteht kann vieles drin sein auch restsüßer Grauburgunder. Das war für mich eine Begegnung der eher unheimlichen Art: Restsüßer Grauburgunder ist im Elsass populär und gilt als großartiger Essensbegleiter. Ich hab’s zu jedem Essen versucht, ein einziges Mal fand ich es halbwegs gelungen, mit einem Genossenschafts-Pinot-Gris der Cave Jean Geyler. Bei allen anderen hat es mich geschüttelt – auch bei 60 Euro teuren Grand Crus, selbst am Fuße des Rangen. Grauburgunder zeigt häufig ein Aroma, das ich hier im Blog als ‚etwas ordinär‘ bezeichne, Winzer nennen das vornehm ‚erdig‘ und meine Tochter würde wohl Käsefüße sagen (wenn Sie denn Wein probieren dürfte). Trifft dieses Aroma auf hohen Alkohol, Überreife, Spuren von Botrytis und 40 oder mehr Gramm Restzucker, steige ich aus.

Zuckerampel auf dem Etikett

Die neue Zuckerampel auf dem Etikett elsässer WeineÜberhaupt, der Zucker! Es gehört für mich zu den Mysterien der Weinwelt, dass elsässer Weißwein international als trocken gilt, den Deutschen bei ihren Weinen aber immer das ‚Zuckerschwänzchen‘ vorgeworfen wird. Vielleicht die Hälfte dessen, was ich probierte, hatte ‚deutsche‘ Zuckerwerte, also zwischen 4 und 8 Gramm Restzucker, ein Viertel der Weine deutlich mehr. Viele Winzer zeigten mehrere Jahrgänge auf der Weinmesse und mir begegneten manche Weine, die in einem Jahrgang staubtrocken, im nächsten Jahrgang feinherb waren, am Etikett nicht zu erkennen, es steht ja nur ‚Grand Cru‘ drauf. Das krasseste Beispiel waren die Weine von Bruno Hertz, der 2008 einen Riesling mit 2,4 und im nächsten Jahr mit 22 Gramm Restzucker abfüllte – unter der gleichen Bezeichnung! Darauf angesprochen kam vom Winzer lediglich: ‚Jedes Jahr ist anders‘. Ein anderer Winzer zeigte mir eine neue Kennzeichnung. Die Elsässer wollen des Problems jetzt mit Hilfe einer Zuckerampel Herr werden. Auf der Rückseite zeigt eine Skala ganz deutlich, wie das Geschmacksbild des Weines bezüglich Süße aussieht. Das könnte das Problem lösen. Wenn die Berührungsängste dadurch fallen, werden die Konsumenten auch in Deutschland erkennen, wie viel gute Weine im Elsaß gemacht werden. Ein paar Tipps dazu gebe ich im zweiten Teil meines Reiseberichtes. Für heute schließe ich mit dem ‚Jedes Jahr ist anders‘-Winzer.

Grand Cru Rangen de Thann aus dem ElsassBruno Hertz, Riesling ‚Hospices de Strasbourg‘, Grand Cru Rangen de Thann, 2008, Elsass. In der Nase ein sehr reifer Riesling mit etwas Firne, feiner Frucht (Aprikose, Quitte und Melone) und diesem etwas würzigen Rangen-Duft. Am Gaumen sorgt die knackige Säure für viel Frische, die mit  Noten von Malz, überreifen Früchten und würzigen Reifenoten spielt. Das ist enorm elegant und knackig aber eben nicht jugendlich, sondern spannend gereift. Das Spiel aus Süße und Säure ist bemerkenswert, wobei die Süße weder vom Zucker kommt (2,4 Gramm pro Liter, also knochentrocken) noch vom Alkohol (12,6%). Es ist pure, süße Frucht – eine harte Nuss für die Zuckerampel. Sehr langer Abgang, grandioser Wein.

Einen stimmungsvollen Bericht von Reisekamerad Thomas Günther finden Sie hier.

Wein Online Award 2014

Wein Online Award 2014

Noch einmal Vinocamp 2014: die Wine Online Awards. Die Preise für den besten Text und das beste Foto, die oder das der Urheber in frei zugänglichen sozialen (also mit offener Kommentarfunktion und ‚Sharing‘-Möglichkeit versehenen) Medien veröffentlicht hat, erlebten ihre zweite Auflage. Neu hinzugekommen ist dieses Jahr der Preis für das beste ‚Projekt‘ mit gemeinnützigem Charakter.

Ich saß in der Jury für die Vorauswahl. Wir hatten aus den Texten und Bildern zu wählen, die jedermann über die Website des Awards vorschlagen konnte. Tonnen von Einreichungen hatten wir nicht aber es waren doch so viele, dass wir eine echte Wahl hatten. Die von uns favorisierten standen zur Abstimmung unter den Teilnehmern des Vinocamps, der kompetentesten Jury, die man sich für so einen Preis wünschen kann. Ich kürze es ab: von Fotografie verstehe ich nicht viel, deswegen will ich zum Siegerfoto des Weingutes Franzen nur sagen: Es ist bildschön und es berührt mich (genau wie die Weine). Im Artikelkopf ist es zu sehen. Herzlichen Glückwunsch an Angelina und Kilian Franzen (und Dank für die Erlaubnis, das Bild hier zu verwenden).

Beim Thema Text ging es quasi um meine Nachfolge, hatte ich doch die Ehre, die Erstauflage des Awards zu gewinnen. Und mir war schon vor der Abstimmung klar, ich kann mich glücklich schätzen, dass alle nominierten Texte erst dieses Jahr erschienen, ich hätte letztes Jahr nicht gegen sie antreten mögen. Vollkommen unterschiedliche Herangehensweisen zeigten die Autoren: Torsten Goffin mit einem sehr emotionalen Zugang zu einem unvergesslichen Abend, wie ihn vielleicht nur Wein ermöglicht; Chez Matze mit einem unglaublichen Entdeckergeist im für uns entlegensten Winkel der Welt auf der Suche nach der Wahrheit im japanischen Wein; Axel Biesler mit einem poetischen Exkurs zur Frage des Terroirs; Schorsch Huesgen als Gastautor im Blog von Harald Steffens mit einer listigen Persiflage nicht nur für Germanisten sowie Christoph Raffelt mit einem akribischen Zustandsbericht der Champagne von höchstem Nutzwert. Alle hätten es verdient, nur einer konnte Gewinnen: Christoph ist der Sieger.

Und dann war da die neue Kategorie. Projekte mit Fokus auf das Gemeinwohl haben per se einen Preis verdient. Der mit 1500 Euro dotierte Award wird in Zukunft noch oft genug an eine mildtätige Organisation gehen und deswegen traue ich mich zu sagen: Ich bin froh, dass die Erstausgabe nicht an eine solche ging, sondern an eine die für etwas sehr weinspezifisches steht. Gewonnen hat Karlheinz Gierling mit seinem Projekt Weinlagen.info. ‚Charlie’ Gierling hat sich mit einigen Programmierern, die übrigens gar keine Weinfreaks sind, hingesetzt und ein Werkzeug gebaut, mit dem etliche Freiwillige die exakten Grenzen internationaler Weinlagen in Google Maps einzeichnen. Das Projekt stellt zusätzlich eine Schnittstelle bereit mit der jeder, der will, diese Lagen in seine eigenen Anwendungen einbauen kann. Hier finden Sie ein solches Einsatzbeispiel bei riesling.de.

Sieger unter sich: Christoph (links, Kategorie Text) und Charlie (rechts, Projekte & Initiativen)

Sieger unter sich: Christoph (links, Kategorie Text) und Charlie (rechts, Projekte & Initiativen)

Weinlagen.info ist ein Projekt, das nur einen Nutzen bietet: es macht Wein in einer weiteren, sehr abstrakten Dimension erlebbar. Niemand verkauft eine Flasche mehr oder seinen Wein zwei Euro teurer, weil es Weinlagen.info gibt und trotzdem ist die Zahl der Unterstützer auch in Winzerkreisen Legion. Denn die Wein-Community verbindet das Gefühl, dass Wein etwas besonderes ist, mehr als nur das Produkt eines landwirtschaftlichen Prozesses, veredelt mit Marketing-Gedöns zum Zwecke der höchste, schnellste, weiteste zu sein. Wenn man am Umgangston der Freaks verzweifeln und dem Balzen um Deutungshoheit den Mittelfinger zeigen möchte, dann erfährt man durch Weinlagen.info die andere, wohltuende Seite des Weines. Die Standing Ovations bei der Preisvergabe verdeutlichen, dass das jeder begriffen hat. Danke den Organisatoren, dass sie eine Plattform schaffen, die solchen Ideen Würdigung zuteil kommen lässt, Danke den Sponsoren für das Preisgeld, das den Projekten weiterhilft und Danke Charlie für Weinlagen.info.

Warmer Wein mit Wilhelm Weil – Vinocamp 2014

Geisenheim: die etwas andere Uni

Geisenheim: die etwas andere Uni!

Ich war beim Vinocamp 2014 in Geisenheim an der Weinbau-Uni. Das Klassentreffen all derer, die mit Wein und sozialen Medien zu tun haben (oder sich sehr dafür interessieren) erlebte dieses Jahr seine vierte Auflage. Und es wird besser und besser, eine Steigerung beim nächsten Mal wird kaum möglich sein – allein: das dachten wir letztes Jahr auch schon. Das Organisationsteam rund um die Initiatoren Thomas Lippert und Dirk Würtz stellte wieder ein fantastisches Rahmenprogramm rund um die Sessions der Teilnehmer auf die Beine. Dafür hier noch einmal herzlichen Dank.

Traditionell startet das Vinocamp am Freitag mit einer Weingutsbesichtigung für die Früh-Anreiser. Dieses Jahr ging es zum Weingut Robert Weil, wo uns der Hausherr, Wilhelm Weil, persönlich durch die heiligen Hallen führte. Das Weingut ist in jeder Hinsicht ein Ausnahmebetrieb. Es befindet sich mehrheitlich im Besitz eines internationalen Getränkemultis aus Japan und produziert erhebliche Mengen, was regelmäßig dazu führt, das Weinfreaks die Nase rümpfen. Dazu spielen die Weine preislich in einer eigenen Liga, der Gutsriesling kostet zweistellig, das Große Gewächs hat mittlerweile die 40-Euro-Mauer durchbrochen. Die Anlagen des Weinguts sind architektonisch wie technologisch beeindruckend und das Gut ist auf Besucher eingerichtet. Entsprechend routiniert führte uns Herr Weil durch sein Reich. Letzte Station war ein Verkostungsraum im Keller, wo er uns drei Weine präsentieren wollte.

Lediglich drei Weine – ich gebe zu: ich bin verwöhnt, ich war enttäuscht. Entschuldigend merkte der Winzer an, Organisator Würtz habe auf die Limitierung bestanden. Das entpuppte sich als Missverständnis. Ich liebe Weinproben, die aus dem Ruder laufen, weil jeder Wein eine Diskussion befeuert, in der jemand Thesen aufstellt, zu deren Überprüfung gleich der nächste Wein ins Glas muss. Und als das Limit fiel, zeigte Herr Weil, dass er ein Meister dieser Art Probe ist. 2013 sei ein wirklich spannendes Jahr, wie eigentlich alle Jahre, bei denen es zunächst so aussieht, als würden die Trauben niemals reif, beispielsweise 2010 – plopp, ein spontan geöffnetes Erstes Gewächs 2010 aus dem Gräfenberg trat den Beweis an. ‚Oder denken Sie nur an 2008‘ … plopp, 2008 Gräfenberg Erstes Gewächs … ‚und auch in der längerfristigen Entwicklung‘ … plopp, 2004 Gräfenberg EG … ‚verzeihen Sie, den hatte ich nicht in der Kühlung aber großer Wein muss bei jeder Temperatur funktionieren‘ (ja, der Wein ist richtig groß und hat auch etwas zu warm funktioniert) … ‚jetzt müssen wir aber wieder zurück zur ursprünglichen Reihenfolge‘ … plopp 2013 Spätlese fruchtsüß … ‚nein Kabinett mit Lage machen wir nicht‘ … ‚Kabinette trinke ich am liebsten von der Mosel‘ … plopp, 2008 Kabinett von J.J.Prüm – was für ein Gastgeber und auch hier: vielen Dank. Wer über Weil die Nase rümpft, hat einfach noch nicht genug Weil getrunken.

Die trockenen Weine aus dem Turmberg und dem Klosterberg aus dem Jahr 2013 – zwei der ursprünglich vorgesehenen drei Weine – machten mir übrigens Hoffnung. Hatte ich nach dem Genuss von 33 Gutsrieslingen beim BerlinGutsrieslingCup noch schlimmste Befürchtungen hinsichtlich der Qualität des Jahrgangs 2013 zeigten die beiden Weil-Weine, dass es auch anders geht. Fast 9 Promille Säure sind zwar ein extremer Wert, geschmacklich war die Säure jedoch sehr reif und angenehm. Gepaart mit etwas mehr Alkohol und einem moderaten Restzucker von 6 oder 7 Gramm präsentierten sich beide Weine als straffe Rieslinge mit hohem Trinkfluss. Es ist nicht alles verloren, sollten mehr Produzenten 2013 Weine auf diesem Niveau präsentieren.

weinrallye #75Die beim Vinocamp anwesenden Blogger schließen sich diese Woche zu einer Weinrallye über das Camp zusammen. Die Chronistenpflicht verteilt sich auf mehrere Schultern. Für weitere Details verweise ich also auf die Seite des Rallye-Organisators und werde später weitere Links hier einfügen, wenn die Berichte der anderen online erscheinen.

Hier geht es zur Seite des Rallye-Gastgebers.

Hier findet sich Live-Berichterstattung von Susanne auf 180 Grad.

Den ersten Bericht veröffentlichte Harald im Blog von Steffens-Kess.

Der erste zweite Bericht stammt von Organisator Dirk Würtz.

Ein wunderschöner Text von Petra Pahlings beim Weinkaiser.

Chez Matze hat Tagebuch geführt – Achtung, selbstreferentiell ;-)

BerlinGutsrieslingCup 2014

BerlinGutsrieslingCup Bewertungsbogen

Ab wann kann man eigentlich einen Jahrgang beurteilen? Wie lange muss man sein Urteil beschränken auf die Weine, die man getrunken hat, wie weit dürfen Schlüsse und Abstraktionen gehen, die man daraus zieht oder davon ableitet? Diese Frage beschäftigt mich, seit ich beim diesjährigen BerlinGutsrieslingCup am letzten Freitag teilgenommen habe. Aus dem Jahr 2013 hatte ich vorher nur ein paar Weine probiert – so wenige, dass ich mir keine Gedanken machte, ob diese spärlichen Beispiele Aussagekraft für den Jahrgang haben. Doch letzte Woche hatte ich immerhin die Gutsrieslinge von 33 deutschen Erzeugern im Glas, von denen wohl 20 zu den Granden Deutschen Rieslings zu zählen sind.

Der Gutsriesling ist das Aushängeschild der meisten Betriebe und mit ihm erzielen diese auch ein Großteil ihres Umsatzes, so versichern mir zumindest alle Winzer, mit denen ich mich über das Thema unterhalte. Insofern sollten Gutsrieslinge einiges über die Qualität eines Jahrgangs aussagen. Andererseits lesen die meisten Betriebe die Trauben für den Gutsriesling Wochen vor denen für die besten Qualitäten, zwischen der Ernte für den Gutsriesling und der für das GG kann bei manchen Betrieben ein Monat liegen. In der Zeit kann sehr viel passieren. Deswegen sollte ich von der Qualität des Gutsrieslings nicht auf die höheren Qualitäten schließen. Aber dann war da noch die Ernte 2013: so viele Wochen Zeit zu warten hatten die meisten Betriebe eigentlich nicht. Kann man also vielleicht doch …?

Was sagt der BerlinGutsrieslingCup über den Jahrgang 2013?

Ich mache mir die Gedanken aus einem ganz einfachen Grund. Der BerlinGutsrieslingCup hat einige sehr schöne Weine in mein Glas gespült. Richtige Schönheiten waren dabei – gemessen an der Qualitätsstufe und vor dem Hintergrund meines Geschmacks betrachtet. Der BerlinGutsrieslingCup spülte aber auch erschreckend schwache Gutsrieslinge bekannter Erzeuger in mein Glas. Das allein ist kein Problem, ich gehöre schließlich zu den eher snobistischen Weintrinkern, die selten auf einfache Qualitäten zurückgreifen. Allein: es ist das Verhältnis. Erst beim fünften Wein im Wettbewerb notierte ich mir auf meinen Jurorenbogen ‚ist unfallfrei trinkbar‘ und insgesamt war es knapp die Hälfte der Weine, die ich als hochproblematisch einstufte, also eben nicht unfallfrei trinkbar, sondern irgendwo zwischen ‚das kriege ich gar nicht runter‘ und ‚einmal eingeschenkt, tränke ich das Glas aus, bäte aber nicht um ein zweites‘ (der Konjunktiv rührt daher, das wir beim BerlinGutsrieslingCup selbstverständlich nur Probeschlucke erhalten und die brav ausgespuckt haben).

Einige der gezeigten 2013er präsentierten eine Säure, die so aggressiv war, dass ich um meinen Zahnschmelz fürchtete. Von den entsäuerten hatte einer zu wenig Säure um die brutal grünen Noten unreifen Leseguts im Wein zu überdecken. Ob ich daraus schließen soll, dass die mit heftiger Säure diese grünen Noten auch haben, sie aber im Säuresturm untergehen? Ich weiß es nicht. Auch weiß ich nicht, wie die besseren entsäuerten bei mir abgeschnitten hätten, wenn Sie entweder alle hintereinander oder in einem separaten Feld hätten antreten müssen. Denn die besseren entsäuerten erschienen mir als Inseln der Glückseligkeit im Meer der aggressiven Säure. Ich war froh sie zu erreichen und dort etwas Deckung nehmen zu können. Und wie gefielen mir wohl die mit dienender Restsüße (nie hat diese mehr gedient als heute, möchte man dazwischenrufen), tränke ich sie gegen einige 2012er mit gleichem Spiel bei halbem Zucker?

Kaum eine dieser Fragen ist rhetorischer Natur. Gäbe ich die Antworten selbst, es wäre reine Spekulation. Ich spare mir die Spekulation. Immerhin, nach 33 Gutsrieslingen höchst unterschiedlicher Qualität kann ich eines sagen: Die Sieger und unbedingt empfehlenswerten Gutsrieslinge finden Sie hier. Eine Schlussfolgerung habe ich noch für Sie: Kaufen Sie keine 2013er ohne sie vorher zu probieren (naja, bei den drei Erstplatzierten des BerlinGutsrieslingCups dürfen Sie eine Ausnahme machen). Und als letztes vielleicht noch: Versuchen Sie es mal mit dienender Restsüße. 

BerlinGutsrieslingCup 2014Thanisch (Ludwig Thanisch & Sohn), Lieser Niederberg Helden, Riesling Kabinett feinherb, 2013, Mosel. In der Nase jung und von Hefe geprägt, Aprikose, Gummibärchen – eine typische Thanisch Jungweinnase. Am Gaumen mit ultraknackiger Säure aber nicht zu aggressiv, Grapefruit, ebenfalls jung und hefig, schlank, sehr schönes Spiel, bei aller Säure auch ein bisschen cremig. Ein knackiger Riesling mit gutem Trinkfluss und langem Abgang. Die Säure dominiert aber so, dass ein mineralischer/phenolischer Eindruck eher nicht entsteht.