Rote von Rings

Weingut Rings Rotwein

Lange habe ich mich nicht mehr so auf eine Weinprobe gefreut, wie jene, zu der ich letzte Woche geladen war: Rote von Rings. Andreas Rings war zu Gast in Berlin und lud am Abend zu einer kommentierten Verkostung mit zünftiger Brotzeit in Anja Schröders Weingeschäft Planet Wein. Ich war dem Winzer vorher noch nicht begegnet, kannte aber einige seiner Weine. Es gibt hier im Blog sogar noch einen uralten Bericht zu einem Merlot ‚Silberkapsel‘ aus dem Jahrgang 2005 – einem Wein, den der grundsympathische Andreas Rings heute wohl gequält lächelnd als Lehrlingswerk oder Jugendsünde bezeichnen würde.

Rings und sein älterer Bruder haben das elterliche Gut vor gut zehn Jahren übernommen, sind aber die erste Generation, die Wein in Flaschen füllt; der Vater produzierte überwiegend Trauben und gelegentlich Fasswein. Erstes Aufsehen erregte ihr Rotwein ‚Das Kreuz‘ – eine an die Weine aus Bordeaux angelehnte Cuvée zu der es mit dem ‚Das kleine Kreuz‘ noch einen Zweitwein gibt. In den vergangenen Jahren mauserte sich das Weingut erst zu einem Geheimtipp und schließlich zu einem der bekanntesten Rotweinerzeuger der Pfalz, wenngleich Riesling und Co. auch zum Repertoir gehören.  Auf Podiumsplätze beim Deutschen Rotweinpreis haben die Brüder in den letzten Jahren ein Abonnement.

Andreas Rings bei einer Weinpräsentation zu erleben ist ein erfrischendes Vergnügen. Viele Winzer haben zumindest in der offiziellen Außenpräsentation von all ihren Weinen eine gleich hohe Meinung, reagieren auf Fragen nach Vorlieben wie eine Mutter auf die Frage, welches ihrer Kinder sie denn lieber habe. Nicht so Rings: beim Verkosten seiner Spätburgunder vergisst er die Menschen um sich herum und konzentriert sich ganz auf den Inhalt seines Glases, spuckt nicht aus und schenkt sich lieber nochmal nach, bei anderen Weinen ist er diszipliniert und ganz der professionelle Winzer bei der Weinpräsentation. Aber dann sagt er Sätze wie ‚Das Kreuz werden wir immer im Programm haben und besondere Sorgfalt darauf verwenden, denn dieser Wein hat unglaublich viel für uns getan‘ – und alle am Tisch verstehen auch ohne Lehrgang im Dechiffrieren diplomatischer Depeschen: ‚Ja, Kreuz ist fein, aber lasst und doch über Spätburgunder reden‘.

Das bedeutet nicht, dass das Kreuz nicht ein famoser Wein wäre, aber Spätburgunder ist die große Liebe der Brüder. Er habe direkt nach der Schulzeit damit angefangen sein gesamtes nicht zum unmittelbaren Lebensunterhalt benötigtes Geld in Weine zu stecken, bevorzugt solche aus dem Burgund, erzählte Rings. Bei den betrieblichen Mitteln verfahren er und sein Bruder ähnlich. In den letzten Jahren haben sie diverse Spitzenlagen für Spätburgunder zugekauft, darunter eine Parzelle im Kallstadter Saumagen. Huber nennt Andreas Rings sein großes Vorbild was deutschen Weinstil angeht, die Knipsers bewundert er für ihre betrieblichen Abläufe.

Spätburgunder von Rings – reif ist nicht gleich reif

Die Spätburgunder zeigen eine einheitliche Handschrift. Im Mittelpunkt der Weinbergsarbeit steht die optimale Reife – das klingt trivial, meint aber eben nicht das Einfahren möglichst reifer Trauben, sondern die Vermeidung von Überreife. Einige der Spätburgunder hatten beim Alkohol eine 12 vor dem Komma, waren von sehr kräftiger Säure wunderbar strukturiert, wirkten aber durch und durch reif. Der Gutsspätburgunder bietet für 10 Euro ein tolles Preis-Leistungsverhältnis, der erwähnte Saumagen bezeugt, dass in der Lage nicht nur Riesling gedeiht. Allen Weinen gemein ist der moderate Holzeinsatz, überall sind neue und gebrauchte Fässer in vernünftigem Verhältnis im Einsatz.

Und dann war da noch eine Premiere. Rings hatte eine Fassprobe mitgebracht. Die Lage Berntal haben die Rings vor drei Jahren neu mit Spätburgunder bestockt. Der erste Ertrag liegt noch in zwei Fässern (einem neuen und einem gebrauchten), wird in einem Jahr gefüllt und kommt in 18 Monaten in den Verkehr. 300 Flaschen will Rings für den Eigenbedarf behalten, also stehen wohl 250 Flaschen für Kunden zur Verfügung. Und eines war allen klar: um diese Flaschen wird es Hauen und Stechen geben. Was für ein Stoff. Das werde ein Benchmark für deutschen Spätburgunder, fasste Kollege Zwick seine Begeisterung in Worte. Das ist vielleicht etwas hoch gegriffen aber nur etwas. Der Berntal ist ein Spätburgunder, der seine Herkunft zeigt. ‚Ich wachse auf Stein, nicht auf Blumenerde‘ lautet seine Botschaft. Und er übertreibt nicht, die Reben wurden mit Presslufthammer und Spitzhacke gesetzt, nicht mit Schaufel und Spaten. Das ergibt einen Wein mit großartiger Struktur, zurückhaltend in Holzeinsatz und Alkohol, skelettartig und gleichzeitig fruchtig, unendlich tief und lang. An der sofort aufkeimenden Diskussion wie burgundisch der Wein sei, mochte ich mich nicht beteiligen, schließlich gibt es auch im Burgund reichlich Blumenerde. Der Wein ist traumhaft – das reicht doch.

Am Ende des Abend schnappte ich mir eine der wenigen Flaschen, die noch halbvoll waren und machte mich auf gen Heim, wo ich diesen Wein in den nächsten drei Tagen in Ruhe weiterverkostete. Er stand den bereits erwähnten in nichts nach (außer dem singulären Berntal).

Rings SpätburgunderRings, Kallstadter Steinacker, Spätburgunder unfiltriert, 2012, Pfalz. In der Nase Kaffee, etwas Holz, feine Frucht (Himbeere und Kirsche). Am Gaumen mittlerer Körper, spürbare aber sehr feine Säure, wieder etwas Kaffee, Himbeere, nur sehr dezentes Holz, enorm seidiges Tannin und ein wunderbar mineralischer Eindruck. Der Wein zeigt optimale Reife: nichts grünes aber auch keine marmeladige Frucht, dafür große Frische gepaart mit feinsten Gerbstoffen. Der Spätburgunder wirkt tief, hat Länge, ist aber auch einfach zu trinken und macht richtig Spaß. Dabei entsteht der Eindruck, dass der Wein noch erhebliches Lagerpotential hat, denn er zeigt so viel Frucht, dass vermutlich auch in einigen Jahren, wenn Flaschenreife würzige Aromen produziert noch genug Frucht da ist, um dem Wein Balance zu geben. Das Holz ist aber schon jetzt so integriert, dass er mit Belüftung trinkbar ist.

Einen herzlichen Dank an Anja Schröder und Andreas Rings für die Einladung.

Ausflug an die Mosel (5): Markus Hüls

Weingut Markus Hüls, Kröv (Mosel)

Den fünften Winzer auf der Agenda meines diesjährigen Moseltrips traf ich nicht in seinem Weingut, sondern in Berlin. Während ich am Fluss urlaubte, war Markus Hüls in meiner Heimat um seine Weine bei einem kommentierten Winzerdinner vorzustellen. Da er noch ein paar Tage in der Hauptstadt weilte, konnten wir uns bei meiner Rückkehr in Anja Schröders Weinhandlung ‚Planet Wein‘ – Drehort der Webweinschule – treffen und seine Kollektion verkosten. Es war eine spannende Begegnung.

Markus Hüls entstammt einer Winzerfamilie, hatte aber zunächst andere Pläne als die Übernahme des elterlichen Gutes. Er lernte einen kaufmännischen Beruf bei einem Industrieunternehmen, bevor er es sich anders überlegte und die Winzerlehre nachschob. Mit Markus Molitor fand er einen Top-Ausbilder. Trotzdem gründete er nach der Lehre erst einen Bewirtschaftungsbetrieb, den er bis heute führt. Mit zehn Mitarbeitern bewirtschaftet er als Lohnunternehmer Weinbergsflächen für diverse Güter an der Mittelmosel. Das elterliche Weingut übernahm er dann eher teilweise, gründete sein eigenes nach ihm benanntes Gut, dass aber Flächen und Produktionsanlagen aus dem elterlichen Betrieb nutzt. Hüls sitzt in Kröv und ist  mit 2,8 Hektar in Letterlay und Steffensberg begütert, wo er Weiß- und Spätburgunder sowie in der Hauptsache Riesling anbaut.

Die Philosophie seines Weingutes ist schnell erklärt. Im Weinberg profitiert er davon, dass er die Truppe aus dem eigenen Lohnunternehmen einsetzen kann, wann immer im Auftragsbuch eine Lücke klafft. Auch hat er im Notfall sehr schnellen Zugriff auf Gerätschaften und Personal. Also versucht er den Aufwand hoch zu halten, auch wenn seine derzeitigen Weinpreise das noch nicht vollständig wieder einspielen können. Im Keller setzt er auf längere Maischestandzeit und langes Hefelager. Das macht er mit jedem Wein, denn er will eine Markus-Hüls-Stilistik, die sich durch die ganze Kollektion zieht. Mein Eindruck war, dass ein wenig Flexibilität hilfreich wäre, denn während er trotz dieser eher auf vollen Körper abzielenden Weinbereitung einen faszinierend typischen, stahligen fruchtsüßen Moselkabinett vorlegt, empfand ich den Weißburgunder ob der Fülle etwas schwierig – er wirkte wie ein leptosomer Body-Builder, der die Statur nicht hat um alle Muskeln harmonisch anzuordnen. Der Weißburgunder war aber der einzige Wein, der mich nicht glücklich machen konnte.

Hüls Riesling – mit Zuckerampel und Qualitätssymbolen

Hüls SchieferspielAuch wenn Hüls postuliert, er wolle den Wein in den Mittelpunkt seines Tuns stellen und nicht das Marketing, ist die Darstellung von Weingut und Produkt ausgesprochen durchdacht. Er arbeitet mit einer neunteiligen Süßeskala und dreistufigen Qualitätsangabe (Guts-, Terroir- und Lagenwein) auf den Etiketten, das Design ist sehr modern, die Texte auf seiner Homepage folgen dem aktuellen Trend und singen vor allem das Lied von der Geduld und dem kontrollierten Nichtstun. Doch er füllt die Philosophie mit Leben: im schwierigen Jahr 2013 füllte er keine Lagenweine, weil das Material seinen Ansprüchen für diesen Weintypus nicht genügte. In der Verkostung kam er sehr authentisch rüber.

Hüls ist selbstbewusst. Er hat eine klare Vorstellung, wie seine Weine sein sollen und wo er mit seinem Gut hin will: an die Spitze mindestens seiner Ecke der Mosel. Ich wage die Prognose, dass er für seinen selbstbewussten Vortrag noch einiges an Anfeindungen ertragen müssen wird. Menschen, die mit offenem Visier kämpfen, gelten hierzulande häufig als arrogant. Es ist auch leicht, den mit Blick auf die Zukunft formulierten Anspruch mit süffisanten Bemerkungen über den Ist-Zustand ins Lächerliche zu ziehen. Ich mag da nicht mitmachen, denn erstens erinnerte mich meine Begegnung mit Hüls an meinen ersten Besuch auf dem Weingut Van Volxem vor bald zehn Jahren. Da stand auch ein Winzer vor mir, der gerade seinen zweiten oder dritten Jahrgang gefüllt hatte, der schon sehr gut aber meilenweit vom eigenen Anspruch entfernt war. Auch Roman Niewodniczanski machte sich mit seiner Herangehensweise nicht nur Freunde. Und dann gibt es da noch den schon erwähnten Markus Molitor. Hüls’ Lehrherr gehört auch nicht gerade zu den kleinen Egos der Mittelmosel. Sich dessen Attitüde zu eigen zu machen, ist vermutlich nicht die schlechteste Strategie, wenn man ein erstklassiges Weingut aufbauen will.

Und um es deutlich zu sagen: ich empfand den Winzer als angenehmen Verkostungspartner. Er tut nicht so, als wäre er schon angekommen. Er weiß um die Probleme, die er zu überwinden hat und spricht sie offen an. Letterlay und Steffensberg sind keine berühmten Lagen, sie sind sogar eigentlich eine Gemarkung, beides Devon-Schiefer mit sehr ähnlicher Ausrichtung. Da ist kaum unterscheidbare Charakteristik herauszuarbeiten. Sollten ihm keine Zukäufe ein Stück flussaufwärts gelingen, wird Markus Hüls kaum der nächste Markus Molitor. Ihn, sein Weingut und seine Weine über die nächsten Jahre zu begleiten wird aber sicherlich sehr viel Spaß machen.

Riesling Schieferspiel, Markus HülsMarkus Hüls, Riesling Schieferspiel, 2013, Mosel. (Maischestandzeit, Hefelager und der Jahrgang: Ich öffnete den Wein, probierte und stellte ihn sofort wieder in den Kühlschrank, denn er braucht Luft, viel Luft. Am fünften Tag machte er den größten Spaß und auf diesen Tag beziehen sich meine Notizen.) Frische Nase, duftig blumig, wie man es eher aus anderen Ecken als der Mittelmosel kennt, dazu etwas Aprikose und Aloe Vera. Am Gaumen siegt der Jahrgang derzeit über die Herkunft: 2013 ist für mich das Grapefruit-Jahr – egal woher die Weine kommen, im Moment zeigen unendlich viele Rieslineg Grapefruit-Aromen. Aber der Schieferspiel ist vielschichtig-fruchtig: Orange, Apfel und etwas Aprikose tauchen auch noch auf. Im Mund viel Schmelz trotz kräftiger Säure, schöne Mineralik/Phenolik, feine Süße, die mit der Säure und der Phenolik ein sehr schönes Spiel bietet. Trotzdem ist das alles noch sehr jung und vermittelt den Eindruck, in drei Jahren geht’s mit diesem Wein erst richtig los. Etwas wärmer als kühlschrankkalt ist er auch jetzt ein großes Vergnügen aber alles andere als ein Schmeichler, dazu hat er im Abgang zu viel Gerbstoff. Schöne Länge, die sehr von Mineralik/Phenolik und Hefe getragen wird.

Ausflug an die Mosel (4): Weins-Prüm

Weins-Prüm Riesling von der Mosel

Manche Erlebnisse verbinden sich in meinem Gedächtnis mit einem einzelnen Wort. So erging es mir auch bei meinem Besuch des Mosel-Weinguts Weins-Prüm. ‚Aufgeräumt‘ kam mir in den Sinn und hat sich dort seitdem festgesetzt. Nicht weil die Winzerstube besonders sauber gewesen wäre – das war sie auch, aber diese Bedeutung des Wortes ist nicht gemeint. Selten bin ich einem Winzer begegnet, der so aufgeräumt wirkte, in sich ruhend, freundlich, mit sich und seiner Umwelt im Reinen. Aber der Reihe nach.

Kurz vor meinem Moseltrip trank ich eine Flasche Wein mit meinem Freund Charlie, der, wie mehrfach erwähnt, in meinem Leben für die Altweinerlebnisse zuständig ist. Es handelte sich um einen fruchtsüßen Kabinett aus der Lage Wehlener Sonnenuhr aus dem Jahrgang 2001 vom Weingut Weins-Prüm (oder Dr. F. Weins-Prüm, wie der exakte Name lautet). Es war ein Altwein aus der Kategorie ‚war vermutlich nie besser als heute‘, einer, den auch Menschen verstehen und mögen, die Riesling lieber frisch trinken. Ich merkte an, dass Weins-Prüm zu den Gütern gehört, die ich lediglich dem Namen nach kenne. Das solle ich ändern meinte Charlie und bot an, mir ein Entree bei Bert Selbach zu machen, dem Inhaber des Weinguts.

Also besuchte ich Weins-Prüm auf meiner Moselreise. Das Gut ist in einer klassischen Moselschiefer-Kastenvilla untergebracht – das Haus links neben dem berühmten Vetter J.J. Prüm und wie dieses auch aus der Erbteilung der Prüm’schen Besitztümer 1911 hervorgegangen. Herr Selbach ist ein direkter Nachfahre und der letzte seiner Art. Mangels Nachkommen hofft er auf einen Sinneswandel bei Nichte oder Neffe, allerdings scheint ihm das keine Sorgenfalten auf die Stirn zu treiben. Er begrüßte uns mit der Bemerkung, er sei eben gerade im Keller gewesen und habe mal gezählt, er habe noch genau 640 Flaschen Wein zu verkaufen – Ende August! Aber auch das schien ihn nicht zu zermürben. Ja, die Ernte sei sehr klein gewesen. Man habe daraufhin die Preisliste ausschließlich an Kunden verschickt, die in den letzten zwei Jahren etwas gekauft hätten (Marketing auf moselanisch) und dieses Jahr würde er eine kleine Portion des Gutsrieslings vielleicht schon im Dezember füllen, für die amerikanischen Kunden. Er wirkte dabei – wie erwähnt – völlig aufgeräumt.

Weins-Prüm: Riesling aus Top-Lagen

Weins-Prüm ist Mitglied im VDP und die Weine tragen den Adler auf der Kapsel. Auf die Verwendung der anderen Insignien wie VDP.Große Lage verzichtet das Weingut. Selbach berühren die heißen Themen Lagenverbrauch und GG nicht, er macht eh nur süße Weine mit Ausnahme eines trockenen Gutsrieslings. Den probierten wir als erstes und er gefiel mir ausnehmend gut, dabei war ich doch wegen der süßen Weine gekommen. Während wir probierten, erzählte Selbach von seinem Weingut. Die 4,5 Hektar Weinbergsfläche liegen in Top-Lagen, darunter dem Kernstück des Erdener Prälat und dem Ürziger Würzgarten. Selbach arbeitet weitgehend allein, im Frühjahr kommen Helfer für das Binden, im Sommer für die Laubarbeit und dann ein Team von Lesehelfern. Den Rest macht er selbst und wenn die Ernte wie 2013 kleiner ausfällt, dann gibt es halt weniger Wein, Zukauf gehört nicht zum Plan.

All diese Informationen vermittelte Selbach binnen kürzester Zeit. Er redete in normalem Tempo und noch nicht einmal besonders viel; trotzdem hatte ich nach einer Stunde den Eindruck, ich wüsste alles Wissenswerte über das Weingut und die Weine. Dabei zeigte der Winzer eine manchmal unheimlich anmutende Fähigkeit Gedanken zu lesen: mehrfach kamen mir Fragen in den Sinn, die er mit dem nächsten Satz beantwortete, noch bevor ich sie stellen konnte. Und es schien sehr glaubhaft, was Selbach erzählt, denn wer will, findet Ansatzpunkte zur Kritik. Er habe 2013 Botrytizide gespritzt und er sei heilfroh drum, denn erstens hätte er sonst noch weniger Wein und zweitens habe er damit seine Trauben bis in die allerletzte Sonnenscheinperiode gerettet, was zumindest qualitativ zu einem Happy End führte. Wir rochen in unser Glas und konnten nur zustimmen. Und ja, er habe entsäuert, auf jede Kelter ein Kilo Kalk, damit es keines separaten Filtrationsvorgangs bedürfe. Meine jüngeren Winzerfreunde schlagen bei so einer Aussage die Hände vors Gesicht: ‚Damit extrahierst Du Bitterstoffe, das wird seit zwanzig Jahren gelehrt, dass man das nicht macht‘. Wie gut, dass das niemand den Trauben von Herrn Selbach erzählt hat, denn vermehrte Bitterstoffe finden wir in keinem der Weine – grau ist alle Theorie. Auch das Thema Vergärung streiften wir: Er lese jedes Jahr zu Beginn eine Fuhre ausgesucht gesunden Traubenmaterials und bringe dies spontan zur Gärung. Aus diesem Fuder beimpfe er dann jede neue Partie. Wie man das nun nennen soll, überließ er uns – er war da ganz aufgeräumt.

Nach einer guten Stunde waren wir wieder raus und Herr Selbach hatte deutlich weniger als 640 Flaschen zum Verkauf übrig. Aber auch das nahm er mit fröhlichem Gleichmut. Dass er auf seinen Weinen sitzen bleibt, muss er eh nicht befürchten – angesichts einer Preisgestaltung, die bei 6,80 Euro für den Gutswein beginnt und bei 14,50 Euro für die Auslese aus dem Prälaten endet. Die süßen Kabinette werde ich für viele Jahre weglegen. Dass sich das lohnt, weiss ich von Charlie und 2013 schmeckt nach enormen Reifepotential. Ich werde ein Eckchen im Keller finden – müsste halt mal wieder aufräumen.

Weins-Prüm-GutsrieslingWeins-Prüm, Gutsriesling trocken, 2013, Mosel. In der Nase fruchtig mit Grapefruit und süßlich-mürbem Apfel – etwas süßer und malziger als der Wein sich am Gaumen präsentiert. Denn da findet sich vor allem Zitrus (Grapefruit), etwas Aprikose und viel grüner Apfel. Der Wein ist ziemlich trocken, sehr mineralisch/phenolisch mit kräftiger Säure, die aber nicht zu heftig daherkommt. Der Wein ist gefällig, verleugnet aber den Jahrgang nicht. Er ist nicht sehr kräftig, ein klassischer Mosel-Gutsriesling, mit viel Saft und gut integrierten 12% Alkohol – das ergibt wunderbaren Trinkfluss. Der Abgang ist mittellang. Das war mein Lieblingsschoppen in der zweiten Sommerhälfte.

Ausflug an die Mosel (3): Später-Veit

Später-Veit Kollektion

Aus dem Handbuch der Winzerbeleidigungen, Kapitel Mosel, Abschnitt ‚vergiftetes Lob‘: ‚Ich wollte Ihr Weingut schon immer einmal besuchen, denn ich hab schon ganz oft gehört, dass Sie so tollen Spätburgunder machen’. Manchmal bringt mich mein Hang zur Wahrheit in Bedrängnis. Ich war im Weingut Später-Veit und hatte es gerade ausgesprochen, da fiel mir ein, dass das im Herzen der Riesling-Region Nummer 1 vielleicht ein etwas tollpatschiger Start in die Verkostung gewesen sein könnte. Glücklicherweise ist der Junior des Hauses ein tiefenentspannter Mensch. Ein unterdrücktes Zucken, ein etwas gequältes Lächeln und eine Bemerkung, die Rieslinge seien aber schon das Kerngeschäft und die müsste ich auch unbedingt probieren, dann ging es los.

Später-Veit stand schon lange auf meiner Liste der unbedingt zu besuchenden Moselweingüter und es war tatsächlich die vielfach kolportierte Qualität der Spätburgunder dafür verantwortlich. Doch schon der erste Riesling zeigte mir deutlich, dass diese Sicht zu einseitig wäre. Vater und Sohn Welter haben ein Händchen für beides. Als Geheimtipp kann man das Weingut nicht mehr bezeichnen, dazu fällt der Name zu oft in den letzten Jahren; was vermutlich aber weniger bekannt ist, die Weine von Später-Veit sind so preisgünstig, dass mir nur das verpönte Wort ‚spottbillig‘ einfällt.

Später-Veit: Riesling in Reinkultur und Spätburgunder mit ruppigen Rappen

Die Einstiegsdroge bei Später-Veit ist der Riesling ‚vom Schiefer‘, den gibt es in trocken und feinherb und er kostet 5 Euro. Ich hatte das Glück, noch 2012er probieren und kaufen zu können. Nichts gegen 2013, an der Mittelmosel durfte ich viele ordentliche Weine aus dem Jahrgang probieren, aber 2012 besitzt hier vielfach eine Strahlkraft, wie länger schon kein Jahrgang mehr – das zeigt sich vor allem jetzt mit einem Jahr Flaschenreife. Aus der Parzelle ‚Armes‘ keltern die Welters (Frau Welter ist eine geborene Später, das Gut ist in ununterbrochenem Familienbesitz) einen klassischen fruchtsüßen Mosel-Kabinett, die feinherben und trockenen Spätlesen stellen echte Preis-Leistungsgiganten dar. Unabhängig vom Jahrgang waren die Später-Veit Rieslinge mit einer Ausnahme von großer Klarheit und Brillanz – und diese Ausnahme war gewollt.

Denn da ist noch der Wein mit dem langen Namen. Piesporter Goldtröpfchen Riesling Spätlese trocken Reserve. Aktuell im Umlauf ist der 2011er, denn die Spätlese liegt ein Extra-Jahr im Fass. Dabei liegt der Wein nicht nur auf der Vollhefe, er wird auch nicht geschwefelt. Als logische Konsequenz gärt er immer weiter. Der 2011er hat um ein Gramm Restzucker, viel Körper und ein sehr stoffiges Mundgefühl. Die Brillanz der Später-Veit Rieslinge ersetzt hier eine cremige Fülle und so süße Frucht, dass man die analytischen Werte gar nicht glauben mag. Ein ‚gemachter‘ Riesling, bei dem althergebrachte Methoden der Weinbereitung zu einer sehr eigenständigen Interpretation der Rebsorte führen. Ich finde es großartig, wenn Winzer ein Geschmacksbild im Kopf haben, im Keller mit klassischen Verfahren darauf hinarbeiten und hinterher auch darüber reden mögen, welchen Anteil der Winzer am Wein hat.

Bei den Spätburgundern sieht es ganz ähnlich aus. Welters mögen kantige Pinots mit kräftigem Tannin: Weine, die lange liegen müssen. Also geben sie selektierte Rappen zur Maische, sind beim Holzeinsatz aber zurückhaltend. Hübsches Zitat von Welter Junior: ‚Wir nehmen die Gerbstoffe lieber aus dem Berg als aus dem Fass‘. Und Zeit lassen sie sich mit den Burgundern. Aktuell ist noch der 2008er im Verkauf. Die besten Trauben wandern in den Spätburgunder No. I und in besonders guten Jahren dessen bestes Fass in die Private Reserve, auf dem Etikett gekennzeichnet durch ein einfaches P. Den 2009er P konnte ich kosten (und kaufen): Ein Spätburgunder für die Erste Liga – und mit 33 Euro der einzige Wein, der ansatzweise das kostet, was man ob der großartigen Qualität bei Später-Veit erwarten würde.

Später-Veit, Riesling trocken ‚vom Schiefer‘, 2012, Mosel. In der Nase klar und straff, grüner Apfel, etwas Aprikose und Zitrus, kleiner würziger Unterton und auch etwas riechbare Säure. Am Gaumen mittlerer Körper, saftig, kräftige Säure und ein leichter Bitterton, gepuffert von etwas Süße; moderate Frucht und gutes Spiel. Nicht besonders tief, aber im Kontext eines Gutsrieslings sehr angenehm. Die spürbare Mineralik/Phenolik überwiegt, der Alkohol von 12% ist kaum wahrnehmbar. Der Wein ist einfach eine runde Sache, zeigt Moseltypizität, einen mittellangen Abgang und erinnert daran, dass 2012 vermutlich wirklich der beste Jahrgang in den letzen 5 Jahren war.

Später-Veit RieslingSpäter-Veit, Piesporter Goldtröpfchen Spätlese tr. Reserve, 2011, Mosel. In der Nase viel reife Aprikose, Aloe Vera und etwas Hefe. Bis auf diese leicht cremige Note ist das eine ganz klassische Riesling-Nase ohne Firlefanz. Am Gaumen körperreich, sehr viel süße Frucht, mürber Apfel und Aprikose, die Säure ist präsent aber reif, gibt Struktur und lässt keinen Zweifel aufkommen, dass es sich um Riesling handelt, ist aber nicht beißend, eigentlich noch nicht einmal kräftig zu nennen; die völlige Abwesenheit von Zucker passt jedoch perfekt zu dieser Säure, so dass die süße (zuckerfreie) Frucht mit der reifen Säure ein perfektes Spiel produziert. Meine (sehr viel) bessere Hälfte, die Moselrieslinge nur in feinherb oder süßer trinkt, ist begeistert. Mineralik/Phenolik ist zwar spürbar, die häufig in solchen Rieslingen zu findende beißende Schiefermineralik verschwindet aber unter dem Hefelager wie unter einer dicken Daunendecke – aber das ist nicht schlechter, sonder nur anders als beim klassischen Moselriesling, denn Tiefe, Würze und Intensität sind die drei Komponenten dieser Daunendecke. Sehr langer Abgang, sehr großes Vergnügen bei unauffälligen 12,5% Alkohol.

Ausflug an die Mosel (2): Steffen-Prüm

Steffen-Pruem

In Vorbereitung meines Moselausflugs hatte ich mir wie beschrieben eine Liste von Gütern zusammengestellt, die ich erstmalig besuchen wollte. Zu diesem Zweck hatte ich auch im Freundeskreis nach jüngsten Entdeckungen gefragt. Aus diesem kam der Tipp für meine zweite Station. Enge Freunde von mir haben vor einigen Jahren ihre Sachen gepackt und sind mit Kind und Kegel nach Zeltingen gezogen – von Hamburg aus, was mir bewies, dass es Menschen gibt, die noch viel weinverrückter sind als ich. Diese schlugen das Weingut Steffen-Prüm in Maring-Noviand vor, nahmen Kontakt zum Junior Benedikt Steffen auf und arrangierten den Besuch.

So richtig wohl war mir nicht in meiner Haut, als wir uns dann im Weingut Steffen-Prüm zur Probe einfanden. Das hatte aber weder mit den Weinen, noch mit dem sympathischen Gastgeber zu tun. Es war die Uhrzeit. An einem Sonntag um 18.00 Uhr einen frisch gebackenen Vater von der Familie fernzuhalten – man könnte denken, Weinbloggern ist nichts peinlich. Doch der Winzer hatte den Termin selbst vorgeschlagen. Unter der Woche arbeitet er drei Tage in der Logistik im Weingut Egon Müller und da muss für das eigene Weingut eben das Wochenende herhalten. Trotzdem beeilten wir uns ein wenig, probierten nur, was wir auch potentiell auf den Einkaufszettel heben wollten und ließen die edelsüßen Rieslinge aus.

Dreieinhalb Hektar bewirtschaftet Familie Steffen überwiegend in Maringer Lagen. Parzellen im Lieser Niederberg Helden und dem Erdener Treppchen werten das Portfolio auf. Doch auch aus Maringer Honigberg, Rosenlay und Sonnenuhr lassen sich sehr gute Rieslinge keltern, wie ich lernen sollte. Das Regiment im Weingut führt Vater Gerd Steffen, Sohn Benedikt hat bei vielem – aber wohl längst noch nicht allem – die Finger im Spiel. Es kann Einbildung sein, doch ich gewann den Eindruck, dass es eine gewisse stilistische Divergenz im Portfolio gibt. Das und die Tatsache, dass unser Gastgeber kaum verhehlen konnte, dass er einige Ideen hat, die er aus ungenannten Gründen nicht umsetzt, ließen in mir die Vermutung aufkeimen, dass es Weingüter gibt, in denen der Generationenwechsel reibungsloser verläuft. Egal, werfen wir fünf Euro ins Phrasenschwein und halten fest: letzten Endes zählt die Qualität im Glas und die war teils erstaunlich.

Den Anfang machte ein tadelloser Gutsriesling. Das klingt harmloser als es ist, denn beim BerlinGutsrieslingCup Anfang des Jahres durfte ich lernen, dass 2013 ein Jahrgang ist, in dem das Erzeugen überhaupt trinkbarer Gutsrieslinge eine Aufgabe war, an der etliche renommierte Betriebe gescheitert sind. Vor diesem Hintergrund ist der Gutsriesling große Klasse – und spottbillig ist er sowieso. Die ‚Grauschiefer’ genannte lagenlose, trockene Spätlese legte eine Schippe drauf. Sie war dichter, aromatisch komplexer, in der Säure allerdings auch aggressiver. Trotzdem kratzt sie die Kurve, erweckt den Eindruck, dass sie die nötigen Reserven hat um in drei Jahren einen harmonischen Trinkgenuss zu liefern und dann viele Jahre durchzuhalten, weil die Säure milder als in 2010 ist, das Extrakt spürbarer und Familie Steffen darauf verzichtete, für frühes Pläsier eine Extraportion Zucker stehen zu lassen. Trocken heißt bei Steffen-Prüm geschmacklich wirklich trocken, auch wenn das 2013 ein Risiko darstellt. Die Weine sprechen die Sprache des Jahrgangs, ohne sich dabei im Ton zu vergreifen. Es gibt viel bessere Betriebe an der Mosel, die das dieses Jahr nicht hingekriegt haben. Auch die anderen Süßegrade beherrschen die Steffens: der fruchtsüße Kabinett aus der Rosenlay und die feinherbe Spätlese aus der Sonnenuhr sind unbedingt probierenswert.

Die Versuchung ist groß, sich von der Begeisterung über den Fund eines Newcomers davontragen zu lassen. Social Media heißt häufig auch, je lauter, desto besser und manchmal scheint der Autor wichtiger als der Winzer und das Produkt, über das er schreibt. Ein wenig will ich also auf die Euphoriebremse treten. Was bei Steffen-Prüm eine Spätlese ist, verkaufen die berühmten Nachbarn in Brauneberg als Ortswein (allerdings immer noch zum doppelten Preis). Nicht alle Weine haben mich so begeistert, dass ich sie kaufen musste. Und die Verleihung einer ‚Traube‘ im letzten Gault-Millau zeigt, dass schon andere vor mir gemerkt haben, welch positive Entwicklung der Betrieb zeigt. Aber wer ein Weingut sucht, das heute noch Müller-Thurgau, Dornfelder, Rotling und Regent auf der Weinliste hat, einfache Käuferschichten mit sehr günstigen Weinen bedient und sich gerade auf die Reise hin zu einem gehobenen Rieslingerzeuger macht, der sollte sich beim Weingut Steffen-Prüm auf die Zuschauertribüne setzen und diese spannende Entwicklung begleiten. Da kommt noch was, da glaube ich fest dran.

Steffen-Pruem-GutsrieslingSteffen-Prüm, Gutsriesling, 2013, Mosel. In der Nase eher verhalten, Riesling auf der fruchtigen Seite mit Grapefruit und Aprikose. Am Gaumen mittlerer Druck, für einen Gutsriesling recht voll, saftig, mit knackiger Säure aber auch ein ganz bisschen cremig. Aromatisch ist der Riesling am Gaumen voll im Soll: Aprikose, grüner Apfel, leicht würzig, mit schöner Frucht aber ohne Zuckerschwänzchen, ein paar Gerb- und Bitterstoffe sorgen für die nötige Stoffigkeit, die die Säure im Zaum hält. Die knackige Säure leugnet den Jahrgang nicht, bewegt sich aber im vertretbaren Rahmen, da sie nicht aggressiv ist. Der Wein hat hat etwas, was vielen 2013ern abgeht: jeder Schluck macht Lust auf den nächsten. Der Abgang ist mittellang, der Alkohol unauffällig. Das ist Easy Drinking mit Herkunft für kleines Geld aus einem Jahr, in dem das gar nicht leicht zu produzieren war.