Nachwuchsförderung

Schneider_Spätburgunder_A

Ich bin seit einiger Zeit als Ausbilder unterwegs, das erwähnte ich schon gelegentlich. Die Webweinschule ist mein Projekt für Anfänger und deswegen spielt es im Schnutentunker nur eine untergeordnete Rolle – meine Leser kennen sich allesamt mit Wein sehr gut aus. Also stelle ich hier nicht jede neue Folge vor, sondern belasse es bei ein paar Links. Nun habe ich im Rahmen der Weinschule allerdings ein kleines Projekt fertig gestellt, dass ich meinen Leser unbedingt präsentieren will. Ich habe ein Buch geschrieben, ein Weinbuch.

Da ich für die Webweinschule ein didaktisches Konzept erdenken musste, welches sich vor allem mit der Frage beschäftigt, ab wann es zu detailliert und damit für Einsteiger langweilig wird, stand ich am Ende der Planungen für den 30-teiligen Videokurs mit einer Menge ungenutztem Material da. Also schrieb ich Begleittexte für die Videos. Die waren auch noch zu lang und ich kürzte sie vor Veröffentlichung entsprechend. Und so beschloss ich, mein Material dreifach zu sortieren: Kurz und unterhaltsam als Videos, etwas ausführlicher und unterhaltsam als Begleittexte für die Webseite der Weinschule sowie ausführlich und unterhaltsam als E-Book. Sie merken: es ist mir wichtig zu betonen, dass ich meine Inhalte für unterhaltsam halte. Auch das Buch ‚Weinschule 2.0 – Der Weinkurs für Menschen mit eigenem Geschmack‘ richtet sich an Leser, die sich dem Wein erstmalig widmen, bringt meinen Lesern also vermutlich wenig neue Erkenntnisse.  Sehen Sie mir nach, dass ich meinem Autorenstolz trotzdem in diesem Blog Ausdruck verleihe.

Weinbuch für Anfänger – empfohlen von Experten?

Und natürlich habe ich ein Attentat auf Sie vor. Als Weinexperten dienen Sie doch sicher ihrem halben Freundeskreis als Ratgeber in vinophilen Fragen. Wenn also mal wieder einer nicht nur nachfragt, welchen Wein er denn zu seinem geplanten Festessen einkaufen soll, sondern Ratschläge erfragt, wie er es zum Weinkenner bringt, dann denken Sie an mich. Empfehlen Sie den eher visuell veranlagten meine Webweinschule und den Leseratten das E-Book ‚Weinschule 2.0‘. Mein Dank ist Ihnen gewiss.

Und weil ein Teil meiner Leser selber bloggt, will ich kurz auf die technische Entstehungsgeschichte von ‚Weinschule 2.0‘ eingehen. Seit kurzem existiert das Startup YOUPublish aus Stuttgart. Es betreibt eine technische Plattform, die Autoren gestattet ein E-Book online zu erstellen. Das klingt erst mal mühsam und ist es wohl auch für diejenigen, die Ihre Inhalte komplett neu schreiben. Wer jedoch ein Blog oder eine Webseite auf der beliebten WordPress-Plattform betreibt und seine Online-Inhalte als Ausgangspunkt für ein E-Book nehmen will, der sollte sich YOUPublish einmal anschauen. Die Stuttgarter ermöglichen den einfachen Import von Daten, kapitelweise Bearbeitung und eine Drag-and-Drop-Komposition von E-Books. Dazu bieten Sie eine Vertriebsplattform und in Kooperation mit anderen Unternehmen der Szene auch das Rundum-Sorglos-Paket zur Buchvermarktung. Dabei ist der Autor nicht verpflichtet, alle Aspekte seines Autorengeschäfts auf YOUPublish zu übertragen, kann also das für sich optimale Verhältnis von eigener Arbeit und Outsourcing wählen. Gefeiert habe ich meinen neuen Autorenstatus natürlich auch, wie immer eher mit einem spannenden als mit einem teuren Wein. Mir war nach Spätburgunder. Er entpuppte sich als ein Vertreter seiner Gattung, über den man viel erzählen kann. Wer nicht weiß, wie das geht, es aber lernen möchte, für den hätte ich da einen Literaturtipp …

R&C Schneider, SpätburgundWeinschule 2.0 Das Weinbuch der Webweinschule,er *** ‚ A‘, 2005 Baden. In der Nase und am Gaumen zeigt der Wein viel Frucht, satt Kirsche, etwas Himbeere und auch etwas Erdbeere. Nun kann man abwinken und sagen: ‚Erdbeere? das klingt nach typischer Deutschweinnote‘. Ich empfand es hier aber nicht so (und ganz nebenbei, der erdbeerigste Spätburgunder meines Lebens kam aus Kalifornien). Dazu zeigt er in der Nase Röstnoten und dezent Vanille. Am Gaumen dominiert die beschriebene süße Frucht, dazu kommt spürbar Holz. Das ultraseidige Tannin ist kein bisschen adstringierend, sorgt für Eleganz. Das Geschmacksbild ist dank kräftiger Säure eher saftig. Die Frucht dürfte auch Weintrinker glücklich machen, denen Pinot oft zu dünn ist. Der Alkohol ist unauffällig (13%), was dem Wein zu weiterer Eleganz verhilft. Wenn ich an mein Erlebnis mit dem zu früh genossenen 2004er gleichen Typs denke, wage ich die Prognose, der war jung vermutlich extrem sperrig. Jetzt ist das ein echter Glücklichmacher.

Das E-Book ‘Weinschule 2.0′ ist bei YOUPublish und Amazon erhältlich, iTunes und Co. folgen in Kürze.

Geschwätziger Wein

Grand Enclos Graves

Ich habe Wein getrunken, mit netten Menschen an einem schönen Ort. Nein, kein Bloggerprivileg, einfach ein Treffen unter Freunden in der Cordobar. Über die wird derzeit viel geschrieben, deswegen hier nur: nichts davon ist übertrieben. Mein Freund Michael war in der Stadt. Der ist Weinagent. Keine Spionage, er sorgt dafür, dass seine Klienten – internationale Weingüter – in Deutschland bei guten Händlern und in der besseren Gastronomie vertreten sind. Nun war er mit Francis unterwegs, dem Vertriebsleiter von Chateau de Cérons. Die Reise führte nach Berlin und das nutzten wir zur Zusammenkunft mit einem Teil der Runde, die auch Blaufränkisch und Lemberger bei mir verkostet hatte.

Wir tranken Weine aus dem Offen-Ausschank. Aber Vertriebsleiter können nicht aus ihrer Haut. Francis hatte einen Wein dabei. Den tranken wir auch – einfach so, keine Werbeveranstaltung, kein Vortrag. Es war der Grand Enclos du Chateau de Cerons 2012, ein Weißwein aus Graves. Francis musste gar nichts über den Wein erzählen, das besorgte der Grand Enclos ganz allein. Selten habe ich einen Wein im Glas gehabt, der so deutlich seine Machart verriet. Dachte ich zumindest, sicher war ich nicht, sollte man sich bei Wein sowieso nie sein. Aber Francis war ja da und so konnte ich fragen. Der Wein sprach die Wahrheit. Was er erzählte war Folgendes: Ich bin eine Cuvée aus zwei Weinen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und ich habe die Eigenschaften beider Weine bei der Vermählung zur Cuvée erhalten können. Sie mischen sich nicht, sie stehen gleichberechtigt nebeneinander und erzeugen eine Spannung im Mund, die enorm faszinierend ist.

Grand Enclos ist eine Cuvée aus Sémillon und Sauvignon Blanc. Der Sémillon kann ein richtig öliges Schwergewicht werden, wenn man ihn im Holz vergärt, im Holz reifen lässt und dabei möglichst noch die Hefe aufrührt. Dann wird er unter Umständen so buttrig, dass man den Eindruck bekommt: ‚Den muss ich mit einem Schnaps runterspülen‘. Sauvignon kann alles, den kann man unter anderem vollständig auf knackige Säure, Frische und quietschbunte Frucht trimmen. Und Francis bestätigte: genau das war hier passiert. Ein spät gelesener reifer Sémillon durchlief die volle Butter-Schule: Im Holzfass vergoren, in kleines, teils neues Holz umgezogen, 10 Monate gelagert und dabei die Hefe aufgerührt. Der Sauvignon Blanc wurde früh gelesen (aber nicht so früh, dass er grasig schmeckt), kam mit knackiger Säure in den Keller, stand eine Weile gut gekühlt auf der Maische und zog dann zur Gärung in Stahltanks um. Die Reinzuchtgärung fand bei tiefen Temperaturen statt und das Ergebnis war ein maximalfruchtiger und aromatischer Sauvignon Blanc. Die Geschichte klang für mich so, als hätte ich keinen der beiden Cuvée-Partner für sich genommen gerne im Glas.

Das Ergebnis der Mischung ungefähr gleich großer Teile Sémillon und Sauvignon ergibt einen Wein, wie ich ihn aus Deutschland nicht kenne. Das mag daran liegen, dass wir keinen Sémillon in unserem Rebsortenportfolio haben. Doch mit Chardonnay und Riesling müsste man das auch hinkriegen. Aber wer Chardonnay und Riesling cuvetiert, riskiert hierzulande vermutlich die Ausbürgerung. Ich fragte Francis, ob ich eine Flasche davon haben könnte um daheim zu überprüfen, ob meine Begeisterung nicht nur dem schönen Ort und den netten Leuten geschuldet war. Er schickte mir zwei – da war es wieder, das Bloggerprivileg. Zuhause beschäftigte ich mich zwei Tage mit dem 2010er und trank ihn unter anderem zur Pizza, was erstaunlich gut passte. Der 2010er erzählte die gleiche Geschichte wie der 2012er und es stellte sich die gleiche Begeisterung ein.

Grand Enclos GravesChateau de Cérons, Grand Enclos, Weißweincuvée, 2010, Graves. In der Nase am ersten Tag viel Heu und Stroh, ein bisschen Johannis- und Stachelbeere, mit 24 Stunden Luft dann Vanille, deutlicher neues Holz und ein bisschen Birne, erinnert in der Nase dann an einen Silvaner. Am Gaumen buttrig, kleidet den Gaumen aus, als wenn man in eine dick mit Butter bestrichene Stulle beißt. Andererseits zeigt der Wein aber auch Frische, kontrastierende Säure, am ersten Tag frische Frucht, Stachelbeere und Johannisbeere dazu Minze, am zweiten Tag bleibt die Johannisbeere und Minze, es überwiegt aber Haselnuss und andere vom Holzausbau stammende Aromen, die Assoziation von Heu zieht sich durch beide Tage. 13,5 % Alkohol sind spürbar aber angemessen, denn der Wein ist ein ordentliches Kaliber, kein Leichtgewicht. Das Holz hinterlässt deutliche Spuren, die mir (ich hab’ bekanntlich ein Bibergebiss) viel Freude machen. Der Abgang ist extrem lang. Für jemanden, der das nur selten trinkt (zum Beispiel mich) ist das ein Wein, der die ganze Aufmerksamkeit bindet und entweder totale Ablehnung oder tiefe Freude hervorruft. Ich hab mich gefreut – zwei ganze Tage lang.

Unterwegs im Elsass (2)

Der Rangen in Thann

Die Aufgabe von PR ist es, Zusammenhänge, Situationen oder Ereignisse möglichst positiv darzustellen und Themen in den Medien zu platzieren, die ohne PR dort nicht auftauchen würden. Die Aufgabe des Journalismus ist es darauf nicht hereinzufallen. So einfach wäre die Welt, wenn zwischen Schwarz und Weiß nicht noch dieses merkwürdige Grau existierte. Besonders grau wird die Situation, wenn es sich beim Journalismus um solchen zu den Themen Reise, Kochen oder Wein dreht. Denn wo beim politischen Journalismus die Maxime gilt ‚Only bad news are good news‘, der Nutzwert der Berichterstattung also im Aufdecken negativer Tendenzen und dem damit verbundenen Erhalt des Gemeinwohls, der Übernahme der Wächterfunktion und dem Verbraucherschutz liegt, definiert sich Nutzwert bei Genussmagazinen viel profaner: Was sollte man gesehen, gegessen oder getrunken haben und wo kann man dies besonders gut, günstig oder stilvoll tun?

Man stelle sich ein Weinjournal voller Berichte über misslungene Rieslinge, eine Reise-illustrierte mit einer Fotostrecke der skandalösesten Hotelbadezimmer oder einen Hygiene-Report im Feinschmeckermagazin mit dem Titel ‚Die Kakerlakenkatastrophe‘ vor – wer will das lesen, wer würde das kaufen? Nichts gegen gelegentliche Warnungen oder einen wohlgesetzten Verriss, doch gerade beim Wein, der durch und durch Geschmacksache ist, sind Verrisse meiner bescheidenen Erfahrung nach oft durch verletzte Eitelkeit, Neid oder persönliche Ressentiments zwischen Autor und Winzer motiviert, die dem Leser verborgen bleiben. Also schreibe ich im Schnutentunker nur über Weine, die mir gefallen haben und mit denen ich eine Anekdote oder Erkenntnis verbinde, die ich mitteilenswert finde. Dem Investigativen fröne ich nicht. Allerdings vertrete ich auch entschieden die Ansicht, dass man schreiben und veröffentlichen darf, ohne sich Journalist zu nennen oder sein Blog ein Weinmedium.

Nachdem ich und eine Reihe anderer Teilnehmer unsere Reise ins Elsass mit Fotos auf Facebook begleitet hatten, erschien ein für mich befremdlicher Artikel über Blogger bei der VieVinum und Millesimes Alsace beim geschätzten Michael Pleitgen, in dem dieser unter anderem schrieb:

Im Netz hauen überwiegend „Bürger-Reporter“ in die Tasten oder drücken auf den Auslöser. Deren Beiträge sind für kleines Geld zu bekommen: oft reicht eine Einladung – man fühlt sich geehrt, dabei sein zu dürfen. Als Maximal-Investition tut es ein Ticket oder eine Gratis-Übernachtung. Dafür gibt es dann reichlich Coverage – meist in schnelllebigen Kanälen wie Facebook oder Twitter. Inhalte: man freut sich, bekannte Namen und Etiketten wieder zu sehen, gut zu essen und zu trinken, zu feiern oder einfach wichtig zu sein. Alles menschliche, all zu menschliche Eigenschaften, die dort im Hintergrund wirken.

Das machte mich nachdenklich. Schließlich waren nicht besonders viele Blogger bei der Millesimes Alsace, genau genommen nur zwei und einer davon war ich. Ich tendiere bei Kritik dazu, mich erst mal an die eigene Nase zu fassen. Doch als ich weiter las

Trennung von PR / Werbung und Inhalt? So gut wie bei keinem Weinblogger oder Facebook-Autor findet sich ein Hinweis, von wem er unentgeltlich Waren oder Dienstleistungen zur Verfügung gestellt bekommt.

entstand so etwas wie eine Trotzreaktion. Leider mahnt da einer den Verfall der Sitten ab, ohne ein einziges konkretes Beispiel zu nennen, was den Niedergang des Journalismus treffend dokumentiert, freilich auf eine etwas andere Art als vom Autoren beabsichtigt. Gibt es die vom Berliner Weinakademiker behaupteten Verstöße gegen das Gebot der Offenlegung in Weinblogs? Ich bat um ein Beispiel. Ich warte bis heute.

Dass ich im Elsass war und wer das bezahlt hat, schilderte ich bereits im letzten Artikel. Für den zweiten Teil hatte ich ein paar Tipps angekündigt. Solche Auflistungen von kommenden Stars leiten wir Bürger-Reporter meist mit Phrasen wie ‚Es herrscht Aufbruchstimmung‘ oder ‚Das Gebiet erwacht aus dem Dornröschenschlaf‘ ein. Allein, das ist eine Binse. Winzer sind Menschen, Menschen werden alt, gehen in Rente oder sterben. Dann kommt die nächste Generation, übernimmt und macht oftmals Dinge anders. Also ist überall wo Winzer werkeln auch Aufbruch. Im Elsass existieren allerdings viele Nachwuchswinzer, die gar nichts ändern. Das Gebiet könnte innovativer sein. Das ergab ein Rundgang über die Messe, ein investigativer Rundgang sozusagen. Die anschließenden Exkursionen führten zu Innovationstreibern. Das hatte die PR-Agentur eingefädelt. Aber eine Reise zu den Schnarchnasen des Gebietes will keiner machen – und niemand drüber lesen.

Domaine Leon Boesch

Die Winzer vor ihrer selbstgeflochtenen Strohtür

Die erste Station war das Weingut Leon Boesch. Die Domaine wird von Sohn Matthieu Boesch und seiner Frau geführt, die Eltern sind noch unterstützend an Bord. Die Boeschs haben sich ganz der Biodynamik verschrieben, ein neues Kelterhaus mit biodynamischem Grundriss gebaut und für dieses eigenhändig Strohtüren geflochten. Die Weine sind von großer Klarheit, straffe Rieslinge und vor allem ausnahmslos trocken. Der Haken an den Boeschs: Sie haben keinen Vertrieb in Deutschland. Das ändert sich hoffentlich bald, denn mit Preisen zwischen 12 und 20 Euro repräsentieren sie das bezahlbare Elsass. Zwei Pinots haben die Boeschs ebenfalls im Programm, einen kräftigen Spätburgunder ohne Holzeinsatz namens ‚Luss‘, der seine kantige Art der Tatsache verdankt, dass er teils mit Rappen vergoren ist und einen ‚Vogel‘ genannten, unfiltriert und ungeschwefelt abgefüllten Spätburgunder der Extraklasse, der vollkommen aus Frucht zu bestehen scheint.

Der Keller der Boeschs

Großes Holzfass – ganz großes Holzfass!

Boesch liefert damit auch die beiden wichtigsten Stichworte, über die der elsassreisende Bürger-Reporter sprechen muss, wenn er einen guten Job machen will: Die aufstrebenden Ausnahmen gruppieren sich um die beiden weltweit trendigen Themen: Umstellung auf Biodynamik – das Elsass hat mit die höchste Dichte an Biodyn-Betrieben und ständig werden es mehr – und Experimente mit ungeschwefelten Weinen – ob Cremant (beispielsweise ein hervorragender Clos Liebenberg Rosé von Valentin Zusslin) oder Spätburgunder (von Clement Lissner oder der Rittersberg von Jean-Paul Schmitt, der eine tolle Kollektion auf der Messe zeigte).

Das zweite besuchte Weingut war die Domaine Barmès-Buecher, ebenfalls ein biodynamischer Betrieb. Parallelen zum Weingut Franzen drängen sich auf, wurde die nächste Generation doch durch den plötzlichen Tod des Winzers in extrem jungen Jahren in die Verantwortung geholt. Mutter Geneviève führte uns durch die Gewölbe und nahm kein Blatt vor den Mund. Das Elsass sei out, Barmès-Buecher habe das Äquivalent von zwei kompletten Jahrgängen im Lager liegen. Man müsse dringend in die Kommunikation investieren. Recht hat sie, denn an der Weinqualität oder den Preisen kann es nicht liegen. Die vollen Lager zu sehen tat mir in der Seele weh, denn wer Wein und das Winzerdasein so lebt, der hätte Erfolg verdient.

Pinot von Barmès-Buecher

Mutig: Pinot Reserve mit fast 7 Gramm Säure – aber großartiger Struktur.

16 Weine bekamen wir zu kosten, darunter auch der ein oder andere halbtrockene Grauburgunder, mit dem ich, wie in Teil 1 erwähnt, nichts anfangen kann. Der Start war grandios: ein Zero Dosage Cremant der leckersten Art. Dann kam ein Sylvaner von alten Reben traditioneller Machart, den ich blind vermutlich in Franken verortet hätte und der mit 10 Euro in die Kategorie Schnäppchen fiel. Die Lagenrieslinge Clos Sand (18€) Rosenberg (15€), Leimental (17€) und Grand Cru Steingrubler (25€) unterschieden sich aromatisch und strukturell sehr, zeigten nach Aussage unserer Gastgeberin deutlich ihre Herkunft. Das kann ich nicht beurteilen. Beurteilen kann ich, dass sie ausnahmslos Klasse waren und mit Restzuckerwerten zwischen 2 und 5 Gramm richtig trocken. – vier preiswerte Rieslinge der gehobenen Kategorie. Der Grand Cru Hengst (25€) war kurz gesagt eine Granate, den ich sehr gerne mal blind in eine GG Probe schmuggeln würde. Mit 5,2 Gramm Restzucker und 13,5% Alkohol war das ein opulenter Brummer. In vernünftigen Dosen genossen mag ich das sehr.

Da alle obigen nur in homöopathischen Dosen in mein Glas kamen, verzichte ich auf eine ausführliche Verkostungsnotiz eines der Weine. Stattdessen greife ich auf einen zurück über den wir Bürger-Reporter uns doch so freuen: bekannter Name und bekanntes Etikett. Fünf mal hatte ich ihn während der Reise im Glas, mit und ohne (gutes) Essen und zweimal auch mehr als nur einen Probeschluck.

Der Rangen in Thann

Heimat des Clos St. Urban: Der Rangen

Zind-Humbrecht, Riesling ‚Clos St. Urbain’, Grand Cru Rangen de Thann, 2012, Elsass, Frankreich. Intensive, süßliche Nase mit viel überreifer Aprikose, etwas Melone und noch einer Spur Hefe. Am Gaumen voll und wuchtig, sehr lebendige Säure, die angenehm mit der Süße der Frucht, des spürbaren Alkohols (14,1%) und knapp 6 Gramm Restzucker spielt. Noten von Malz machen den Wein am Gaumen etwas mollig, der sehr lange, enorm mineralisch/phenolische Abgang wirkt dann aber so speicheltreibend, dass ich Lust auf den nächsten Schluck bekomme. Die Tiefe des Weines ist beeindruckend, die Jugend deutlich – ich bin sicher, dass der Wein in vielen Jahren seine ganze Klasse zeigen wird.

Damit ich das überprüfen kann, bekam ich am Ende der Reise sogar noch eine Flasche davon geschenkt. Ich hoffe, dass ich in zehn Jahren, wenn ich vielleicht an dieser Stelle wieder darüber berichte, nicht vergesse das zu erwähnen.

Die Zuckerampel

Die neue Zuckerampel auf dem Etikett elsässer Weine

Wäre ich für das Marketing eines Weinbaugebietes verantwortlich und wollte eine Gruppe von ‚Multiplikatoren‘ (wie ich sie als Marketingverantwortlicher nennen würde) davon überzeugen, wie großartig die Weine meines Gebietes sind, ich würde sie in einen Bus setzen, zum schönsten Weinberg meiner Ecke karren, dort von einem weltberühmten Winzer abholen und rundum verwöhnen lassen. Dieser Gedanke kam mir vor knapp drei Wochen, als ich als Teil einer Gruppe Weinblogger und -händler sowie Journalisten und Sommeliers durch den Weinberg ‚Rangen‘ in Thann kraxelte, angeführt von Star-Winzer Olivier Humbrecht vom Weingut Zind-Humbrecht, der uns kurz darauf mit einigen Kollegen die Weine der steilsten und eindrucksvollsten Lage des Elsass’ kredenzte – bei einem Picknick am Fuße der Lage, mit Spezialitäten der Region und alten Jahrgängen bis in die 1980er. Soweit also die Offenlegung: ich war im Elsass, eingeladen, verwöhnt, manipuliert – letzteres vor allem von guten Weinen.

Anlass meiner Reise ins Elsass war die Millésimes Alsace, eine Leistungsschau elsässer Winzer, die alle zwei Jahre in Colmar stattfindet. Dieses Jahr fand Sie parallel zur VieVinum in Wien statt. Das war ein bisschen ungeschickt von den Organisatoren. Wenn es darum geht ein bisschen ungeschickt zu sein, sind die Elsässer versiert. Das hatte der elsässer Weinbaupräsident Rémy Gresser vorletztes Jahr beim Vinocamp 2012 offen angesprochen – und dann großartige Weine gezeigt, weswegen ich diese Reise überhaupt antrat. Ich wollte unbedingt mehr über das Elsass und seine Weine wissen. Jetzt weiß ich mehr – auch über den elsässischen Hang zur Ungeschicklichkeit.

Eigentlich könnte das Elsass so was wie das Mallorca des deutschen Weintrinkers sein, quasi ein vierzehntes Anbaugebiet. Der gemeine Deutsche könnte mit dem Auto hinfahren, käme mit seiner Muttersprache ziemlich weit, hätte besseres Wetter als daheim und müsste auf nix verzichten. Wie der Rentner auf den Ballearen überall sein Schnitzel oder seine Currywurst erhält, hätte der deutsche Schoppenschlotzer hier seinen heimischen Rebsortenmix: Riesling, Grau- und Weißburgunder, Silvaner und ein bisschen Spätburgunder. Und Neues gäbe es auch zu entdecken: Unter den 14 Bodenformationen des Elsass befinden sich auch solche, die in Deutschland eher selten auftreten. Richtig guten Riesling vom Granit kenne ich aus Deutschland gar nicht – was nicht heißt, dass es Ihn nicht gibt, mir fällt allerdings keine bekannte Granitlage ein (der Durbacher Plauelrain vielleicht, obwohl dort der Granit schon sehr stark zu Sand verwittert ist). Die probierten Riesling Grand Crus aus den Lagen Schlossberg oder Winzenberg haben alle ein verbindendes Element, eine Festigkeit die ihnen hervorragend steht. Aber das Elsass ist nicht so etwas wie das Mallorca deutscher Weintrinker. Viele gute Erzeuger haben keinen Importeur für Deutschland. Das Elsass findet hierzulande nicht statt.

Ein Grund könnte sein, dass elsässer Weinetiketten noch verwirrender als deutsche sind. Ich probierte wohl an die zwei Dutzend Weine aus besagtem Schlossberg, einer von 51 elsässischen Grand Crus, und von furztrocken bis pappsüß war alles dabei. Die Rebsorte ist ausgewiesen, die gesetzlichen Bezeichnungen Sec oder Demi Sec finden keine Anwendung. Wo Schlossberg draufsteht kann vieles drin sein auch restsüßer Grauburgunder. Das war für mich eine Begegnung der eher unheimlichen Art: Restsüßer Grauburgunder ist im Elsass populär und gilt als großartiger Essensbegleiter. Ich hab’s zu jedem Essen versucht, ein einziges Mal fand ich es halbwegs gelungen, mit einem Genossenschafts-Pinot-Gris der Cave Jean Geyler. Bei allen anderen hat es mich geschüttelt – auch bei 60 Euro teuren Grand Crus, selbst am Fuße des Rangen. Grauburgunder zeigt häufig ein Aroma, das ich hier im Blog als ‚etwas ordinär‘ bezeichne, Winzer nennen das vornehm ‚erdig‘ und meine Tochter würde wohl Käsefüße sagen (wenn Sie denn Wein probieren dürfte). Trifft dieses Aroma auf hohen Alkohol, Überreife, Spuren von Botrytis und 40 oder mehr Gramm Restzucker, steige ich aus.

Zuckerampel auf dem Etikett

Die neue Zuckerampel auf dem Etikett elsässer WeineÜberhaupt, der Zucker! Es gehört für mich zu den Mysterien der Weinwelt, dass elsässer Weißwein international als trocken gilt, den Deutschen bei ihren Weinen aber immer das ‚Zuckerschwänzchen‘ vorgeworfen wird. Vielleicht die Hälfte dessen, was ich probierte, hatte ‚deutsche‘ Zuckerwerte, also zwischen 4 und 8 Gramm Restzucker, ein Viertel der Weine deutlich mehr. Viele Winzer zeigten mehrere Jahrgänge auf der Weinmesse und mir begegneten manche Weine, die in einem Jahrgang staubtrocken, im nächsten Jahrgang feinherb waren, am Etikett nicht zu erkennen, es steht ja nur ‚Grand Cru‘ drauf. Das krasseste Beispiel waren die Weine von Bruno Hertz, der 2008 einen Riesling mit 2,4 und im nächsten Jahr mit 22 Gramm Restzucker abfüllte – unter der gleichen Bezeichnung! Darauf angesprochen kam vom Winzer lediglich: ‚Jedes Jahr ist anders‘. Ein anderer Winzer zeigte mir eine neue Kennzeichnung. Die Elsässer wollen des Problems jetzt mit Hilfe einer Zuckerampel Herr werden. Auf der Rückseite zeigt eine Skala ganz deutlich, wie das Geschmacksbild des Weines bezüglich Süße aussieht. Das könnte das Problem lösen. Wenn die Berührungsängste dadurch fallen, werden die Konsumenten auch in Deutschland erkennen, wie viel gute Weine im Elsaß gemacht werden. Ein paar Tipps dazu gebe ich im zweiten Teil meines Reiseberichtes. Für heute schließe ich mit dem ‚Jedes Jahr ist anders‘-Winzer.

Grand Cru Rangen de Thann aus dem ElsassBruno Hertz, Riesling ‚Hospices de Strasbourg‘, Grand Cru Rangen de Thann, 2008, Elsass. In der Nase ein sehr reifer Riesling mit etwas Firne, feiner Frucht (Aprikose, Quitte und Melone) und diesem etwas würzigen Rangen-Duft. Am Gaumen sorgt die knackige Säure für viel Frische, die mit  Noten von Malz, überreifen Früchten und würzigen Reifenoten spielt. Das ist enorm elegant und knackig aber eben nicht jugendlich, sondern spannend gereift. Das Spiel aus Süße und Säure ist bemerkenswert, wobei die Süße weder vom Zucker kommt (2,4 Gramm pro Liter, also knochentrocken) noch vom Alkohol (12,6%). Es ist pure, süße Frucht – eine harte Nuss für die Zuckerampel. Sehr langer Abgang, grandioser Wein.

Einen stimmungsvollen Bericht von Reisekamerad Thomas Günther finden Sie hier.

Wein Online Award 2014

Wein Online Award 2014

Noch einmal Vinocamp 2014: die Wine Online Awards. Die Preise für den besten Text und das beste Foto, die oder das der Urheber in frei zugänglichen sozialen (also mit offener Kommentarfunktion und ‚Sharing‘-Möglichkeit versehenen) Medien veröffentlicht hat, erlebten ihre zweite Auflage. Neu hinzugekommen ist dieses Jahr der Preis für das beste ‚Projekt‘ mit gemeinnützigem Charakter.

Ich saß in der Jury für die Vorauswahl. Wir hatten aus den Texten und Bildern zu wählen, die jedermann über die Website des Awards vorschlagen konnte. Tonnen von Einreichungen hatten wir nicht aber es waren doch so viele, dass wir eine echte Wahl hatten. Die von uns favorisierten standen zur Abstimmung unter den Teilnehmern des Vinocamps, der kompetentesten Jury, die man sich für so einen Preis wünschen kann. Ich kürze es ab: von Fotografie verstehe ich nicht viel, deswegen will ich zum Siegerfoto des Weingutes Franzen nur sagen: Es ist bildschön und es berührt mich (genau wie die Weine). Im Artikelkopf ist es zu sehen. Herzlichen Glückwunsch an Angelina und Kilian Franzen (und Dank für die Erlaubnis, das Bild hier zu verwenden).

Beim Thema Text ging es quasi um meine Nachfolge, hatte ich doch die Ehre, die Erstauflage des Awards zu gewinnen. Und mir war schon vor der Abstimmung klar, ich kann mich glücklich schätzen, dass alle nominierten Texte erst dieses Jahr erschienen, ich hätte letztes Jahr nicht gegen sie antreten mögen. Vollkommen unterschiedliche Herangehensweisen zeigten die Autoren: Torsten Goffin mit einem sehr emotionalen Zugang zu einem unvergesslichen Abend, wie ihn vielleicht nur Wein ermöglicht; Chez Matze mit einem unglaublichen Entdeckergeist im für uns entlegensten Winkel der Welt auf der Suche nach der Wahrheit im japanischen Wein; Axel Biesler mit einem poetischen Exkurs zur Frage des Terroirs; Schorsch Huesgen als Gastautor im Blog von Harald Steffens mit einer listigen Persiflage nicht nur für Germanisten sowie Christoph Raffelt mit einem akribischen Zustandsbericht der Champagne von höchstem Nutzwert. Alle hätten es verdient, nur einer konnte Gewinnen: Christoph ist der Sieger.

Und dann war da die neue Kategorie. Projekte mit Fokus auf das Gemeinwohl haben per se einen Preis verdient. Der mit 1500 Euro dotierte Award wird in Zukunft noch oft genug an eine mildtätige Organisation gehen und deswegen traue ich mich zu sagen: Ich bin froh, dass die Erstausgabe nicht an eine solche ging, sondern an eine die für etwas sehr weinspezifisches steht. Gewonnen hat Karlheinz Gierling mit seinem Projekt Weinlagen.info. ‚Charlie’ Gierling hat sich mit einigen Programmierern, die übrigens gar keine Weinfreaks sind, hingesetzt und ein Werkzeug gebaut, mit dem etliche Freiwillige die exakten Grenzen internationaler Weinlagen in Google Maps einzeichnen. Das Projekt stellt zusätzlich eine Schnittstelle bereit mit der jeder, der will, diese Lagen in seine eigenen Anwendungen einbauen kann. Hier finden Sie ein solches Einsatzbeispiel bei riesling.de.

Sieger unter sich: Christoph (links, Kategorie Text) und Charlie (rechts, Projekte & Initiativen)

Sieger unter sich: Christoph (links, Kategorie Text) und Charlie (rechts, Projekte & Initiativen)

Weinlagen.info ist ein Projekt, das nur einen Nutzen bietet: es macht Wein in einer weiteren, sehr abstrakten Dimension erlebbar. Niemand verkauft eine Flasche mehr oder seinen Wein zwei Euro teurer, weil es Weinlagen.info gibt und trotzdem ist die Zahl der Unterstützer auch in Winzerkreisen Legion. Denn die Wein-Community verbindet das Gefühl, dass Wein etwas besonderes ist, mehr als nur das Produkt eines landwirtschaftlichen Prozesses, veredelt mit Marketing-Gedöns zum Zwecke der höchste, schnellste, weiteste zu sein. Wenn man am Umgangston der Freaks verzweifeln und dem Balzen um Deutungshoheit den Mittelfinger zeigen möchte, dann erfährt man durch Weinlagen.info die andere, wohltuende Seite des Weines. Die Standing Ovations bei der Preisvergabe verdeutlichen, dass das jeder begriffen hat. Danke den Organisatoren, dass sie eine Plattform schaffen, die solchen Ideen Würdigung zuteil kommen lässt, Danke den Sponsoren für das Preisgeld, das den Projekten weiterhilft und Danke Charlie für Weinlagen.info.