Ausflug an die Mosel (1)

Essigproduktion bei Steffens-Keß

Ich war an der Mosel, Weingüter besuchen. Das mache ich seit neun Jahren regelmäßig. Dieses Jahr stellte ich die Reise unter ein Motto: ‚Neues und Liegengebliebenes‘. Ich wollte Güter besuchen, die ich schon lange auf dem Zettel aber nie geschafft hatte und ich wollte Neues entdecken. Fünf Weingüter hatten sich entlang dieser Kriterien auf meiner Liste eingefunden. Zwei fielen in die Kategorie ‚längst überfällig‘ eines in die Kategorie ‚selten genanntes Traditionsweingut‘ und zwei waren so etwas wie Geheimtipps. Wenn das jetzt so klingt, als hätte ich mit einem Auge auf mein Blog geschielt, als ich die Ziele zusammenstellte – stimmt; nach all den Jahrgangspräsentationen und Homestories dieses Jahr wollte ich mich mal als Trüffelschwein für meine Leser versuchen. Ich bin fündig geworden.

Mein erstes Ziel war das Bio-Weingut Steffens-Keß in Reil. Harald Steffens ist nicht nur Winzer, er ist auch Bloggerkollege. Seine ‚Bildergeschichten aus dem Weingut‘ zieren seit 5 Jahren die Blogroll meines Blogs und seit drei Jahren kennen wir uns auch persönlich, treffen uns regelmäßig auf dem Barcamp der Online-Weinszene, dem VinoCamp in Geisenheim. Seine Weine kannte ich bis dato gar nicht. Das Weingut beliefert zu 80 Prozent Privatkunden, die eher über die Bio-Schiene kommen; dazu finden sich die Weine in einigen Bio-Märkten wie der LPG in Berlin. Auf klassischen Weinmessen ist das Gut nicht vertreten und in der Szene der Weinfreaks tauchen die Rieslinge nicht auf – vielleicht weil sie mit Preisen von 6,70 bis 10,40 Euro einfach zu günstig sind, um bei denen ernstgenommen zu werden.

Über Harald und sein Weingut weiß man vieles, denn die ‚Bildergeschichten‘ bieten einen interessanten Blick hinter die Kulissen eines Bio-Betriebes. Einige Berühmtheit erlangte sein Hochwasservideo 2011, seine Essigproduktion und der ‚Mosto Cotto’, ein Traubenmostkonzentrat für die feine Küche, genießen ebenfalls Anerkennung. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass Harald extrem auf die Gärnebenprodukte von Weinen aus Spontangärung reagiert – mit heftigen Kopfschmerzen. Zu beobachten ist das regelmäßig auf dem VinoCamp, wo naturgemäß viele Freakweine auf den Tisch kommen. Harald drückt sich vor keiner Probe und man kann ihm dabei zusehen, wie ihm der Schädel zu Brummen anfängt. Als ich ihn im Juni fragte, wie er denn als Biowinzer damit zurecht käme, klärte er mich auf: Bioweine sind nicht zwangsweise spontan vergoren. Im Weingut Steffens-Keß wird entsprechend ausschließlich mit Reinzuchthefen gearbeitet. Das verstärkte meine Neugier auf die Weine und für mich war klar, mein nächster Moseltrip führt mich zu Harald.

Das Weingut Steffens-Keß wirtschaftet seit über 30 Jahren ökologisch, ist Gründungsmitglied von EcoVin, für die Harald auch dem Regionalverband Mosel-Saar-Ahr vorsteht. Den Keller verantwortet der Winzer selbst, im Weinberg helfen Saisonkräfte – ein typischer Familienbetrieb eben. Begütert sind Harald Steffens und Marita Keß in der Reiler Goldlay, dem Burger Wendelstück und dem Burger Hahnenschrittchen, alles keine Hänge von Weltruf aber klassische Schiefer-Steillagen. Die Abwesenheit von international bekannten Spitzenbetrieben im Dorf – Melsheimer ist vermutlich der bekannteste Reiler Betrieb – trägt dazu bei, dass Mosel-Weinfreak-Tourer auf dem Weg von Pünderich nach Enkirch Reil gerne rechts liegen lassen. Dabei ist das Weingut ein unbedingt lohnenswertes Ziel – nicht nur wegen der extrem schmucken Hofanlage.

Reinzuchthefen unterschiedlicher Gärstärke

Steffens hat sich auf die Fahne geschrieben mit dem Mythos aufzuräumen, dass Wein dadurch entsteht, dass man Trauben auspresst und den Saft drei Monate in eine Ecke stellt. Wie sein Winzerblogger-Kollege Bernhard Fiedler ist er Verfechter des ‚gläsernen Weins‘, macht aus den einzelnen Behandlungsschritten seiner Weine kein Geheimnis und war auch der erste Winzer, der einfach mal seine Reinzuchthefen auf den Tisch stellt und erklärt, welche wann zum Einsatz kommt und wie sie sich auf das Produkt auswirken – Fotogenehmigung inklusive. Ein Besuch bei Harald ist der garantiert winzerlateinfreie Vormittag, den man sich als Kunde so sehr wünscht – und den man so selten erleben darf.

Der Jahrgang 2013 erbrachte auch an der Mittelmosel Mini-Ernten, daher probierten wir nur wenige 2013er; der Großteil ist ausverkauft. Aus 2011 und 2012 gab es noch Restmengen und so konnte ich mir ein Bild über Teile von drei Jahrgängen machen. Allen Weinen des Weingutes Steffens-Keß ist eine große Klarheit gemein. Mag sich der Bio-Winzer im Weinberg selbst verwirklichen, im Keller stellt er eindeutig den Konsumenten in den Mittelpunkt: die Weine sind unkompliziert im besten Sinne. Frucht, Säure, Frische (auch bei den leicht gereiften 2011ern) sind die wichtigsten Eigenschaften der Rieslinge. Sie wollen getrunken werden, saufen geht auch, analysieren muss hingegen nicht sein. Auch als Weinblogger mit Lust auf Experimente und ausgefallene Weine kann ich diesem Ansatz etwas abgewinnen, denn einfach zu verstehen und banal sind zwei verschiedene Dinge, die nur durch die Ideologie-Brille zu einer Einheit verschwimmen.

Burger Hahnenschrittchen Riesling trocken von Steffens-KeßSteffens-Keß, Burger Hahnenschrittchen, Riesling trocken, 2012, Mosel. In der Nase ein ganz klassischer Riesling mit Apfel, Aprikose und etwas Hefe. Am Gaumen richtig trocken, mit pikanter Säure, wiederum viel Frucht, die aber ohne Zuckerschwänzchen daherkommt. Der Wein zeigt mittleres Volumen, ist saftig, leicht, klar und nicht besonders druckvoll – wie man es von einem Wein dieser Gewichts- und Preisklasse (€6,70) erwartet. 11,5 Volumenprozent sorgen für reueloses Vergnügen. Der Abgang ist verhältnismäßig lang, leicht mineralisch/phenolisch und fruchtig. Wenn ich das Erlebnis mit einem einfachen Wort zusammenfassen sollte, würde ich mich bei diesem Wein nicht für ‚lecker‘ entscheiden, sonder für ‚angenehm‘ – wenn Sie wissen, was ich meine.

Harald gab mir auch ein kleines Interview zum Thema Bio-Wein. Zu hören ist es in meiner Sendung auf kochblogradio.de heute um 18.00 Uhr und Sonntag zur gleichen Zeit in der Wiederholung.

Du da, im Radio …

Kochblogradio.de

Es gibt ein neues Webradio, das sich ganz dem Genuss verschrieben hat. kochblogradio.de heißt der nichtkommerzielle Sender des Nürnbergers Tim Farber. Tim ist Foodblogger, sein Blog heißt L’art de gourmet, und hat lange Jahre beim Privatradio gearbeitet. Da lag es nahe, die Erfahrung und das Hobby zu einem neuen Projekt zusammenzuführen.

Kochblogradio.de‚Genuss PUR‘ lautet das Motto von kochblogradio.de und zum vollendeten Genus gehört Wein, so zumindest meine Meinung (und vermutlich auch Ihre, warum lesen Sie sonst ein Weinblog?) – und da komme ich ins Spiel. ‚Der Schnutentunker‘ wird multimedial, ab sofort produziere ich die Radiosendung zum Blog. Die Generalprobe war diesen Montag. Sie ist vernünftig gelaufen, also traue ich mich an die Öffentlichkeit. Immer Montags um 18.00 Uhr dreht es sich bei kochblogradio.de nunmehr um Wein.

Eines der festen Themen in jeder Sendung wird ein von mir ausgesuchter (und live getrunkener) Wein sein. Den Anfang macht ein ganz einfacher Rosé aus der Kategorie ‚Lecker‘. Der kostet 6 Euro und hat nichts, was den durchschnittlichen Hörer eines Genussradios abschrecken könnte. Wer wissen will, warum er mir gefällt und was es sonst mit dem Wein und meiner Sendung auf sich hat, die Show vom Montag wird wiederholt: am Donnerstag, Samstag und Sonntag dieser Woche jeweils um 14.00 Uhr sowie Sonntag Abend um 18.00 Uhr . Hören Sie doch mal rein.

Riesling hawaiianisch

Featured Image Fürst

‚Ihr müsstet mehr über die Kombination von Wein und Speisen schreiben‘, höre ich immer wieder, wenn ich als Weinblogger auf die Kollegen Koch- und Foodblogger treffe. Nur Wein sei langweilig und sehr für Freaks, die Kombination von Wein mit passenden Speisen und umgekehrt sei hingegen ein Massenthema. ‚Das wollt Ihr nicht wirklich‘, entgegne ich meist, ‚so viel Riesling könnt Ihr gar nicht trinken.‘

Hintergrund ist, dass deutsche Weinfreaks sowieso alles mit Riesling begleiten. Analog zu Godwins Gesetz – jener Regel, die besagt, dass mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion die Wahrscheinlichkeit, dass jemand einen Nazi-Vergleich oder Hitler ins Spiel bringt, gegen 100% tendiere – darf man auch eine Weinregel – gestatten Sie mir den Insiderwitz sie das Heroldsche Prinzip zu nennen – formulieren, dass auf eine im Internet platzierte Frage nach der idealen Weinbegleitung zu einer Speise in den ersten fünf Kommentaren mindestens ein Mal Riesling empfohlen wird, völlig unabhängig davon, was es zu essen gibt.

Junger Riesling in den Ausprägungen trocken bis feinherb sowie gereifter in feinherb oder süß (nur selten trocken/reif oder jung/süß) halten Hardcore-Rieslingtrinker für universell einsetzbar, selbst zu Gulasch oder Sauerbraten. Ich bin zwar Ersteres (Hardcore-Rieslingtrinker, nicht Gulasch), zweifele aber an Letzterem. Irgendwann vor sieben oder acht Jahren saß ich bei einem kommentierten Winzerdinner des Weingutes Max Ferd. Richter am Tisch des Winzerehepaares, als es gereiften Riesling zum Filetsteak gab. Es war okay, nicht mehr. Als ehrlicher Mensch murmelte ich leicht verlegen, diese Kombination zeige für mich doch die Grenzen der Kombinierbarkeit von Riesling auf. Der Winzer nickte verstohlen zustimmend, seine Gattin sprach es deutlich aus: ‚Zuhause würden wir dazu auch einen Rotwein trinken‘. Es wurde ein langer und sehr netter Abend.

Das vorweggeschickt darf ich von der Ausnahme berichten. Vor ein paar Wochen erwartete ich Gäste zu einem sommerlichen Abendessen. Ich hatte mich für ein etwas raffinierteres Grillgericht entschieden, einen hawaiianischen Braten mit Orangensauce. Das Rezept verlangt eigentlich nach dem Pastorenstück, welches ich aber aus der Not heraus durch ein größeres Stück Huftsteak ersetzte. Dieses gilt es mit einer Marinade aus frischem Ingwer, Olivenöl, Knoblauch, Zucker, Salz und asiatischer Chili-Knoblauch-Sauce zu bestreichen, ziehen zu lassen und dann im ganzen medium zu grillen. Die zugehörige Sauce besteht aus Orangensaftkonzentrat, Apfelessig und Sojasauce, die gemeinsam mit etwas Zucker noch um ein Drittel einreduziert gehört. Das klang sehr lecker – aber auch nach zwei großen Problemen. Für meinen Gaumen sind Ingwer, Chili und Sojasauce die natürlichen Feinde des Rotweins (übertrumpft höchstens von Senf), doppelt konzentrierter Orangensaft und vor allem Essig machen aber noch mehr Ärger, sie schlagen jeden Wein in die Flucht.

Christina Fischer hatte uns beim VinoCamp den Tipp gegeben, dass Gerichte mit Essig manchmal doch zu Wein passen, nämlich dann, wenn dieser weiß und schon etwas müde sei – dann könne die Speise zu einer Frischzellenkur für den Wein werden. Allein, mein Vorrat an müden Weinen ist nicht existent. Und dann fiel es mir wieder ein. Mein Freund Charlie (der mit den Weinlagen) hatte mir vor kurzem ein Mitbringsel mit den Worten überreicht: ‚Schau mal, ob der noch was ist, sonst machst Du Essig draus‘ (wir pflegen einen zwanglosen Umgang). Es war ein fruchtsüßer Riesling Kabinett von 1971 aus dem Winkeler Jesuitengarten vom Weingut Schloss Schönborn. Ich hatte somit genau eine Kugel im Lauf. Dazu erwartete ich Gäste, die sich nicht viel aus Wein machen. Also zog ich vorsichtshalber noch einen leichten Rotwein auf, einen Frühburgunder von Fürst aus dem Jahr 2005. Den Kabinett stellte ich kalt und öffnete ihn erst ein paar Minuten vor dem Essen.

Wer jemals versucht hat erst den optimalen Garpunkt seines Grillgutes zu erwischen und dieses dann fernab der Küche auf der Terrasse dünn aufzuschneiden und noch warm an die Gäste zu bringen, der weiß, nach diesem Kraftakt geht es nur noch ums Essen, der Wein ist dann Nebensache. Doch diesmal war es anders. Beim ersten Schluck war die Strapaze für mich vergessen, denn erstens war der Kabinett sehr gut – nicht ‚erstaunlich trinkbar für einen 43 Jahre alten Wein‘, sondern ‚Wow, vielleicht war der nie besser als heute‘. Und zweitens passte er zum Essen wie die Faust aufs Auge. Das sah nicht nur ich so. Auch die Gelegenheitsweintrinker, die bei der Ankündigung eines 71er restsüßen Rieslings vorsichtshalber ihre Wassergläser randvoll geschüttet hatten, vergaßen ihre guten Manieren und lobten mit vollen Mündern, kauend und schmatzend den Wein und die Kombination. Der Frühburgunder wurde nicht mal probiert.

Eine Verkostungsnotiz zu einem 43 Jahre alten Wein ist eine sinnlose Sache, erst recht, wenn er mit Kork verschlossen ist, denn jedes Exemplar schmeckt dann unterschiedlich. Eine Verkostungsnotiz zu einem Wein, der zu einem stark gewürzten Essen getrunken wird, ist ebenfalls wertlos. Außerdem hatte ich gar keine Zeit und als guter Gastgeber habe ich mir auch keinen Schluck für später auf die Seite geschafft. Meine Gäste durften den Wein im Eiltempo niedermachen und das taten sie auch. Da es hier aber immer eine Kostnotiz geben soll, hielt ich mich an den Frühburgunder. Da blieb mehr als genug übrig, sogar noch für den nächsten Tag.

FürstFürst, Frühburgunder Centgrafenberg, 2005, Franken. Am ersten Tag sehr röstig, am zweiten perfekt balanciert. In der Nase etwas Tee, Schuhcreme, Blut, rote und schwarze Beeren, Zigarrenkiste und leichte Reifenoten. Am Gaumen präsentierte er Aromen von Rauch, Kirsche und Himbeere, ganz viel süße Frucht und eine kräftige Säure, was ihn sehr saftig machte. Der Frühburgunder zeigte rebsortentypisch nur mittleres Volumen aber reichlich Druck, der aber nicht vom Alkohol stammt: 13,5% sind genau richtig. Dezentes Holz und eine spürbare Mineralik/Phenolik sorgen für eine tolle Struktur, der Abgang ist extrem lang und von süßer Frucht getragen. Großartig (nur nicht zu Ingwer, Chili, Essig oder Sojasauce).

Wer mich besucht, darf mir ab sofort gerne müden Riesling mitbringen. Der nächste hawaiianische Braten kommt bestimmt. Zu Gulasch trinke ich weiterhin Rotwein.

VDP Großes Gewächs Präsentation Wiesbaden – das Fazit

#vdpgg14

2013 ist zu 73 Prozent wie 2008 und 27 Prozent wie 1981. Die Riesling GGs werden sich in 8,4 Jahren auf dem Höhepunkt präsentieren (die Rheingauer vermutlich erst in 8,42 Jahren). Kaufen Sie unbedingt des Bienenstutzen von Müller, das Wachtelmännchen von Meier und den Teufelsfratz von Schulze. Diese Weine legen Sie in den Keller und öffnen je eine erste Flasche in 2,75 Jahren, belüften sie 64 Minuten in einer Karaffe, schenken sie dann 5 Freunden bei 11,2 Grad Celsius ein und diese werden im Schnitt 93,4 Punkte für das Vergnügen vergeben! Ich habe die Diskussionen um die Berichterstattung aus Wiesbaden bei Facebook, in Weinforen und andernorts verfolgt und festgestellt, dass 51 Prozent meiner Leser gerne genau so eine Zusammenfassung der diesjährigen GG Präsentation hätten. Hier also der Text für die anderen 49 Prozent.

2013 ist bei den Riesling GGs besser, als ich nach den teils sehr dürftigen Gutsrieslingen im Frühjahr vermutet hätte – in der Breite, in der Spitze gibt es eh jedes Jahr ein paar sehr gute Weine. 220 Riesling GGs habe ich verkostet, 46 habe ich in meine Kategorie ‚nicht gut‘ sortiert. Das sind nicht alles schlechte Weine, sie genügen aber meinen Ansprüchen an ein GG nicht. Weitere 22 Weine fand ich zwar GG tauglich aber nicht so gut, dass ich sie mir kaufen würde. Unter den bedingungslos ordentlichen GGs finden sich dann noch welche, die ich für zu teuer halte, so dass ich der Hälfte der 2013er Riesling GGs aus unterschiedlichen Gründen die kalte Schulter zeigen würde, stünde ich im Laden vor ihnen. Das ist eine Quote, die ich vermutlich auch in besseren Jahren erreiche. Die Säure ist heftig aber nur selten brutal, damit fällt für mich ein Vergleich mit 2010 aus, dem Jahrgang, den ich zwar aromatisch gelegentlich interessant finde, den mein Magen mir aber verbietet.

Die besseren Weine erinnern am ehesten an 2008. Ob sie die gleiche Entwicklung nehmen werden, vermag ich nicht zu beurteilen. Die Versuchung, den Jahrgang jetzt schon zu beurteilen ist groß – allein es ist noch immer zu früh dafür. Dirk Würtz beschrieb im Gespräch so schön, bei diesem Jahrgang könne man schmecken, wo die Trauben geerntet und wo sie geborgen wurden. Ich finde, das ist ein Fortschritt, 2006 hatten manche Winzer dieses durch den übermäßigen Einsatz von Aktivkohle verhindert. Vieles, was bei der Erstpräsentation passabel wirkte, war schon ein Jahr später mausetot. Ich habe wenige Weine im Glas gehabt, die diesen Verdacht in mir weckten, was nicht viel heißen muss.

Etliche Weine haben ob der krassen Säure ein ganz paar Gramm Zucker zu viel, was sie in der Jugend limonadig macht. Das kann sich mit der Zeit integrieren oder die Weine im reifen Stadium mastig erscheinen lassen. Daran, welchen Reifeverlauf diese Weinen nehmen werden, entscheidet sich vermutlich, wie wir den Jahrgang in 5 Jahren einordnen. Ich wage keine Prognose.

Eine Kollektion des Jahres gibt es für mich nicht. Fast alle Spitzenwinzer hatten irgendeinen Wein in Wiesbaden vorgestellt, der gegen die anderen stark abfällt. Bei manchem stellt sich mir die Frage, ob es ein GG weniger nicht auch getan hätte. Der Würzgarten von Loosen steht zwischen dem brillanten Prälat und der strahlenden Sonnenuhr wie ein Sack Mehl in einer Horde Supermodels. Andererseits habe ich zwischenzeitlich gelesen, dass andere Verkoster zwar auch der Meinung waren, alle sechs von Loosen hätten nicht sein müssen, auf ihrer Streichliste aber die Sonnenuhr haben und den Würzgarten auf Platz zwei hinter dem Prälaten sehen. Also lassen wir das. Die Selektion des VDP ist schon irgendwie in Ordnung.

Und hier meine ganz subjektiven Tipps. Wer gerne große Namen kauft, sollte dieses Jahr Wittmann priorisieren, Keller vielleicht zu Gunsten von Battenfeld-Spanier untergewichten. An der Mosel Heymann-Löwenstein probieren, erst recht, wenn man die Weine bisher zu süß und vollreif fand. Dr. Loosen darf nicht fehlen. Von Othegraven ist ebenfalls eine Bank. In der Pfalz sind Mosbacher und von Winning tolle GGs gelungen, vor allem das Ungeheuer, wo auch von von Buhl einen großen Wurf gelandet hat. Christmanns Langenmorgen und die beiden Weine von Rebholz sind Kandidaten für den Einkaufszettel. Etwas weniger Nahe (aber unbedingt die Hermannshöhle), dafür mehr Rheingau. Wer von Oetinger ignoriert, ist selber schuld. Er ist der Aufsteiger des Jahres, denn zwei so starke Auftritte hintereinander haben nichts mit Glück zu tun. Jakob Jung ist der zweite kleinere Name aus dem Rheingau, der das Einkellern lohnt. Aus der dritten Reihe unbedingt Lanius-Knab vom Mittelrhein besorgen (mindestens den Oelsberg), und den Rothenberg von der Staatsdomäne Oppenheim aus Rheinhessen. Wachtstetter und Heid aus Württemberg vervollständigen die Liste unbekannterer Erzeuger mit tollen Weinen.

Die Spätburgunder bedürfen keiner Zusammenfassung, sie stehen eh in einem einzelnen Bericht. Silvaner und Weißburgunder habe ich zeitlich nicht geschafft. Also ist hier Schluss – nicht ohne ein abschließendes Kompliment und einen Dank an den VDP: Wiesbaden ist ein fantastisch organisiertes Event. Als ich da so durch die Halle schritt, deutsche und internationale Großkritiker bei der Arbeit sah (die alle nur für diese Verkostungnach Wiesbaden gekommen waren), wurde mir eines klar. Man kann zum VDP stehen, wie man will, den Verein elitär finden und das Konzept des Großen Gewächses ablehnen – aber niemand kann bestreiten, dass dieses Event und die Menschen dahinter mehr für das Ansehen des Deutschen Weines in der Welt tun als irgendeine andere Initiative.

(Im Bild oben Paul von drunkenmonday und meine Wenigkeit mit einem allerletzten Flight, Dienstag um 18.15 Uhr. Freundlicherweise hatten die unermüdlichen Helfer noch einmal ein paar Flaschen zusammengetragen, die uns besonderen Spaß bereitet hatten)

VDP Großes Gewächs Präsentation Wiesbaden (1)

VDP Großes Gewächs Präsentation Wiesbaden (2)

VDP Großes Gewächs Präsentation Wiesbaden (3)

VDP Großes Gewächs Präsentation Wiesbaden (3)

Rebholz_Spaetburgunder

Der dritte Teil meiner Berichterstattung widmet sich wie angekündigt dem Spätburgunder.

Während meine Erwartungen an die Rieslinge aus 2013 eher verhalten waren, mich dann die erreichte Qualität oft positiv überraschte, war es beim Spätburgunder anders herum. Wenn Petrus die Winzer nicht mit der Regenpeitsche zur Ernte treibt, scheinen es sich etliche auf dem Sofa bequem zu machen und zu denken: ach, wird das alles herrlich reif. Dann rufen Sie ihren Fassküfer an und sagen ihm, er möge das Barrique dieses Jahr extra stark toasten, weil das dann bestimmt ‚burgundisch‘ wird. Aber aus überreifem Lesegut macht man keine eleganten Burgunder, sondern Trinkmarmelade und das starke Toasting fügt dieser lediglich einen Schuss Espresso hinzu. Ich habe keine Analysewerte der 2012er Spätburgunder eingesehen, aber gefühlt ist bei vielen eine Menge Alkohol im Spiel, das Holz kann ich ohne Analyse schmecken. Die großen Namen haben es besser gemacht, Friedrich Becker (ja, ich weiß, das ist stinklangweilig) zwei Weine gezeigt, die unglaublich gut sind. Auch die sind eher auf der kräftigen Seite angesiedelt aber glänzen mit klaren Konturen und Eleganz.

Ahr

Los ging es mit einem fantastischen Frühburgunder aus dem Pfarrwingert von Meyer-Näkel. Viel Saft und Kraft mit nur dezentem Holz und jetzt schon unglaublichem Trinkfluss. Sollte ich dereinst zum Tode verurteilt werden und mir die Hinrichtungsart aussuchen dürfen: ersäuft mich in diesem Frühburgunder. Der Rest von Meyer-Näkel war schwerer einzuschätzen. Gleiches gilt für die Weine von Stodden, bei dem ich den Rosenthal favorisiere. Es wirkt fast, als probten beide Betriebe den Stilwechsel und hätten ihn bei den gezeigten Weinen verschieden weit forciert, so unterschiedlich sind die einzelnen Weine innerhalb der Kollektionen.

Rheingau

Im Rheingau ist die Hackordnung zementiert mit Kesseler als einsamer Spitze. Ich fand die Weine sehr gut, was angesichts der aufgerufenen Preise ein vergiftetes Kompliment ist. Das ewige Einprügeln auf die Staatsweingüter ist mir hingegen ein Rätsel. Auch in diesem Jahr ist das eine tadellose Kollektion. Beide Weine kamen im Flight jeweils nach dem Kesselers und dann wirken sie etwas grobschlächtig – aber eigentlich sind sie ziemlich gut.

Sachsen

Spätburgunder aus Sachsen, die Paradedisziplin des VDP: Hundert Prozent Trefferquote, Hundert Prozent großartige Weine. Spaß beiseite, es gab nur einen, Schloss Proschwitz, und das ist ein toller Spätburgunder.

Rheinhessen

Schloss Westerhaus hat einen rauen Gesellen am Start, der mit der Zeit vielleicht richtig gut wird (aber auch abschmieren könnte). Die beiden Weine von Gutzler brauchten etwas Luft und wurden dann sehr ansprechend. Dass einer der Weine je richtig groß wird, vermute ich aber eher nicht. Eines GGs würdig sind sie allemal.

Pfalz

War die Verkostung der Rieslinge richtig Arbeit, boten die Spätburgunder vor allem Vergnügen. Knipsers waren leider nicht dabei, Rebholz zeigte einen 2009er Im Sonnenschein, der einfach nur großartig ist. In der Nase etwas Klebstoff und viel Würze, am Gaumen reichlich Bumms aber trotzdem enorme Eleganz. Dr. Wehrheims 2012er ‚Köppel‘ wird vielleicht mal genau so, ist er doch jetzt schon elegant. Über den Idig von Christmann gab es Diskussionen, einige Mitverkoster fanden ihn großartig, ich finde ihn fast fehlerhaft. Solche Weine braucht die Welt, denn diese Diskussionen machen Spaß.

Friedrich Becker schießt den Vogel ab, seine beiden Weine sind wahnsinnig dicht und haben massig Tannin. Ich tippe aber auf die Beigabe von Rappen während der Gärung und nicht auf übertriebenen Holzeinsatz. Es ist jetzt schon zu spüren, wie die mal werden: der Kammerberg hat für mich Restrisiko nur großartig zu werden, der St. Paul wird garantiert ein Riese.

Franken

Der Hundsrück von Fürst könnte dem St. Paul Konkurrenz machen, das zumindest der erste Eindruck. Für ein finales Urteil bräuchte ich mehr davon im Glas. Der Schlossberg zementiert Benedikt Baltes’ Ausnahmestellung, von kometenhaftem Aufstieg müssen wir nicht mehr reden, der ist angekommen in der deutschen Spitze. In Franken gibt es auch endlich mal einen Wow-Wein abseits der üblichen Verdächtigen: der Mausberg vom Zehnthof Luckert ist zart und elegant – und richtig gut.

Württemberg

Der Verrenberg von Fürst zu Hohenlohe Oehringen war für mich der beste Spätburgunder aus Württemberg, dank kühler Eleganz. Auf den Fersen sind ihm der Burg Wildeck vom Staatsweingut Weinsberg mit herrlich kräutriger Nase, der Bergmandel von Schnaitmann, der dem St. Paul von Becker ähnelt aber ein ganz bisschen marmeladig ist (Meckern auf allerhöchstem Niveau) und dem Spätburgunder aus gleicher Lage von Heid. Diesem Bergmandel (von einem Winzer, den ich vorher nicht kannte) traue ich mit Reife sogar zu, der beste Württemberger 2012 zu werden, wenn sich das derzeit überbordende Tannin optimal integriert.

Baden

Seegers Herrenberg Oberklamm ist für mich die Entdeckung in Baden, das ansonsten von Huber dominiert wird. Letzterer liegt fast gleichauf mit Becker, wenn nicht die Sommerhalde bei mir Zweifel sähen würde. Dieser Wein wirkt etwas übertrieben, ich fürchte das ist zu viel Wucht. Beim Schlossberg kommen einem dafür die Tränen, so gut ist seine Struktur. Hubers Durchmarsch wird ermöglicht von einer schockierenden Phalanx unterdurchschnittlicher Südbadener. Der Kaiserstuhl ist 2012 angetreten zu beweisen, dass man ohne Säure keinen Spätburgunder machen kann. Salweys Eichberg erntet noch ein bisschen Applaus, der Rest erntet Schweigen (und das von mir, dem Dr.Heger-Rotweinfan).

Fazit: Wer deutschen Spätburgunder mag, der wird im Jahrgang 2012 viele großartige Weine finden. Der erhoffte Jahrhundertjahrgang ist es leider nicht und kaum ein Newcomer hat die Chance genutzt aus diesen optimalen Bedingungen Kapital zu schlagen. Luckert und Heid sind allerdings unbedingt das Probieren wert.

P.S. Zurück in Berlin hatte ich das Vergnügen, einer Probe mit Hans-Jörg Rebholz bei Planet Wein beizuwohnen (daher das Titelfoto dieses Beitrags), in der er auch seinen Spätburgunder noch einmal zeigte. Ich habe mich erniedrigt, bei Tisch-Nachbarn Reste geschnorrt, und kann jetzt sagen, dass ich ihn nicht nur verkostet, sondern zwei Gläser davon getrunken habe. Ja, das ist ein großartiger Wein, der in einigen Jahren richtig strahlen wird.

VDP Großes Gewächs Präsentation Wiesbaden (1)

VDP Großes Gewächs Präsentation Wiesbaden (2)

VDP Großes Gewächs Präsentation Wiesbaden (4)