VDP Großes Gewächs Präsentation Wiesbaden – das Fazit

#vdpgg14

2013 ist zu 73 Prozent wie 2008 und 27 Prozent wie 1981. Die Riesling GGs werden sich in 8,4 Jahren auf dem Höhepunkt präsentieren (die Rheingauer vermutlich erst in 8,42 Jahren). Kaufen Sie unbedingt des Bienenstutzen von Müller, das Wachtelmännchen von Meier und den Teufelsfratz von Schulze. Diese Weine legen Sie in den Keller und öffnen je eine erste Flasche in 2,75 Jahren, belüften sie 64 Minuten in einer Karaffe, schenken sie dann 5 Freunden bei 11,2 Grad Celsius ein und diese werden im Schnitt 93,4 Punkte für das Vergnügen vergeben! Ich habe die Diskussionen um die Berichterstattung aus Wiesbaden bei Facebook, in Weinforen und andernorts verfolgt und festgestellt, dass 51 Prozent meiner Leser gerne genau so eine Zusammenfassung der diesjährigen GG Präsentation hätten. Hier also der Text für die anderen 49 Prozent.

2013 ist bei den Riesling GGs besser, als ich nach den teils sehr dürftigen Gutsrieslingen im Frühjahr vermutet hätte – in der Breite, in der Spitze gibt es eh jedes Jahr ein paar sehr gute Weine. 220 Riesling GGs habe ich verkostet, 46 habe ich in meine Kategorie ‚nicht gut‘ sortiert. Das sind nicht alles schlechte Weine, sie genügen aber meinen Ansprüchen an ein GG nicht. Weitere 22 Weine fand ich zwar GG tauglich aber nicht so gut, dass ich sie mir kaufen würde. Unter den bedingungslos ordentlichen GGs finden sich dann noch welche, die ich für zu teuer halte, so dass ich der Hälfte der 2013er Riesling GGs aus unterschiedlichen Gründen die kalte Schulter zeigen würde, stünde ich im Laden vor ihnen. Das ist eine Quote, die ich vermutlich auch in besseren Jahren erreiche. Die Säure ist heftig aber nur selten brutal, damit fällt für mich ein Vergleich mit 2010 aus, dem Jahrgang, den ich zwar aromatisch gelegentlich interessant finde, den mein Magen mir aber verbietet.

Die besseren Weine erinnern am ehesten an 2008. Ob sie die gleiche Entwicklung nehmen werden, vermag ich nicht zu beurteilen. Die Versuchung, den Jahrgang jetzt schon zu beurteilen ist groß – allein es ist noch immer zu früh dafür. Dirk Würtz beschrieb im Gespräch so schön, bei diesem Jahrgang könne man schmecken, wo die Trauben geerntet und wo sie geborgen wurden. Ich finde, das ist ein Fortschritt, 2006 hatten manche Winzer dieses durch den übermäßigen Einsatz von Aktivkohle verhindert. Vieles, was bei der Erstpräsentation passabel wirkte, war schon ein Jahr später mausetot. Ich habe wenige Weine im Glas gehabt, die diesen Verdacht in mir weckten, was nicht viel heißen muss.

Etliche Weine haben ob der krassen Säure ein ganz paar Gramm Zucker zu viel, was sie in der Jugend limonadig macht. Das kann sich mit der Zeit integrieren oder die Weine im reifen Stadium mastig erscheinen lassen. Daran, welchen Reifeverlauf diese Weinen nehmen werden, entscheidet sich vermutlich, wie wir den Jahrgang in 5 Jahren einordnen. Ich wage keine Prognose.

Eine Kollektion des Jahres gibt es für mich nicht. Fast alle Spitzenwinzer hatten irgendeinen Wein in Wiesbaden vorgestellt, der gegen die anderen stark abfällt. Bei manchem stellt sich mir die Frage, ob es ein GG weniger nicht auch getan hätte. Der Würzgarten von Loosen steht zwischen dem brillanten Prälat und der strahlenden Sonnenuhr wie ein Sack Mehl in einer Horde Supermodels. Andererseits habe ich zwischenzeitlich gelesen, dass andere Verkoster zwar auch der Meinung waren, alle sechs von Loosen hätten nicht sein müssen, auf ihrer Streichliste aber die Sonnenuhr haben und den Würzgarten auf Platz zwei hinter dem Prälaten sehen. Also lassen wir das. Die Selektion des VDP ist schon irgendwie in Ordnung.

Und hier meine ganz subjektiven Tipps. Wer gerne große Namen kauft, sollte dieses Jahr Wittmann priorisieren, Keller vielleicht zu Gunsten von Battenfeld-Spanier untergewichten. An der Mosel Heymann-Löwenstein probieren, erst recht, wenn man die Weine bisher zu süß und vollreif fand. Dr. Loosen darf nicht fehlen. Von Othegraven ist ebenfalls eine Bank. In der Pfalz sind Mosbacher und von Winning tolle GGs gelungen, vor allem das Ungeheuer, wo auch von von Buhl einen großen Wurf gelandet hat. Christmanns Langenmorgen und die beiden Weine von Rebholz sind Kandidaten für den Einkaufszettel. Etwas weniger Nahe (aber unbedingt die Hermannshöhle), dafür mehr Rheingau. Wer von Oetinger ignoriert, ist selber schuld. Er ist der Aufsteiger des Jahres, denn zwei so starke Auftritte hintereinander haben nichts mit Glück zu tun. Jakob Jung ist der zweite kleinere Name aus dem Rheingau, der das Einkellern lohnt. Aus der dritten Reihe unbedingt Lanius-Knab vom Mittelrhein besorgen (mindestens den Oelsberg), und den Rothenberg von der Staatsdomäne Oppenheim aus Rheinhessen. Wachtstetter und Heid aus Württemberg vervollständigen die Liste unbekannterer Erzeuger mit tollen Weinen.

Die Spätburgunder bedürfen keiner Zusammenfassung, sie stehen eh in einem einzelnen Bericht. Silvaner und Weißburgunder habe ich zeitlich nicht geschafft. Also ist hier Schluss – nicht ohne ein abschließendes Kompliment und einen Dank an den VDP: Wiesbaden ist ein fantastisch organisiertes Event. Als ich da so durch die Halle schritt, deutsche und internationale Großkritiker bei der Arbeit sah (die alle nur für diese Verkostungnach Wiesbaden gekommen waren), wurde mir eines klar. Man kann zum VDP stehen, wie man will, den Verein elitär finden und das Konzept des Großen Gewächses ablehnen – aber niemand kann bestreiten, dass dieses Event und die Menschen dahinter mehr für das Ansehen des Deutschen Weines in der Welt tun als irgendeine andere Initiative.

(Im Bild oben Paul von drunkenmonday und meine Wenigkeit mit einem allerletzten Flight, Dienstag um 18.15 Uhr. Freundlicherweise hatten die unermüdlichen Helfer noch einmal ein paar Flaschen zusammengetragen, die uns besonderen Spaß bereitet hatten)

VDP Großes Gewächs Präsentation Wiesbaden (1)

VDP Großes Gewächs Präsentation Wiesbaden (2)

VDP Großes Gewächs Präsentation Wiesbaden (3)

VDP Großes Gewächs Präsentation Wiesbaden (3)

Rebholz_Spaetburgunder

Der dritte Teil meiner Berichterstattung widmet sich wie angekündigt dem Spätburgunder.

Während meine Erwartungen an die Rieslinge aus 2013 eher verhalten waren, mich dann die erreichte Qualität oft positiv überraschte, war es beim Spätburgunder anders herum. Wenn Petrus die Winzer nicht mit der Regenpeitsche zur Ernte treibt, scheinen es sich etliche auf dem Sofa bequem zu machen und zu denken: ach, wird das alles herrlich reif. Dann rufen Sie ihren Fassküfer an und sagen ihm, er möge das Barrique dieses Jahr extra stark toasten, weil das dann bestimmt ‚burgundisch‘ wird. Aber aus überreifem Lesegut macht man keine eleganten Burgunder, sondern Trinkmarmelade und das starke Toasting fügt dieser lediglich einen Schuss Espresso hinzu. Ich habe keine Analysewerte der 2012er Spätburgunder eingesehen, aber gefühlt ist bei vielen eine Menge Alkohol im Spiel, das Holz kann ich ohne Analyse schmecken. Die großen Namen haben es besser gemacht, Friedrich Becker (ja, ich weiß, das ist stinklangweilig) zwei Weine gezeigt, die unglaublich gut sind. Auch die sind eher auf der kräftigen Seite angesiedelt aber glänzen mit klaren Konturen und Eleganz.

Ahr

Los ging es mit einem fantastischen Frühburgunder aus dem Pfarrwingert von Meyer-Näkel. Viel Saft und Kraft mit nur dezentem Holz und jetzt schon unglaublichem Trinkfluss. Sollte ich dereinst zum Tode verurteilt werden und mir die Hinrichtungsart aussuchen dürfen: ersäuft mich in diesem Frühburgunder. Der Rest von Meyer-Näkel war schwerer einzuschätzen. Gleiches gilt für die Weine von Stodden, bei dem ich den Rosenthal favorisiere. Es wirkt fast, als probten beide Betriebe den Stilwechsel und hätten ihn bei den gezeigten Weinen verschieden weit forciert, so unterschiedlich sind die einzelnen Weine innerhalb der Kollektionen.

Rheingau

Im Rheingau ist die Hackordnung zementiert mit Kesseler als einsamer Spitze. Ich fand die Weine sehr gut, was angesichts der aufgerufenen Preise ein vergiftetes Kompliment ist. Das ewige Einprügeln auf die Staatsweingüter ist mir hingegen ein Rätsel. Auch in diesem Jahr ist das eine tadellose Kollektion. Beide Weine kamen im Flight jeweils nach dem Kesselers und dann wirken sie etwas grobschlächtig – aber eigentlich sind sie ziemlich gut.

Sachsen

Spätburgunder aus Sachsen, die Paradedisziplin des VDP: Hundert Prozent Trefferquote, Hundert Prozent großartige Weine. Spaß beiseite, es gab nur einen, Schloss Proschwitz, und das ist ein toller Spätburgunder.

Rheinhessen

Schloss Westerhaus hat einen rauen Gesellen am Start, der mit der Zeit vielleicht richtig gut wird (aber auch abschmieren könnte). Die beiden Weine von Gutzler brauchten etwas Luft und wurden dann sehr ansprechend. Dass einer der Weine je richtig groß wird, vermute ich aber eher nicht. Eines GGs würdig sind sie allemal.

Pfalz

War die Verkostung der Rieslinge richtig Arbeit, boten die Spätburgunder vor allem Vergnügen. Knipsers waren leider nicht dabei, Rebholz zeigte einen 2009er Im Sonnenschein, der einfach nur großartig ist. In der Nase etwas Klebstoff und viel Würze, am Gaumen reichlich Bumms aber trotzdem enorme Eleganz. Dr. Wehrheims 2012er ‚Köppel‘ wird vielleicht mal genau so, ist er doch jetzt schon elegant. Über den Idig von Christmann gab es Diskussionen, einige Mitverkoster fanden ihn großartig, ich finde ihn fast fehlerhaft. Solche Weine braucht die Welt, denn diese Diskussionen machen Spaß.

Friedrich Becker schießt den Vogel ab, seine beiden Weine sind wahnsinnig dicht und haben massig Tannin. Ich tippe aber auf die Beigabe von Rappen während der Gärung und nicht auf übertriebenen Holzeinsatz. Es ist jetzt schon zu spüren, wie die mal werden: der Kammerberg hat für mich Restrisiko nur großartig zu werden, der St. Paul wird garantiert ein Riese.

Franken

Der Hundsrück von Fürst könnte dem St. Paul Konkurrenz machen, das zumindest der erste Eindruck. Für ein finales Urteil bräuchte ich mehr davon im Glas. Der Schlossberg zementiert Benedikt Baltes’ Ausnahmestellung, von kometenhaftem Aufstieg müssen wir nicht mehr reden, der ist angekommen in der deutschen Spitze. In Franken gibt es auch endlich mal einen Wow-Wein abseits der üblichen Verdächtigen: der Mausberg vom Zehnthof Luckert ist zart und elegant – und richtig gut.

Württemberg

Der Verrenberg von Fürst zu Hohenlohe Oehringen war für mich der beste Spätburgunder aus Württemberg, dank kühler Eleganz. Auf den Fersen sind ihm der Burg Wildeck vom Staatsweingut Weinsberg mit herrlich kräutriger Nase, der Bergmandel von Schnaitmann, der dem St. Paul von Becker ähnelt aber ein ganz bisschen marmeladig ist (Meckern auf allerhöchstem Niveau) und dem Spätburgunder aus gleicher Lage von Heid. Diesem Bergmandel (von einem Winzer, den ich vorher nicht kannte) traue ich mit Reife sogar zu, der beste Württemberger 2012 zu werden, wenn sich das derzeit überbordende Tannin optimal integriert.

Baden

Seegers Herrenberg Oberklamm ist für mich die Entdeckung in Baden, das ansonsten von Huber dominiert wird. Letzterer liegt fast gleichauf mit Becker, wenn nicht die Sommerhalde bei mir Zweifel sähen würde. Dieser Wein wirkt etwas übertrieben, ich fürchte das ist zu viel Wucht. Beim Schlossberg kommen einem dafür die Tränen, so gut ist seine Struktur. Hubers Durchmarsch wird ermöglicht von einer schockierenden Phalanx unterdurchschnittlicher Südbadener. Der Kaiserstuhl ist 2012 angetreten zu beweisen, dass man ohne Säure keinen Spätburgunder machen kann. Salweys Eichberg erntet noch ein bisschen Applaus, der Rest erntet Schweigen (und das von mir, dem Dr.Heger-Rotweinfan).

Fazit: Wer deutschen Spätburgunder mag, der wird im Jahrgang 2012 viele großartige Weine finden. Der erhoffte Jahrhundertjahrgang ist es leider nicht und kaum ein Newcomer hat die Chance genutzt aus diesen optimalen Bedingungen Kapital zu schlagen. Luckert und Heid sind allerdings unbedingt das Probieren wert.

P.S. Zurück in Berlin hatte ich das Vergnügen, einer Probe mit Hans-Jörg Rebholz bei Planet Wein beizuwohnen (daher das Titelfoto dieses Beitrags), in der er auch seinen Spätburgunder noch einmal zeigte. Ich habe mich erniedrigt, bei Tisch-Nachbarn Reste geschnorrt, und kann jetzt sagen, dass ich ihn nicht nur verkostet, sondern zwei Gläser davon getrunken habe. Ja, das ist ein großartiger Wein, der in einigen Jahren richtig strahlen wird.

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Hier die Eindrücke zu den weiteren Rieslingen, die ich bei der GG-Präsentation in Wiesbaden verkostet habe.

Pfalz

In der Mittelhaardt scheint es wenig Probleme gegeben zu haben, GG-würdige Trauben zu ernten, die Säure ist selten beißend (Ausnahme Kalkofen, da fand ich beide Weine schwierig). Eigentlich habe ich mich auf die Pfalz vor allem gefreut, weil sie so tolle Flights verspricht. 5 Versionen des Ungeheuer oder Pechstein nebeneinander oder vierfach Jesuitengarten. Das ist der Terroirgedanke, der mich am ersten Tag beim Rottland so glücklich machte. Aber leider funktioniert das nicht. Da Von Winning mit seinen Barrique-Rieslingen fröhlich dazwischen grätscht, und von Buhl meinem Empfinden nach dieses Jahr auch ein wenig neues Holz im Spiel hat, wird das Verkosten zum Hindernislauf. Nach einem von Winning Riesling brauche ich etwas Pause, bevor ich einen Mosbacher verkosten kann. Beiden gemein ist, dass sie extrem gute Weine gemacht haben. Mosbachers GGs sind wunderbar: Riesling ohne Firlefanz, dicht, kantige Säure, etwas Alkohol, Zucker nur wo nötig, schmecken sie, als wäre es ein Kinderspiel so was zu erzeugen. Ist es offensichtlich nicht. von Winning schmeckt, wie Mosbacher aus dem Barrique, lediglich den Langenmorgen mochte ich nicht, der schmeckte wie Zitronenlimo mit Sägespäne. Beide Weingüter haben tolle Kollektionen, von Winning manchmal schwer einzuschätzen. Als Einzelwein gefiel mir noch das Ungeheuer von Buhl, Knipser war ebenfalls sehr ordentlich. Insgesamt wenige Ausfälle aber auch viel gehobener Durchschnitt, manchmal etwas limonadig, insbesondere die Ruppertsberger Lagen fallen für mich ab.

Die Gleisweiler Hölle von Theo Mingus bietet viel Saft und Kraft mit etwas mehr Säure als sonst und dafür einem etwas längeren Zuckerschwänzchen. Das findet mit der Reife entweder zu einem tollen Wein zusammen oder wird eine GG-Karikatur. Allein für den Lerneffekt sollte man eine Flasche einkellern. Rebholz bietet beim ‚Im Sonnenschein‘ die schönste Nase der Pfalz und beim ‚Ganz Horn‘ einen Wein, den ich gerne mal ausführlich probieren würde, weil er einerseits manchmal schaurig nach Limo schmeckt, andererseits so viel Stoff und erste Anklänge von Würze zeigt, dass er über drei Tage genossen vielleicht eine spannende Geschichte erzählt.

Um es zusammenzufassen: Weniger Schatten als in anderen Gebieten aber nur drei Weine, die ich vorbehaltlos sensationell finde: Forster Ungeheuer von Mosbacher, von Winning und von Buhl. Das ist eine sehr schwache Ausbeute.

Baden und Württemberg

Aus Baden kommen ganze 6 GGs vom Riesling, da ist die Geschichte schnell erzählt. Alle sind sehr ordentlich, alle etwas hoch im Restzucker und vergleichsweise mild. Das vollste Paket mit der kräftigsten Säure stellt Konrad Schlör mit seinem Fyerst. Das könnte mal ein richtig spannender Wein werden oder total ins Mastige abdriften. Wird auf jeden Fall spannend, das zu beobachten.

Württemberg hat einiges im Programm, was sehr ins Mastige geht. Viel Restzucker fand ich auch in Weinen, die das von der Säure her gar nicht nötig gehabt hätten. Wer mit dem Zuckerschwänzchen keine Probleme hat, wird hier glücklich. Ich bin nicht besonders empfindlich aber mir war es oft zu viel. Bei Adelmanns Süßmund bin ich unsicher, müsste über längere Zeit verkosten um zu ergründen, ob er grottig oder klasse ist. Auf den ersten Schluck sehr gut gefallen haben mir der Glaukós von Wachtstetter, der Marienglas von Aldinger, der Bergmandel von Schnaitmann, der Pulvermächer von Heid sowie der Drusenstein von Ellwanger. Sie alle zeigen eine Säure, die ich pikant nennen würde, also eine halbe Stufe unter der oft kantigen Säure vieler anderer Rieslinge aus 2013. Mit pikanter Säure kann man noch leckeren Wein machen (mit kantiger nur großartigen, wenn Sie verstehen, was ich meine), also muss die Zeit zeigen, ob die Weine großartig werden. Heid und Wachtstetter unterstelle ich dafür das größte Potential.

Franken

Ich habe in der Mittagspause des zweiten Tages an einer Streichliste gearbeitet, indem ich Mitverkoster fragte, was man denn am ehesten auslassen könne. Die Antwort war eindeutig: Franken. Also habe ich die Zeit gespart und mich lieber den Spätburgundern gewidmet. Über die berichte ich dann morgen, denn da gibt es reichlich zu berichten.

 

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VDP Großes Gewächs Präsentation Wiesbaden

VDP GG Präsentation Wiesbaden 2014

Tag 1 der Wiesbadener GG Präsentation ist geschafft. Eines weiß ich jetzt schon, 400 Weine werde ich nicht verkosten. Dazu sind die Eindrücke zu Vielfältig und die Weine zu fordernd. Am Ende des ersten Tages habe ich zwar schon eine gewisse Vorstellung vom Jahrgang, verkneife mir aber das Fazit oder pauschale Urteil. Stattdessen hier nur meine Eindrücke der verkosteten Weine nach Gebiete sortiert.

Mosel

Da ich die vergangenen Tage an der Mosel verbracht und viele 2013er probiert habe, fing ich mit den Weinen des VDP Mosel-Saar-Ruwer an. Ich bin im Training. Den Auftakt machten vier Weine von Heymann Löwenstein und die zeigten viel von dem, was ich bei einfacheren Mosel-Weinen des Jahrgang 2013 vermisse: Einer knackigen Säure stand teilweise viel Extrakt aber kein Zucker gegenüber. Wenn Riesling eine knackige Säure allein mit Extrakt puffert, keinen oder nur sehr wenig Zucker zur Hilfe nimmt, dann spielt er in einer eigenen Liga. In dieser Liga spielen zumindest drei der Weine von Heymann-Löwenstein für mich: Der Kirchberg, der Röttgen und der Uhlen ‚Blaufüßer Lay‘. Der Uhlen ‚Laubach‘ ist eher everybody’s darling mit kleinem Zuckerschwänzchen aber ebenfalls richtig richtig gut. Dr. Loosen stellt gleich sechs GGs vor dieses Jahr und mein Favorit ist die Wehlener Sonnenuhr. Das GG ist tief und lang aber auch einfach zu trinken, notfalls eimerweise. Grapefruit trifft auf Aprikose, Würze gesellt sich dazu, alles ist reif und befeuert von knackiger Säure – ich war hin und weg. Der Prälat ist ebenfalls großartig. Bei so viel Begeisterung traue ich mich dann zu erwähnen, dass ich den Würzgarten von Loosen schaurig fand. Ansonsten zeigt die Mosel Licht und Schatten, wenig Extreme, eher Pflicht als Kür mit einer Ausnahme von der Saar. Von Othegraven hat zwei Weine gefüllt, die ich großartig finde. Der Bockstein ist der leichtere, jetzt schon betörende, der Altenberg der festere mit dem größeren Potential.

Mittelrhein

Kurz und knapp: alles vom Mittelrhein fand ich mindestens solide, eines GGs würdig, insbesondere angesichts der moderaten Preise für GGs vom Mittelrhein. Richtig gut fand ich beide Weine von Lanius Knab – den Oelsberg noch besser als den Bernstein. Bei der anschließenden Abendveranstaltung gab es den Wein aus dem Jahrgang 2009 und da bewies er, wie gut dieses GG reifen kann.

Rheingau

Auf den Rheingau einzuprügeln ist immer noch in Mode. Und der Rheingau macht es den Miesepetern leicht. Rund die Hälfte der angestellten GGs rissen für mich die Latte, die es zu überspringen gilt, damit ich als GG-Käufer glücklich wäre. Aber die differenziertere Betrachtung lohnt. Vielfach sind es einzelne Weine und nicht mehr ganze Kollektionen, was sehr dafür spricht, dass das ganze Geschmacksache ist. Und dann bleibt festzuhalten, dass die besten Weine des Rheingaus mittlerweile das Niveau der besten Weine der anderen Anbaugebiete erreichen. Ein Flight mit 5 GGs aus dem Rüdesheimer Berg Rottland war mein Tageshöhepunkt. Die Weingüter Ress, Künstler, Johannishof, Leitz und G.H. von Mumm brachten fünf verschiedene Interpretationen der Lage, die alle ein verbindendes Element hatten. Klar muss einer der schwächste sein, aber selbst der Mumm ist noch sehr gut. Künstler und Leitz sind die klassischeren, Johannishof und Ress die wilderen Varianten, zu bestimmen, wer der beste ist, überlasse ich denen, die von allen eine Flasche trinken. Es ist langweilig, aber Robert Weil fliegt mal wieder am höchsten. Der Wein ist kräftiger als frühere Jahrgänge aber immer noch sehr elegant. Neu für mich ist, dass Weil sich die Flughöhe teilen muss. Kesseler hat einen Schlossberg, der leichter aber genau so gut ist, Ritter und Edler von Oetinger kommt mit dem Siegelsberg ganz nah und hat gleich noch zwei weitere Flieger am Himmel; Hohenrain und Marcobrunn müsste ich aber in größeren Mengen im Glas haben um ein finales Urteil zu fällen. Daneben hat mir besonders das imponiert, was das Weingut Jakob Jung anzubieten hatte. Siegelsberg gefiel mir sehr, beim Hohenrain bräuchte ich mehr im Glas, um den Verdacht zu bestätigen, dass er großartig ist. Ausnehmend lecker fand ich die Weine von Domdechant Werner (ob sie auf Dauer großartig sind, weiß ich nicht) und auch der Königin Victoriaberg von Joachim Flick hob sich positiv ab.

Nahe

Emrich-Schönleber, Dönnhoff, Diel – alle Granden der Nahe hatten mindestens einen Wein im Angebot, den ich eher enttäuschend fand und einen, der mich begeisterte. Das ist für Nahe-Verhältnisse eine Horror-Show. Dönnhoffs Hermannshöhle war für mich der beste des Gebiets, gefolgt von einem, den man kaum als ‚üblichen Verdächtigen‘ bezeichnen kann: Die Kupfergrube von Gut Hermannsberg. Bei Schönlebers ist der Halenberg dem Frühlingsplätzchen weit überlegen. Bei Diel kommt vieles auf den persönlichen Geschmack an. Schäfer-Fröhlich war so wild und spontan, dass ich mir jedes Urteil verkneife. Die schmecken in drei Monaten eh komplett anders.

Rheinhessen

Während die schwächeren Nahe-Weine immer noch anständig sind, saß ich bei einigen Rheinhessischen Weinen da und dachte: was soll das? Da ist viel Limonade und Hühnchen süß-sauer unter den Ausfällen, die aber nicht häufiger vorkommen als in den anderen Gebieten. Die staatliche Weinbaudomäne Oppenheim hat einen Rothenberg gemacht, der im Vergleich zu denen der üblichen Verdächtigen eher schwachbrüstig ist. Ich finde ihn aber so straff und elegant, dass ich mir vorstellen könnte, mit Reife hängt er die klangvollen Namen ab. Allerdings ist Vorsicht geboten, ich gehöre zur winzigen Mindergeit, die bei Gunderloch den Pettenthal in den meisten Jahren lieber mögen als den Rothenberg, so auch dieses Jahr, in dem Johannes Hasselbach eine grandiose Kollektion vorgelegt hat. Wittmann und Keller, Kühling-Gillot, Battenfeld-Spanier und (mit kleinen Abstrichen)Wagner-Stempel, alle haben gute bis großartige Weine produziert. Wittmann sah ich leicht vor Keller mit dem Morstein bei beiden als großem Wein, überstrahlt noch von Wittmanns Brunnenhäuschen. Der Zellerweg am Schwarzen Herrgott von Battenfeld-Spanier ist der leiseste unter den Spitzenweinen, in zehn Jahren aber vielleicht der beste.

VDP Großes Gewächs Präsentation Wiesbaden (2)

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Selber Elch

Vorbereitung auf die GG Präsentation in Wiesbaden

Ich habe ein Problem, ein Luxusproblem oder, wie man neudeutsch sagt: ein First World Problem. Der VDP hat mich zur Premiere der großen Gewächse nach Wiesbaden eingeladen. Die Einladung verdanke ich Dirk Würtz, der mich Anfang des Jahres fragte, ob ich Lust auf die Veranstaltung hätte und gegebenenfalls auch darüber berichten würde. Danke, Dirk, auch für das Problem.

Was ist denn bitte das Problem daran, zu der Verkostung eingeladen zu sein, die viele professionelle Weinkritiker als die bestorganisierte ihrer Art bezeichnen, mögen Sie jetzt denken. Ganz einfach. Gefühlt eine Million Mal habe ich in diesem Blog kundgetan, dass ich Verkostungen dieser Art für wenig aussagekräftig halte. 5 Zentiliter und fünf Minuten mit einem Wein führen zur Beschreibung genau dieser fünf Zentiliter in genau diesen fünf Minuten – nicht viel mehr. Nun werde ich also geschätzt 400 Weine an zwei Tagen verkosten, was zu gerade einmal drei Minuten pro Wein führen dürfte. Die schärfsten Kritiker der Elche …

Aber ich geb’s zu: ich fühle mich geschmeichelt, diese Fachverkostung besuchen zu dürfen und sogar noch eine Hotelübernachtung und eine Abendveranstaltung spendiert zu bekommen (soweit die Offenlegung, die Anreise trage ich selbst). Also grüble ich seit einiger Zeit, wie ich mich dem Thema nähern soll. Auf jeden Fall werden Sie am Montag und Dienstag von mir auf Instagram (Nutzername Schnutentunker), Twitter (@schnutentunker) und auf der Facebookseite des Blogs (Sie dürfen gerne Fan werden) in Echtzeit über meine Eindrücke berichten. Eine Zusammenfassung hier im Blog sei hiermit ebenfalls versprochen.

Rieslinge, die sich mir im ersten Moment als großartige Weine präsentieren, sind im Zweifelsfall genau das: großartige Rieslinge (für mich). Wenigstens bei diesen mag ich ausschließen, dass ich mich von ‚Verkostungsweinen‘ blenden lasse, also den vinophilen Equivalenten zum Energy Drink, die einen beim ersten Schluck begeistern, nach einem halben Glas aber satt und der Macht überdrüssig machen, was man in Ermangelung eines halben Glases und ausreichend Zeit bei Kurzproben nicht merkt. Da ich extrem empfindlich auf ‚mastige‘ Rieslinge reagiere und hohen Alkohol in diesem Weintyp nicht ausstehen kann, gehe ich diesen Weinen selten auf den Leim. Beim Weiß- oder Spätburgunder allerdings kann mir das durchaus passieren.

Schwieriger sind die Weine, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob ich sie grandios oder grottig finden soll. Ein typisches Beispiel wäre der Ress’sche Rottland 2011 vom bereits erwähnten Dirk Würtz. Bei dem wusste ich zunächst auch nicht, was ich davon halten soll und erst nach einer ganzen Flasche über drei Tage war ich mir sicher, der polarisiert zwar, ist für mich aber großartig. Ich musste dann entsprechend viele Worte machen um zu formulieren, was dieser Wein in mir auslöst. Rückblickend war es das wert, denn ich bin seitdem vielen Menschen begegnet, die mein Urteil nicht teilen, aber niemandem, der nicht verstanden hat, wie es zustande gekommen ist und was ich an dem Wein liebe. Diese Form der Erkundung kann ich in Wiesbaden nicht leisten.

Also werde ich eine Kategorie ‚vorbehaltlos großartig‘ nennen und eine ‚Wiedervorlage‘. Vielleicht gelingt es mir ja einige der Weine aus letzterer Kategorie für eine genauere Begutachtung zu ergattern und dann in einer weiteren Geschichte aufzulösen, ob im Langtest der Funken überspringt. Die beiden weiteren Kategorien ergeben sich fast von selbst: gut und nicht gut. Erstere ist das Töpfchen, in das ich alles sortieren werde, was ich als eines GGs würdig aber nicht sensationell befinde. Letztere ist das Kröpfchen für alles, was mich mindestens ratlos lässt. Eine Einordnung in diese Kategorie kann aber auch einfach bedeuten, dass ich den Wein nicht verstanden habe.

Berichten werde ich dann über alles, was ich großartig finde, alles, was mich fasziniert, sich aber einem präzisen Urteil entzieht sowie über alle Weine aus der Kategorie gut, die entweder ein besonders gutes Preis-Leistungsverhältnis bieten oder von eher unbekannten Erzeugern stammen. Was in meinen Betrachtungen nicht auftaucht, kann also trotzdem sehr gut sein, Verschweigen heißt nicht Verdammen, Rückschlüsse auf negative Eindrücke lassen sich nicht ziehen – so viel Feigheit nehme ich mir heraus. Aber ich will kritisch und anspruchsvoll sein. Deswegen habe ich meinen Gaumen mit einem Riesling GG kalibriert, der in den meisten Jahren Maßstäbe setzt.

Morstein 2Wittmann, Morstein, Riesling Grosses Gewächs, 2007, Rheinhessen. In der sehr reifen Nase mürber Apfel, Marzipan und, etwas ungewöhnlich, grüner Spargel. Am Gaumen ist der Wein sehr voll, jahrgangstypisch mit einer zwar kräftigen aber sehr reifen Säure. In der aromatischen Entwicklung finde ich diese Flasche schon weit: würzige Reifenoten, vollreife Aprikose, Mirabelle, sehr dicht und lang. Das ist eher die wuchtige Interpretation des Morstein, vergleichbar mit 2005, deutlich voller als 2008. Der Abgang ist sehr lang und von Mineralik/Phenolik getragen, 13 Prozent Alkohol sind spürbar aber nicht dominant. Ein beeindruckender Wein, der ein bisschen satt macht und nach Essen verlangt: helles Fleisch oder eher kräftig gewürzter Fisch.