Verwirrende Traubensammler

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Die Frage, welchen Einfluss die Weinbergslage auf den Geschmack des Endproduktes hat, beschäftigt nicht nur Weintrinker rund um den Globus, auch Winzer gehen ihr auf verschiedenste Weise nach. Das klingt banaler als es ist, denn vor der Beschäftigung mit dem Einfluss des Bodens auf den Wein, musste in den Produzenten erst die Bereitschaft wachsen, mit einer möglicherweise unbequemen Antwort zu leben, falls die Erkenntnis lautet, dass er viel kleiner ist als jahrzehntelang propagiert (wenngleich es noch viel zu früh ist das zu beurteilen).

Zu den wissbegierigen gesellten sich im Jahr 2012 (also parallel zu den Wurzelwerk-Machern) die beiden Erbacher Winzer Johannes Jung und Achim von Oetinger. Beide heckten einen Plan aus. Was, wenn wir aus identischem Ausgangsmaterial zwei Weine keltern, deren Entstehungsgeschichte unterschiedlicher nicht sein könnte? Das Winzer sich die Ernte einer Parzelle teilen und dann in ihren jeweiligen Kellern einen Wein daraus machen, gibt es schon. Die Weine schmecken höchst unterschiedlich. Was aber, wenn man nichts dem Zufall überlässt, eine Mostpartie einem höchst technischen Prozess der Weinbereitung unterzieht, den anderen auf althergebrachte Art vergärt? Würde die Lage noch durchscheinen?

Also machten sich Jung und von Oetinger ans Werk. Beide ernteten von Hand eine Tonne Trauben in ihren jeweiligen Parzellen im Erbacher Steinmorgen. Beste Trauben sollten es sein und um den Unterschied zwischen den Mikroklimata der Weingärten zu eliminieren, tauschten sie je 500 kilo miteinander und hatten so den gleichen fifty-fifty Mix an Ausgangsmaterial. Ein Problem war noch zu lösen: keiner wollte den Technik-Wein herstellen, beide hatten Lust auf die alte Schule – das Los musste entscheiden und Jung zog den kürzeren Strohhalm.

Und so entstand im Keller des Weinguts Jakob Jung ein Wein aus Ganztraubenpressung, ohne Maischestandzeit, durch gekühlte Vergärung mit Reinzuchthefen, im Edelstahltank und mit minimiertem Hefekontakt. Von Oetinger hingegen ließ die Maische zehn Tage stehen, füllte den Most in ein Holzfass, wartete bis die Gärung spontan mit Keller- und Weinbergshefen einsetzte und ließ dem Wein 4 Monate zum Gären (Jungs Wein war nach zehn Tagen mit der Gärung durch), die Hefe ließ er sogar noch länger beim Wein und rührte sie regelmäßig auf. Einmal musste auch von Oetinger in die technische Trickkiste greifen: da bei dieser traditionellen Machart manchmal ein biologischer Säureabbau (BSA) vorkommt und manchmal nicht, das Old-School-Erlebnis aber maximal sein sollte, leitete er den BSA gezielt ein. Beide Weine durchliefen nur einen einzigen Filtrationsvorgang unmittelbar vor der Füllung.

Ob des Traubentauschs verbietet das Gesetz die Vermarktung als Erzeugerabfüllung. Ob der Minimenge verzichteten die Winzer auch auf die Qualitätsweinprüfung und brachten die Weine direkt unter dem Erzeugernamen ‚Die Traubensammler‘ als Tafelwein auf den Markt. Die Weine sind lediglich mit einer Zahl (1 für Jungs und 2 für von Oetingers Wein) und kleingedruckt den gesetzlichen Angaben beschriftet. Ein Beipackzettel informiert über die Idee und die analytischen Werte des Endprodukts.

Traubensammler – das Protokoll

Das konnte ich mir nicht entgehen lassen. ich kaufte mir ein Paket und legte zuhause los. Um maximalen Spaß zu haben, bat ich meine bessere Hälfte, das Einschenken zu übernehmen und probierte blind. Hier das Protokoll:

Samstag Abend, unmittelbar nach dem Öffnen der Flaschen:

Glas 1: In der Nase verhalten, im Hintergrund ein leichter Stinker, diffusere Frucht, mimimale Sherry-Note. Am Gaumen saftig, würzig, etwas Apfel, eher wenig Frucht, die aber süßlich, kräftige Säure, spürbare Mineralik/Phenolik, insgesamt eher karg und doch tief, Kategorie schlafender Riese.

Glas 2: Nase geringfügig kräftiger, fruchtig, Litschi und reife Aprikose, etwas würzig, ziemlich bunt – erstaunlicherweise ist auch hier diese leichte Sherry-Nase riechbar. Am Gaumen süßer, geschmeidiger, saftiger aber auch etwas glatter, Apfel und Aprikose, kaum Phenolik, easy drinking, lecker, zeigt nicht die gleiche Tiefe.

Danach zu urteilen müsste Glas 1 der ‚wilde‘ Wein sein. Also schnell aufgedeckt – falsch gelegen. Wie kann ich mir das jetzt schönreden? Tagesform? Eher nicht, es ist 17.00 Uhr und ich probiere vor dem Essen, da sind die Sinne geschärft. Bei der Suche nach Ausreden stoße ich auf die Analysedaten. Ha! So funktioniert’s: Traubensammler 2 hat aufgrund des biologischen Säureabbaus nur 6,3 Gramm Säure pro Liter bei 3,2 Gramm Restzucker, der Tekkie-Wein hingegen 7,4 Gramm Säure bei 4,8 Gramm Restzucker. In diesem frühen Stadium ist Traubensammler 2 einfach etwas süßer und leichter zu trinken. Die Nase war eh eher verhalten und da ich nur halb-blind probiere, schließlich habe ich eine konkrete Zielvorgabe, erledigt das Hirn den Rest per Autopilot.

Ich rieche eine Weile an den leeren Gläsern: bezüglich des Stinkers muss ich zurückrudern, den finde ich jetzt eher in Glas 2. Die Verwirrung ist perfekt.

Samstag, später am Abend:

Der ‚wilde‘ wirkt etwas oxidiert. Das macht es jetzt leichter. Das Fazit des ersten Tages: Beide Weine gefallen mir sehr gut – gleich gut.

Sonntag Abend (wieder blind eingeschenkt):

Glas 1: In der Nase wenig Frucht, leicht hefig. Am Gaumen sehr schlank, deutliche Sherry-Note, ein leichtes Bitterl, harmonisches Spiel von Süße und Säure.

Glas 2: Mehr Frucht, Apfel und Litschi, Aprikose, Pistazie(?), am Gaumen erst blitzsauber, saftig, fruchtig, tief und vor allem sehr harmonisch – lecker. Ich könnte das Glas auf ex trinken. Im Abgang auf einmal auch ein leichter Sherry-Ton. Überhang von Glas 1 oder ist der wirklich da? 

Den Sherry-Ton kenne ich so eigentlich nur von Weinen von Clemens Busch (wo er in den GGs manchmal so krass dominiert, dass ich die Weine nicht mehr trinken mag), obwohl es da meist mit hohem Alkohol und einem Mangel an Säure einhergeht, was hier nicht der Fall ist. Diese spezielle Note im Abgang von Glas 2 gefällt mir nach Eingewöhnung ausnehmend gut. In Glas 1 ist es mir etwas zu viel, in Glas 2 gerade richtig. Vielleicht bringt die Lage dieses Aroma mit und der oxidative Ausbau von Glas 1 verstärkt es auf ein Maß, bei dem es anfängt mich zu stören? Aber erst aufdecken: Glas 1 muss Traubensammler 2 sein, sonst sollte ich zukünftig besser über Zierfische bloggen – Ja, stimmt. Puh, Glück gehabt.

Mit Luft sind die Unterschiede deutlicher und der ‚technischere‘ Weinstil gefällt mir besser. Mit ansteigender Temperatur wird der ‚wilde‘ Wein bitter.

Montag Abend, offen eingeschenkt: Ich moderiere parallel meine Radiosendung auf kochblogradio.de – die Doppelbelastung ginge vielleicht als Entschuldigung durch, aber Blind ist mir jetzt zu aufwändig.

Traubensammler PaketTraubensammler 1: Sehr ähnlich zu Sonntag, satte Frucht, ein bisschen Eisbonbon, typische Aromen von Edelstahl/Kaltgärung. Enorm Saftig am Gaumen, knackige Säure, geschmacklich vollkommen trocken. Wieder dieser leichte Sherry-Ton aber der passt jetzt sehr gut.

Traubensammler 2: Sehr hefig, jetzt aber auch hier schönes Spiel, nicht ganz so prall wie bei Wein 1. Der Sherry-Ton etwas ausgeprägter aber deutlich geringer als Sonntag. Jetzt macht auch dieser Wein viel Spaß, ist eher cremig, (wer jetzt ‚burgundisch‘ sagen will, der soll es) aber noch als Riesling erkennbar. Schöne Tiefe und Länge aber nicht so wunderbar wie mein Tekkie in Glas 1.

Fazit: Die Weine verbindet einiges, mit Luft driften sie auseinander, sind beide aber auf ihre Art sehr gut. Wein 1 ist mein Favorit. Gäbe es die Weine regulär zu kaufen, würde ich mir sechs Flaschen von Wein 1 gönnen und zwei von Wein 2, als kleine Wette auf die Zukunft.

Es gibt das Traubensammler Paket in Berlin bei Planet Wein, sonst ab Weingüter von Oetinger und Jakob Jung zu kaufen und es kostet 30 Euro, was nur auf den ersten Blick teuer wirkt. Gemessen am Vergnügen liefern die Traubensammler ein Schnäppchen.

B-Max

Baltes Klingenberg Spätburgunder Blanc de Noir R

Dieser Tage trank ich spontan mit Freunden eine Flasche des Müller-Thurgaus der Weinentdeckungsgesellschaft. Der ‚Liebesheirat‘ präsentierte sich etwas deutlicher vom Holz geprägt als bei meiner ersten Begegnung mit dem Wein aber insgesamt sehr schön. Die Zugabe von Chardonnay und etwas Traminer sticht noch deutlich heraus und das führte kurze Zeit später auch zu einer Diskussion mit Facebook-Freunden, die den Wein ebenfalls kürzlich im Glas hatten. Wir waren uns einig: zwar ist es ein toller Wein, das Projektziel, herauszufinden, was Müller-Thurgau maximal an Qualität zu erreichen in der Lage ist, wird durch die Cuvée-Partner aber unmöglich gemacht – dazu hätte es ein reinsortiger Wein sein müssen.

Und dann hatte ich unerwartet vor ein paar Tagen ein Aha-Erlebnis. Ich öffnete mir eine Flasche Blanc de Noir ‚R‘ vom Weingut Stadt Klingenberg und da war sie: die Maximalerfahrung. Ich bin zwar kein Experte für weiß gekelterten Spätburgunder, habe nur gelegentlich einen im Glas, aber bei diesem Wein reifte in mir die Gewissheit, besser, sorgfältiger und intensiver kann man einen solchen Wein wohl nicht machen. Benedikt Baltes’ 2012er ‚R‘ ist vermutlich das Beste, was man aus dieser Weinart herausholen kann. Wer jetzt anführt, man müsse alle Blanc de Noirs der Welt getrunken haben um den besten zu küren, hat zwar Recht, wird von mir aber trotzdem als Korinthenausscheider gescholten – Pingeligkeit ist der natürliche Feind der Begeisterung.

Doch bevor das Lob hysterisch wirkt: der Blanc de Noir ‚R‘ ist beileibe nicht der beste Wein, den ich je getrunken habe, nicht einmal ansatzweise. Er präsentiert Finesse und Ausdruckskraft in hohem Maße, zeigt aber eben auch die Grenzen des Weintyps auf. Dabei wirkt er so harmonisch, dass man den Eindruck gewinnt, der Winzer wusste, was er aus seinem Most herausholen kann und hat seine Anstrengungen nicht übertrieben. Mehr Holz, mehr Reife, mehr Alkohol, nichts hätte zu einer Verbesserung des Gesamtbildes geführt, auch wenn diese Erkenntnis allein auf Intuition beruht.

Blanc de Noir – grüner Saft aus blauen Trauben

Die Möglichkeiten der Einflussnahme sind bei einem weiß gekelterten Spätburgunder begrenzt. Power-Weine arbeiten oft mit etwas Maischestandzeit – das geht beim Blanc de Noir nicht. (Für die weniger versierten unter meinen Lesern: Blanc de Noir nennt man einen Weißwein aus blauen Trauben, hierzulande fast immer Spätburgunder. Der französische Begriff ist eigentlich nicht gesetzlich definiert, wird von der deutschen Weinkontrolle aber ausdrücklich toleriert. Ein BdN entsteht dadurch, dass der Winzer seine Rotweintrauben sofort abpresst und den Kontakt von Saft und Schalen auf ein Minimum reduziert, denn der Saft der meisten blauen Trauben ist grün, die Farbe sitzt in den Schalen. Alternativ presst er nur schonend und lässt den ersten Saft ablaufen, macht daraus einen Weißwein, und hat beim restlichen Most dann ein höheres Verhältnis Schalen zu Saft was mehr Farbe und Gerbstoff für den Rotwein aus dem Restmost ergibt – dann spricht man von Saftabzug. Also verbietet sich bei Blanc de Noir die Maischestandzeit, denn diese führt binnen Stunden erst zu einem Rosé und dann zum Rotwein). Überreifes Lesegut kommt auch nur begrenzt in Frage. Also kann der Winzer nur über Traubenselektion und Kellerarbeit auf den Weinstil eines Blanc de Noir Einfluss nehmen.

Den Blanc de Noir ‚R‘ vergärt Winzer Benedikt Baltes mittels Spontangärung und lässt ihn ein Jahr im Holzfass reifen. Das verrät die Nase eher am zweiten als am ersten Tag. Frisch geöffnet bietet er Saft und Spaß, mit etwas Luft eher Komplexität und Würze. Beides wirkt in sich sehr harmonisch und ich fand beide Eindrücke auf ihre Art ganz wunderbar. Ich wählte ihn zu einem gebratenen Welsfilet, welches ich mit einem Rahmwirsing servierte, dessen Sahnesauce ich mit gehackten Erdnüssen angedickt hatte und die Kombination fiel in die Kategorie ‚Faust auf’s Auge‘.

Blanc de Noir EtikettWeingut Stadt Klingenberg, Blanc de Noir ‚R‘ 2012, Franken. In der Nase zunächst dezente Würze von Holz und Leder und etwas Beerenfrucht. Im Schwarzen Glas serviert, hätte ich auf Rotwein gewettet (und verloren). Am Gaumen am ersten Tag auch ein bisschen rote Beeren, aber dazu saftiger Apfel, am zweiten Tag mehr Apfel und sehr viel Orange (in einer für Wein eher ungewöhnlichen Intensität), Das Mundgefühl ist dezent ölig, wenngleich am ersten Tag von spürbarer Säure im Zaum gehalten. Am zweiten Tag driftet die ganze Anmutung sehr in Richtung Chardonnay aus dem Barrique, wenn nur die Orange nicht wäre. Tag 1 bescherte mir die perfekte Essenspaarung, an Tag 2 präsentierte sich der Wein eigenständiger und zeigte auch eine dezente Mineralik/Phenolik. Der Abgang war durchgehend sehr lang, der Wein sehr spannend und als Essensbegleiter grandios.

Rote von Rings

Weingut Rings Rotwein

Lange habe ich mich nicht mehr so auf eine Weinprobe gefreut, wie jene, zu der ich letzte Woche geladen war: Rote von Rings. Andreas Rings war zu Gast in Berlin und lud am Abend zu einer kommentierten Verkostung mit zünftiger Brotzeit in Anja Schröders Weingeschäft Planet Wein. Ich war dem Winzer vorher noch nicht begegnet, kannte aber einige seiner Weine. Es gibt hier im Blog sogar noch einen uralten Bericht zu einem Merlot ‚Silberkapsel‘ aus dem Jahrgang 2005 – einem Wein, den der grundsympathische Andreas Rings heute wohl gequält lächelnd als Lehrlingswerk oder Jugendsünde bezeichnen würde.

Rings und sein älterer Bruder haben das elterliche Gut vor gut zehn Jahren übernommen, sind aber die erste Generation, die Wein in Flaschen füllt; der Vater produzierte überwiegend Trauben und gelegentlich Fasswein. Erstes Aufsehen erregte ihr Rotwein ‚Das Kreuz‘ – eine an die Weine aus Bordeaux angelehnte Cuvée zu der es mit dem ‚Das kleine Kreuz‘ noch einen Zweitwein gibt. In den vergangenen Jahren mauserte sich das Weingut erst zu einem Geheimtipp und schließlich zu einem der bekanntesten Rotweinerzeuger der Pfalz, wenngleich Riesling und Co. auch zum Repertoir gehören.  Auf Podiumsplätze beim Deutschen Rotweinpreis haben die Brüder in den letzten Jahren ein Abonnement.

Andreas Rings bei einer Weinpräsentation zu erleben ist ein erfrischendes Vergnügen. Viele Winzer haben zumindest in der offiziellen Außenpräsentation von all ihren Weinen eine gleich hohe Meinung, reagieren auf Fragen nach Vorlieben wie eine Mutter auf die Frage, welches ihrer Kinder sie denn lieber habe. Nicht so Rings: beim Verkosten seiner Spätburgunder vergisst er die Menschen um sich herum und konzentriert sich ganz auf den Inhalt seines Glases, spuckt nicht aus und schenkt sich lieber nochmal nach, bei anderen Weinen ist er diszipliniert und ganz der professionelle Winzer bei der Weinpräsentation. Aber dann sagt er Sätze wie ‚Das Kreuz werden wir immer im Programm haben und besondere Sorgfalt darauf verwenden, denn dieser Wein hat unglaublich viel für uns getan‘ – und alle am Tisch verstehen auch ohne Lehrgang im Dechiffrieren diplomatischer Depeschen: ‚Ja, Kreuz ist fein, aber lasst uns doch über Spätburgunder reden‘.

Das bedeutet nicht, dass das Kreuz nicht ein famoser Wein wäre, aber Spätburgunder ist die große Liebe der Brüder. Er habe direkt nach der Schulzeit damit angefangen sein gesamtes nicht zum unmittelbaren Lebensunterhalt benötigtes Geld in Weine zu stecken, bevorzugt solche aus dem Burgund, erzählte Rings. Bei den betrieblichen Mitteln verfahren er und sein Bruder ähnlich. In den letzten Jahren haben sie diverse Spitzenlagen für Spätburgunder zugekauft, darunter eine Parzelle im Kallstadter Saumagen. Huber nennt Andreas Rings sein großes Vorbild was deutschen Weinstil angeht, die Knipsers bewundert er für ihre betrieblichen Abläufe.

Spätburgunder von Rings – reif ist nicht gleich reif

Die Spätburgunder zeigen eine einheitliche Handschrift. Im Mittelpunkt der Weinbergsarbeit steht die optimale Reife – das klingt trivial, meint aber eben nicht das Einfahren möglichst reifer Trauben, sondern die Vermeidung von Überreife. Einige der Spätburgunder hatten beim Alkohol eine 12 vor dem Komma, waren von sehr kräftiger Säure wunderbar strukturiert, wirkten aber durch und durch reif. Der Gutsspätburgunder bietet für 10 Euro ein tolles Preis-Leistungsverhältnis, der erwähnte Saumagen bezeugt, dass in der Lage nicht nur Riesling gedeiht. Allen Weinen gemein ist der moderate Holzeinsatz, überall sind neue und gebrauchte Fässer in vernünftigem Verhältnis im Einsatz.

Und dann war da noch eine Premiere. Rings hatte eine Fassprobe mitgebracht. Die Lage Berntal haben die Rings vor drei Jahren neu mit Spätburgunder bestockt. Der erste Ertrag liegt noch in zwei Fässern (einem neuen und einem gebrauchten), wird in einem Jahr gefüllt und kommt in 18 Monaten in den Verkehr. 300 Flaschen will Rings für den Eigenbedarf behalten, also stehen wohl 250 Flaschen für Kunden zur Verfügung. Und eines war allen klar: um diese Flaschen wird es Hauen und Stechen geben. Was für ein Stoff. Das werde ein Benchmark für deutschen Spätburgunder, fasste Kollege Zwick seine Begeisterung in Worte. Das ist vielleicht etwas hoch gegriffen aber nur etwas. Der Berntal ist ein Spätburgunder, der seine Herkunft zeigt. ‚Ich wachse auf Stein, nicht auf Blumenerde‘ lautet seine Botschaft. Und er übertreibt nicht, die Reben wurden mit Presslufthammer und Spitzhacke gesetzt, nicht mit Schaufel und Spaten. Das ergibt einen Wein mit großartiger Struktur, zurückhaltend in Holzeinsatz und Alkohol, skelettartig und gleichzeitig fruchtig, unendlich tief und lang. An der sofort aufkeimenden Diskussion wie burgundisch der Wein sei, mochte ich mich nicht beteiligen, schließlich gibt es auch im Burgund reichlich Blumenerde. Der Wein ist traumhaft – das reicht doch.

Am Ende des Abend schnappte ich mir eine der wenigen Flaschen, die noch halbvoll waren und machte mich auf gen Heim, wo ich diesen Wein in den nächsten drei Tagen in Ruhe weiterverkostete. Er stand den bereits erwähnten in nichts nach (außer dem singulären Berntal).

Rings SpätburgunderRings, Kallstadter Steinacker, Spätburgunder unfiltriert, 2012, Pfalz. In der Nase Kaffee, etwas Holz, feine Frucht (Himbeere und Kirsche). Am Gaumen mittlerer Körper, spürbare aber sehr feine Säure, wieder etwas Kaffee, Himbeere, nur sehr dezentes Holz, enorm seidiges Tannin und ein wunderbar mineralischer Eindruck. Der Wein zeigt optimale Reife: nichts grünes aber auch keine marmeladige Frucht, dafür große Frische gepaart mit feinsten Gerbstoffen. Der Spätburgunder wirkt tief, hat Länge, ist aber auch einfach zu trinken und macht richtig Spaß. Dabei entsteht der Eindruck, dass der Wein noch erhebliches Lagerpotential hat, denn er zeigt so viel Frucht, dass vermutlich auch in einigen Jahren, wenn Flaschenreife würzige Aromen produziert noch genug Frucht da ist, um dem Wein Balance zu geben. Das Holz ist aber schon jetzt so integriert, dass er mit Belüftung trinkbar ist.

Einen herzlichen Dank an Anja Schröder und Andreas Rings für die Einladung.

Ausflug an die Mosel (5): Markus Hüls

Weingut Markus Hüls, Kröv (Mosel)

Den fünften Winzer auf der Agenda meines diesjährigen Moseltrips traf ich nicht in seinem Weingut, sondern in Berlin. Während ich am Fluss urlaubte, war Markus Hüls in meiner Heimat um seine Weine bei einem kommentierten Winzerdinner vorzustellen. Da er noch ein paar Tage in der Hauptstadt weilte, konnten wir uns bei meiner Rückkehr in Anja Schröders Weinhandlung ‚Planet Wein‘ – Drehort der Webweinschule – treffen und seine Kollektion verkosten. Es war eine spannende Begegnung.

Markus Hüls entstammt einer Winzerfamilie, hatte aber zunächst andere Pläne als die Übernahme des elterlichen Gutes. Er lernte einen kaufmännischen Beruf bei einem Industrieunternehmen, bevor er es sich anders überlegte und die Winzerlehre nachschob. Mit Markus Molitor fand er einen Top-Ausbilder. Trotzdem gründete er nach der Lehre erst einen Bewirtschaftungsbetrieb, den er bis heute führt. Mit zehn Mitarbeitern bewirtschaftet er als Lohnunternehmer Weinbergsflächen für diverse Güter an der Mittelmosel. Das elterliche Weingut übernahm er dann eher teilweise, gründete sein eigenes nach ihm benanntes Gut, dass aber Flächen und Produktionsanlagen aus dem elterlichen Betrieb nutzt. Hüls sitzt in Kröv und ist  mit 2,8 Hektar in Letterlay und Steffensberg begütert, wo er Weiß- und Spätburgunder sowie in der Hauptsache Riesling anbaut.

Die Philosophie seines Weingutes ist schnell erklärt. Im Weinberg profitiert er davon, dass er die Truppe aus dem eigenen Lohnunternehmen einsetzen kann, wann immer im Auftragsbuch eine Lücke klafft. Auch hat er im Notfall sehr schnellen Zugriff auf Gerätschaften und Personal. Also versucht er den Aufwand hoch zu halten, auch wenn seine derzeitigen Weinpreise das noch nicht vollständig wieder einspielen können. Im Keller setzt er auf längere Maischestandzeit und langes Hefelager. Das macht er mit jedem Wein, denn er will eine Markus-Hüls-Stilistik, die sich durch die ganze Kollektion zieht. Mein Eindruck war, dass ein wenig Flexibilität hilfreich wäre, denn während er trotz dieser eher auf vollen Körper abzielenden Weinbereitung einen faszinierend typischen, stahligen fruchtsüßen Moselkabinett vorlegt, empfand ich den Weißburgunder ob der Fülle etwas schwierig – er wirkte wie ein leptosomer Body-Builder, der die Statur nicht hat um alle Muskeln harmonisch anzuordnen. Der Weißburgunder war aber der einzige Wein, der mich nicht glücklich machen konnte.

Hüls Riesling – mit Zuckerampel und Qualitätssymbolen

Hüls SchieferspielAuch wenn Hüls postuliert, er wolle den Wein in den Mittelpunkt seines Tuns stellen und nicht das Marketing, ist die Darstellung von Weingut und Produkt ausgesprochen durchdacht. Er arbeitet mit einer neunteiligen Süßeskala und dreistufigen Qualitätsangabe (Guts-, Terroir- und Lagenwein) auf den Etiketten, das Design ist sehr modern, die Texte auf seiner Homepage folgen dem aktuellen Trend und singen vor allem das Lied von der Geduld und dem kontrollierten Nichtstun. Doch er füllt die Philosophie mit Leben: im schwierigen Jahr 2013 füllte er keine Lagenweine, weil das Material seinen Ansprüchen für diesen Weintypus nicht genügte. In der Verkostung kam er sehr authentisch rüber.

Hüls ist selbstbewusst. Er hat eine klare Vorstellung, wie seine Weine sein sollen und wo er mit seinem Gut hin will: an die Spitze mindestens seiner Ecke der Mosel. Ich wage die Prognose, dass er für seinen selbstbewussten Vortrag noch einiges an Anfeindungen ertragen müssen wird. Menschen, die mit offenem Visier kämpfen, gelten hierzulande häufig als arrogant. Es ist auch leicht, den mit Blick auf die Zukunft formulierten Anspruch mit süffisanten Bemerkungen über den Ist-Zustand ins Lächerliche zu ziehen. Ich mag da nicht mitmachen, denn erstens erinnerte mich meine Begegnung mit Hüls an meinen ersten Besuch auf dem Weingut Van Volxem vor bald zehn Jahren. Da stand auch ein Winzer vor mir, der gerade seinen zweiten oder dritten Jahrgang gefüllt hatte, der schon sehr gut aber meilenweit vom eigenen Anspruch entfernt war. Auch Roman Niewodniczanski machte sich mit seiner Herangehensweise nicht nur Freunde. Und dann gibt es da noch den schon erwähnten Markus Molitor. Hüls’ Lehrherr gehört auch nicht gerade zu den kleinen Egos der Mittelmosel. Sich dessen Attitüde zu eigen zu machen, ist vermutlich nicht die schlechteste Strategie, wenn man ein erstklassiges Weingut aufbauen will.

Und um es deutlich zu sagen: ich empfand den Winzer als angenehmen Verkostungspartner. Er tut nicht so, als wäre er schon angekommen. Er weiß um die Probleme, die er zu überwinden hat und spricht sie offen an. Letterlay und Steffensberg sind keine berühmten Lagen, sie sind sogar eigentlich eine Gemarkung, beides Devon-Schiefer mit sehr ähnlicher Ausrichtung. Da ist kaum unterscheidbare Charakteristik herauszuarbeiten. Sollten ihm keine Zukäufe ein Stück flussaufwärts gelingen, wird Markus Hüls kaum der nächste Markus Molitor. Ihn, sein Weingut und seine Weine über die nächsten Jahre zu begleiten wird aber sicherlich sehr viel Spaß machen.

Riesling Schieferspiel, Markus HülsMarkus Hüls, Riesling Schieferspiel, 2013, Mosel. (Maischestandzeit, Hefelager und der Jahrgang: Ich öffnete den Wein, probierte und stellte ihn sofort wieder in den Kühlschrank, denn er braucht Luft, viel Luft. Am fünften Tag machte er den größten Spaß und auf diesen Tag beziehen sich meine Notizen.) Frische Nase, duftig blumig, wie man es eher aus anderen Ecken als der Mittelmosel kennt, dazu etwas Aprikose und Aloe Vera. Am Gaumen siegt der Jahrgang derzeit über die Herkunft: 2013 ist für mich das Grapefruit-Jahr – egal woher die Weine kommen, im Moment zeigen unendlich viele Rieslineg Grapefruit-Aromen. Aber der Schieferspiel ist vielschichtig-fruchtig: Orange, Apfel und etwas Aprikose tauchen auch noch auf. Im Mund viel Schmelz trotz kräftiger Säure, schöne Mineralik/Phenolik, feine Süße, die mit der Säure und der Phenolik ein sehr schönes Spiel bietet. Trotzdem ist das alles noch sehr jung und vermittelt den Eindruck, in drei Jahren geht’s mit diesem Wein erst richtig los. Etwas wärmer als kühlschrankkalt ist er auch jetzt ein großes Vergnügen aber alles andere als ein Schmeichler, dazu hat er im Abgang zu viel Gerbstoff. Schöne Länge, die sehr von Mineralik/Phenolik und Hefe getragen wird.

Ausflug an die Mosel (4): Weins-Prüm

Weins-Prüm Riesling von der Mosel

Manche Erlebnisse verbinden sich in meinem Gedächtnis mit einem einzelnen Wort. So erging es mir auch bei meinem Besuch des Mosel-Weinguts Weins-Prüm. ‚Aufgeräumt‘ kam mir in den Sinn und hat sich dort seitdem festgesetzt. Nicht weil die Winzerstube besonders sauber gewesen wäre – das war sie auch, aber diese Bedeutung des Wortes ist nicht gemeint. Selten bin ich einem Winzer begegnet, der so aufgeräumt wirkte, in sich ruhend, freundlich, mit sich und seiner Umwelt im Reinen. Aber der Reihe nach.

Kurz vor meinem Moseltrip trank ich eine Flasche Wein mit meinem Freund Charlie, der, wie mehrfach erwähnt, in meinem Leben für die Altweinerlebnisse zuständig ist. Es handelte sich um einen fruchtsüßen Kabinett aus der Lage Wehlener Sonnenuhr aus dem Jahrgang 2001 vom Weingut Weins-Prüm (oder Dr. F. Weins-Prüm, wie der exakte Name lautet). Es war ein Altwein aus der Kategorie ‚war vermutlich nie besser als heute‘, einer, den auch Menschen verstehen und mögen, die Riesling lieber frisch trinken. Ich merkte an, dass Weins-Prüm zu den Gütern gehört, die ich lediglich dem Namen nach kenne. Das solle ich ändern meinte Charlie und bot an, mir ein Entree bei Bert Selbach zu machen, dem Inhaber des Weinguts.

Also besuchte ich Weins-Prüm auf meiner Moselreise. Das Gut ist in einer klassischen Moselschiefer-Kastenvilla untergebracht – das Haus links neben dem berühmten Vetter J.J. Prüm und wie dieses auch aus der Erbteilung der Prüm’schen Besitztümer 1911 hervorgegangen. Herr Selbach ist ein direkter Nachfahre und der letzte seiner Art. Mangels Nachkommen hofft er auf einen Sinneswandel bei Nichte oder Neffe, allerdings scheint ihm das keine Sorgenfalten auf die Stirn zu treiben. Er begrüßte uns mit der Bemerkung, er sei eben gerade im Keller gewesen und habe mal gezählt, er habe noch genau 640 Flaschen Wein zu verkaufen – Ende August! Aber auch das schien ihn nicht zu zermürben. Ja, die Ernte sei sehr klein gewesen. Man habe daraufhin die Preisliste ausschließlich an Kunden verschickt, die in den letzten zwei Jahren etwas gekauft hätten (Marketing auf moselanisch) und dieses Jahr würde er eine kleine Portion des Gutsrieslings vielleicht schon im Dezember füllen, für die amerikanischen Kunden. Er wirkte dabei – wie erwähnt – völlig aufgeräumt.

Weins-Prüm: Riesling aus Top-Lagen

Weins-Prüm ist Mitglied im VDP und die Weine tragen den Adler auf der Kapsel. Auf die Verwendung der anderen Insignien wie VDP.Große Lage verzichtet das Weingut. Selbach berühren die heißen Themen Lagenverbrauch und GG nicht, er macht eh nur süße Weine mit Ausnahme eines trockenen Gutsrieslings. Den probierten wir als erstes und er gefiel mir ausnehmend gut, dabei war ich doch wegen der süßen Weine gekommen. Während wir probierten, erzählte Selbach von seinem Weingut. Die 4,5 Hektar Weinbergsfläche liegen in Top-Lagen, darunter dem Kernstück des Erdener Prälat und dem Ürziger Würzgarten. Selbach arbeitet weitgehend allein, im Frühjahr kommen Helfer für das Binden, im Sommer für die Laubarbeit und dann ein Team von Lesehelfern. Den Rest macht er selbst und wenn die Ernte wie 2013 kleiner ausfällt, dann gibt es halt weniger Wein, Zukauf gehört nicht zum Plan.

All diese Informationen vermittelte Selbach binnen kürzester Zeit. Er redete in normalem Tempo und noch nicht einmal besonders viel; trotzdem hatte ich nach einer Stunde den Eindruck, ich wüsste alles Wissenswerte über das Weingut und die Weine. Dabei zeigte der Winzer eine manchmal unheimlich anmutende Fähigkeit Gedanken zu lesen: mehrfach kamen mir Fragen in den Sinn, die er mit dem nächsten Satz beantwortete, noch bevor ich sie stellen konnte. Und es schien sehr glaubhaft, was Selbach erzählt, denn wer will, findet Ansatzpunkte zur Kritik. Er habe 2013 Botrytizide gespritzt und er sei heilfroh drum, denn erstens hätte er sonst noch weniger Wein und zweitens habe er damit seine Trauben bis in die allerletzte Sonnenscheinperiode gerettet, was zumindest qualitativ zu einem Happy End führte. Wir rochen in unser Glas und konnten nur zustimmen. Und ja, er habe entsäuert, auf jede Kelter ein Kilo Kalk, damit es keines separaten Filtrationsvorgangs bedürfe. Meine jüngeren Winzerfreunde schlagen bei so einer Aussage die Hände vors Gesicht: ‚Damit extrahierst Du Bitterstoffe, das wird seit zwanzig Jahren gelehrt, dass man das nicht macht‘. Wie gut, dass das niemand den Trauben von Herrn Selbach erzählt hat, denn vermehrte Bitterstoffe finden wir in keinem der Weine – grau ist alle Theorie. Auch das Thema Vergärung streiften wir: Er lese jedes Jahr zu Beginn eine Fuhre ausgesucht gesunden Traubenmaterials und bringe dies spontan zur Gärung. Aus diesem Fuder beimpfe er dann jede neue Partie. Wie man das nun nennen soll, überließ er uns – er war da ganz aufgeräumt.

Nach einer guten Stunde waren wir wieder raus und Herr Selbach hatte deutlich weniger als 640 Flaschen zum Verkauf übrig. Aber auch das nahm er mit fröhlichem Gleichmut. Dass er auf seinen Weinen sitzen bleibt, muss er eh nicht befürchten – angesichts einer Preisgestaltung, die bei 6,80 Euro für den Gutswein beginnt und bei 14,50 Euro für die Auslese aus dem Prälaten endet. Die süßen Kabinette werde ich für viele Jahre weglegen. Dass sich das lohnt, weiss ich von Charlie und 2013 schmeckt nach enormen Reifepotential. Ich werde ein Eckchen im Keller finden – müsste halt mal wieder aufräumen.

Weins-Prüm-GutsrieslingWeins-Prüm, Gutsriesling trocken, 2013, Mosel. In der Nase fruchtig mit Grapefruit und süßlich-mürbem Apfel – etwas süßer und malziger als der Wein sich am Gaumen präsentiert. Denn da findet sich vor allem Zitrus (Grapefruit), etwas Aprikose und viel grüner Apfel. Der Wein ist ziemlich trocken, sehr mineralisch/phenolisch mit kräftiger Säure, die aber nicht zu heftig daherkommt. Der Wein ist gefällig, verleugnet aber den Jahrgang nicht. Er ist nicht sehr kräftig, ein klassischer Mosel-Gutsriesling, mit viel Saft und gut integrierten 12% Alkohol – das ergibt wunderbaren Trinkfluss. Der Abgang ist mittellang. Das war mein Lieblingsschoppen in der zweiten Sommerhälfte.