Wein Social Media Bullshit Bingo

FI Enderle&Moll

Bei mir daheim hängt der Haussegen schief. Meine Frau sagt, ich mache unserer Tochter Angst. Ich solle aufhören ständig laut durchs Haus zu rufen. Aber ich kann nicht anders. Ich habe ein neues Lieblingsspiel: Wein Social Media Bullshit Bingo. Das geht ganz einfach. Ich durchstöbere – meist morgens beim zweiten Kaffee – die sozialen Netze Twitter, Instagram, Facebook und Pinterest nach Fotos der Weine, die mein virtueller Freundeskreis am Vorabend geleert hat. Dann betrachte ich die mitgelieferten Texte und vergleiche mit meiner Bingo-Karte. Bei vier richtigen in einer Reihe rufe ich BINGO. Ich rufe oft BINGO – in letzter Zeit nahezu ununterbrochen.

Aber WSMBB (so meine Abkürzung) macht wahnsinnig viel Spaß. Probieren Sie es aus. Hier ist meine Karte. Sie können sie nach eigenem Gusto verändern oder erweitern.

Wein Bingo

2014 war – ich bin immer noch im Jahresrückblicksmodus – das Jahr, in dem Wein in den sozialen Medien seinen vorläufigen Höhepunkt erlebte. Davon bin ich überzeugt (glaub ich, also irgendwie, sozusagen, ein bisschen). Und das liegt daran, dass sich ein Trend aus 2013 fortgesetzt hat: die Demokratisierung der Weinsprache. Ganz viele neue Worte kamen dazu und etliche klangen richtig gut. Und wenn man ein paar davon im Zusammenhang mit bestimmten Weinen fallen ließ, hatte man auf einmal ganz viele Menschen, die den Gefällt-mir-Knopf drückten. Also machten immer mehr mit – immer öfter und mit immer den gleichen Worten. Der Vorteil an brandneuen Worten ist der Interpretationsspielraum, den sie lassen. Also macht der Autor nie was falsch, der Leser interpretiert nur nicht richtig.

Ich habe kein Problem damit, also meistens nicht. Einmal hatte ich doch ein Problem. Da hab ich einen wahnsinnig tollen Wein getrunken, aber mich nicht getraut jemandem davon zu erzählen. Der Wein stammte von einem besonderen Weingut. Wie es im Gault Millau einen ‚Aufsteiger des Jahres gibt‘, so gibt es meiner Meinung nach in den sozialen Netzen eine Entsprechung: den Bullshit-Bingo-Magneten des Jahres. Da kann das Weingut nichts für. Es ist ein vergiftetes Lob, weswegen den Titel keiner haben will – und deswegen habe ich die Klappe gehalten. Aber jetzt traue ich mich. Es ging um einen Wein von Enderle & Moll. Mein Wein war der einfache Spätburgunder aus 2010, Beifang eines Einkaufs aus dem Jahr 2012. Einfach so ohne Erwartung aus den Beständen geholt, getrunken und total begeistert gewesen.

Enderle & Moll, Spätburgunder, 2010, Baden. In der Bis-zwölf-Euro-Liga habe ich 2014 nichts Besseres getrunken – mein Rotwein des Jahres. Aber bei Weinen von Enderle und Moll findet sich in der Bildunterschrift immer burgundisch und wild, der Wein war aber so burgundisch wie Semmelknödel und das einzig Wilde an ihm ist die Haarpracht des Kellermeisters. Vereinfacht gesagt, zeigt der Wein eine unfassbare, kühle Eleganz (was für mich das Gegenteil von Wildheit ist) und dann findet sich im Aromenspektrum neben Grafit, rohem Fleisch und Himbeere auch dieser (dezente) Touch von gekochten Beeren, den es angeblich nur in Deutschland gibt. Aber diese Art der Herkunfts-Bezeugung – das Beste vom Vorbild gepaart mit dem Typischsten der Heimat, muss man erst mal auf die Flasche bringen. Und wenn ein Wein sauber, sortentypisch und ausdrucksstark ist, dann nenne auch ich das ‚fokussiert‘ (Nein, kein BINGO, ein Wort macht noch kein BINGO).

Aber warum hat das Phänomen seinen Zenit überschritten? In diesem Glauben bestärken mich Ereignisse der jüngsten Vergangenheit. Immer häufiger mischen sich unter die Beifallsbekundungen zu solcherart Weinbeschreibung nämlich kritische Töne und die werden immer schriller. Einige wirken wie Konservatismus, andere wiederum verlangen nach Weinbeschreibungen, aus denen sie schließen können, wie der Wein tatsächlich schmeckt, wohl weil sie im Sinn einer Kostnotiz die Beschreibung des Weingeschmacks und nicht der Gefühlswelt des Winzers oder Konsumenten sehen. Andere finden das engstirnig und rückwärtsgewandt. Die Lager reagieren zusehends unversöhnlich. Die Glaubenskrieger sind von der Leine gelassen und das ist meist der Punkt an dem sich diejenigen, die das alles nicht so eng sehen wollen, einem anderen Thema zuwenden. ‚War nett mit Euch Weinfuzzis, aber jetzt wird’s mir zu stressig.‘

Neulich schrieb ein Bekannter unter das Foto einer Flasche, der Wein röche nach rostigem Stoßdämpfer. Ein paar Tage zuvor hatte er wohl unter ein anderes Foto geschrieben, der zughörige Wein röche nach rostiger Eisenbahnschiene. Also brach eine Diskussion los. Ob das Weinbeschreibung sei? Ob er damit implizit behaupten wolle, dass er den Unterschied zwischen rostigen Stoßdämpfern und Eisenbahnschienen erriechen könne, zumal überdeckt von anderen Weinaromen? Und ob das nicht viel mehr über den Autor als über den Wein aussage? Unterstützer wiederum machten sehr deutlich, was es ihrer Meinung nach über die reklamierenden Vorredner aussage, dass sie überhaupt so despektierliche Fragen stellten – um den Wein ging es in keinem einzigen der elftausend Kommentare (vielleicht waren es auch elfmillionen).

Da ich nicht wusste, wie ich das Phänomen einzuordnen habe, erzählte ich meiner Ehefrau bei einem schönen Glas Weißwein von diesem ernsten Hintergrund meines Bingospiels. Ihre Antwort kam prompt: ‚Lattenzaun!‘ Nun habe ich es mir eigentlich abgewöhnt, meine Frau in Weindingen zu belehren, kam aber nicht umhin anzumerken, dass unser Riesling erstens aus dem Stahltank stammte und zweitens wirklich kein Bedarf an neuen Ausdrücken für Holzaromen in Weißwein herrsche.

‚Dummerchen,‘ sprach meine bessere Hälfte, ‚der Lattenzaun bezog sich nicht auf unseren Wein, sondern auf die Tatsache, dass Sprache sich entwickelt. Früher hätte man sich gefragt, ob Deine Weinheinis noch alle Tassen im Schrank, heutzutage eher ob sie noch alle Latten am Zaun haben, wenn sie sich öffentlich über rostige Schienen streiten. Die Zeiten ändern sich.‘

Da hat sie recht. Das war die Lösung. Weinsprache muss sich entwickeln! Ich war ihr für diesen wertvollen Beitrag zu meiner Meinungsfindung so dankbar, dass ich spontan versprach zukünftig etwas leiser ‚Bingo‘ zu rufen.

Werkzeug des Jahres

Bubble Brush

Jahresrückblick die zweite: 2014 war das Jahr der Werkzeuge. Nur nicht für Blogger: Kein einziger Artikel deutschsprachiger Blogger hat sich mit so schicken Erfindungen wie Coravin beschäftigt – auch dieses Blog nicht.

Das muss ich ändern. Ein nicht minder sinnvolles Gerät erreichte die Redaktion dieses kritischen Verbraucherportals im Herbst letzten Jahres. Es dauerte bis zum Jahresende, bis das Konzept für einen unbestechlichen Praxistest stand, der dann aber zügig in die Tat umgesetzt wurde –  wenngleich unter anderer Flagge, der des Zweitprojektes Webweinschule.

Sehen Sie selbst: der persönliche Moussierpunktkratzer. (Die Gewinnspielteilnahme ist auch in diesem Blog möglich).

 

Beim verwendeten Sekt handelt es sich um den Torheit, wie sich regelmäßige Leser des Blogs vermutlich schon gedacht haben.

Das Jahr der wilden Kerle

Weil Gräfenberg

Wie immer mit Verspätung: ein Jahresrückblick (Teil 1).

2014 stand für mich im Zeichen des Orange-Mainstreamings. Wen das jetzt an Gender-Mainstreaming erinnert – soll es auch, denn ich sehe strukturelle Parallelen (was eine verquaste Formulierung dafür ist, dass ich beides ein wenig verquast finde). Orange hat sich als Trend nicht durchgesetzt (man verzeihe mir, dass ich wider besseren Wissens orange jetzt für den ganzen ‚Natural Wine‘-Zirkus in Sippenhaft nehme), aber es hat aufgrund einer sehr aktiven Anhängerschaft einen erheblichen Einfluss auf die Weintrinkerszene gehabt. Guter Wein musste 2014 zwar nicht orange, wenigstens aber ‚wild‘ sein. Unter wild verstanden nicht alle das gleiche, aber die Tendenz war klar: irgendwelche nicht einzuordnenden Aromen, Gerbstoffe, Bitterstoffe, Lösungsmitteltöne, Fruchtferne, keine dienende Restsüße, Gärnebenprodukte – alles das, was Tante Lotta niemals trinken würde.

Die Mehrzahl der 2014 in sozialen Medien veröffentlichten Weinbeschreibungen klang martialisch, das Wort ‚dreckig‘ ist sehr in Mode, ‚Frucht-Trinker‘ dafür die vinophile Entsprechung des Warmduschers. Verkostungsnotizen klingen nach erlebtem Urinstinkt. ‚Echte Kenner‘ ist scheinbar nicht nur phonetisch nah bei ‚echte Männer‘. In Zeiten, da Bemerkungen über die sexy Kurven der Kollegin aus der Buchhaltung gesellschaftlich inakzeptabler als Türkenwitze sind und der 300 PS Audi ohne Typenschild auskommen muss, um keine bösen Blicke umweltbewusster Nachbarn zu provozieren, definiert mancher seine Männlichkeit über den Mostvorklärungsgrad seines Lieblingsrieslings. Not macht erfinderisch!

Die arrogante Position wäre zu sagen: Wein demokratisiert sich gerade und es reden halt jede Menge Menschen mit, die den Unterschied zwischen wild und unsauber nicht erkennen können. Aber diese Sicht ist falsch. Ich hatte diverse Proben mit Weinprofis im letzten Jahr, die mit Begeisterung die gereichten Sachen tranken, die ich schlicht fehlerhaft fand. ‚Klar hat der ein bisschen Brett/flüchtige Säure/Ethylacetat/Lieblingsfehlerbittehiereinsetzen, aber mit Deiner Einstufung, er sei untrinkbar, schießt Du über das Ziel hinaus‘ war ein Satz, den ich 2014 mehr als einmal zu hören bekam – von Menschen, deren Urteil ich respektiere.

Der Standpunkt, wir wären in einer Zeit angekommen, in der die Lust auf das Naturnahe uns zu Toleranz gegenüber den damit einhergehenden Qualitätsschwankungen bewegt, reicht nicht weit genug, denn da ist nicht Billigung, da ist Begeisterung. Wir bewegen uns in eine Richtung, in der alles im Wein als Aroma durchgeht – und zu jedem Aroma gibt es auch eine Fangemeinde. 2014 war das Jahr, in dem wir die Weinfehler abgeschafft haben. Irgendwer trinkt’s immer. Und so wird aus dem Mangel eine Tugend. 2014 war auch das Jahr, in dem mir ein Winzer, der gerade wieder die bösen Schönungen geächtet hatte, auf meine Frage, was er denn tue, wenn er thermolabiles Eiweiß im Wein habe, einen Wein mit den Worten eingoss: ‚Hier, der ist so ein Problemfall, aber nur ein bisschen und das haben die Qualitätsweinprüfer zum Glück nicht gemerkt, geschmacklich ist der doch super!‘ Ich mag den Mann, ich habe mir auf die Zunge gebissen und nichts gesagt. Die amtliche Weinprüfung, die in Deutschland so wunderbar funktioniert, wird ganz langsam zum Buhmann aufgebaut, unter Beifall eben jenes Konsumenten, dessen Schutz ihr einziges Ziel ist. Mal gucken, wo diese Entwicklung hinführt.

Sauber ist das neue Schund

Was über keinerlei Fehltöne verfügt, ist verdächtig. Wenn ‚nett‘ die kleine Schwester von scheiße ist (pardon my French, please), dann ist ‚sauber‘ der große Bruder von langweilig – gestern als blitzsauber gelobt heißt heute als ‚glattgebügelt‘ verdammt. Harte Kerle trinken (Ihrlieblingsrebellhier), Weicheier trinken Robert Weil. Das war noch eine Erkenntnis aus 2014. Drei ziemlich identische Diskussionen durfte ich in sozialen Medien erleben, die alle eine Mehrheit sahen, die Weils Weine als überteuerten Etikettentrinkerschund abtaten. Selbst eine Phalanx aus Menschen, die man im Social-Media-Sprech als ‚Influencer‘ bezeichnet, angeführt von Wilhelm Weils Ex-Kellermeister Dirk Würtz, die sich bei solchen Gelegenheiten die Finger pro-Weil blutig tippen, kann nicht verhindern, dass er in Teilen der Szene schlicht nicht satisfaktionsfähig ist. Ich gehörte mit zu den Unterstützern, zunächst moderat, ab Herbst dann vehement. Das lag daran, dass ich kaum einem Wein im Jahr 2014 so intensiv begegnet bin wie dem Gräfenberg EG/GG. Im Keller des Weinguts, bei der Vorpremiere in Wiesbaden, entspannt zuhause: ich konnte im letzten Jahr fast alle Gräfenberg-EGs und GGs der letzten zehn Jahre probieren und zwar meist mehrfach, mal zu warm, mal aus großen Flaschen, mal ganz gewöhnlich. Ich habe den Wein jetzt verstanden und sage: großartig. Für mich ist der Gräfenberg daher mein Weißwein des Jahres. Der guten Ordnung halber die Offenlegung, dass ich zu Weihnachten eine Flasche vom Weingut geschenkt bekam.

Doch geöffnet habe ich für meinen Jahresrückblick eine aus meinen eigenen Beständen. Die erinnerte mich dann unsanft daran, dass es doch noch einen Minimalkonsens zu Weinfehlern gibt: den Korkfehler. Lasch und weich war der Korken, der Wein zum Glück nicht TCA-verseucht, das Trinkvergnügen von etwas vorzeitiger Reife aber leicht eingeschränkt. Gut war er trotzdem.

Gräfenberg EGRobert Weil, Kiedrich Gräfenberg, Riesling Erstes Gewächs, 2008, Rheingau. In der sehr angenehmen Nase Pistazie, Melone, Aloe Vera und dezente Alterstöne. Am Gaumen typische Riesling-Aprikose. Was auffällt, ist die wunderbare Balance, die Säure wirkt für den Jahrgang recht mild, was vermutlich am etwas höheren Alkohol von 13,5% liegt, der seinerseits nicht negativ auffällt, weil der Riesling trotz vollem Körper sehr straff wirkt. Ich fand den Wein nur dezent mineralisch/phenolisch, was aber kein Mangel war. Den fand ich im Abgang: zwar sehr lang aber auch mit einer Aromatik, die an Brottrunk erinnert, was beim Riesling für mich zeigt, dass der Wein auf dem absteigenden Ast ist. Dafür begleitete er ein Rindfleischcurry (rote Paste) sehr gut, dessen hoher Anteil an grünen Bohnen dem Wein viel Frische zurückgab. Das war eine perfekte Paarung und schöner Ausklang eines spannenden Weinjahres.

Frohes Neues Jahr!

Verwirrende Traubensammler

TraubensammlerFI

Die Frage, welchen Einfluss die Weinbergslage auf den Geschmack des Endproduktes hat, beschäftigt nicht nur Weintrinker rund um den Globus, auch Winzer gehen ihr auf verschiedenste Weise nach. Das klingt banaler als es ist, denn vor der Beschäftigung mit dem Einfluss des Bodens auf den Wein, musste in den Produzenten erst die Bereitschaft wachsen, mit einer möglicherweise unbequemen Antwort zu leben, falls die Erkenntnis lautet, dass er viel kleiner ist als jahrzehntelang propagiert (wenngleich es noch viel zu früh ist das zu beurteilen).

Zu den wissbegierigen gesellten sich im Jahr 2012 (also parallel zu den Wurzelwerk-Machern) die beiden Erbacher Winzer Johannes Jung und Achim von Oetinger. Beide heckten einen Plan aus. Was, wenn wir aus identischem Ausgangsmaterial zwei Weine keltern, deren Entstehungsgeschichte unterschiedlicher nicht sein könnte? Das Winzer sich die Ernte einer Parzelle teilen und dann in ihren jeweiligen Kellern einen Wein daraus machen, gibt es schon. Die Weine schmecken höchst unterschiedlich. Was aber, wenn man nichts dem Zufall überlässt, eine Mostpartie einem höchst technischen Prozess der Weinbereitung unterzieht, den anderen auf althergebrachte Art vergärt? Würde die Lage noch durchscheinen?

Also machten sich Jung und von Oetinger ans Werk. Beide ernteten von Hand eine Tonne Trauben in ihren jeweiligen Parzellen im Erbacher Steinmorgen. Beste Trauben sollten es sein und um den Unterschied zwischen den Mikroklimata der Weingärten zu eliminieren, tauschten sie je 500 kilo miteinander und hatten so den gleichen fifty-fifty Mix an Ausgangsmaterial. Ein Problem war noch zu lösen: keiner wollte den Technik-Wein herstellen, beide hatten Lust auf die alte Schule – das Los musste entscheiden und Jung zog den kürzeren Strohhalm.

Und so entstand im Keller des Weinguts Jakob Jung ein Wein aus Ganztraubenpressung, ohne Maischestandzeit, durch gekühlte Vergärung mit Reinzuchthefen, im Edelstahltank und mit minimiertem Hefekontakt. Von Oetinger hingegen ließ die Maische zehn Tage stehen, füllte den Most in ein Holzfass, wartete bis die Gärung spontan mit Keller- und Weinbergshefen einsetzte und ließ dem Wein 4 Monate zum Gären (Jungs Wein war nach zehn Tagen mit der Gärung durch), die Hefe ließ er sogar noch länger beim Wein und rührte sie regelmäßig auf. Einmal musste auch von Oetinger in die technische Trickkiste greifen: da bei dieser traditionellen Machart manchmal ein biologischer Säureabbau (BSA) vorkommt und manchmal nicht, das Old-School-Erlebnis aber maximal sein sollte, leitete er den BSA gezielt ein. Beide Weine durchliefen nur einen einzigen Filtrationsvorgang unmittelbar vor der Füllung.

Ob des Traubentauschs verbietet das Gesetz die Vermarktung als Erzeugerabfüllung. Ob der Minimenge verzichteten die Winzer auch auf die Qualitätsweinprüfung und brachten die Weine direkt unter dem Erzeugernamen ‚Die Traubensammler‘ als Tafelwein auf den Markt. Die Weine sind lediglich mit einer Zahl (1 für Jungs und 2 für von Oetingers Wein) und kleingedruckt den gesetzlichen Angaben beschriftet. Ein Beipackzettel informiert über die Idee und die analytischen Werte des Endprodukts.

Traubensammler – das Protokoll

Das konnte ich mir nicht entgehen lassen. ich kaufte mir ein Paket und legte zuhause los. Um maximalen Spaß zu haben, bat ich meine bessere Hälfte, das Einschenken zu übernehmen und probierte blind. Hier das Protokoll:

Samstag Abend, unmittelbar nach dem Öffnen der Flaschen:

Glas 1: In der Nase verhalten, im Hintergrund ein leichter Stinker, diffusere Frucht, mimimale Sherry-Note. Am Gaumen saftig, würzig, etwas Apfel, eher wenig Frucht, die aber süßlich, kräftige Säure, spürbare Mineralik/Phenolik, insgesamt eher karg und doch tief, Kategorie schlafender Riese.

Glas 2: Nase geringfügig kräftiger, fruchtig, Litschi und reife Aprikose, etwas würzig, ziemlich bunt – erstaunlicherweise ist auch hier diese leichte Sherry-Nase riechbar. Am Gaumen süßer, geschmeidiger, saftiger aber auch etwas glatter, Apfel und Aprikose, kaum Phenolik, easy drinking, lecker, zeigt nicht die gleiche Tiefe.

Danach zu urteilen müsste Glas 1 der ‚wilde‘ Wein sein. Also schnell aufgedeckt – falsch gelegen. Wie kann ich mir das jetzt schönreden? Tagesform? Eher nicht, es ist 17.00 Uhr und ich probiere vor dem Essen, da sind die Sinne geschärft. Bei der Suche nach Ausreden stoße ich auf die Analysedaten. Ha! So funktioniert’s: Traubensammler 2 hat aufgrund des biologischen Säureabbaus nur 6,3 Gramm Säure pro Liter bei 3,2 Gramm Restzucker, der Tekkie-Wein hingegen 7,4 Gramm Säure bei 4,8 Gramm Restzucker. In diesem frühen Stadium ist Traubensammler 2 einfach etwas süßer und leichter zu trinken. Die Nase war eh eher verhalten und da ich nur halb-blind probiere, schließlich habe ich eine konkrete Zielvorgabe, erledigt das Hirn den Rest per Autopilot.

Ich rieche eine Weile an den leeren Gläsern: bezüglich des Stinkers muss ich zurückrudern, den finde ich jetzt eher in Glas 2. Die Verwirrung ist perfekt.

Samstag, später am Abend:

Der ‚wilde‘ wirkt etwas oxidiert. Das macht es jetzt leichter. Das Fazit des ersten Tages: Beide Weine gefallen mir sehr gut – gleich gut.

Sonntag Abend (wieder blind eingeschenkt):

Glas 1: In der Nase wenig Frucht, leicht hefig. Am Gaumen sehr schlank, deutliche Sherry-Note, ein leichtes Bitterl, harmonisches Spiel von Süße und Säure.

Glas 2: Mehr Frucht, Apfel und Litschi, Aprikose, Pistazie(?), am Gaumen erst blitzsauber, saftig, fruchtig, tief und vor allem sehr harmonisch – lecker. Ich könnte das Glas auf ex trinken. Im Abgang auf einmal auch ein leichter Sherry-Ton. Überhang von Glas 1 oder ist der wirklich da? 

Den Sherry-Ton kenne ich so eigentlich nur von Weinen von Clemens Busch (wo er in den GGs manchmal so krass dominiert, dass ich die Weine nicht mehr trinken mag), obwohl es da meist mit hohem Alkohol und einem Mangel an Säure einhergeht, was hier nicht der Fall ist. Diese spezielle Note im Abgang von Glas 2 gefällt mir nach Eingewöhnung ausnehmend gut. In Glas 1 ist es mir etwas zu viel, in Glas 2 gerade richtig. Vielleicht bringt die Lage dieses Aroma mit und der oxidative Ausbau von Glas 1 verstärkt es auf ein Maß, bei dem es anfängt mich zu stören? Aber erst aufdecken: Glas 1 muss Traubensammler 2 sein, sonst sollte ich zukünftig besser über Zierfische bloggen – Ja, stimmt. Puh, Glück gehabt.

Mit Luft sind die Unterschiede deutlicher und der ‚technischere‘ Weinstil gefällt mir besser. Mit ansteigender Temperatur wird der ‚wilde‘ Wein bitter.

Montag Abend, offen eingeschenkt: Ich moderiere parallel meine Radiosendung auf kochblogradio.de – die Doppelbelastung ginge vielleicht als Entschuldigung durch, aber Blind ist mir jetzt zu aufwändig.

Traubensammler PaketTraubensammler 1: Sehr ähnlich zu Sonntag, satte Frucht, ein bisschen Eisbonbon, typische Aromen von Edelstahl/Kaltgärung. Enorm Saftig am Gaumen, knackige Säure, geschmacklich vollkommen trocken. Wieder dieser leichte Sherry-Ton aber der passt jetzt sehr gut.

Traubensammler 2: Sehr hefig, jetzt aber auch hier schönes Spiel, nicht ganz so prall wie bei Wein 1. Der Sherry-Ton etwas ausgeprägter aber deutlich geringer als Sonntag. Jetzt macht auch dieser Wein viel Spaß, ist eher cremig, (wer jetzt ‚burgundisch‘ sagen will, der soll es) aber noch als Riesling erkennbar. Schöne Tiefe und Länge aber nicht so wunderbar wie mein Tekkie in Glas 1.

Fazit: Die Weine verbindet einiges, mit Luft driften sie auseinander, sind beide aber auf ihre Art sehr gut. Wein 1 ist mein Favorit. Gäbe es die Weine regulär zu kaufen, würde ich mir sechs Flaschen von Wein 1 gönnen und zwei von Wein 2, als kleine Wette auf die Zukunft.

Es gibt das Traubensammler Paket in Berlin bei Planet Wein, sonst ab Weingüter von Oetinger und Jakob Jung zu kaufen und es kostet 30 Euro, was nur auf den ersten Blick teuer wirkt. Gemessen am Vergnügen liefern die Traubensammler ein Schnäppchen.

Mit Achim von Oetinger konnte ich vor kurzem auch ein kleines Interview für die Webweinschule führen.

B-Max

Baltes Klingenberg Spätburgunder Blanc de Noir R

Dieser Tage trank ich spontan mit Freunden eine Flasche des Müller-Thurgaus der Weinentdeckungsgesellschaft. Der ‚Liebesheirat‘ präsentierte sich etwas deutlicher vom Holz geprägt als bei meiner ersten Begegnung mit dem Wein aber insgesamt sehr schön. Die Zugabe von Chardonnay und etwas Traminer sticht noch deutlich heraus und das führte kurze Zeit später auch zu einer Diskussion mit Facebook-Freunden, die den Wein ebenfalls kürzlich im Glas hatten. Wir waren uns einig: zwar ist es ein toller Wein, das Projektziel, herauszufinden, was Müller-Thurgau maximal an Qualität zu erreichen in der Lage ist, wird durch die Cuvée-Partner aber unmöglich gemacht – dazu hätte es ein reinsortiger Wein sein müssen.

Und dann hatte ich unerwartet vor ein paar Tagen ein Aha-Erlebnis. Ich öffnete mir eine Flasche Blanc de Noir ‚R‘ vom Weingut Stadt Klingenberg und da war sie: die Maximalerfahrung. Ich bin zwar kein Experte für weiß gekelterten Spätburgunder, habe nur gelegentlich einen im Glas, aber bei diesem Wein reifte in mir die Gewissheit, besser, sorgfältiger und intensiver kann man einen solchen Wein wohl nicht machen. Benedikt Baltes’ 2012er ‚R‘ ist vermutlich das Beste, was man aus dieser Weinart herausholen kann. Wer jetzt anführt, man müsse alle Blanc de Noirs der Welt getrunken haben um den besten zu küren, hat zwar Recht, wird von mir aber trotzdem als Korinthenausscheider gescholten – Pingeligkeit ist der natürliche Feind der Begeisterung.

Doch bevor das Lob hysterisch wirkt: der Blanc de Noir ‚R‘ ist beileibe nicht der beste Wein, den ich je getrunken habe, nicht einmal ansatzweise. Er präsentiert Finesse und Ausdruckskraft in hohem Maße, zeigt aber eben auch die Grenzen des Weintyps auf. Dabei wirkt er so harmonisch, dass man den Eindruck gewinnt, der Winzer wusste, was er aus seinem Most herausholen kann und hat seine Anstrengungen nicht übertrieben. Mehr Holz, mehr Reife, mehr Alkohol, nichts hätte zu einer Verbesserung des Gesamtbildes geführt, auch wenn diese Erkenntnis allein auf Intuition beruht.

Blanc de Noir – grüner Saft aus blauen Trauben

Die Möglichkeiten der Einflussnahme sind bei einem weiß gekelterten Spätburgunder begrenzt. Power-Weine arbeiten oft mit etwas Maischestandzeit – das geht beim Blanc de Noir nicht. (Für die weniger versierten unter meinen Lesern: Blanc de Noir nennt man einen Weißwein aus blauen Trauben, hierzulande fast immer Spätburgunder. Der französische Begriff ist eigentlich nicht gesetzlich definiert, wird von der deutschen Weinkontrolle aber ausdrücklich toleriert. Ein BdN entsteht dadurch, dass der Winzer seine Rotweintrauben sofort abpresst und den Kontakt von Saft und Schalen auf ein Minimum reduziert, denn der Saft der meisten blauen Trauben ist grün, die Farbe sitzt in den Schalen. Alternativ presst er nur schonend und lässt den ersten Saft ablaufen, macht daraus einen Weißwein, und hat beim restlichen Most dann ein höheres Verhältnis Schalen zu Saft was mehr Farbe und Gerbstoff für den Rotwein aus dem Restmost ergibt – dann spricht man von Saftabzug. Also verbietet sich bei Blanc de Noir die Maischestandzeit, denn diese führt binnen Stunden erst zu einem Rosé und dann zum Rotwein). Überreifes Lesegut kommt auch nur begrenzt in Frage. Also kann der Winzer nur über Traubenselektion und Kellerarbeit auf den Weinstil eines Blanc de Noir Einfluss nehmen.

Den Blanc de Noir ‚R‘ vergärt Winzer Benedikt Baltes mittels Spontangärung und lässt ihn ein Jahr im Holzfass reifen. Das verrät die Nase eher am zweiten als am ersten Tag. Frisch geöffnet bietet er Saft und Spaß, mit etwas Luft eher Komplexität und Würze. Beides wirkt in sich sehr harmonisch und ich fand beide Eindrücke auf ihre Art ganz wunderbar. Ich wählte ihn zu einem gebratenen Welsfilet, welches ich mit einem Rahmwirsing servierte, dessen Sahnesauce ich mit gehackten Erdnüssen angedickt hatte und die Kombination fiel in die Kategorie ‚Faust auf’s Auge‘.

Blanc de Noir EtikettWeingut Stadt Klingenberg, Blanc de Noir ‚R‘ 2012, Franken. In der Nase zunächst dezente Würze von Holz und Leder und etwas Beerenfrucht. Im Schwarzen Glas serviert, hätte ich auf Rotwein gewettet (und verloren). Am Gaumen am ersten Tag auch ein bisschen rote Beeren, aber dazu saftiger Apfel, am zweiten Tag mehr Apfel und sehr viel Orange (in einer für Wein eher ungewöhnlichen Intensität), Das Mundgefühl ist dezent ölig, wenngleich am ersten Tag von spürbarer Säure im Zaum gehalten. Am zweiten Tag driftet die ganze Anmutung sehr in Richtung Chardonnay aus dem Barrique, wenn nur die Orange nicht wäre. Tag 1 bescherte mir die perfekte Essenspaarung, an Tag 2 präsentierte sich der Wein eigenständiger und zeigte auch eine dezente Mineralik/Phenolik. Der Abgang war durchgehend sehr lang, der Wein sehr spannend und als Essensbegleiter grandios.