Schutz-Crus von der Demarkationslinie

Francois Berthenet ist spät dran. Er braust auf den Hof des wunderschönen Familienweingutes ‚Jean-Pierre Berthenet’ und springt aus dem Auto, bevor der Motor ganz aus ist. Er sei im Weinberg aufgehalten worden … fünf Minuten … kurz duschen und umziehen. Schon ist er wieder weg, was uns Gelegenheit gibt, dem Rest der Familie beim Etikettieren der Weine zuzusehen. Dazu erzählt uns unser Dolmetscher Stevie, warum die Deutschen der Grund sind, dass in der Gegend von Montagny-lès-Buxy erst inflationär viele Crus geschaffen und später wieder deklassiert wurden. Schutz-Crus von der Demarkationslinie weiterlesen

Bisschen Bio im Burgund

Es gibt auch beim Wein Geschichten, die sind so stimmig, die entlassen den Autor aus der Verantwortung, besonders kreativ oder erheiternd zu sein. Da reichen die puren Fakten, besteht keine Notwendigkeit für Anekdoten. Die Geschichte von Florent Dananchet ist so eine. Dass sie trotzdem reich an Anekdoten ist, liegt nur an Florent, der nicht nur ein interessanter Winzer, sondern auch ein unterhaltsamer Mensch ist – wenn man ihn in die richtige Umgebung stellt. Bisschen Bio im Burgund weiterlesen

Weinrallye No. 68 – die perfekte Weinkarte

Christoph verwandelt sein Blog ‚Originalverkorkt‘ heute in die Aktionsplattform zur 68. Weinrallye und bittet um Antworten auf die Frage: ‚Wie sieht Eure perfekte Weinkarte aus?‘ Das ist ein weites Feld und ich liebe weite Felder. Also legen wir los. Die perfekte Weinkarte deckt jedes Anbaugebiet nach drei Kriterien ab: Jugend, Grandezza und Klassik. Von der Mosel könnte man also Knebel für die Jugend, Molitor für die Grandezza und Thanisch (Ludwig & Sohn, keine Witwen und Waisen) für den klassischen Stil und hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis nehmen. Aus der Pfalz… Haha, Felix schreibt eine Weinkarte? Klar, und der Mond besteht aus Käsekuchen.

Ich bin aus Hamburg und in Hamburg sieht die ideale Weinkarte tatsächlich so aus. Aus jedem Dorf ’n Köter, möglichst prominent, dazu ein paar Newcomer oder wiedererstarkte Traditionsbetriebe, vor ein paar Jahren waren das Winter, Kranz und Schloss Lieser, heute sind es Wechsler, Bickel-Stumpf oder Ress. Letztere geben der Karte einen Hauch von Avantgarde und bedienen die Klientel mit dem kleineren Budget.

Gegen diese telefonbuchdicken Weinkarten, die sich wie das Who-is-Who der Weinwelt lesen ist nichts einzuwenden. Ich bin nur nicht der richtige Gast dafür, da ich, was Deutschen Wein angeht, auf lauter Positionen treffe, die ich auch daheim im Keller habe.

Nun lebe ich seit anderthalb Jahren in Berlin. Irgendjemand stellte vor ein paar Tagen bei Facebook die Frage zur Diskussion, ob Berlin Deutschlands Weinhauptstadt sei und es gab allen ernstes ein paar Zweifler (die München gern zu selbiger küren wollten). Man hätte auch darüber diskutieren können, ob der Papst katholisch ist – die Frage ist ähnlich knifflig zu beantworten. Berlin, Deutschlands Weinhauptstadt, hat einige Weinkarten im Angebot, die dem Hamburger Konzept vollständig zuwider laufen und gerade deswegen so gut sind. Meine erste Begegnung mit einer solchen hatte ich im Restaurant Reinstoff. Ivo Ebert serviert ausschließlich Weine aus Spanien und Deutschland. Wer sich nun fragt, ob man ohne Frankreich eine Weinkarte von Klasse zusammenstellen kann: das Reinstoff hat mittlerweile zwei Michelin-Sterne. Die teilweise wilden Spanier, die Ebert auch glasweise ausschenkt, heben so manches Gericht in höchste Höhen. Dass Molitor zum Repertoire gehört, versteht sich von selbst…

Und dann saß ich neulich in meiner Lieblingsweinbar, dem Rutz, als mir der Sommelier ein Glas zum probieren hinstellte. ‚Hier, die Flasche hat ein Gast gerade mit wenig schmeichelhaften Worten zurückgehen lassen.‘ Es handelte sich um einen weißen der Domaine de l’Horizon. Sommelier Billy Wagner hatte den Wein als Speisenbegleiter vorgeschlagen, der Gast fand ihn schaurig und verlangte ‚Chardonnay aus dem Barrique, von irgendwoher‘. Das schöne an meiner Lieblingsweinbar ist, sie verkaufen keine Weine, die von irgendwoher kommen oder schmecken, als könnten sie von irgendwoher kommen. Ich finde die Karte im Rutz fast grandios (es fehlt halt Molitor), besagter Gast sah das vermutlich anders und wünschte sich in dem Augenblick bestimmt nach Hamburg. So gibt es sie nicht, die ideale Weinkarte. Es gibt nur gute Weinkarten und für jede gute Weinkarte den idealen Gast.

Was wäre denn, wenn man das Hamburger mit dem Berliner Modell vermählte? Dann wäre die Karte dick wie zwei Telefonbücher und der ganze Pfiff raus (aber jede Menge Molitor drin). Wenn ich eine Weinkarte in die Finger kriege, versuche ich ein Konzept zu erkennen. In Berlin erkenne ich es regelmäßig. Berliner Weinkarten sind wie Frankfurter Zeitungen: dahinter steckt immer ein kluger Kopf – nur bitte nicht meiner. Ich genieße lieber die wilden Spanier in Rutz und Reinstoff oder trinke zuhause Weine, die schmecken, als kämen sie von irgendwoher. Die können auch richtig gut sein, so wie dieser:

Nicht von irgendwoher, sondern aus dem eigenen KellerWittmann, Chardonnay -S-, 2005, Rheinhessen. Der Wein riecht nicht, er duftet: ziemlich frisch aber auch typisch für einen gereiften Chardonnay. Da ist etwas Butter, Haselnuss und Karamell, aber auch Ananas und Mandarine. Am Gaumen verfügt der Wein über schöne Säure und ein paar Gerbstoffe, das raut ihn etwas auf und bildet einen schönen Kontrast zur cremigen Buttrigkeit der Rebsorte und des Barrique-Ausbaus, der Vanille zum Aromenspektrum beisteuert. Der Chardonnay ist konzentriert und hat 14% Alkohol ohne dick zu sein oder gar schwer. Diese Balance aus Frische, Gewicht und Reife macht ihn zu einem faszinierendem Wein. Der Abgang ist sehr lang und mir eine Spur zu süß, sonst wäre ich restlos geplättet.