Drei, zwei, eins – Wein

Ich gebe zu: Ich kaufe Wein bei ebay – nicht immer aber immer mal wieder. Und allmählich habe ich meine Erfahrungen gemacht (ja, auch eine Fälschung war dabei). Deswegen kenne ich jetzt die Risiken und gehe sie wenigstens sehenden Auges ein. Eine schöne Wette ist die Auktion einer ‚angebrochenen Kiste‘ (so meine interne Klassifizierung). Jemand versteigert 5 Flaschen eines Weines gehobener Qualität.

Das ist meiner Meinung nach ein Zeichen dafür, dass der Wein erstens nicht gefallen, und zweitens der Verkäufer keine Hoffnung hat, dass sich das mit Reife ändert. Also geht der Rest der Kiste weg und zwar auf einmal. Verkäufer ist vermutlich ein Sammler, dem egal ist, dass er damit weniger erlöst als mit kleineren Lotgrößen; da geht es nur darum, den Platz im Keller frei zu machen.

Also kann man deutlich sparen, hat aber das Risiko, gleich fünf Flaschen schwachen Weines zu erwerben. Meine letze ‚angebrochene Kiste‘ war diese hier, deren erste Flasche einigermaßen gefiel.

Wagner-Stempel, (Siefersheimer) Höllberg Großes Gewächs, Riesling QbA, 2007, Rheinhessen. In der Nase ist der Wein unglaublich süß und verführerisch: Mango, reifer Pfirsich, Honigmelone und Aloe Vera. Am Gaumen kann das GG dieses Versprechen allerdings nicht einlösen. Zu klassischer Rieslingfrucht mit Aprikose und Apfel gesellt sich zwar eine spürbare Säure aber kein besonders animierendes Spiel. Zu voluminös und mastig mit einem deutlichen Zuckerschwanz kommt der Wein daher, dazu ist er ziemlich alkoholisch – 13,5% sind mäßig integriert. Zu einer kalkigen Mineralik gesellt sich Gärkohlensäure. Der Abgang ist lang, kräftig und etwas eindimensional.

Überreif, nicht ganz trocken, vermutlich langes Hefelager für cremiges Volumen – es gibt Tage an denen mir sowas gefällt und Tage, an denen dieser sehr gewollte GG-Stil mich rasch ermüdet. Dadurch schwanken meine Bewertungen extrem, wie ich vor kurzem hier beschrieben habe. Bei Wagner-Stempels Höllberg wird die Kunst sein, den richtigen Tag (oder eher die richtigen vier Tage) für diesen Wein zu finden. Ein paar Mittrinker sollten ebenfalls nicht schaden. Alles in allem bei 19€ pro Flasche ein Auktionserfolg.

Flasche leer

Ich bin der festen Überzeugung, dass ich einen ganz normalen Weintrinkerspleen habe, wenn ich ‚letzte Flaschen‘ horte. Bin ich im Besitz von 6 Flaschen des identischen Weines und haben mir die ersten fünf große Freude bereitet, dann bleibt die sechste über Gebühr liegen, erinnert mich beim Gang in den Keller an vergangene Freuden und wird und wird nicht aufgezogen. Dabei ist es doch nur Wein. Und die Folgejahrgänge liegen oft daneben.

In dieser Phase der Weltmeisterschaft sind so viele Teams (und Fans) mit schmerzlichem Abschied konfrontiert, dass ich beschlossen habe aus Solidarität mitzuleiden. Das ist Leiden auf hohem Niveau, denn ich werde während der Übertragungen einige besonders schöne letzte Flaschen köpfen. Zum Anfang hieß es ‚Adieu Altenberg ‘04, du warst ein verlässlicher Gefährte!‘

Von Othegraven, Kanzem Altenberg, Riesling Erste Lage (trocken), 2004, Mosel (Saar). Die letzte Flasche kommt deutlich frischer daher als die vorletzte, welche ich hier kurz beschrieben habe. In der Nase ist der Wein leicht parfümiert; es dominieren jedoch Aprikose, Aloe Vera, Kemmsche Kuchen und viel Maracuja. Am Gaumen ist der Wein sehr saftig, nicht ganz trocken (ich schätze ob der nur 12% Alkohol, dass der Wein einen zweistelligen Restzuckerwert aufweist) mit viel süßer Frucht von Mandarine und Pfirsich, etwas Karamell, wenigen, leicht würzigen Reifenoten und einer gereiften, milden aber noch präsenten Säure. Das ist ein enorm dichter und konzentrierter Riesling, der trotzdem nicht überextrahiert wirkt. Eine erdige, rauchige Mineralik trägt den sehr langen Abgang. Furiose Abschiedsvorstellung; leider keine Zugabe vorgesehen…

Das Vier-Trinker-Jahr

Die Rieslingsaison ist in vollem Gange und wie Anfang des Jahres fest vorgenommen, trinke ich in den letzten Monaten verstärkt große und erste Gewächse des Jahrganges 2005. So allmählich verfestigt sich ein Bild und bestätigen sich Tendenzen. Zumindest aus Rheinhessen, der Pfalz und von der Mosel habe ich jetzt eine Zahl von Weinen getrunken, die ich repräsentativ nennen möchte, aus Baden und Franken keinen einzigen, der Rheingau war gelegentlich in meinem Glas vertreten.

Lange habe ich überlegt, wie man den Jahrgang wohl am besten beschreibt. Meine Erfahrung mit GGs in frischem wie gereiften Zustand beschränkt sich auf ein Jahrzehnt. Folgende Kategorien habe ich bisher für mich gefunden: Es gibt schlechte Jahre (2000), es gibt gute Jahre (2002), es gibt sehr gute (2007) bis große (2001 und evtl. 2009) Jahre, es gibt unterschätzte Jahre (2004 und 2008), es gibt Hitzejahre (2003) und es gibt Winzerjahre (2006), welche sich dadurch auszeichnen, dass es dem Geschick oder Glück des Winzers zuzuschreiben ist, wenn was gescheites auf die Flasche kommt, während die Masse eher maues Zeugs produziert.

2005 passt da nur bedingt hinein. Ich stelle fest, dass sich unter den besten trockenen Rieslingen, die ich in meinem Leben trinken durfte, einige 2005er tummeln. Andererseits sind viele 2005er ziemlich dick und alkoholisch. Die besseren Weine sind so komplex, dass man mehrere Anläufe braucht, um sie in Gänze zu erfassen, machen aber auch satt. Vereinfachend möchte man sagen, die 2005er spielen ihre volle Klasse erst beim vierten Schluck aus – um sie beim elften wieder einzukassieren. Deswegen werden die Weine immer besser, je mehr Mitstreiter man hat. Mit vier Personen eine Flasche zu teilen, ist ein probates Mittel gegen die Opulenz. So findet 2005 als Vier-Trinker-Jahr Eingang in meine persönliche Chronik.

Es gibt auch ‚normale‘ GGs aus 2005, so wie dieses hier:

Reichsrat von Buhl, Forster Pechstein, Riesling GG (Spätlese trocken), 2005, Pfalz. In der Nase ist der Wein etwas eindimensional mit Aromen von sehr viel Apfel und ein bisschen Pfirsich. Am Gaumen dann deutlich besser, glänzt der Wein vor allem mit Struktur: er ist voluminös und druckvoll, ohne zu fett zu sein und mit 13% auch nicht übermäßig alkoholisch. Saftige Pfirsichfrucht paart sich mit maßvoller Säure und erdig-rauchiger Mineralik. Sehr langer Abgang. 89 Punkte

Die besten GGs aus 2005, die ich trinken durfte waren wohl Kellers Kirchspiel, Emrich-Schönlebers Halenberg, Heymann-Löwensteins Uhlen ‚R‘ (naja, fast trocken) wie auch die hier schon begeistert beschriebene Karthäuserhof Auslese trocken ‚S‘. Sie können auch jetzt noch eine Stunde Luft vertragen. Daraus möchte ich aber nicht schließen, dass die 2005er weiterer Lagerung bedürfen. Wobei es auch dazu Ausnahmen gibt, wie diesen hier.

Heymann-Löwenstein, ‚Uhlen – L‘ (Winninger Uhlen – Schieferformation Laubach), Riesling 1. Lage, 2005, Mosel. Überreife Nase von Dörraprikose, Rhabarber und etwas Aloe Vera. Am Gaumen ist der Wein nur mäßig harmonisch: Süße, Säure und eine nicht zu vernachlässigende Menge von Bitter- und Gerbstoffen bestimmen das Bild ohne wirklich miteinander zu spielen. Eine gewisse Saftigkeit, Apfel- und Mango-Aromen, eine kalkige Mineralik und ein ordentlicher Abgang können den Wein teilweise retten. Das ist entweder ein Gigant zur Unzeit oder ein Wein, bei dem der Winzer etwas zu viel gewollt hat. Das möge jeder für sich entscheiden, weswegen ich mir das Bepunkten spare. Ich hoffe auf die zweite Variante.

Ostzonales Burgunderwunder

Viel ist schon geschrieben worden über die Renaissance des Weinbaus in den Anbaugebieten der ehemaligen DDR. Dabei beschränken sich die Geschichten oft auf drei griffige Aspekte: Rieslinge aus Sachsen (inklusive Goldriesling), den Elbling (inklusive seiner Versektung) und das Weingut Schloss Proschwitz (samt adeligen Spätrücksiedler). Riesling aus Sachsen ist mir zu teuer (ein Soli reicht), Elblingsekt von der Mosel schmeckt oft viel besser und die Weine von Schloss Proschwitz finde ich so lala – mit Ausnahme der Weißburgunder (bei denen ich das GG, den ‚Drei Musketiere‘ und die normalen Prädikatsweine allesamt spitze finde).

Überhaupt gibt es aus Neufünfland einige wirklich bemerkenswerte Weißburgunder. Das Weingut Pawis von der Saale hält mit Proschwitz mit. Während meine erste Begegnung mit Pawis‘ frisch gefülltem GG vom Weißburgunder vor Jahren eher gemischte Gefühle weckte (weil der Wein vor Kraft kaum laufen konnte), hat mich die gereifte Version dieser Tage schier vom Hocker gehauen. Die ist wie immer mit dem Vorbehalt zu lesen, dass mich krasser Holzeinsatz bei weißen Burgundern nicht stört, solange diese genügend Fleisch auf den Rippen haben.

Pawis, Freyburger Edelacker, Weißer Burgunder GG (Spätlese trocken), 2005, Saale/Unstrut. In der Nase erinnert der Wein stark an einen Chardonnay mit Butter, Haselnuss, Mandarine und Holz – sehr viel Holz. Das ist Geschmackssache, aber meinen Geschmack trifft es. Am Gaumen Honigmelone, Mandarine, Kokos und Vanille vom Holzausbau. Der Wein ist stoffig, cremig, voll und sehr harmonisch. Dabei ist er so fett, dass er auch 14% Alkohol integriert. Erst ganz am Ende des sehr langen Abgangs machen sich diese bemerkbar.

Von wegen Einheit, das ist ein Spalter. Meine bessere Hälfte mochte nicht mal ein halbes Glas davon trinken. Für mich liegt er irgendwo bei 92 oder mehr Punkten. Toller Essensbegleiter (in diesem Fall zu Lachs vom Holzkohlegrill).