Es war wieder so weit: ein bisschen was aus Wiesbaden und einiges, was dort fehlte, über fünf Tage im Glas und zur blinden Begutachtung vor einer kleinen Jury. Es gibt viel guten Wein dieses Jahr.
Viel Text – tldr: Es gibt einen neuen Icon-Silvaner und er liefert, Grauburgunder 2024 zeigt nie für möglich gehaltene Qualitäten, Wittmanns Spätburgunder GG schmeckt unglaublich deutsch, Schneiders Hermannshöhle ist das Schnäppchen der Saison, Rheinhessen liefert 2025 Weltklasse am laufenden Meter und am Schluss gibt es einen Kabi-Tipp.
Vor zwei Jahren entstand die Idee einer kleinen Nachprobe zur Wiesbadener GG-Vorpremiere. Ursprünglich kamen GGs ins Glas, die in Wiesbaden nicht zu sehen waren. Dazu erweiterte ich das Feld um Weine, die mir in Wiesbaden zwar gut erschienen, aber nicht so offen, dass ich sie sofort entschlüsseln konnte. Später nahm ich Weine hinzu, bei denen ich wissen wollte, ob meine spontane Begeisterung Bestand haben würde – bei einer ausführlichen Begutachtung und im Urteil der Kollegen. Da ich für fünf Probetage eine erhebliche Menge benötige, ist meine Gastjury klein. Dieses Jahr waren es Ko-Podcaster Ollie und Flo, Sommeliere Isabell Wendel aus dem Bricole und Ex-ff.k- und Vranken-Pommery-Mann Jan Zorgati.
Wie üblich gab es ein Motto für den Flight, dass nur manchmal hilfreich und gelegentlich auch verwirrend war, aber meine Gäste sind geübte Verkoster, die sich durch mich nur selten aus der Ruhe bringen lassen. Die Flights hatte ich so zusammengestellt, dass wir zunächst alles außer Riesling verkosteten, nach zwei Spätburgundern eine kleine Pause mit einem Sekt zur Erfrischung des Gaumens machten und dann die Rieslinge angingen.
Alles außer Riesling
1. Flight: Zwei Jahre im Gebinde (Silvaner GGs 2024, Juliusspital)
Ich wollte keine Weine, die als ‚Late Release‘ nach einem Jahr freigegeben werden. Die Weine des JuSpi sind allerdings erst jetzt erhältlich, weil sie länger auf der Hefe im Fass liegen, daher nahm ich sie gerne dazu. Das JuSpi fehlte in Wiesbaden.
Würzburger Stein-Berg
Startet traumhaft saftig und würzig und entwickelt dann einen ganz leichten laktischen Ton. Klein genug, damit er mich nicht stört, groß genug, um ihn zu bemerken. Die Aromatik wird leicht nussig, es blitzt ein klein bisschen vegetabile Typizität durch, aber insgesamt winkt mir da eher Chardonnay entgegen. Ich finde, da wird auf sehr leckere Art das Thema verfehlt.
In der Jury-Verkostung (JV) wirkt er noch würziger, tief und etwas dunkel, Thema nicht mehr ganz so verfehlt, und noch mal etwas besser. Kommt besonders gut an.
(Iphöfer) Julius-Echter-Berg
Sortentypischer, würziger, leicht vegetabil, sehr stoffig, auch fleischig, kräftige Säure, druckvoll. Vollstoff in jeder Hinsicht (auch im Alkohol mit 13,5 Prozent). Ich bin gespannt, wie das blind ankommt und in der JV ist die Power und Macht direkt das verhandelte Thema. Ist sehr gut, aber ein Wein für die Tafel und maximal zwei Gläser pro Gast.
2. Flight: Sonntag muss Sonntag bleiben (Silvaner GGs 2025)
Weltner und Schmitt’s Kinder fehlten in Wiesbaden und zumindest bei Weltner ist es öffentlich, dass der Winzer verärgert war, dass die Regelung ‚Sonntags alles außer Riesling‘ aufgehoben wurde. Seitdem auch Sonntags in Wiesbaden Riesling auf dem Probentisch steht, wird noch weniger Silvaner probiert.
Paul Weltner; Iphöfer Berg
Klassische Nase. Startet würzig, dann kommt sehr reifes Kernobst, getrocknete Kräuter, die Frucht wird mürbe, der Wein dunkelt nach, die Säure bleibt stabil, das ist ein spannender Strudel in die rauchig-würzige Tiefe. Der Abgang bleibt dunkel, der Wein wird dabei aber kaum schwerer. Finde ich aufregend.
In der JV finden einige Eisbonbon im Wein, das Urteil ist geteilt. Weißer Pfeffer und etwas Schärfe hellen die Würz auf und bringen Spannung.
Paul Weltner; Hohe Leite
Heuboden und Gemüse in der Nase, reifer Früchtekorb am Gaumen, sehr viel Extraktsüße und straffe Säure – dabei die ganze Zeit dunkelwürzig und leicht vegetabil, sonst würd’s wie Riesling schmecken. Das ist ziemlich sexy und ein seltener Fall von Silvaner-GG, das auch ohne Essen funktionieren dürfte. In der JV findet der Wein viel Gefallen und mehr als einmal ist zu hören, dass die Flasche im Zweifelsfall ruckzuck leer wäre.
Schmitt’s Kinder; Pfülben
Ist für mich ein klassischer Silvaner aus der Kategorie ‚Alles Drin & Dran‘ aber der biologische Säureabbau hat eine Spur hinterlassen, die meine Freude trübt, auch wenn sie im dezenten Bereich bleibt. Ich finde den sehr typisch und ordentlich, die leichte Cremigkeit findet in der JV dann aber viele Fans. ‚Apfelstrudel‘ und ‚wunderbare Textur‘ ist zu hören.
3. Flight: Singularitäten (Franken)
Es gibt genau ein Weißburgunder-GG in Franken und über das wird zu selten geredet. Und es gibt einen neuen Über-Silvaner aus dem Weingut am Stein. Die steckte ich in einen Flight. Die Vermutung der Jury ging in Richtung Chardonnay, was auch daran liegt, dass der Silvaner nur minimal vegetabil daherkommt.
Weingut am Stein; Silvaner Felsstück Steinterrassen 2023 (Stettener Stein)
Das Erstlingswerk der nächsten Generation, zwei kleine Terrassen im Stettener Stein, ausgebaut im Barrique, außerhalb der Klassifikation mit altem Etikettendesign gefüllt. Winzige Menge, ausverkauft und eine freundliche Spende aus der Schatzkammer des Weinguts.
In der Nase eine Tonne Holz, die am dritten Tag auf einen Zentner abnimmt, dazu Apfel, Birne, Heu und Stroh, ganz klar, ganz sauber. Auch am Gaumen klar, strahlend, schlanker Antrunk, fächert zwar nach hinten auf, wird aber nicht zu üppig, sondern geht vor allem in die Tiefe. In der JV leicht blumig, die ganze Zeit strahlend, feine Säure, beeindruckendes Holz, tänzelnd, spannend und doch monumental. Das Felsstück ist unglaublich lecker, auch weil die Reserve/das Potenzial nicht sperrig oder verschlossen wirkt. Aber dass da noch viel kommt, steht außer Frage. Für mich ein ganz großer Wein, der in der JV aber auf starke Konkurrenz trifft.
Juliusspital, Weißburgunder Volkacher Karthäuser GG 2024
In der Nase leicht rauchig, dazu Elstar-Apfel, sehr saftiger Antrunk, leicht zitrusfruchtig und viel saftiges Kernobst, frisches Holz mit weniger Rauch als am Gaumen, verhalten cremig, eher saftiger Zug, leichte Phenolik, druckvoll, leise, eleganter Bitterton (Walnusshaut) und auch ein bisschen verschlossen. Der Wein hat eine unaufgeregte Art mit viel Substanz und ist der Prototyp eines Essensbegleiters, der durch das Holz mit Röststoffen und den Bitterton mit etwas Süße gut klarkommt. Wenn also der gegrillte Fisch mit Frucht oder Süßkartoffel daherkommt, wäre das meine Wahl.
Kommt in der JV groß an, und dieses Bitterl/die Walnusshaut holt zwei Juroren so sehr ab, dass das Match der beiden Weine unentschieden endet.
4. Flight: Du willst uns doch vera… (Baden, Grauburgunder GG 2024)
Ich liebe Grauburgunder, man lässt mich nur so selten. Von den in Wiesbaden gezeigten Grauburgunder GGs erfüllte tatsächlich nur eines die negativen Klischees vom speckigen Dickerchen mit leicht ordinärer Aromatik. Alle anderen waren mindestens schön. Meine drei Lieblinge orderte ich zur Probe. Die Jury war blind der Meinung, es sei ein gemischter Flight aus Weißburgunder und Chardonnay. Beim Aufdecken waren sich alle einig: so, wie hier im Glas, ist Grauburgunder sowas wie Chardonnay mit Würzkick und unbedingt GG-würdig.
Franz Keller; Schlossberg
Notiz vom 3. Tag: Mehr Holz in der Nase als zuvor dazu eine leicht würzige Note, getrocknete Kräuter und mürbe Birne. Am Gaumen eher weicher Antrunk, die Säure kommt langsam, bleibt aber verhalten, etwas (Holz-?)Tannin wirkt stützend und hilft, angenehme Spannung aufzubauen. Die Frucht ist reif, leise und hat etwa sehr Nobles. Das Holz wirkt am Gaumen gekonnt, tief eingewoben und nie dominant. Ich hatte zwischendurch schon gezweifelt, den Wein am zweiten Tag eher flach empfunden, aber was da jetzt kommt verbindet komplexe Feinheit mit einer Textur, die Cremetörtchenkitsch komplett vermeidet und trotzdem schwelgerisch erscheint. Großer Wurf. Damit will ich mich sehr lange beschäftigen.
In der JV interessanteste Nase (Pfälzer Leberwurst!), komplex, wird sehr ausführlich diskutiert endet aber als dritter Wein im Flight (auf sehr hohem Niveau)
Dr. Heger; Schlossberg
Auch am dritten Tag noch sehr dominantes Holz in der Nase. Ich hatte in Wiesbaden Zweifel, ob die Substanz des Weines für diese Tonne (sehr feinen) Holzes reicht. Es nützt nichts, die Zweifel bleiben. Und wie in Wiesbaden denke ich auch jetzt: das Holz ist so nobel, dass von 100 Liebhabern im Barrique ausgebauter Weißweine 80 verzückt sind, aber 20 (einer davon ich) könnten sich denken: da ist ein sehr filigraner, eigentlich strahlender und unglaublich klarer Fruchtausdruck ein bisschen eingesargt worden. Wenigstens war der Sarg aus feinster Eiche und außerdem besteht eine nicht geringe Wahrscheinlichkeit, dass ich mich irre, aber vielleicht wäre weniger mehr gewesen. Ein großer Spaß bleibt das trotzdem, aber mit Kellers Version der Lage kann er (aktuell) nicht mit.
Die Jury findet Nussecke, viel Holz, meine Skepsis trifft auf fruchtbaren Boden, aber trotzdem reicht diese ‚leckere‘ Anmutung für den zweiten Platz.
Vorderer Winklerberg, Dr. Heger
Ich schreibe das nicht, um die eventuell wegen meiner Schlossbergskepsis verstimmte Winzerin zu besänftigen: Das ist der schönste ‚klassische‘ Grauburgunder, den ich in meinem Leben getrunken habe. Nonkonformistisch habe ich schon mehr Spektakel erlebt, von Poss, Drautz-Abele und verrückten Italienern, aber in dieser ‚Wir machen Chardonnay mit Würzturbo‘-Art gab’s nie Besseres. In der Nase ähnlich viel (endnobles) Holz wie der Schlossberg, aber am Gaumen ein saftiger Antrunk mit strahlender Kernobstfrucht, der erst mit leichter Verzögerung das Holz folgt, das sofort von Säure begleitet Spannung aufbaut. Obwohl der Wein Power und auch Körper hat, steht er dadurch von Anfang bis Ende unter Strom. Im Abgang schmirgelt es ein bisschen wie dieses schöne Schmirgeln einer saftigen, aber nicht überreifen Birne, die hier sowieso aus allen Ecken grüßt. Das ist hell, sauber, strahlend und hat trotzdem auch die würzige Note der Rebsorte, die nirgendwo wie hier einen echten Mehrwert stiftet. Weltklasse und vermutlich ein Albtraumpirat für Burgund-Jünger.
Auch die Jury rollt den Gebetsteppich aus.
5. Flight: Rote Debütanten (Spätburgunder 2024 GGs)
Das Hofkeller GG war erstmals in Wiesbaden, Wittman stellt seinen Spätburgunder (zweiter oder dritter Jahrgang) nicht in Wiesbaden an. Ich war mir sicher, dass niemand die Weine kennt, daher Debütanten.
Staatlicher Hofkeller Würzburg; (Großheubacher) Bischofsberg
Ich finde die Nase nicht deutsch, leicht animalisch, leicht erdig, am Gaumen ist die Frucht süß und ein ganz bisschen belegt, aber auch elegant, die Textur ist leicht cremig, das Holz kommt ein bisschen dunkel und pfeffrig rüber, die ganze Anmutung ist erstaunlich dunkel, aber nicht dicht oder dick, die Säure zupackend, die Länge gut. Ich finde das ein sehr spannendes GG. Die Runde diskutiert lang, findet den Wein sehr komplex und undeutsch und freundet sich dennoch nicht richtig mit ihm an.
Wittmann; (Gundersheim) Höllenbrand
Ist viel ‚leckerer‘ und deutscher, die Frucht geht in Richtung Erdbeere, auch ein ganz bisschen gekocht, das Holz wirkt heller, die saftige Art ist enorm charmant und der Wein hat viel Substanz und vor allem, eine wahnwitzige Länge. Wer seine Fetische im Burgund hat, dem reicht die Komplexität nicht (Zitat aus der JV). Kommt sehr gut an, auch bei dem, der sich immer über die ‚deutsche Aromatik‘ beschwert.
Kurze Pause, bitte Gläser und Gaumen spülen mit Weltner Riesling Sekt brut 2017: Hat einen interessanten Bitterton, ist angenehm dosiert, reife Säure, aber auch ziemlich schwer (13%). Finde ich nur okay, vor allem verglichen mit dem schönen Chardonnayschäumer des Hauses.
Riesling
6. Flight: Montag Morgen startet mit Mosel (Ansgar Clüsserath 2024)
Wieder ein Fall von langem Hefelager und später Füllung. Ich habe seit Ewigkeiten nichts mehr von Eva Clüsserath-Wittmann im Glas gehabt. Warum also nicht mal ihre großen Lagen hier anstellen?
Goldtröpfchen (halbtrocken)
Die Nase wirkt ein bisschen stechend, der Gaumen sehr rund, eher leicht, wirkt erstaunlich trocken (mal schauen, was die Blinden sagen), legt dann aber mit Luft erstaunlich schnell zu und dunkelt stark ab: malzig, Bratapfel (ohne übertriebene Süße), Aloe Vera, leicht cremig, dabei verspielt. Finde ich stark.
In der Juryverkostung ist die Nase etwas weicher und der Wein insgesamt etwas süßer, der Rest steht aber. Kommt gut an, wird aber eher als ‚Typ Spätlese trocken‘ gesehen.
Dhron Hofberger
Auf einer strahlend apfeligen Schiene typischer Moselriesling mit feiner Phenolik und schnittiger Säure. ‚Salzig‘ (wenn man so will), einfach zu beschreiben, aber das heißt nicht, dass er einfach oder schwach wäre. Hat sehr viel vom gängigen Schönheitsideal, dem auch ich ungehemmt huldige. Also: geiler Stoff.
In der JV viel Aloe Vera in der Nase, sehr elegant, kommt sehr gut an (und wird als besonders gelungenes Mosel GG gelesen).
Trittenheimer Apotheke
Klassische Nase. Der Gaumen startet üppig, süß und wird dann dunkelwürzig, fest, mit kantiger Säure, dann läuft der Gaumen gegen die schwarze Felswand und Schluss ist (die Säure hallt noch nach, aber aromatisch ist da nur noch dieser Monolith). Faszinierend, macht neugierig, aber ich wage keine Prognose, ob mich diese sehr molligen Ansätze dereinst abholen werden. Da geht alles, von große Felsenshow bis mollige Bratapfelromantik. Ich bin auf die Verkostung gespannt.
In jener war er dann wie ausgewechselt: Offen, schwelgerisch, kaum noch Felswand, wir sind noch etwas dunkel, Bratapfel ist noch da, aber deutlich leckerer, freundlicher und einfacher. Letzteres goutiert die Jury eher nicht.
7. Flight: Das will doch keiner probieren (2025 von Oetinger)
Der Titel bezog sich auf die Tatsache, dass die Rheingauer sich offen enttäuscht darüber zeigen, dass ihre Weine in Wiesbaden vielfach ignoriert werden. Achim von Oetinger ist schon seit einigen Jahren nicht mehr dabei. In meiner Verkostung lief es ähnlich wie in den Vorjahren: Ich mochte die Weine am ersten Tag, ich liebte sie am zweiten und ausgerechnet am Tag der Verkostung zeigten sie sich eher flach und geizig (besonders der Siegelsberg). Ich sollte da am Timing arbeiten. Glücklicherweise haben wir mit Blindflughörern und dem Winzer vor zweieinhalb Jahren ein online Tasting mit gereiften GGs gemacht. Den öffentlichen Beweis, dass die Weine wirklich zu Grandezza reifen, hatten wir also.
Siegelsberg
In der eher verhaltenen Nase gelbfruchtig, Zitrus und Aprikose, am Gaumen sehr weicher Antrunk, leicht cremig, wieder gelbfruchtig, strahlend, dann meldet sich die Säure und mittelkräftige Phenolik sorgt für feines Schmirgeln, wobei die Textur leicht cremig bleibt. Der Biss nimmt über die Zeit mit Luft ab, die Tiefe nimmt zu. Da ist viel Substanz und gleichzeitig Typizität. Für mich ist das ein großer Siegelsberg, wobei ich zu bedenken gebe, dass das eine meiner drei Lieblingslagen in Deutschland und mein Urteil davon geprägt ist. Ich liebe dieses gelbe Strahlen auch nach BSA (nur wenn er so sauber durchläuft wie hier).
Hohenrain
Die Nase liegt unter dem Hefeschleier, am Gaumen sind wir direkt bei der leicht orangen Anmutung, zum Apfel gesellt sich etwas Mandarine, aber vor allem am Gaumen finde ich einen etwas üppigeren Touch, der nicht von Fruchtreife stammt, also nicht überreif, nicht malzig, sondern einfach etwas ‚oranger‘, nicht mehr gelbfruchtig-strahlend, noch nicht erdig-geheimnisvoll. Völlig ohne jede Süße wirkt die Frucht etwas kandiert und dann kommt eine leicht rauchig anmutende Phenolik. Ohne Schwere, vermutlich sogar etwas bissiger als der Siegelsberg – und am dritten Tag auch deutlich besser.
Marcobrunn
Sehr typisch, sehr dunkel und komplex, reife Aprikose, leicht malzig, aber nicht überreif, erdig, aber auch eine Note von grünem Tee, sehr trocken, ziemlich stoffig, aber mit ausreichend Säure. Das hat was Monolithisches. Ich finde es faszinierend, wie der Winzer Jahr für Jahr die Lagenunterschiede und -eigenarten herausarbeitet und ich sehe auch die zusätzliche Tiefe im Marcobrunn. Aber ich finde die Lage gibt ihren Trauben zu viel Intellekt und zu wenig Beweglichkeit mit auf den Weg. Dass der Winzer das eins zu eins in Wein übersetzt, mag ich ihm nicht vorwerfen.
8. Flight: Dezimierte Franken (Riesling GGs)
Ich hätte gerne drei im Flight gehabt, aber Weltner hat 2025 kein Riesling GG gemacht, also traf ein 24er auf einen 25er
JuSpi; Würzburger Stein-Berg 2024
Sehr gediegener Riesling: Aprikose und etwas Apfel, angenehme Süße, feine Phenolik. In Wiesbaden freue ich mich immer, wenn sowas ins Glas kommt, weil man das mit wenigen Worten beschreiben kann. Jan fasst es in der JV so zusammen: Brot und Butter auf höchstem (GG-)Niveau. Gefällt uns allen sehr.
Schmitt’s Kinder; Pfülben 2025
Was für eine klassische Nase, was für ein klassischer Antrunk: Verführerischste, süße Frucht und dann wird es leicht würzig und dunkel, vor allem aber ist das lecker!!! Bratapfelhimmel. Weihnachtsriesling. Hat das Zucker? Keine Ahnung. Das ist so liebreizend! Und bevor es banal wird, kommt dunkle, leicht rauchig-malzige Phenolik und trägt den Wein zum Tor hinaus (in die Weihnachtsbäckerei…) Love it!
In der JV hat sich die Frucht gewandelt zu einer kräftigen Stachelbeere, was erheblich polarisiert. Ein wenig dunkel bleibt es, aber die Frucht ist sehr bunt. Das wird im Zweifel nicht so bleiben, aber wohin entwickelt sich das?
9. Flight: Nahe dran (Nahe Riesling 2025, keine GGs)
Ich weiß gar nicht, wie lange ich schon plane, einmal diesen Flight in eine GG-Verkostung zu schmuggeln. Drei Mitglieder der ersten Reihe der Nicht-VDPisten von der Nahe. Der Zufall will es, dass es nun in einem Jahrgang passiert, der allen drei so gut gelungen ist. Es kommt nicht nur keiner in der JV auf die Idee, hier könnte es sich um etwas anderes als GGs handeln, der Flight wird auch als besonders schöne Rieslingpräsentation aus einem Guss geschildert, wobei Schneider bei allen mit etwas Vorsprung durchs Ziel geht.
Korrell, Dellchen (aus der Löwenkiste)
Sehr ungewöhnlich, hat das Holz? Die Textur und Struktur sind großartig: Straffe Säure, saftiger Antrunk, dann leicht rauchig, aber auch blumig, wird weicher, regelrecht parfümiert, kräftige Phenolik kommt dazu, sehr ungewöhnlich im positiven Sinne, ich bin auf Morgen gespannt.
In der JV dann besonders unruhig, eher kein Holz, ein bisschen bunt, zeigt viel Pozentzial, macht neugierig, braucht Zeit. Am nächsten Tag: ganz klar Holz und gar nicht wenig. Ist schon ein bisschen schräg die Entwicklung, aber immer gut.
Jakob Schneider, Hermannshöhle – Magnus –
Die Nase finde ich anfangs wunderlich, weil da so eine Note von Milchreis mitschwingt, was sich mit Luft normalisiert. Am Gaumen vom Start weg schwelgerisch, ohne die straffe Säure zu verleugnen, wird dann karg und wahnsinnig steinig, puffert aber mit nachrückender, reifer Frucht. Der macht richtig Theater am Gaumen, Heidewitzka ist da Alarm. Ich könnte mir vorstellen, jeder interpretiert das anders, aber niemand wird sagen, das wäre keine große Show. Und die Säure, die da die ganze Zeit semihysterisch rumfiedelt ist einfach der Hammer.
In der JV findet meine Milchreisidee durchaus Anhänger, da wabern Süßspeisen durch die Nase (zum Beispiel Apfelpfannkuchen), diese nach hinten raus immer wiederkehrende Säure macht ebenfalls viel Freude. Gruppenerster.
Marcus Hees, Halenberg
Noble Riesling-Nase, sauber, fruchtig-reif, auch malzig, aber nicht überreif. Der Antrunk ist noch gediegener, als die Nase erwarten lässt. Und dann packt er alles aus, was Riesling zum Spaltpilz der Weinwelt macht: Süßeste Frucht, kräftig durchstartende Säure, kleines phenolisches Bitterl – und reichlich malziger Halenberg-Rauch ist auch noch am Start. Das wird nicht jeder lieben – reicht ja, wenn ich das liebe. Der Halenberg gehört, wie auch der Marcobrunn, zu den Lagen, bei denen man (entsprechende Erfahrung vorausgesetzt) sein Blindverkostungsurteil nach dem Aufdecken ändert. Die rauchige Anmutung der Lage geht blind oft als Hitzenote durch und führt zu negativer Bewertung. Das ist in der Juryverkostung nicht anders. Das ist ein richtig guter Halenberg für Halenberg-Fans.
10. Flight: Die Nummer 1 der Setzliste (Groebe; 2025)
Ich versuche Abwechslung in der Verkostung zu haben, aber Groebe darf immer schicken. Im ersten Jahr fand ich die Weine Weltklasse, letztes Jahr waren sie mir einen Hauch zu süß, dieses Jahr sind wir wieder nahe an der Perfektion.
Kirchspiel
Das ist mal ein süßer Antrunk, dem auch ein sehr süßer Mittelbau nachfolgt, auch malzig, leicht karamellig, ‚gerettet‘ von viel reifer Säure, durchgehend dunkelwürzig und auch etwas mollig, dabei tief. Muss man nicht schönreden: der Wein ist eher schwer, mollig und voll, aber eben nicht klebrig-süß oder plump. Wunderbar, aber filigran geht anders.
Aulerde
Da ist das Federn, die Spannung, die Vibration, die dem Vorgänger auch guttun würde. Die Frucht ist wieder reif, aber strahlender, die Säure ist elektrisch, bringt so viel Leben, ohne aggressiv oder grün zu sein. Bis eben fand ich das Kirchspiel sehr schön, aber die Aulerde ist dieses Jahr der Kirchspielkiller. Wird in der erklecklichen Länge immer leichter. Wir sind noch nicht bei ‚groß‘, aber auch nicht weit entfernt.
Die Jury sah das völlig anders. Während das Mehr an Spannung in der Aulerde gesehen wurde, lautete das Urteil: Die Verbindung von Charme und Anspruch im Kirchspiel geht kaum besser – schlicht umwerfend.
Morstein
In der Nase reife Rieslingfrucht, am Gaumen auch erst klassische Anmutung, dann kommt eine kleine Exotik, reife Kiwi (?), Orange und eine dunkle Anmutung, die mich eher an die Lage erinnert als an Malz oder Karamell. Das ist diesseits der Überreife und Opulenz, dunkelwürzig, mit harmonischem Säurebiss, etwas zugänglicher und fröhlicher als Wittmanns ‚flüssige Lava‘ aus der Lage, aber das heißt nicht ‚banal‘. Unterstreicht, wie privilegiert der Wonnegau 2025 offensichtlich war. Die Jury hatte keinen Vergleich zu Wittmann, war aber ebenfalls extrem angetan. Groebe 2025 ist ganz großer Sport
11. Flight: Flight 34, oder: Heiliger Bimbam (Battenfeld-Spanier 2025)
Das waren die letzten drei Weine, die ich in Wiesbaden verkostet habe und ich fand sie groß. Die Runde versteht schnell worum es geht. Zitat Isa: ‚Das ist doch so’n Luxus-Flight.‘ Die Weine strahlen eine innere Harmonie aus – Hammer. Allerdings hat sich der Zellerweg sehr zurückgezogen in der JV. Trotzdem rollen wir als Gruppe zum Abschluss des trockenen Feldes noch mal den Gebetsteppich aus (für den ganzen Flight).
Frauenberg
Die Nase beim frisch geöffneten Wein ist schräg, Asia-Imbiss lässt grüßen, abwarten, in der JV heißt es: der riecht nach einem Pasta-Gericht. Der Gaumen ist würzig, üppig, Aprikose meets Gravy, süße Substanz, reife, ordnende Säure, erdige Tiefe und trotzdem nicht schwer. Juchhe!
Kirchenstück
Ist in der Nase die Miniaturausgabe des Frauenbergs, schöne süße Frucht, am Gaumen spürbar weniger Säure, dafür etwas flintig, phenolisch, würziger Biss, viel wärmer, kommt mir auch viel molliger als in Wiesbaden vor und auch erst mal schwächer. Legt dann mit Luft mächtig zu und baut wieder Spannung auf.
Zellerweg am schwarzen Herrgott
Die mühelose Reife, die schwerelose Süße und diese geheimnisvolle, steinige Tiefe sind schwer in Worte zu fassen. Leider kann ich die Jury diesbezüglich nicht anzapfen, da sich der Wein verschließt, ohne sein enormes Potenzial zu verstecken, weswegen er sehr gut ankommt, aber nicht zu Gedichten inspiriert.
12. Flight: Keine Erklärung nötig (Riesling Kabinett 2025)
… lautete das Briefing und das ist bei Kabis nichts Besonderes.
Ansgar Clüsserath; Apotheke
Leicht, fruchtig, schöne Süße, viel Saft, dezent cremig, hat Säure und Zug, packend, aber die letzte Substanz fehlt für den ganz großen Wurf. Das ist trotzdem ziemlich gut und gefällt der Mehrheit am besten.
von Oetinger; Hohenrain (Versteigerung)
Ist gelbfruchtiger, deutlich voluminöser, was von rescher Säure gut geordnet wird, ein Maul voll Wein, dass erst noch reifen muss, aber auch reifen kann.
Joh. Bapt. Schäfer, Kabinett (Gutswein, lagenlos)
Der Wein war im Feld, weil die Kollegen vom Vinum Weinguide in Wiesbaden so davon geschwärmt hatten. Leichter Stinker, die Phenolik ist der Hammer und polarisiert, weil nicht jeder glauben mag, dass das zu Größe reift. Ich kenne Sebastian Schäfers Kabis jetzt seit über zehn Jahren und halte jede Wette darauf: Großer Wein für 12 Euro. Der Winzer hatte den Goldloch-Kabi mitgeschickt. Ich habe ihn verkostet. In 15 Jahren ist der vermutlich besser, aber wer will denn 15 Jahre warten, wenn er in 5 Jahren diesen Kabi genießen kann?
Allen Winzerinnen und Winzern herzlichen Dank fürs Mitmachen.












Ich find‘s total spannend, dass Battenfeld-Spanier mit „Asia-Imbiss“ beschrieben wird. Ich habe so dumm geguckt letztes Jahr, als bei der 2020er GG Probe mehrere Teilnehmer bei Zellerweg aSH auf einmal über „Dino-Nuggets“ sprachen. Gar nicht im negativen Sinne denn der Wein war trotzdem wirklich sehr gut. Offenbar ist trotz dieser karg-steinigen Stilistik manchmal etwas „paniert würziges“ dabei. Vielen Dank für den Bericht!