Letzter Tag und nur noch Riesling. Pfalz und Rheinhessen, ich kann es kaum erwarten.
Kleiner Zwischenstand nach der Diskussion unter Kollegen: so breit wie dieses Jahr fand ich die Urteile selten gestreut. Einiges, was mir gut gefiel, fanden andere furchtbar und einiges, was bei mir als ordentliches GG durchging, galt anderen als bestes aller Zeiten. Das kommt jedes Jahr vor, doch nur selten so geballt wie 2026. Ich werde mich im Fazit auf Spurensuche begeben, jetzt erst einmal
Riesling
Pfalz
2025, wenn nicht anders angegeben
Vollreifer Apfel und Aprikose in der Nase des Kreuzberg von Battenfeld-Spanier, sehr mürber, rauchiger Gaumen, dunkle Fruchtanmutung. Ein Gemälde von einem Wein und sollte ich eine Farbe benennen, ich wäre bei Terrakotta und ich finde den Wein genauso schön wie das klingt: Terrakotta! Der Schwarzer Herrgott von Kuhn hat es nach dieser Granate erstmal schwer, obwohl die Nase in die Kategorie klassisch und sehr attraktiv fällt. Am Gaumen weicher Auftakt, aber dann! Die Frucht bleibt etwas heller, reife Aprikose, aber auch ein mürber Apfel, der den Wein thematisch an den Kreuzberg heranführt und dann kommt viel feine, ebenfalls dunkle Phenolik und sorgt für Tiefe und Länge. Wow. Beim Mandelpfad von Knipser werden wir noch ein bisschen heller, sind am Übergang von dunkelwürzig zu kräuterwürzig, in der Frucht etwas karger, dadurch insgesamt etwas bissiger, speicheltreibend und definitiv Lust auf eine großen Schluck machend. Bei Knipsers Steinbuckel weht ein bisschen viel Landluft durchs Glas für Morgens um 9, aber am Gaumen findet sich ein griffiger, sehr kompakter Wein, der aromatisch nicht von der Reduktion gekapert wird. Fester Kern, tolle Säure, viel Potenzial. Bite in Zukunft jeden Morgen um 9 diesen Flight zum Arbeitsbeginn servieren.
Klarer Apfel in der Nase von Rings Saumagen, saftiger, stahliger Antrunk, dann kommt schnell viel kreidiger Grip der allerfeinsten Sorte (gefühlt aber auch von CO2 unterstützt, das gildet nicht) und dann feinnervige Säure dazu. Hallo wach! Ein kleiner Kräutertouch in der Nase des Weilberg von Pfeffingen, schmelzige Textur, dann kommt ein attraktives kleines Bittertönchen, feine Phenolik, schöne Länge. Ich mag das.
Die Nase von Bürklin-Wolfs Pechstein ist eher würzig als fruchtig, auch am Gaumen vergeht eine ganze Weile, bis sich süße Frucht bemerkbar macht. Da ist längts ein Fundament aus Säure und Würze gelegt, in das die Frucht gut reinpasst. Interessante Geschichte. Beim Wein von von Winning aus gleicher Lage ist die Nase eigentlich nur Holz, am Gaumen zeigt der Wein aber auch Rieslingtypizität und phenolisches Schmirgeln. Klar, das muss man mögen, aber man kann das auch mögen (und erst mal tief im Keller verbuddeln).
Sehr saubere, sortentypische Nase, sehr sortentypischer Gaumen mit viel Tiefe, passender Säure und einem würzigen Finish. Guter Wein kann manchmal ganz einfach sein, so wie dieses Ungeheuer von Acham-Magin. Bei Bürklin-Wolf ist die Lage in der Nase etwas molliger, am Gaumen auch, dabei sehr saftig und nach hinten raus von mehr Phenolik geprägt. Das klingt lauter? Das ist lauter. Aber es muss nicht immer leise sein. Auch wenn der Antrunk bei Bassermann-Jordan nicht so besonders ist, das helle, kreidige Spektakel im Abgang dieses Ungeheuers ist schon ziemlich toll. Und Mosbachers sind ebenfalls dabei: Etwas exotische Frucht in der Nase, am Gaumen klassische Anmutung, süße Frucht, schöne Säure, einiges an Potenzial. Passt.
Kirchenstück von Acham-Magin zeigt eine verhaltene Nase, weicher Antrunk, bleibt schwelgerisch und schmirgelt sich dann zu Spannung, was aber auch ein bisschen von CO2 stammen mag. Müsste man mal länger verkosten, aber ich bin bullish. Bassermann-Jordans Version: Würzige Nase, Reichlich Extraktsüße, leicht erdiger Touch am Gaumen, feine Phenolik, wenn das mit Reife nicht zu sehr in die Breite geht und von Karamell verschont bleibt, dann wird das gut. Von Buhl in der Lage mit viel Tiefgang und Potenzial, jetzt aber auch ein bisschen verschlossen. Aber: Ich glaube dran. Der hier könnte groß werden.
Auf einmal ganz neue Töne beim Jesuitengarten von Mosbacher: mollige Überreife zum gediegenen Holz (?). Erstaunlich interessant, weil so viel Riesling übrig geblieben ist. Dann wieder klassisch, Aprikose, Apfel, reife Säure, mittlerer Druck und Körper, feine Phenolik. Der Kalkofen von Bassermann-Jordan macht es einem leicht, ihn zu mögen. Zur strahlenden, lackierten Frucht des Reiterpfad-Hofstücks von von Buhl kommt schnell eine zackige Säure und der Wein hält die Festigkeit, bleibt straight, kompakt. Wird nie ein Leichtgewicht, aber ich find’s gut. Der Schäwer von Rebholz ist ein herrlich typischer Vertreter der leicht blumigen Variante des Riesling GGs (und damit natürlich völlig untypisch für Rebholz und die ganze Gegend). Aromatische Leichtigkeit trifft auf schmelzige Substanz und das wird von schöner, reifer Säure begleitet. Strahlt große Harmonie und Eigenständigkeit aus.
Dr. Wehrheims Kastanienbusch ist ein Wein für den zweiten Blick. Ganz hinten im langen Abgang begegnen sich noch mal der saftige Apfel, die erstaunlich feine Säure und eine ‚braune‘ Phenolik und erklären mir den Wein. Gut dass ich einem kleinen Tagtraum nachhing und Pause vor dem nächsten Schluck machte. Ich hätte den sonst übersehen. Wehrheims Kastanienbusch-Köppel ist etwas direkter: Viel würzige Tiefe, schöne, reife Rieslingfrucht, feste, reife Säure, kompakt, klassisch, lang, toll. Zum Schluss der Sonnenberg von Siegrist: Grapefruit und eine Spur Malz, trotzdem hell, straff, sehnig, etwas (blonde) Tabakwürze, hach, da passiert so herrlich viel
Danke, Pfalz. Das hat Spaß gemacht.
Württemberg
Ein Flight 25er
Aldingers Gips Marienglas zeigt eine mollig-animalische Nase, weicher, saftiger Antrunk, dann viel gelbe Frucht und seine Säure. Sehr konzentriert, aber nicht überkonzentriert. Tänzelt ein bisschen und macht mich neugierig. Wöhrwags Herzogenberg hat in der Nase einen sehr vertrauten (und liebreizenden) Ton aus der Süßigkeitenwelt, ich komm nur gerade nicht drauf. Klarer, saftiger und dezent strahlender Gaumen, wahnsinnig lecker, aber nicht banal, dann kommt ein etwas unruhiger Hefe-Ton mit einem verhaltenen Schmirgeln. Finde ich irre lecker und das ist ausschließlich positiv gemeint. Anspruch kommt im Abgang auch dazu.
Dann 2024er
Der Pulvermächer von Beurer zeigt diese Zitrus-Aprikose-Kreide-Kombi mit der man mich immer kriegt. Zur Frucht kommt bei Schnaitmanns Lämmler ein bisschen Heu in der Nase. Der Gaumen startet mit süßer Grapefruit (gibt’s die überhaupt?), dann reife Säure, bevor ich im Abgang viel helle Kräuterwürze finde. Gute Anlagen. Sein Götzenberg ist dann mit das Spannendste, was ich bisher heute im Glas hatte. Wirkt wie ein knochentrockener Steinwein, der von konzentrierter Extraktsüße auf ein Verträglichkeitslevel gehoben wird, das auch Nichtsteinweintrinker abholen könnte. Glaube ich zumindest (kann’s nicht überprüfen, weil selber Steinweintrinker). Berührend!
Gute Quote, Württemberg!
Rheinhessen
Alles 2025
Den Scharlachberg von Kruger-Rumpf finde ich extrem klassisch und balanciert, Rieslingfrucht in schöner Konzentration, Säure mit passendem Reifegrad, fester Kern nach hinten raus. We call it a Klassiker. Gleiche Lage von Wagner-Stempel: Ein bisschen rauchig-malzig, aber nicht überreif, feine Säure, ein dunkles Geheimnis lungert in den Tiefen dieses sehr jungen Weins. Das will ich einkellern. Bei Knewitz Steinacker habe ich etwas überreife Rieslingfrucht in der Nase, am Gaumen wird das Lügen gestraft, da ist die Frucht gerade eben reif und das passt, weil so viel Substanz da ist und die Säure kräftig zieht. Hat den Spielraum mit Reife etwas üppiger zu werden und trotzdem ein schlanker und eleganter Riesling zu bleiben. Flüssiges Versprechen auf die Zukunft.
Rauchig ist deieser Wein eher am Gaumen als in der Nase, erdig, fest und von schöner Säure eingehegt. Nach dem Aufdecken: ich kenne viele Rothenberg von Gunderloch, die jung genau so geschmeckt haben und später großartig wurden. Bei dem Rothenberg von Kühling-Gillot bezieht sich die fast schmerzhafte Konzentration nicht so auf die Frucht, wie bei anderen Rieslingen des Jahrgangs, sondern auf die wunderbare Kombination von Säure und dunkler Phenolik. Da bin ich sogar sicher, dass das zu epischer Größe reift. Noch unruhig und unterm Hefeschleier, aber die Struktur des Pettenthal von Gunderloch lässt schon erahnen, das wird ein Riesling mit ganz viel Tiefgang
Wittmanns Kirchspiel fängt charmant an und wird dann leicht rauchig, kratzt und beißt auf kultivierte Art und zeigt viel Potenzial, aber auch unruhig, hefegeprägt, viel Tiefgang. Da muss sich einiges noch finden, aber da wird sich auch einiges noch finden. Aufregend. Würzige Nase beim Brunnenhäuschen, am Gaumen ist die Frucht kühl (das haben wir hier heute selten) und gleichzeitig wird die saftige Länge von feiner Würze begleitet. Das ist schon ein Level an Komplexität, dass man immer sucht und selten findet. Mag ich sehr.
Auch ich bezeichne Weine gerne mal als ‚flüssigen Stein‘. Blöd nur, wenn die Assozoation dunkel oder bräunlich ist, weil Lava will ja niemand trinken. Also: das hier hat die Struktur eines Weins, den manche als flüssigen Stein bezeichnen, aber auf eine erdige Art, wenn Sie verstehen, was ich meine. Achja, es geht um Wittmanns Morstein und er ist ganz groß. Gutzlers Version der Lage kann da nicht ganz mit und ist doch sehr gut (auch weil angenehm trocken) und mit viel Potenzial gesegnet. Gutzlers Liebfrauenstift startet monothematisch fruchtig und dreht dann mächtig steinig, rauchig, würzig auf. Muss sich hier überhaupt nicht verstecken
