Sonntag, 23. August 2026, Wiesbaden, 10.00 Uhr. Startschuss zu drei Tagen Vorpremiere der GGs des VDP – ich sitze am Platz und freue mich auf 396 Weine.
‚Wie, 396?‘ fragen Sie sich jetzt eventuell, ‚das sind 83 weniger als letztes Jahr. Was ist da los?‘ Ich kann es Ihnen noch nicht sagen. Ich werde mich umhören. So viel kann ich allerdings schon sagen. Während einige Weingüter dramatisch weniger Weine zeigen (Huber nur noch einen!), sind 26 Weingüter komplett ausgestiegen. Darunter finden sich einige, die in der Vergangenheit schon öffentlich damit gehadert haben, dass sie kaum von der Veranstaltung profitieren, weil nur wenige Teilnehmer ihre Weine probieren und noch weniger sich öffentlich dazu äußern.
Aber zu den diesjährigen Totalverweigerern gehören auch Kloster Eberbach und Künstler. Gemeinsam mit 5 weiteren Rheingauer Betrieben, die nicht mehr dabei sind, macht das ein Minus von 27 Weinen aus der Region, denen vier ‚Neuzugänge‘ (von Flick und Kaufmann) gegenüberstehen. Noch düsterer sieht es an der Ahr aus: Kreuzberg, Burggarten, Adeneuer und Nelles raus, 14 Weine weg, keine Neuzugänge, es verbleiben 10 Weine von Stodden, Deutzerhof und Meyer-Näkel, darunter kein Frühburgunder mehr. Schade. Wöhrwag, Bercher und Lämmlin-Schindler sind die übrigen Neu- oder Wiedereinsteiger. In Summe nehmen also 110 Weingüter in Wiesbaden teil – etwas mehr als die Hälfte der VDP-Betriebe. Man muss kein Hellseher sein um vorherzusagen, was hier heute dominantes Thema beim Mittagessen wird.
Dieser Bericht ist ein Live-Ticker. Er lebt davon, dass ich mich auf Weine konzentriere, die mich schon beim ersten Probeschluck ansprechen. Dementsprechend werde ich hier nicht 396 Weine beschreiben, sondern erheblich weniger. Ich unterteile in meiner Arbeitsmappe Weine in vier Katgorien (ähnlich Schulnoten): 4 bedeutet: Gefällt mir nicht. Das kommt sehr selten vor. Ich habe eine hohe Meinung von der verbandsinternen Anerkennungsprüfung. 3 bedeutet: Verstehe ich nicht (sofort). Ich nenne diese Weine immer ‚mmm‘ wie müsste man mal (länger verkosten, um was Belastbares sagen zu können). 2 ist (sehr) gut: Tadelloser Wein, definitiv zurecht ein GG, ‚ad&d‘ = alles drin und dran (pun intended). 1 ist große Klasse: Kaufe ich mir selbst (in Jahren, in denen genügend Platz im Keller für Neuzugänge ist). Manchmal erwähne ich Weine der Kategorien 3 und 2, manchmal nicht. Das heißt: nicht alles, was ich hier besonders finde, ist notwendigerweise auch besonders gut, manches ist bemerkenswert, meiner Meinung nach polarisierend, riskant aber im Erfolgsfall mit besonderem Glücksgefühl wedelnd oder einfach Menschen anempfohlen, die schon immer mal schmecken wollten, wie Phänomen XYZ geschmacklich daherkommt. Das sollte sich aus dem Text ergeben. Wenn es das nicht tut, weil ich mal wieder zwei Sachen gleichzeitig gemacht und schlampig formuliert habe, fragen Sie einfach (oder korrigieren Sie mich). Der Text wird davon profitieren und ich Ihnen ewig dankbar sein.
Silvaner (Franken)
Ich gestehe, es gibt Abgänge, die mich mehr schmerzen als andere. Was erlauben Weltner? Und Schmitt’s Kinder haben sich auch nicht bei mir abgemeldet – aber Kindern verzeiht man leichter. Es kann natürlich sein, dass einige Weingüter schlicht keine Mengen für eine Vorstellung in Wiesbaden haben, also Schluss mit dem Blame Game.
2025, wenn nicht anders notiert
Vollfruchtige Nase, leicht kandierte Birne, auch etwas kräutrig, dazu Heu. Am Gaumen ist die Textur und Anmutung von Rudolf Mays Himmelspfad schlank, (im Sinne von nicht ölig, nicht stoffig), sehr lebendig, tänzelnd, gelbfruchtig, schöne Säure. Leiser Auftakt mit viel Finesse! Sehr typische Silvanernase beim Rothlauf, etwas molliger am Gaumen, etwas extraktsüßer, mehr in your Face, viel Potenzial, sehr ordentlich. Interessanter Grünton in der Nase des Stein-Berg vom Staatlichen Hofkeller, saftiger Antrunk, dann kommt feine Phenolik und baut Mordsspannung auf, dazu wird’s erdig. Auf der dunklen Seite der Macht, aber mächtig beeindruckend. Vielleicht auf die Dauer schwer, aber vier Mann und eine Pulle und es wird ein großes Erlebnis. Etwas dropsige Nase bei der Stein-Harfe vom Bürgerspital, leicht bunte Frucht im Antrunk und dann kommt viel steinige Substanz und schmirgelnde Würze, die für Spannung sorgt. Wenn der Babyspeck weg ist, sollte das ganz wunderbar werden. Ein traumhafter erster Flight.
Escherndorf Am Lumpen ist das nächste Thema. Horst Sauer mit Tabak und leicht dropsigem Kernobst in der Nase, bissiger Antrunk, dann kommt schöne Extraktsüße, aktuell fehlt mir etwas Länge. Trotzdem gut. Max Müller I ist sauber, fruchtig, ein Wohlfühlwein – zum Auftakt. Nach hinten kommt enorm Gripp und schnittige Säure. Schöner Spannungsbogen. Rainer Sauer mit attraktivem Frucht-Kräuter-Mix in der Nase, saftige Textur, feine Frucht und viel würzige Phenolik, elegant und besonders gut. Dann noch mal Max Müller I mit dem Ratsherr: Sehr süße Nase, auch am Gaumen fruchtig, aber nicht plakativ, tief, dunkelt nach, wird leicht erdig, bleibt dabei die ganze Zeit fruchtig, enorm viel Substanz. Ganz nach hinten raus kommt etwas Zwiebelschale. Das könnte groß sein, mmm.
Der 2024 Rothlauf von Bickel-Stumpf stinkt, da beißt die Maus keinen Faden ab. So sehr, dass man das nicht ohne Warnung empfehlen kann. Der Gaumen ist kühl, straff, tief, elegant und so gut, dass man das empfehlen muss. Dann halt mit Warnung: Achtung, nicht für jeden geeignet, für mich aber schon. Auf der etwas schwereren Seite steht der 2021er Schlossberg von Castell, leicht schweißige Nase, aber im rebsortentypischen Rahmen, eher üppiger Körper mit ausreichend Säure, kein Fett, aber der schwerste Wein im Feld. Monumental, dabei ausgesprochen gelungen. Ein Glas zur richtig guten Piccata und es gibt kein Halten mehr.
Weißburgunder
Pfalz
2025, wenn nicht anders angegeben.
Langenmorgen von Bassermann-Jordan zeigt eine unruhige Nase. Fruchtiger Antrunk, feiner Säurebiss, sehr griffige Phenolik, klassisch, aktuell ohne Ecken und Kanten oder Besonderheiten, aber mit Potenzial. Geben wir ihm 3 Jahre. Ich glaube dran. Bei Bergdolt – Klostergut St.Lamprechts Mandelberg am Speyrer Weg passiert aromatisch jetzt schon viel mehr, leicht rauchig, deutlich würzig, eher cremiger Antrunk, durch den die Säure pflügt. Mag ich sehr. Münzbergs Münzberg ist sehr von der Hefe geprägt, Textur aus der Kategorie Wolldecke im Mund, aromatisch komplex, leicht erdig, alles von kantiger Säure eingehegt, unruhig, aber attraktiv.
An dieser Stelle noch der Hinweis, dass ich heute wieder Unterstützung habe. Neben mir sitzt Kollege Raffelt und hat die gleichen Weine im Glas: https://www.originalverkorkt.de/2026/08/der-grand-prix-der-grossen-gewaechse-2026-tag-1-silvaner/
Würzige Nase und strahlende Frucht am Gaumen beim Mandelberg von Rebholz. Spannung, Komplexität und Potenzial, ein würdiges GG. Dann Kalmit von Kranz: Die Nase dominiert von schönem Holz, eher cremige Textur, die Säure kickt spät rein, die Tiefe lockt, die sehr kompakte Frucht überdeckt noch einiges. Ich habe seit gestern ein etwas tieferes Verständnis des Weines und behaupte: der wird richtig gut.
Odinstals 2024er Odinstal hat einen lustigen Asia-Ton in der Nase, irgendwo zwischen Tamarinde (Vorschlag vom Nachbarn) und geröstetem Sesam, dann rescher, straffer Gaumen, viel Grip auch im Abgang. Interessant. Ebenfalls aus 2024 stammt der Sonnenberg RG von Bernhart. Leichte Reduktion in der Nase, saftiger Start, konzentrierte Frucht und kräftige Säure mit viel Würze, Ecken und Kanten. Fordernd, packend, richtich gutes Zeuch.
Baden
Holzwürzige, nicht zu laute Nase beim 2024er Herrentisch von Wöhrle. Leicht mürber, fruchtiger Antrunk, dann viel saftige Tiefe. Sehr anders, sehr eigenständig, sehr interessant. Die Nase ist würzig, eher fruchtfern und nicht unbedingt die Stärke des 2024er Feuerberg Haslen von Bercher. Die Reise von saftig zu griffig durch Antrunk, Mittelbau und (langen) Abgang ist allerdings besonders aufregend. In Summe sehr gut!
Salweys 23er Kirchberg: Eine lebendige, tänzelnde, aber etwas gereifte Frucht trifft auf gut integriertes Holz, die Säure spielt schon ihr volles Potenzial aus. Da geht die Sonne auf in einem Meer aus eher unspektakulären Weißburgundern. Und dann der 23er Blankenhornsberger Doktorgarten Kleintal des Staatsweinguts Freiburg: Das Holz wirkt in der Nase plakativ, Marzipan-Macchiato. Der Gaumen ist dann allerdings sexy: spielt, ist süß, aber elegant, ein bisschen üppig, primäre Reize vor der Mittagspause. In die entschwinden wir jetzt.

Danke für Ihre Berichterstattung! Wie immer sehr kurzweilig und informativ.