Ich war im Weingut Kranz – zum ersten Mal. Da wollte ich schon lange mal hin, Verdammt lange!

Jede Generation hat ihre Rebellen und jungen Wilden. Dass ich alt werde, merke ich daran, dass meine jungen Wilden mittlerweile zu so seltsamen Tastings einladen wie ‚20 Jahre Kalmit‘. Der junge Wilde Boris Kranz ist auch schon 13 Jahre im VDP. Das ist natürlich mein ganz persönliches Problem (genau wie die Tatsache, dass ich hier seit Tag 1 von dem Kalmit rede, obwohl es doch die Kalmit heißt, wie ich heute gelernt habe). Sie haben andere Probleme: Zum Beispiel, dass Sie sich jetzt Loblieder auf Weine anhören müssen, die sie großteils nicht mehr kaufen können. Nehmen Sie es als Geschichtsunterricht. Außerdem steht mit Xaver Kranz schon der nächste junge Wilde in den Startlöchern. Dessen Wirken können Sie dann so verfolgen wie ich das seines Vaters. Also rein ins Vergnügen.
Weingut Kranz, Ilbesheim – 20 Jahre Kalmit
Flight 1: Wie alles begann
2000 Kalmit Riesling. Dezent nussige Nase mit Spuren von Botrytis, am Gaumen Reste von Frucht, auch leicht nussig, insgesamt wenig druckvoll, angenehme Säure, sehr okay für das Alter, aber nur im Kontext besonders.
2003 Kalmit Riesling. Mehr Frucht in der Nase, vollreife Aprikose (aber nicht sehr süß) dazu Tabak, am Gaumen erstaunlich präsente Säure für das Jahr. Kein verbranntes Gummi, keine übertriebenen Hitzenoten, nur minimalst Karamell. Da ist Eleganz und Schmelz und Substanz. Den finde ich stark und das nicht nur im Kontext.
2008 Kalmit Riesling Terrassenlage. Da war ein bisschen saubere Botrytis mit im Spiel und das tut dem Wein gut, weil sie Substanz zufügt, ohne eine Honigfährte zu legen (ich bin eher bei Pistazie). Die Säure ist brillant, aber nicht bissig. Der Winzer lobt den Jahrgang von Herzen, weil die Reife sich so elegant präsentiert und ich finde, da hat er einfach Recht. Granatenwein mit toller Länge.
2010 Kalmit Riesling Terrassenlage. Riecht nach kandierter Dosenfrucht (ja, das ist doppelt gemoppelt), hat eine sehr ölige Textur, die Säure ist knackig. Der ist beim Verkosten sehr angenehm und wer keine Probleme mit der 10er-Säure hat, wird ihm viel abgewinnen können. Mir ist das nach hinten raus zu harsch in der Säure.
Flight 2: Meilensteine
2011 Ilbesheimer Kalmit Riesling GG. Warme Nase mit ein bisschen Heuboden, Kräutern und einem Hauch Karamell. Am Gaumen kommt reife Aprikose dazu, bei aller Wärme ist der Wein aber nicht zu mollig und glänzt mit wunderbarer Säure. Würdige Reife und ein gar nicht störendes Zuckerschwänzchen im ansonsten von Säure getragenen Finish. Lecker und tief.
2014 Ilbesheimer Kalmit Riesling GG. Die Nase ist so süß, wie ich es eher vom 11er erwartet hätte und auch am Gaumen kommt mehr Süße (oder besser: kommt die Süße früher ins Spiel) was dem Wein nicht so gut bekommt, auch weil die Säure etwas spitzer wirkt als beim 11er. Kein schlechter Wein, aber chancenlos im Schatten des 2011ers.
2016 Ilbesheimer Kalmit Riesling GG. Oh, das ist Gänsehaut ab der zweiten Sekunde. Gaukelt etwas Überreife in der Nase vor, startet saftig und fängt dann sofort an zu tanzen, sehr leicht, aber nicht dünn, leise, aber nicht schwachbrüstig, enorm tief und sooo lebendig. Was den Wein von 100 Punkten trennt ist die ‚nur‘ sehr gute Länge. Groß.
2023 Ilbesheimer Kalmit Riesling GG. Kräutrige Nase, reifer Apfel im Bukett, klarer Apfel und etwas Aprikose am Gaumen, die Textur ähnlich ölig wie beim 2011er. Zeigt nach hinten raus etwas Malz. Viel Druck, viel Stoff. Ganz wunderbar, aber wenn ich den im Keller hätte, würde ich nicht bis 2033 warten, um die erste Flasche zu öffnen.
Flight 3: Weisser Burgunder im Wandel
2006 Kalmit Weisser Burgunder. Die Nase ist schon etwas firn, der Gaumen steht aber noch gut da. Ein bisschen Dosenobst, lebendige Säure, geschmeidige Textur, würzige Reife. Schön.
2011 Ilbesheimer Kalmit Weisser Burgunder GG. Der Winzer lacht, weil er heute keinen Weissburgunder mit 14,5 Prozent Alkohol mehr machen würde, und ein leicht brandiger Abgang lässt sich nicht leugnen, aber da ist (ohne Holz) eine wunderbare Phenolik am Werk, die diesem Brocken etwas sehr Komplexes verleiht und den Alkohol gediegen begleitet. Ist zwar ein Schlachtschiff, aber ein sehr bewundernswertes.
2012 Ilbesheimer Kalmit Weisser Burgunder GG. Die Nase ist fruchtfern und der Wein wirkt trotz schöner Textur eher gezehrt. Ich möchte wetten, dass das eine schlechte Flasche ist.
2021 Ilbesheimer Kalmit Weisser Burgunder GG. Schönes Holz und ein ganz bisschen flintig in der Nase, am Gaumen zitrisch, leicht kräutrig, hell, gelb, strahlend, dann schon ansatzweise integriertes Holz. Der Wein ist nicht trinkreif, zeigt aber eine Entwicklung auf allen Ebenen, die im Gleichschritt verläuft. Wiedervorlage 2028, ich bin sehr optimistisch.
Flight 4: Spätburgunder
2007 Kalmit Spätburgunder. Das riecht, als wäre es vor 15 Jahren röstig-holzig im Überfluss gewesen. Dazu auch etwas oxidiert, Es schmeckt auch immer noch so, nur dass das mittlerweile diesseits der Schmerzgrenze angekommen ist und durchaus Vergnügen bereitet.
2011 Ilbesheimer Kalmit Spätburgunder GG. Die Nase ist eine Drohung: muffig, nasse Pappe, oxidiert und viel zu weit entwickelt. Der Gaumen straft das alles lügen. Die Frucht ist leicht gekocht, die Aromatik aber fehlerfrei, leicht fleischig, würzig, angenehm. Aber auch hier denke ich, es gibt vermutlich bessere Flaschen dieses Weines. Schöne Säure!
2013 Ilbesheimer Kalmit Spätburgunder GG. Hat eine recht deutsche Nase mit klassischer Ziegelsteinaromatik, entwickelt dann am Gaumen viel blutigen Biss und Grip, wird immer besser, zeigt tolle Länge und viel Entwicklung – vom Ziegelstein zum Laserschwert. Hoffentlich gibt es davon nachher noch was zum Abendessen.
2015 Ilbesheimer Kalmit Spätburgunder GG. Tomatengrün in der Nase, Stilwechsel, mehr Risiko und hier bin ich mir nicht sicher, ob das noch richtig gut wird. Ist nicht harsch, nicht dünn und sauer, aber doch sehr auf Zug, Schlankheit, Eleganz gearbeitet, ohne die fleischige Substanz des 2013ers zu zeigen, was aber vielleicht noch kommt. Interessant.
Zum Essen gab es allerlei Weine, zu denen ich mir keine Notizen machte. Freihändig drei Quickies: Sekt spielt bei Kranz eine immer größere Rolle und das spiegelt sich in der Qualität wider. Chardonnay ganz stark (war nur mangels Wein im Verkauf nicht beim Berliner Chardonnay Award dabei) und Spätburgunder 2022 ist hier auch als Erste Lage schon Beuteschema für anspruchsvolle Liebhaber deutscher Pinots.
Danke für die Einladung.



