Wilhelm Weil Klaus Gasser

Ziemlich beste Freunde

Primo I Grande Cuvée und Monte Vacano könnten unterschiedlicher kaum sein. Doch ihr Aufeinandertreffen war ein Festival.

Ich war im Land, wo Milch und Honig fließen, bekannt auch als Weingut Robert Weil. Verkostungen im Glascabinet des Kiedricher Weinguts sind ein Hochamt des Geschmacks, umrahmt von feinem Essen und wertvollen Raritäten, präsentiert mit unprätentiöser Herzlichkeit. Ich bilde mir immer ein, ich sei immun gegen all die Großzügigkeit und gäbe den präsentierten Weinen keinen Bonus. Ich hoffe, das stimmt.

Alle Weine Verkostung

Der Anlass war ein doppelter: gründliche Nachverkostung der ersten sechs Jahrgänge Monte Vacano und es waren Freunde zu Besuch. Klaus Gasser, Chef der Cantina Terlan, hatte sechs Jahrgänge Terlaner Primo I Grande Cuvée mitgebracht plus ein paar aktuelle Weine und Raritäten. Weil bezeichnete Grasser als guten Freund und erklärte, im privaten Keller der Familie Weil sei Terlan der Erzeuger mit der zahlenmäßig größten Vertretung. So sei die Idee entstanden, einmal gemeinsam die besten Weine der Häuser zu präsentieren. Weil machte den Anfang, da die Rieslinge erheblich schlanker sind als die Gande Cuvée.

3000 Flaschen Herrlichkeit

Gräfenberg Wasseros Turmberg
Weils Weinberge: Gräfenberg (mitte), Wasseros (oben) und Turmberg (links)

Ein paar sinnvolle Erläuterungen zu den Weilschen Weinen Monte Vacano und Monte Nostrum finden Sie hier. Der Monte Vacano entsteht in 2 Stückfässern (1200 Liter) aus einem Teilstück des Gräfenberg am Rande der Lage mit einer etwas anderen Exposition. Die Terroirdifferenzen sind aber weniger für die Unterschiede zum GG verantwortlich als das zweijährige Vollhefelager (ungeschwefelt) des Weines.

2018 Monte Vacano: Die Nase deutet den Jahrgang an, dieser typische 2018er-Ton, aber in der kleinen Variante, dazu Aprikose, erstaunlich wenig Reifetöne. Am Gaumen weicher Antrunk mit mehr Reifetönen, als die Nase andeutete. Die schmelzige Textur und geschmeidige Art vom langen Hefelager wirkt zunächst zahm, dann meldet sich doch noch die Säure zu Wort und sorgt für eine schöne Riesling-Anmutung. Trotzdem fehlt mir Biss und Grip. Leise, durchaus tief, aber nicht so lebendig, dass ich mit Superlativen werfen muss. Mit mehr Luft (30+ Minuten) zieht mich der Wein dann doch in seinen Bann, weil die cremige Textur und die Säure zu spielen anfangen. Sehr schön.

2019 Monte Vacano: Gelbfruchtig in der Nase mit einem Würzton, den ich für Holz halte, obwohl die beiden Stückfässer, in denen der Wein produziert wird, alt sind. Vielleicht ist es eine minimal flintige Reduktion, egal, das bereichert die Nase sehr. Am Gaumen liefert die Säure den Biss, der mir beim 18er fehlte, die Aromatik ist leicht fleischig, die Textur aber saftig und nicht zu stoffig. Tief und lang und auf lässige Art groß.

Es ist die Textur, Dummerchen

2020 Monte Vacano: Der Sinn solcher Vertikalen ist ja, den Charakter des Weins zu erfassen und der erschließt sich jetzt: die Textur und auch die Nase sind von zweijährigem Hefelager geprägt, die Frucht ist leiser, die Textur immer cremig, beim 18er mit mehr Schmelz, 19er etwas saftig und 20er jetzt etwas ölig. Dieser Jahrgang zeigt aber auch schon in der Nase einen laktischen Ton, eines der Fässer hat ziemlich sicher einen BSA zumindest angefangen und das ist nicht spurlos geblieben. Das hielte mich nicht davon ab, ein Glas zu trinken, aber bei dem einen würde es bleiben. Ich bin nicht sprachlos.

Monte Vacano
Monte Vacano – Weil in stoffig

2021 Monte Vacano: Jetzt aber. Zum Glück herrscht keine Eile wie in Wiesbaden, ich kann mich also erst mal sammeln. Eine typische Rieslingnase – süßlich, aber nicht überreif, dazu etwas kräutrig. Am Gaumen wird die stoffige Textur sofort von schnittiger Säure eingehegt, feine Phenolik kommt dazu. Das hat aber nicht einfach nur Grip, sondern die Textur changiert zwischen den Polen ölig und griffig, immer wieder hin und zurück. Die Frucht ist unaufgeregt, die Anmutung kühl, trotzdem etwas üppiger als ein Gräfenberg GG. Das ist fantastisch und hat Potenzial, ein Gigant zu werden.

2022 Monte Vacano: Wir werden wieder saftiger, die Frucht geht in Richtung reifer Apfel, in der Nase kommt eine leicht blumige Note dazu. Der Antrunk ist ‚normal‘ auf hohem Niveau. Wenn die Säure (und verhaltene Phenolik) reinkicken, zeigt sich aber auch eine besondere Tiefe, die den Grip ein bisschen verschluckt. Das hat noch Zeit und das ist kein bisschen pummelig geworden in den letzten Jahren, was bei diesem Jahrgang generell eine Gefahr ist. Finde ich sehr überzeugend. Ewig lang, während des Schreibens dieser gesamten Notiz ist der Wein noch am Gaumen präsent.

2023 Monte Vacano: In der Nase und am Gaumen warm-würzig und vollfruchtig, die Säure ist zunächst verhalten, kommt langsam ins Spiel. Das lädt zum Trinken ein und wirkt ein bisschen einfach, wenn nicht wieder dieser sehr lange Nachhall wäre, in dem die Säure swingt. Ich bin optimistisch, dass sich Klasse einstellt, aber die Anmutung wird immer eher warm sein.

Vor gut einem Jahr habe ich an gleicher Stelle eine Reihe von jüngeren Gräfenberg parallel zu einer Reihe von Schoss Johannisberg GGs verkostet. Dabei habe ich angemerkt (wie zuvor auch schon im Podcast), dass ich bei den Johannisbergern aufgrund des langen Vollhefelagers häufig ein Aroma von Fleischextrakt wahrnehme, das mir nicht so gut gefällt. Ich kann nicht sagen, woran es liegt (es würde mich aber brennend interessieren), dass das beim Monte Vacano nur beim 2019er der Fall ist (dem Jahrgang, wo es bei SchoJo fehlt). Egal. Ich sehe den Unterschied zum Gräfenberg, ich verstehe die Motivation, ihn zu machen und es gibt sicher auch in meinem Leben Gelegenheiten, wo mir dieser Stil lieber ist als der klassische des Gräfenberg GGs.

Holzloses Holz heißt Hefe

Primo I Grande Cuvee
Primo I Grande Cuvee – wahrhaft prächtig

Den Primo I Grande Cuvée gibt es seit dem Jahrgang 2011, es sind allerdings nicht alle Jahrgänge gefüllt worden. Er ist eine Cuvée: Weißburgunder von 500 Meter Höhe, mehr als 50 Jahre alte Reben, bis 80 Prozent Cuvée-Anteil, fünfzehnplus Prozent Chardonnay und etwas Sauvignon blanc. Die zwei Jahre Hefelager haben beim Weißburgunder einen anderen Effekt. Sie erzeugen einen röstig-nussigen Karamellton, der an Holz erinnert. Doch ist der Wein in sehr alten Stockinger-Fässern ausgebaut, neues Holz ist kein Thema. 

2013 Terlaner Primo I Grande Cuvée: Sehr reife, leicht cremige Nase, die den warmen Jahrgang widerspiegelt. Am Gaumen sehr cremig, stoffig, kräftig, aber die Säure dürfte etwas mehr ziehen. Hier geht es nicht um Riesling-Zisch, aber das ist extrem mellow und wirkt daher ein bisschen träge. Gebt mir einen Ohrensessel, denn das ist immer noch ein schöner, schwelgerischer Wein.

2015 Terlaner Primo I Grande Cuvée: Einerseits – andererseits. Die Nase ist jünger, klarer, aber auch etwas sehr würzig. Die Textur ist ein bisschen saftiger, die Säure lebendiger, aber der Wein auch von öliger Wucht. Die Aromatik ist würzig bei immer noch packender Frucht, aber die alkoholische Schwere ist viel deutlicher wahrnehmbar. Ein tiefer, kraftvoller, leicht brandiger und trotzdem sehr beeindruckender Wein.

2019 Terlaner Primo I Grande Cuvée: Okay, jetzt weiß ich, warum der Wein eine Ikone Italiens ist. In der Nase Holz (was kein Holz ist, siehe oben) und ein leicht süßer Touch (Mandarine). Am Gaumen ist das ‚Holz‘ gut integriert, aber spürbar, leichte Röstnote, aber das gehört alles dazu, muss sich gar nicht weiter reduzieren. Schnittige Säure, warme Frucht, der Alkohol unauffällig, üppig, komplex und irre lecker. Unfassbar schön.

2021 Terlaner Primo I Grande Cuvée: Die Nase ist seifig, was nicht bedeutet, dass sie unangenehm wäre, aber die bisher gezeigten Aromen tauchen hier nicht wieder auf. Der Gaumen ist tadellos, die Hefewürze sehr sexy, die Säure bissig und von Phenolik unterstützt und der Wein wird dadurch auf attraktive Art kreidig und karg (manche nennen das salzig). Tolle Länge, hoher Spuckwiderstand.

2022 Terlaner Primo I Grande Cuvée: Diese extreme Würze des Hefelagers ist wieder das dominierende Thema und ich liebe das. Die Komplexität reicht nicht an den 21er ran, aber das würde mich nicht davon abhalten, im Rekordtempo viel zu viel davon zu trinken. Auch hier gilt natürlich: Das ist große Oper für große Gläser und gute Gespräche (oder edles Porzellan und feines Essen).

2023 Terlaner Primo I Grande Cuvée: Der Wein ist etwas schlanker als die Vorgänger, ob das an der Jugend liegt, vermag ich nicht zu sagen. Aber es macht ihn noch attraktiver als den 22er. Will ich nicht stürzen, weil das nicht kompakt und unglaublich lecker ist, sondern eher die klassische Reise aus fruchtig-hefewürzigem Antrunk, einsetzender Säure und interessanter Kreidigkeit im Abgang bietet. Enorm tief, enorm lang. Das darf gerne noch reifen, aber man ist das jetzt schon gut.

Die Genossen machen Druck

Wieso können italienische Genossenschaften reihenweise Weine produzieren, die es mit den kleinsten Boutique-Weinen aufnehmen können und wieso gelingt das in anderen Ländern kaum? Klaus Gasser kann das beantworten. ‚Unser System klingt nett, aber es ist auch sehr aggressiv. Wir zahlen bis zu 11 Euro pro Kilo Trauben und wenn Du 11 Euro zahlst, kannst Du auch zum Winzer gehen und sagen: Es hat gehagelt, Du gehst jetzt sofort in den Weinberg und pickst jeden kleinen Schaden raus, sonst wirst Du deklassiert‘, so der Oberterlaner. Die wichtigste Voraussetzung für dieses System sei dabei Transparenz. ‚Jeder Winzer weiß, was er macht. Der Quartz-Winzer weiß, dass er Trauben für den Quartz produziert und so weiter‘, so Gasser. Damit ging es über zum historischen Teil des Tages.

Weil After Show Party
Was der Keller hergibt: Wilhelm Weil fährt auf

Als ich auf dem Probenzettel das Rahmenprogramm sah, machte mein Herz einen kleinen Sprung. Wilhelm Weil meinte das mit der Freundschaft und Liebe zu Terlan ernst. Er hatte das ausgesucht, was ihm am liebsten und am teuersten ist. Das beste GG (damals noch Erstes Gewächs), das in seiner Ära entstanden ist und der große Trockene (damals noch Spätlese trocken, eine Auslese trocken hat es nie gegeben) aus dem Geburtsjahr seiner Tochter Marie-Charlotte, die seit einigen Jahren im Weingut aktiv ist und bei der Probe anwesend war.

GOAT seit 10 Jahren

Graefenberg 2004
Seit vielen Jahren Favorit: Gräfenberg 2004

2004 Kiedrich Gräfenberg EG: Ich habe diesen großzügigen Probeschluck ganz unprofessionell ausgetrunken (weil ich nicht wusste, dass es zum Essen später noch ein Glas davon geben sollte). Ich fand bisher schon, dass das einer der schönsten trockenen Rieslinge ist, die ich je getrunken habe und ich habe nichts zurückzunehmen. Natürlich ist das ein sehr gereiftes EG, und die Frucht, die immer noch strahlt, ist etwas mürbe geworden, die strahlende Aprikose kommt mittlerweile zu einem kleinen Prozentsatz aus der Dose und strahlt halt nicht mehr so wie bei unserer letzten Begegnung vor zehn Jahren, aber dafür ist die Reife so mühelos, die Würze so schön, die Länge wunderbar. Perfekte Balance aus Reife und Substanz, noch meilenweit von einem Altwein entfernt.

1992 Kiedrich Gräfenberg Riesling Spätlese trocken ist auch grandios. Die Nase ist schon von Alterskaramell dominiert. Hat ein paar mehr Falten, sagt der Winzer, aber die reife Aprikose ist nur etwas mürbe, auch hier strahlt noch einiges, die Säure ist perfekt, die Textur saftig, das kommt erstaunlich nah an den 2004er ran. Mit Luft wird der Abstand immer kleiner.

1949 Kiedrich Gräfenberg Cabinet: Die Nase dreht so langsam zum Kaffee, der Gaumen startet saftig, die Substanz reicht aber nur für das erste Drittel. Nach hinten raus wird der Wein ‚dünn‘. Ich habe diesen Wein schon deutlich besser getrunken. Ab einem gewissen Alter gibt es halt Flaschenvarianzen.

1937 Kiedrich Gräfenberg Cabinet: Ja, das ist ein bisschen sauer, aber da ist so eine verführerische, süße und kandierte Frucht, dass ich das schon wieder runterschlucken musste. Das ist so lebendig, und nach hinten raus geht der Wein die ganze Strecke und fächert so weit mit angenehmen Reifenoten auf. Ein Erlebnis. Wahnsinn!

After Show Terlan
Terlans Beitrag zur After-Show-Party konnte sich sehen lassen

Und dann die Gäste:

2005 Nova Domus Terlaner Cuvée Riserva: Ca. 60/30/10 WB/CH/SB. Die Nase ist alterslos, der Gaumen ist cremig, aber nicht laktisch, die Säure passt, trotzdem ein üppiges, laszives, unmoralische Angebot. Steinweintrinker naschen so was heimlich – ich ganz öffentlich und hemmungslos.

Der unmögliche Champion

Rarity 1991 Terlan
Was lange währt… Fast 25 Jahre auf der Hefe gereift

1991 Rarity Terlaner Cuvée: 60/30/10 WB/CH/SB. Lag 25 Jahre auf der Feinhefe, weil er lange nicht zu überzeugen wusste, 2016 dann herausgekommen und als erster italienischer Weißer mit 100 Parker Punkten geadelt, was den Wein zu einer gesuchten Rarität macht. Hat sich seit Erscheinen kaum verändert, erklärt Klaus Gasser. Das kann man blind nicht einordnen, jede Wette. Die Nase ist würzig, aber nicht wegen Reifetönen, und am Gaumen singt er, das hat viel Spannung und Tiefe und mutet eigentlich hell an. Wahnsinn. Ich gehe die Bewertung auch in der Höhe mit.

1983 Terlaner Cuvée: Die Nase ist leicht nussig, auch etwas Karamell. Der Gaumen ist zwar fruchtfern, aber das wirkt nicht gezehrt, eher ‚salzig‘. Kommt nicht an den Rarity heran, ist aber sein sehr schöner Wein.

1955 Terlaner Cuvée. Die Nase ist eine Mischung aus Toffee und Sherry. Am Gaumen sehr oxidativ, Sherry mit wenig Alkohol, aber ich denke, da ist noch so viel Frucht, dass das auch Normalweintrinker abholt. Erstaunlich. Vergnüglich.

Das war ein Verkostungserlebnis, wie ich sie nur sehr selten habe. Auch mit dem Abstand einiger Tage attestiere ich dreien der Weine Perfektion, dazu zweien das Potenzial, mit Reife perfekt zu werden. Das ist bei 20 gezeigten Weinen eine unglaubliche Quote.

Danke für die Einladung.

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