Wiesbaden GG

Wiesbaden 2026 – das Fazit

Drei Tage mit vielen vergnüglichen Weinen verlangen eine Würdigung, eine kritische.

Ich muss mich korrigieren. Ich habe immer gesagt, dass die Geschwindigkeit, mit der ich in Wiesbaden verkoste, direkt mit der Zugänglichkeit des Jahrgangs korreliert. Das nehme ich zurück. Ich habe am Montag rund 200 Weine an einem Tag verkostet und es lag nicht daran, dass die Weine alle offen wie ein Buch vor mir gelegen hätten. Stattdessen haben sich die Rieslinge – und ich habe Montag ausschließlich Riesling verkostet – überwiegend so ähnlich präsentiert, dass mir nicht viel zu ihnen einfiel.

Konzentration Bitte!

Bürklin Wolf Schlossberg PC Versteigerung
Rahmenprogramm 1: Die Vorprobe der Versteigerungsweine

2025 ist bei den Rieslingen ein Jahrgang von unglaublicher Dichte und Konzentration. Interessanterweise gilt das vor allem für die kühleren Herkünfte Mosel, Rheingau, Nahe und Franken, weniger für Rheinhessen, Pfalz und Württemberg. Vielleicht weil man in ersteren noch mehr Freude an wärmerem Klima hat als in letzteren (?). Diese Konzentration macht sich oft durch eine enorme Extraktsüße bemerkbar. Und die verklebt irgendwann die Papillen. Und sie sorgt für eine gewisse Monotonie in den Beschreibungen. Insbesondere an der Nahe hätte ich jeden Wein mit einer Formel beschreiben können: 1. Fruchtige Nase. Nein, nicht wie 2016, 2017, 2019 mit so unterschiedlichen Beschreibungen wie: zitrisch, grüner Apfel, reifer/saftiger Golden Delicious, Bratapfel, Aprikose und so weiter. Es war alles intensive Rieslingfrucht, eher Gelb, eher Stein-, weniger Kernobst und schon gar keine Nashibirne. Wir haben beim abendlichen Reparaturbier noch darüber philosophiert, dass diejenigen Verkoster, die ihre Notizen nicht veröffentlichen, so viel schneller waren als die Publizisten, weil sie so oft Copy&Paste nutzen konnten.

Danach 2. Babyspeck. Die Frucht ist vielfach klebrig. Nicht dropsig, das könnte Kaltgärung oder sonst was sein und da hätte ich Variationsmöglichkeiten. Extraktsüß auf einem Niveau, auf dem im Antrunk erst mal wenig Anderes stattfindet. Es wirkt brutal süß, aber es ist nicht zuckrig (manchmal ist es das zusätzlich, aber dann muss ich nicht lang nach Worten suchen, weil es dann nicht ins Blog kommt). Das bleibt nicht ewig so, deswegen Babyspeck.

Und 3. Die Säure kickt rein. Denn das haben Deutschlands Spitzenwinzer mittlerweile gut drauf (und die Nächte waren kühl genug). Bei der Ernte war noch ausreichend Säure da. Die macht sich zwingend nach dem ersten Fruchtkleberalarm bemerkbar.

4. Es kommt Phenolik. Das ist ein bisschen tricky. Da kann man auch mal was verwechseln: Schwefel, Säure, Bittertönchen. Aber im Wesentlichen ist es Phenolik und die kommt in 80 Prozent der Fälle (sonst nix Blog, Sie wissen schon).

Ich hätte für Abwechslung sorgen können, allein: Es wäre gelogen gewesen. Denn die Konzentration ist so heftig, dass die ‚süße Frucht‘ dominiert. Danach kann noch viel passieren. Das finde ich raus, wenn ich so einen Wein über drei Tage verkoste. Ist hier nicht vorgesehen. 

Nun sagen Sie: Das kann ja jeder sagen. Stimmt. Ich will also den Einsatz erhöhen. Ich habe noch nichts aus Wiesbaden gelesen, dafür bin ich zu sehr mit Schreiben beschäftigt. Also habe ich keine Nachforschungen angestellt. Ich wette mit Ihnen, wenn Sie die diversen Stimmen aus Wiesbaden lesen (die Superhipster mit den Worthülsen lassen wir vielleicht mal raus), dann werden Sie ein Wort bei diesen Weinen erstaunlich selten lesen, ich schätze nicht mal halb so oft wie letztes Jahr: salzig!

Salzig schmeckt gerade keiner. Weil die Papillen verklebt sind. Wollte ich nur mal erläuternd anmerken.

Wo wird das enden?

Am Ende war an der Nahe kein einziger Dönnhoff im Blog. Das war eher der Verkostungsreihenfolge geschuldet als der Qualität der Weine. Ich glaube, ich hätte die Hermannshöhle viel besser gefunden, hätte sie nicht im Flight hinter einem enorm molligen Steinberg von Gut Hermannsberg gestanden. In meiner Arbeitsmappe steht ‚Wirkt danach viel frischer und klarer, aber für sich betrachtet auch sehr unruhig. Mmm (auch wegen der Reihenfolge)‘ und das ist da nicht nachträglich eingetragen, weil ich diese Zeilen schreibe – ich schreibe diesen Kommentar, weil das am Montag meine Gedanken waren. Der Jahrgang bietet extrem hohe Konzentration in vielen Weinen und dann sind manchmal sogar drei Gramm Restzucker schon zu viel und beim zehnten Wein der Art weiß man nicht mehr so recht, was Zucker ist und was nur Extrakt. Ich bin halt keine Maschine..

Luckert Kreuz 2016 Silvaner
Rahmenprogramm 2: Reparaturbier und dann Luckerts Creutz Silvaner 2016 aus der Magnum. Einer der großen Weißweine der Welt.

Wie wird das reifen? Wenn ich es mir einfach mache: die meisten GGs dürften binnen fünf Jahren an Körper zulegen – quasi die Konzentration in Masse wandeln. Das haben wir in Jahrgängen wie 2012 und 2015 so erlebt. Das Ergebnis ist sehr angenehm zu trinken, aber groß ist es nicht. Andererseits: Es gibt sogar aus dem viel wärmeren 2018 einige wenige Weine, die diese Anfangskonzentration behalten haben, ohne weiter an Körper zuzulegen. Und der Jahrgang 2007, der nach fünf Jahren auch ein kleiner Wonneproppen war, hat sich nach zehn Jahren zumindest ein wenig zusammengezogen und zu alter Form gefunden. Wenn ich es mir also nicht einfach mache: die größten Jahrgänge der letzten 30 Jahre haben sich in der Jugend alle schlanker und unzugänglicher gezeigt, aber Jahrgänge wie 2012, 2015 und 2019 haben auch etliche Perlen hervorgebracht. Von den vielen besonders guten Weinen des Jahrgangs 2025 werden sehr wahrscheinlich einige eine Entwicklung nehmen, die uns in zehn Jahren sagen lässt, das ist der beste Wein aus dieser Lage aus dem ersten Vierteljahrhundert.

Jetzt hätten Sie gerne die Kandidaten dafür, oder? Listen, wir wollen Listen. Na gut. Hier also die Weine, bei denen ich zumindest die Möglichkeit sehe, dass sie einmal sehr weit herausragen werden.

  • Dr. Hermann, Erdener Treppchen
  • Heymann-Löwenstein, Stolzenberg
  • Schäfer-Fröhlich, Stromberg
  • Diel, Goldloch (2024)
  • Battenfeld-Spanier, Frauenberg
  • Battenfeld-Spanier, Kreuzberg
  • Rebholz, Schäwer
  • Schnaitmann, Götzenberg

Das ist jetzt jeweils auf die Lage bezogen. Geht man auf das Weingut runter, sieht die Situation anders aus. Weingüter wie der Rappenhof sind mir vermutlich nicht böse, wenn ich sage, dass sie eher die zweite Geige am Roten Hang spielen, bei der Qualität, die sich dort ballt. Doch näher dran an der Augenhöhe als dieses Jahr – in meinen Augen vor allem mit dem Ölberg, für viele Kollegen aber mit dem Pettenthal – waren sie noch nie. Sackträger und Herrenberg sind sowieso genial. Kuhn legt einen Mega-Herrgott vor, ausgerechnet in dem Jahr, in dem sich HO Spanier rechts und links von ihm ein Denkmal setzt.  Domdechant Werner tut mir fast ein bisschen leid: da hauen die so ein Kirchenstück raus und dann erscheint der Kollege nicht zum Showdown. Auch van Volxem hätte ich es gegönnt, die gelungenen Weine im Wettbewerb mit von Othegraven zu zeigen. Flick hat nur Monopole, da bleibt die Entwicklung der letzten Jahre leider unbemerkt.

38 mal habe ich die ‚1‘ beim Riesling vergeben. Ich werde die jetzt nicht alle hier wieder auflisten. Steady-Mitglieder haben die ganze Arbeitsmappe im Anhang.

Burgunder und Silvaner?

Leider stehen nur noch sehr wenige Silvaner in Wiesbaden auf dem Probentisch. Die Leistung dieses Jahr war besonders gut. Hier wäre es schön, wenn mehr Betriebe aus der zweiten Reihe teilnehmen würden. Ich verstehe warum und weiß, dass eigentlich die Verkoster liefern müssen und nicht die Weingüter. Denn ich konnte ein bisschen mehr über die Ursachen der Schrumpfkur herausfinden. Einige Winzer aus dem Rheingau erzählten mir, dass sie anhand der retournierten Flaschen sehen konnten, dass kaum jemand ihre Weine probiert hat. Einen vierstelligen Betrag zu bezahlen, wenn am Ende 20 Personen den Wein verkostet haben, von denen dann auch noch 5 sowieso im Rahmen einer Deutschlandreise das Weingut besuchen, ist ziemlich sinnlos. Hauptopfer dieses Phänomens sind wohl der Rheingau, Mittelrhein und Franken.

Es ist den anstellenden Betrieben dieses Jahr nicht gelungen, Werbung für das Weißburgunder-GG zu machen. Dazu war da zu wenig Klasse am Start. Chardonnay fand ich auch enttäuschend. Ganz anders Grauburgunder, bei dem ich das beste Teilnehmerfeld aller Zeiten verkosten durfte und mit Franz Kellers Schlossberg und Dr. Hegers Vorderer Winklerberg zwei Weine fand, die ich gerne mal blind in eine Probe großer Chardonnays stecken würde. Nicht, weil sie wie Chardonnay schmecken, sondern weil sie die Würze der Rebsorte als großen Bonus ausspielen. Sie würden als Piraten auffallen, aber vielleicht positiver als alle Grauburgunderskeptiker sich träumen lassen.

Huber Alte Reben
Rahmenprogramm 3: Gourmet-Currywurst mit Hubers Alten Reben aus der Magnum

Mehr als ein Dutzend Mal zog ich die ‚1‘ auch bei den Spätburgundern. Das kam mir gar nicht so vor, vermutlich, weil dazwischen einige echt schwierige Kandidaten negativ in Erinnerung blieben. 2024 wird nicht als großes Spätburgunderjahr in die Geschichte eingehen, da lege ich mich fest. Aber es wird ausreichend Weine geben, die für Entzücken sorgen und mehrere davon werden von Christmann kommen, die sich beim Spätburgunder in der Pfalz gerade ganz weit nach vorne arbeiten. In anderen Gebieten liefern die üblichen Verdächtigen und manch Betrieb bildet eine einsame Spitze. Baden hat mit Huber und seinen drei Stellvertretern Franz Keller, Dr. Heger und Salwey mittlerweile einen roten Hofstaat aufgebaut, mit dem Deutschland international angeben kann.

Und sonst?

Lediglich alle paar Jahre schaffen es die Staatsweingüter Freiburg und Weinsberg mit einem Wein ins Blog. Staatsweingüter bashen ist immer Gratismut. Und jetzt? Zwei Jahre hintereinander, Freiburg dieses Jahr mit zwei Weinen und Weinsberg sogar mit drei. Die werden sich doch nicht etwa erdreisten und die Rolle des Watschenmannes abgeben?

Bei den Kühling-Gillot-Weinen von Hans-Oliver Spanier wirkt nur der Rothenberg groß, alle anderen Weine aus den Lagen seiner Ehefrau sind sehr normal. Bei den Battenfeld-Spanier-Weinen aus seinen eigenen Lagen ist einer atemberaubender als der andere. Das ist für mich die Kollektion der Veranstaltung. Hoffentlich wirkt sich das nicht negativ auf den Haussegen aus.

Ab hier geht es nur für Unterstützer weiter. Anbei findet Ihr die komplette Arbeitsmappe als PDF. Da viele erst seit kurzem dabei sind: Diese Mappe ist nur für Euch bestimmt, bitte auf keinen Fall weiterleiten. Sie präsentiert Momentaufnahmen. Gerade wenn mir ein Wein nicht gefällt, schreibe ich das kurz und schmerzlos, auf eine Art, die ich dem Winzer gegenüber nicht an den Tag legen würde (‚banal‘ zum Beispiel). Deswegen ist es so wichtig, dass diese Liste nicht in Umlauf gerät.

Wenn Ihr Fragen habt, schickt mir gerne eine Nachricht über die diversen Kanäle, am besten an fb@webweinschule.de oder per Insta DM. Facebook ist der schlechteste Weg. Ich plane aber auch einen Online-Umtrunk mit Q&A für die GGs aktuell für Donnerstag, den 10. September, aber da gibt es auch noch eine separate Einladung zu.