Ich war in Franken unterwegs und habe guten Wein probiert. Das hat kaum Nachrichtenwert, denn das tue ich ziemlich regelmäßig. Immerhin saß ich mal wieder bei Best of Franken (früher Best of Gold) in der Jury. Das hat immer Nachrichtenwert, denn man kann bei diesem besten aller Wettbewerbe (oder mittlerweile zweitbestem nach dem Berliner Chardonnay Award? Zwinkersmiley) anschließend ein Siegerpaket erwerben. Das will ich hier am Ende ein wenig bewerben mit der Schilderung einiger in Ruhe daheim nachverkosteter Siegerweine. Doch erst zu etwas Anderem.
Eine Besonderheit bei Best of Franken (hier gibt es ein älteres, aber immer noch informatives Video zu dieser Veranstaltung) ist, dass die Siegerehrung noch am Abend der Verkostung stattfindet. Sie wird von der fränkischen Weinkönigin co-moderiert. Die regiert für gewöhnlich ein Jahr. Doch durch Covid-bedingte Turbulenzen gab es eine Ausnahme von dieser Regel: Carolin Meyer regierte drei Jahre und ich begegnete ihr ein paarmal öfter. Für mich war sie immer der Inbegriff der krönchenwippenden Muschelbotin (der Pokal ist ein Ceratit nodosus). Umso spannender war die Begegnung dieses Jahr, denn wir besuchten Carolin in ihrem Weingut und aus der immer lächelnden Weinkönigin ist eine Betriebsleiterin geworden, Kategorie Endboss. Verkostung im Weinberg, kleiner Fachvortrag über Umveredelung und zwischendurch kurz am Kinderwagen nach dem Rechten geschaut, nochmal nachgeschenkt und den nächsten Wein erklärt. Beeindruckend, vor allem, weil die Weine so gut sind (und das immer noch stete Lächeln nie aufgesetzt wirkt).
Weine mit Stil (und meinetwegen Krönchen)
Ich war nicht multitaskingfähig, brauchte eine Hand fürs Glas und eine für die Wespenabwehr, weswegen es keine richtigen Verkostungsnotizen gibt, nur so viel: Der Silvaner brut 2022 Sekt ‚Gemeinsame Sache‘ ist ein wirklich guter Sekt, sogar wenn man die Geschichte und den Preis nicht kennt. Das Gemeinschaftsprojekt entsteht aus Trauben von Carolin Meyer, Michael Melber und Andreas Fröhlich. 40 Monate Hefelager, einerseits elegant und tiefgründig, andererseits kein verkopfter Brut-Natur-Sonderling, sondern sehr kompatibel – für 18 Euro ein echtes Schnäppchen. Silvaner ‚Zeitreise‘ aus dem Abtswinder Altenberg ist tief, unaufgeregt, aromatisch klar. Cuvée ‚Assemblage‘ ist Orange auf besonderem Niveau. Vier weiße Rebsorten, Maceration Carbonique, anschließend ein Jahr Holzfass, so viel Aromatik ohne Kitsch, ein Highlight. Hinter anonymen Kapazitäten verstecken ist in der Berichterstattung schlechter Stil, aber hier mal eine Ausnahme: Als ich mich jetzt in Wiesbaden mit einem arrivierten VDPisten über die vielversprechendsten ‚Newcomer‘ Frankens unterhielt, war Carolin Meyer der erste Name, der fiel.
Lehrreich war der Besuch auch noch. Was früher in Franken ein Einzelfall war, wächst zum Trend heran: Das Umveredeln von Reben. Hierbei wird ein Edelreiser einer Rebsorte auf einen Rebstock einer anderen Rebsorte gesetzt. Technisch korrekt wäre zu sagen, dass er auf die Unterlagsrebe des existierenden Rebstocks gesetzt wird, da in Deutschland seit langem nur amerikanische Unterlagsreben gesetzt werden, auf die dann eine Edelrebsorte gepfropft wird (wer gerade nicht weiß, wovon ich rede, dem empfehle ich den Wikipedia-Artikel zur Reblauskatastrophe). Bei Meyer betrifft das vor allem ältere Müller-Thurgau-Anlagen die künftig Chardonnay-Trauben tragen werden. Umveredeln ist ein dreijähriger Prozess. Und Carolin besuchte mit uns drei Weinberge, die sich im ersten, zweiten und dritten Jahr der Metamorphose befanden (siehe Fotos).
Pfropfen im Minutentakt
Umveredelung ist Kunsthandwerk. Die Meister des Fachs kommen aus Latein- und Südamerika, führend (zumindest in Sachen Marktanteil in Franken) ist die französische Firma Global Vineyards, deren Teams (im Falle Meyer eines aus Mexiko) den Jahreszeiten folgend um die Welt reisen. Das Zeitfenster für die Arbeit beginnt, wenn die Winterruhe endet und die Säfte im Rebstock wieder fließen. Entsprechend reisen die Teams von Süden nach Norden und dann auf der Südhalbkugel in umgekehrter Richtung. Es handelt sich meist um Gruppen von 10 bis 12 Leuten, denn es herrscht Zeitdruck. Die Reiser schneidet der Winzer (bzw. die Rebschule oder wer auch immer sie zur Verfügung stellt) nach der letzten Ernte von Rebstöcken im Ertrag, und dann lagern sie im Kühlhaus.
Verlassen sie dieses, bleibt rund ein Tag, um sie zu pfropfen. Der Umveredler sucht dazu eine Saftbahn an der Unterlagsrebe. Dann ein Schnitt, Einstecken und mit speziellem Klebeband umwickeln. Spezialisten sind rasend schnell, brauchen weniger als eine Minute für einen Rebstock. Zwei nicht veredelte Stöcke blieben bei rund Tausend Zielobjekten stehen. Bei einem war keine Saftbahn zu finden. Der wird nun gerodet. In einem anderen hatte bereits ein Vogelpaar mit dem Nestbau begonnen. Der war Tabu. Der Winzer erhält eine Erfolgsgarantie. Im Folgejahr kommt die Nachhut und unternimmt einen zweiten Versuch, wo der erste erfolglos blieb – dann kommt auch das Vogelhotel an die Reihe.
Im ersten Jahr lässt der Winzer ein einzelnes Blatt der alten Edelrebe stehen. Sonst denkt der Rebstock, die Oberwelt sei tot und stellt die Saftversorgung ein. Im zweiten Jahr trägt die Rute der neuen Rebsorte bereits Trauben. Im dritten Jahr ist der Ertrag auf Zielniveau. Oberhalb der neuen Veredelungsstelle stirbt der Stock ab. Wie schnell das geht, hängt laut Meyer mit der alten Rebsorte zusammen. Müller-Thurgau streicht die Segel quasi instantan. Das ist hilfreich, denn wenn dann am Ende des Prozesses der alte Kopf der Rebe der Säge zum Opfer fällt, muss die Schnittfläche nicht extra mit Harz versiegelt werden, um ein potenzielles Einfallstor für Viren und Rebkrankheiten zu schließen. Früher hieß es, die Methode spare zwei Jahre, denn eine Neupflanzung gehe nach drei Jahren in den Ertrag. Caroline Meyer erklärte uns, die veränderten Niederschlagsmuster in ihrer Heimat und die damit einhergehende Verlangsamung der Wurzelbildung hätten diese Zeitspanne in einigen Lagen mittlerweile auf fünf Jahre ausgedehnt. Der wirtschaftliche Vorteil sei entsprechend riesig.
Kleine Anekdote am Rande: die Bezeichnung ‚Alte Reben‘ ist in vielen Anbaugebieten nicht gesetzlich geschützt. 35 Jahre sind ein Konsenswert für die Schwelle zum Oldtimer. Theoretisch könnte ein Wein im ersten Jahr nach der Umveredelung von vor 35 Jahren gesetzten Stöcken als ‚Alte Reben‘ in Verkehr gebracht werden. Doch die internationale Organisation OIV hat in ihren von den meisten Betrieben weltweit befolgten Spezifikationen mittlerweile festgelegt, dass die Umveredelung die Bestimmung des Rebalters wieder auf Anfang setzt.
Werbung: Trinkt mehr Franken
Und jetzt ein bisschen Werbung: Der Fränkische Weinbauverband hat mir freundlicherweise ein Siegerpaket des diesjährigen Wettbewerbs zur Verfügung gestellt und ein Honorar ausgelobt, wenn ich einen Teil verkoste und beschreibe. Gut finden war nicht Teil des Auftrags, aber ich kannte die Weine bereits vom Wettbewerb und wusste, dass ich mich hier nicht verstellen muss. Auch war die Aufnahme des phänomenalen Sieger-Spätburgunders von Walter in Blindflug Episode 190 nicht Teil dieser Vereinbarung. Den hatte ich mir schon vorher gesichert. Aus dem Paket, das Sie hier bestellen können, wählte ich die folgenden Siegerweine aus.
Kategorie Silvaner gereift: 2009 IPHÖFER-JULIUS-ECHTER-BERG SILVANER SELECTION TROCKEN – WEINGUT EMMERICH, IPHOFEN
Extrem sortentypisch, Heuboden, getrocknete Kräuter und eine mürbe Reifenote. Herbstlaub, sehr angenehm. Leicht cremige Textur, sehr kräftige Säure, das spielt wunderbar miteinander, mürber Apfel, reifes Kernobst, blonder Tabak, winterliche Aromatik, Zimt und Sternanis, aber natürlich nur als Hauch, ist halt reif und würzig, aber null müde. Sehr gute Länge mit immer noch leicht schmirgelnder Phenolik (Ergebnis einer langen Maischestandzeit mit Rappen). Durchaus opulent, aber nicht alkoholisch. Toll. (Anekdote am Rande: 1974 gepflanzt, also in jenem Jahr die Schwelle zu alten Reben überschritten.)
Kategorie Ausser…Gewöhnlich (aka Wildes Zeuch): 2020 SILVANER „ORANGE“ LANDWEIN MAIN – WEINGUT DEPPISCH, THEILHEIM
Orange-Weine schmecken alle gleich – bis zu einem gewissen Punkt: Da sind immer Noten von Apfelmost und (zu) lang gezogenem grünen Tee, da ist immer Gerbstoff, der an die Farbe Weiß erinnert und eine balsamische Frucht, die auch passend zum Namen (zumindest mich) an Orangeat erinnert. Es geht eigentlich nur um die Feinheit. Und die ist hier superb: Die Klarheit der Nase (kaum Strinkistink), die Feinheit des Gerbstoffs (das schmirgelt hier wie feinste Perlage eines richtig guten Schaumweins, wie Holztannin eines Chardonnay der obersten Liga etc., wenn ich die Bilder mal bemühen darf), die Feinheit des Spiels aus Extraktsüße und Säure-Gerbstoff-Mix, das hier isotonisch wie ein Sportgetränk nach überstandenem Marathon läuft. Ich mag den Wein sehr, aber er wird keinen Orange-Feind zum Freund konvertieren. Muss er auch nicht. Dafür ist die Kategorie nicht geschaffen. Sie soll die feiern, die es richtig gut machen – so wie Dettelbachs.
Herausragend Weißwein: 2024 VOLKACHER RATSHERR GRAUBURGUNDER QUALITÄTSWEIN TROCKEN – WEINGUT AM KREUZBERG, NORDHEIM
Tropische Frucht, üppig, leicht ölig, aber nur ein ganz bisschen speckig, die Säure zieht den Wein nach hinten zu einer tollen Spannung. Das Holz ist in der Nase viel präsenter als am Gaumen, wo der Wein nach dem öligen Antrunk eine saftige Textur entwickelt. Das ist für mich das Besondere an diesem Wein. Drei Tage Maischestandzeit, Holz und 11 Monate Vollhefelager könnten der Grund sein. Die Struktur wird vor allem von diesem Texturwechsel getragen: ölig, schmelzig, dann durch Säure Spannung aufbauend und dann saftig endend und dabei, den feinen Gerbstoff gut puffernd, Lust auf den nächsten Schluck machend – das finde ich ganz besonders. 2024 ist in Deutschland einfach das großartigste Grauburgunderjahr der jüngeren Geschichte.









Vielen Dank für die Einblicke! Ich hätte ja Interesse am Paket, kann aber leider den Link nicht finden. Vielleicht magst Du ihn nochmal hervorheben? Danke!