Blindflug 190: Drei Schnitte für ein Halleluja

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Flo
startet mit Chardonnay
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Felix
übernimmt ab Minute 24 mit Pinot

Wir reden über die Krise des Winzerhandwerks, die Vielleichtkrise von Wiesbaden und den Zusammenhang zwischen Preisen und Qualitätsmaßnahmen. Wir trinken Chardonnay und Pinot aus Deutschland, die noch als Geheimtipps durchgehen.

Es gibt viel zu loben an den Weinen, die dieses Jahr in Wiesbaden auf dem Tisch standen. Die Veranstaltung hat trotzdem ihren Zenith überschritten. Das ist symptomatisch für eine Branche in der Dauerkrise. Wenigstens zaubert uns der Inhalt unserer schwarzen Gläser ein Lächeln auf die Lippen.

Steitz gibt Gas

Steitz Chardonnay Alte Reben

Flo schenkt Felix den Chardonnay Alte Reben 2024 von Steitz aus Rheinhessen ein. Was für ein schöner Wein, was für ein Schnäppchen! Felix hat zunächst Sorgen, aber alles, was ihn beunruhigt, verzieht sich, sobald der sehr kalt eingeschenkte Wein die richtige Temperatur erreicht. Feinheit, vielschichtiges Holz – der Wein vermittelt eine Idee und der junge Winzer hat sie fast perfekt auf die Flasche gebracht. Den Mann sollte man im Auge behalten.

Ein Großer aus Bürgstadt

Walter Spätburgunder Bürgstadter Berg

Felix hat den aktuellen Sieger-Rotwein von Best of Franken im Gepäck. Der Spätburgunder Bürgstadter Berg 2022 vom Weingut Josef Walter ist auch in der Qualitätspyramide dieses Nicht-VDPisten mit einer Ersten Lage gleichzusetzen. Und dafür (und für den schmalen Preis) ist der Wein eine Sensation. Die Aromatik ist nicht 100 Prozent typisch mit einer Johannisbeerfrucht und Seeluft in der Nase, aber immer noch so nah am Ideal, dass Flo den Wein als Spätburgunder erkennt. Das macht irre viel Spaß und sei von Herzen empfohlen.

Viel Spaß bei einer neuen Episode unseres Podcasts.

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Wein 1 wird eingeschenkt & Wetter/Jahrgang 2025 (00:55 – 09:09)

Nach dem Würfeln bekommt Felix von Flo blind einen Wein: Chardonnay „Alte Reben“ 2024 vom Weingut Steitz aus Rheinhessen (Steinbockenheim, bei Siefersheim). Daran hängt ein langes Gespräch über den extremen Hitzesommer 2025: Der meteorologische Sommer war deutschlandweit der zweitwärmste nach 2003 (in Berlin selbst eher durchwachsen). In der Pfalz „40 Tage am Stück über 30 Grad“ wie 2003; Flo konnte dort nur um 5 Uhr morgens Rad fahren. In Franken (Steigerwald, bei Castell) sah es aus wie in der Toskana – alles außer den Reben vertrocknet, samt Sorge um Tiere. In Frankreich noch krasser: Die Hospices de Beaune lasen ihren Meursault Premier Cru schon am 18. August (dunkelgelber Most, drohende ~15 % Alkohol, aber noch grüne Rappen); Benoît Ente war bei den weißen Sorten schon um den 12. August fertig. Kernfrage: „Nichts ersetzt Hängezeit“ – was bedeutet das für Turbosommer? In der Champagne wird es wegen zu alkoholreicher Basisweine eine Rekordmenge an Coteaux Champenois (Stillweine) geben. Fachliche Überlegung: In so einem Hitzejahr könnten sich die Reifezeitpunkte der Rebsorten stark angenähert haben; beim Riesling (Aromabildung v. a. nach der Weichwerdung) wirkt sich die Verkürzung anders aus als bei anderen Sorten. Man werde erst in einigen Jahren sehen, ob die aromatische Substanz die Struktur puffert.

Exkurs: Der Winzer-Nachwuchs bricht ein (09:09 – 18:32)

Flo hat in einem Biergarten in Berlin-Friedenau (Südgelände) einen frisch ausgelernten Winzer getroffen, der die Lehre parallel zu einer American-Football-Karriere gemacht hat und nun Winzer werden will. Das führt zu alarmierenden Zahlen: 2024 legten nur 228 Gesellen-/Meisterprüfungen ab, 2025 begannen nur 210 die Winzerausbildung in ganz Deutschland – gegenüber ~1.000 vor zehn Jahren, also ein Einbruch um rund 75–80 % (Geisenheim-Studienzahlen sind mit ~160–170 Anfängern stabiler, aber nicht vergleichbar). Das schafft massive Probleme: Mittelbetriebe finden kaum noch Leute, die z. B. Schlepper fahren, konkurrieren mit den großen Gütern um die wenigen Kräfte, und Familien müssen 50 % mehr arbeiten. Felix vermutet ein kommendes Handwerks-Revival, gerade weil KI viele Studienberufe stärker treffe als handwerkliche (eine KI fahre keinen Schlepper; Roboter in der Steillage seien zu teuer und kaum genehmigungsfähig). Flo bringt einen politischen Haken: Angesichts der aktuellen Lage sei es fraglich, ob man ausländische Auszubildende gut für den ländlichen Raum gewinnen könne, wo sie teils nicht willkommen seien – dabei sei Winzer ein tolles, weltoffenes Berufsbild. Felix ergänzt, dass moderne Weingüter zunehmend im Team arbeiten und Aufgaben sinnvoll aufteilen (Kaufmann/Keller/Außenbetrieb), oft ohne Erbteilung in Harmonie geführt.

Verkostung Wein 1 (Steitz) & Auflösung (18:32 – 24:04)

Felix‘ „Reise“: zunächst flach, mit einem vermeintlichen Cremetörtchen-Ton (den er als BSA-Verdacht deutet und hasst) – der sich beim Erwärmen komplett auflöst. Er stellt ausdrücklich fest: null BSA-Spuren, absolut sauber. Mit Luft wird der Wein immer nobler: leicht rauchige Holz- und Würzaromatik, feine Vanille, reifer Apfel/Birne, unaufdringlich (nicht so „poliert“ wie das meiste, was er zuletzt im Glas hatte), hinten eine feine, leicht pfeffrige, schmirgelnde Note, lebendige Säure. Tipp: Weißburgunder, warme Region (Baden), Jahrgang 2024, evtl. zwei Jahre im Holz. Auflösung: Chardonnayvom Weingut Steitz (Steinbockenheim/Rheinhessen, unter Siefersheim) – „Alte Reben“ für 17 Euro, gemacht vom Junior, der das Gut seit drei Jahren im Betrieb hat. Felix ordnet ihn einordnungstechnisch „zwischen Baum und Borke“ ein (Kategorie 1 vom Preis, aber als Kategorie 2 gemeint) – kein Makel, sondern typisch für Weine im Grenzbereich der Qualitätsstufen. Beide finden ihn für 17 Euro sehr gelungen.

Wein 2 wird eingeschenkt & neue Podcast-Idee: Speisenempfehlung (24:04 – 27:13)

Blind: Spätburgunder Bürgstadter Berg 2022, Weingut Josef Walter (Franken). Aus der (noch laufenden) Hörer-Umfrage stammt die Anregung, künftig zu jedem Wein eine Speisenempfehlung zu geben – eine kleine Änderung, die vielen gefallen dürfte (Desinteressierte können 30 Sekunden vorspulen). Zum Steitz-Chardonnay überlegen beide: Felix hält ihn für zu würzig/pfeffrig für klassische Forelle und zu wenig fleischig fürs Wiener Schnitzel; er passe eher zu einer deftigen Brotzeit (inkl. Leberwurst) oder zu gegrilltem Fisch (Dorade mit Thymian, Ofenkartoffeln). Flo hatte ihn zu gefüllter Zucchini (Kartoffel, Chili, Zwiebel, Knoblauch, Tomate, überbackener Schafskäse) – auch etwas Asiatisches könnte passen.

Wiesbaden (GG-Vorpremiere): „Die Luft ist raus“ (27:13 – 34:30)

Felix‘ kritischer Rückblick auf die diesjährige VDP-GG-Vorpremiere in Wiesbaden: 83 Weine weniger, ~25 Güter ausgestiegen, kaum Neuzugänge – am Ende nur 110 von rund 190 GG-fähigen Betrieben. Gründe waren unterschiedlich: Paul Weltner blieb aus Protest weg (der Sonntag, an dem außer Riesling alles verkostet wurde, wurde abgeschafft – seitdem gibt es an jedem Tag Riesling, was Grauburgunder, Lemberger, Silvaner benachteiligt und die Franken schwächt). Uli Allendorf nannte den ökonomischen Grund: Es kämen mehr volle Flaschen zurück als hingeschickt. Felix rechnet die Kosten vor – ~1.000 Euro Sockelbetrag pro Betrieb (25 fehlende Güter = 25.000 Euro Budgetloch), plus ~100–150 Euro pro Wein; effektiv probierten am Ende teils nur ~40 Leute einen Wein. Besonders getroffen: der Rheingau (Kloster Eberbach, Künstler u. a. blieben weg). Zwei Betriebe kehrten nach ein, zwei Jahren Pause zurück: Prinz und – als Verkaufskandidat, bei dem ein Wiedereinstieg vor einem Verkauf sinnvoll ist – das Weingut Kaufmann. Bedenklich findet Felix den raueren Ton in der Kommunikation (Instagram) bis hin zur Häme – „da stecken Menschen und Arbeit dahinter“. Er selbst schreibe in seiner Arbeitsmappe zwar auch emotional und mal hart („brutal banal“), gebe das aber nur an ~200 Steady-Mitglieder mit der Bitte weiter, es nicht zu teilen, weil einzelne Bemerkungen so nicht für die Öffentlichkeit gedacht seien.

Warum ganze Regionen „durchgereicht“ werden (34:30 – 41:07)

Felix‘ These: Die großen Rheingau-Güter (Leitz, Spreitzer, Allendorf, Weil, Künstler, Kloster Eberbach) betreiben Sortimentsplanung „wie Nestlé Produktmanagement“ und werden dafür abgestraft. Dabei toben sie sich bei den GGs aus – aber diese GGs verkaufen sich anders (Beispiel: fünf Jahre alte Hasensprung-GGs am Eltviller Rheinanleger von Allendorf, die keiner kauft; die Leute wollen eher halbtrockene Weine). Wer als Kritiker einen spontanvergorenen Wein als „riecht nach Reinzuchthefe“ verreißt, disqualifiziere sich fachlich (Reinzuchthefe kann man nicht riechen) – und lade Betriebe geradezu ein, wegzubleiben. Zudem verändere sich Wiesbaden: selbst um klassische „Rebellen“ würde es stiller – erstaunlich abgemeldet sei Peter Jakob Kühn, einst der „Säulenheilige“ des deutschen Nonkonformismus (früher Biodynamiker im VDP, erster Amphorenwein ~2005), der einst „der erste Ziereisen Deutschlands“ war. Auch Schäfer-Fröhlich und die Nahe insgesamt würden zunehmend „gebasht“, obwohl die Nahe für Felix ein Boutique-Gebiet mit höchster Spitzendichte (und ohne Genossenschaft) bleibt.

Jahrgang 2025 & Wiesbaden-Fazit (41:07 – 44:52)

Felix findet 2025 eigentlich ein ziemlich gutes Jahr, die Stimmen dazu waren aber nur mittelmäßig. Er überlegt, seinem Fazit doch noch den Merksatz nachzutragen, dass sich ein Riesling-Jahrgang erst im übernächsten Jahr beurteilen lässt: Im ersten Jahr nach der Füllung entscheidet sich, ob die Weine „üppig und pummelig“ werden oder tight bleiben. Positives Extrembeispiel war 2016 (schmeckte 2018 wie 2017), negatives 2015 („hat sich ein Jahr auf die Couch geflätzt und Chips gefressen“) – Letzteres bleibt für beide schwierig. Der Rheingau und die Nahe „kriegen auf die Mütze“, und es fehle an alternativen Reizen; ausgerechnet in diesem Jahrgang fand Felix Bürklin-Wolf nicht so überragend, wie es gerade alle feiern. Kurz gestreift: der neue Wachenheimer Versteigerungswein von Bürklin-Wolf (toll, aber preislich schwer einzuschätzen – ein Premier Cru, der bei 350–500 Euro landen könnte).

Weingut Kranz & die große Preis-Kalkulation (44:52 – 56:26)

Im Rahmenprogramm probierte Felix im Weingut Kranz (Ilbesheim) die Lage Kleine Kalmit – eine kleine Premiere: den 2025er flüssig im Glas, den 2026er als erntereife Traube in der Hand. Boris Kranz erklärte, dass sie beim Weißburgunder nun Traubenteilung plus Schulterschnitt machen (sehr aufwendig, eigentlich nur bei besten Spätburgundern üblich). Das nutzt Felix als Aufhänger für eine ausführliche Vollkosten-Rechnung (Vorschau auf die versprochene Preis-Folge vor Weihnachten): Die drei Schnitte kosten grob 1 Euro Arbeitslohn pro Flasche, was mit allen Rabatten und Mehrwertsteuer ~3 Euro Endverkaufspreis nötig macht – daher stieg das GG zuletzt jedes Jahr um 3 Euro (aktuell ~46 Euro). Rückblick: Das 2013er GG (letzter konventioneller, ertragreicher Jahrgang, 50 hl/ha) kostete 23 Euro. Seitdem: 100 % Preisaufschlag, aber ~40 % weniger Ertrag (nur noch 30 hl/ha), verdoppelte Arbeits- und Trockenmaterialkosten (Flasche, Etikett, Verschluss). Fazit: Mit dem alten 23-Euro-GG verdiente Kranz mehr; um den gleichen Deckungsbeitrag zu halten, müsste der Wein eigentlich ~55–70 Euro kosten (bei 80 % Export sogar ~80). Kernbotschaft: „Das schlechteste Argument für oder gegen aktuelle Preise sind frühere Preise.“ Je mehr Kranz die Qualität auf die Spitze treibt, desto weniger verdient er am GG – weshalb es den beliebten Landschneckenkalk (ein Preis-Genuss-Wunder) inzwischen nicht mehr gibt.

Kurzer Preis-Vergleich Baden & das Blind-Dilemma (56:26 – 01:00:04)

Übergang, weil das Kranz-GG (2024er) der Blindflug-Wein ist – auch der 2025er sei stark. Felix schildert, wie schwer Preis-Leistungs-Aussagen in Wiesbaden sind, weil ihm bei den meisten Weinen das Hintergrundwissen fehlt: Beim Bienenberg von Huber (95 Euro, Hubers kleinstes GG) werde so getan, als blase er alles weg – dabei koste Kellers Achkarrer Schlossberg ebenfalls 95 Euro und sei dort das größte GG. Blind-Verkostung kann Vorurteile auch umkehren: Im Pettenthal-Flight (Roter Hang, Rheinhessen) galt der Rappenhof vorab als „fast so gut wie die anderen beiden“ – Felix fand dann blind alle drei sehr gut, aber Gunderloch (er ist Pettenthal-Fan) am attraktivsten, und erkannte Kühling-Gillot nicht sofort. Er versteht, dass Erzeuger wie Groebe aussteigen, wenn sie ständig hören, sie könnten „fast mithalten“ – zumal am Roten Hang nach dem Ausstieg von St. Antony bald nur noch Gunderloch und Kühling-Gillot GGs anstellen; Wittmann macht dort nur Ortswein. Wenn nur noch die Export-Zwänge-Betriebe anstellen, werde die Veranstaltung langweilig.

Verkostung Wein 2 (Josef Walter) & Auflösung (01:00:04 – 01:05:03)

Flo beschreibt einen schönen, gereiften Rotwein: jodig, zigarrenkistig, teerig, wenig Frucht (etwas Johannisbeere am Gaumen, nicht in der Nase), sehr elegant, kein Kraftmeier, würzige Ebene. Felix betont, dass Jod hier positiv (Seeluft/Salzbrise, nicht medizinal), Zigarrenkiste und Teer für Nebbiolo-Freunde attraktiv sind. Flo tippt erst Nebbiolo, dann Pinot, Jahrgang ~2016. Auflösung: Spätburgunder Bürgstadter Berg 2022, Weingut Josef Walter (Franken), 13 % Alkohol, ~25 Euro – gerade Sieger bei „Best of Franken“. Josef Walter ist der Cousin von Paul Fürst; das Gut (nicht im VDP) staffelt ähnlich: Bürgstadter Berg (~25 €), Centgrafenberg (~30 €), eine Filet-Parzelle „Hunsrück“ (~50 €) und ein 300-Flaschen-Wein (~80 €). Für Felix eine „Sensation“ für eine faktische Erste Lage; klare Merk-Empfehlung. Speisen: Felix zu allen Pinots etwas Fettes (Rib-Eye, Chuck-Eye) oder deftig fränkisch (Bratwurst mit Sauerkraut, brauner Soße, Klößen); Flo eher iberisch (Chorizo, Bratpaprika, Couscous).

Outro (01:05:10 – Ende)

Die gewohnte „Flugkapitän Felix Bodmann“-Durchsage zum Abschied.

2 Kommentare zu „Blindflug 190: Drei Schnitte für ein Halleluja“

  1. Hallo Ihr Beiden,
    Sehr
    Schade dass ihr so wenig über diesen Spätburgunder und das tolle Weingut sprecht. Echt schade……

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