Endlich – mit läppischen vier Jahren Anlauf – reden wir über Preise und deren Entwicklung in den letzten 20 Jahren. Die vier Jahre haben dabei den Kohl fett gemacht, oder eher mager, aber um das zu verstehen, hört Ihr am besten die Folge.
Und vorab wichtig wichtig wichtig: Das Verkostungspaket für unsere spektakuläre gemeinsame Verkostung am 3. Dezember könnt Ihr hier erwerben. Wir freuen uns auf einen großartigen gemeinsamen Weinbash.
Preise und ihre Entwicklung, oft gewünscht, lange prokrastiniert. Warum? Weil es kompliziert ist. Felix hat mal wieder ein paar Stunden recherchiert (was ihr übrigens mit einer Steady-Mitgliedschaft unterstützen könnt). Fazit: eigentlich kann man jede Meinung mit schönen Beispielen untermauern. Also fühlt er sich genötigt, seine eigene Erfahrung in die Waagschale zu werfen, ohne jede Rechthaberei, nur als Meinung und Vorschlag für Unentschlossene. Sein Fazit: Deutschlands Weine sind ganz überwiegend immer noch sehr preisgünstig – aber Schlaraffenland ist abgebrannt.
Colombo: 100 Jahre Pinot im Piemont
Felix hat sich in ein Weingut verliebt: Colombo. Mehr dazu bei seiner Vipino-Beschreibung zu den Weinen. Die sitzen im Alta-Langa-Gebiet und machen fantastischen Schaumwein – und Pinot. Andrea Colombos Vater hat das Weingut gekauft, weil er Lust auf beides hatte und stellte im Kaufprozess anhand der Unterlagen fest, dass eine der Parzellen schon vor über 70 Jahren mit Pinot bestockt wurde. Das hat das Projekt ‚Spitzenpinot aus dem Piemont‘ erheblich beschleunigt. Heute sind die Reben 100 Jahre alt und der Wein heißt Pinot Nero Maxima 2021 ein wahres Gedicht. Sascha ist sehr glücklich und der Zaungast regt einen kleinen Personalkauf an.
Wiedervorlage: Chacra passt jetzt
Sascha wurde von einem Hörer daran erinnert, das wir uns bei unser ersten, etwas verunglückten Begegnung mit dem 21er Pinot Noir Cincuenta y Cinco von Chacra aus Patagonien vorgenommen hatten, dem Wein noch einmal eine Chance zu geben. Wiedervorlage heute und was für eine wunderbare Ergänzung zum Colombo aus gleichem Jahr. Heute gefällt uns der Wein, aber nicht, weil er sich einem internationalen Pinot-Diktat unterworfen hätte. Was für ein wunderbares Pairing.
Viel Spaß bei einer neuen Episode unseres Podcasts.
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Blindflug 192 – Zusammenfassung
Folge zum Thema Preisentwicklung (Felix & Sascha) · Weine: Colombo Pinot Nero „Maxima“ 2021 (Piemont) und Chacra „Cincuenta y Cinco“ 2021 (Patagonien). Zeitangaben sind ungefähre Startpunkte.
Begrüßung & Wein 1 wird eingeschenkt (00:19 – 02:16)
Rückkehr im Herbst, spontan aufgenommen: Felix hat sich beim Termin „vertrottelt“ – Freitag/Samstag Champagner-Pop-up, Sonntag direkt an die Loire – deshalb springt Sascha kurzfristig ein. Wein 1 wird angekündigt: ein Pinot Nero „Maxima“ 2021 vom Weingut Colombo aus dem Piemont. Ein stiller „Zaungast“ (Thomas) trinkt mit. Vorab die Werbung in eigener Sache: ein Verkostungspaket mit sechs Weinen über Felix‘ Partner Vipino, das am Donnerstag, 3. Dezember, live mit den Hörern verkostet wird (Link unter der Folge).
Hauptthema Preisentwicklung: Methode & die große Zahl (02:16 – 06:40)
Lang gewünschtes Thema (drei, vier Hörerfragen zur Entwicklung der Weinpreise im Verhältnis zu Löhnen und Inflation). Felix ist kein Volkswirt und hat einen VWL-Professor gefragt: Eine separate Reallohnentwicklung brauche man nicht, die Inflation bilde alles ab – im Warenkorb steckt sogar eine Flasche Wein; beides zu verrechnen wäre „doppelt gemoppelt“. Relevant wären nur strukturelle Einkommensänderungen, die über 20 Jahre aber gering sind (konstant 19 % Mehrwertsteuer, kaum veränderte Steuersätze; Soli weg, dafür Pflegeversicherung teurer – unterm Strich 1–2 %, vernachlässigbar). Gerechnet wird mit dem jährlichen Verbraucherpreisindex (VPI) von Destatis, einmal von einer KI, zur Kontrolle von einer zweiten gegengerechnet. Kernzahl: die kumulierte Inflation von 2006 bis heute liegt bei rund 50 %. Historisch gar nicht dramatisch, aber die letzten Jahre haben stark zugelegt (bis Ende 2025 ~44 %, plus 3,2 % in den ersten acht Monaten 2026 – und die wirken auf die bereits gestiegene Basis). Bei Wein lag der Höhepunkt der Preiseskalation laut KI meist 2017–2020 (konkret 2018), danach wurde trotz der explodierenden Inflation kaum noch angepasst.
Qualität vs. Qualitätsversprechen – das Beispiel 2006 (06:40 – 15:37)
Felix nutzt sein altes, handgeführtes Kellerbuch für detaillierte Preise der frühen Jahre. Erstes Basisbeispiel: Borell-Diehl (Hainfeld) und ein weiteres Pfälzer Gut. Die Hainfelder Kapelle, Kabinett trocken 2006, kostete damals 4 € (Weinwelt-Verkostung, Sieger unter 5 €, ~90 Punkte). Kabinett trocken ist heute fast überall ausgemustert; auch viele Nicht-VDP-Güter haben ihre nicht klassifizierten Lagen beerdigt (die Hainfelder Kapelle gibt es bei Borell-Diehl nicht mehr als Lagenwein). Heute: Ortswein Buntsandstein 7,90 €, Liter 5,90 €. Nur mit Inflation müsste der Wein 6 € kosten; der Einstieg liegt ~33 % darüber – profitabler ist das aber garantiert nicht. Kernpunkt: Man zahlt oft höhere Qualität, in Teilen aber nur ein Qualitätsversprechen. 2006 gilt als „Scheißjahr“, was aber die Riesling-Dominanz widerspiegelt: Während der Fußball-WM kein Regen, danach Dauerregen; die in der kurzen Trockenphase geernteten Burgundersorten (und die Ahr) waren sehr gut (Beispiel Rebholz Sonnenschein 2006, Pinot). Beim Riesling wurde viel mit Aktivkohle geschönt, 2006 oft pauschal über alles – viele dieser Weine waren nach drei Jahren tot, GGs teils noch schlimmer. Heute wird mit Zwei-Eimer-Lese gezielter sortiert und geschönt (auch 2025 in Teilen Deutschlands nötig), die Qualität ist höher. Qualitätssteigerung ist keine echte Preissteigerung, weil man nicht mehr das gleiche Produkt bezahlt.
Der Wein-VPI, Destatis & der Rabatt-Mechanismus (15:37 – 20:14)
Destatis führt einen eigenen Verbraucherpreisindex für Wein, der Qualität berücksichtigt. Zahlen: 2005 VPI gesamt 81,5 / Wein 82,0; 2015 94,5 / 97,7 (Wein teurer); August 2026 aber 125,8 / Wein 118,8 – Wein ist real rund 6,1 % günstiger geworden. Der Teilindex misst allerdings vor allem LEH und Discount, nicht den Verkauf ab Hof: Rund 200 Millionen der ~1,5 Milliarden in Deutschland verkauften Flaschen laufen über Discount (Rotkäppchen, Freixenet & Co.), was einen starken Zug nach unten erzeugt. Dazu die Methodik: Bei Computern, Mieten etc. wird Qualitäts- von Preissteigerung getrennt (teils mit Gutachtern); bei Wein wird ein neues Produkt pauschal als Qualitätssteigerung gewertet. Bio-Beispiel Klingenmünster „Maria Magdalena“ Kabinett trocken (4,60 € damals), heute Bio – der Bio-Wert ist schwer zu beziffern. Zweiter Hebel: der Händlerrabatt stieg von früher max. 30 % auf heute 40 %.
Anekdote Händlerrabatt & GG-Preise 2007 (Teil 1) (20:14 – 24:03)
Felix erlebte 2016 live, wie ein großer Händler einem aufstrebenden Winzer riet, den Gutswein in zwei Schritten zu erhöhen (7,75 → 8,50 → 10 €) und ihm dann mit 40 % zu liefern – für den Händler trotz Preisanstieg mehr Marge bei großer Menge. Das hat den Wein für den Endkunden aber nicht wirklich teurer gemacht, weil es 2009 keinen stationären Händler zu Gutspreisen gab; die Stadtkäufer zahlten schon immer mehr, heute ist es nur der Listenpreis. „Die auf dem Dorf zahlen mehr.“ Beispiel Bassermann-Jordan „Auf der Mauer“ 2007 (Folge 9): 14 € im Juli 2008, mit Inflation ~20,80 €, ab Weingut heute 23 €, online 19,90 €. Dann liest Felix GG-Preise aus dem Kellerbuch von 2007: Bassermann-Jordan Kirchenstück 35 € → heute 145 €; Jesuitengarten 28 → 65; Kieselberg/Ungeheuer aktuell 39/49.
GG-Preise 2007 (Teil 2) & das Problem der Rosinenpickerei (24:03 – 28:40)
Weiter mit der Liste: Bürklin-Wolf Gaisböhl 26,50 € → heute 80; Hohenmorgen 36 → 80; Ruppertsberger Ortswein 21, Gutsriesling 14. Mosbacher Kieselberg 20, von Buhl Pechstein 24. Knipser alle GGs 19. Philipp Kuhn Steinbuckel 18, Großer Garten/Kirchgarten 19. Dönnhoff Hermannshöhle 31,50, Dellchen 29,50 (heute ~60). Christmann Idig 31. Keller Kirchspiel 31,50, Hubacker 30,50. Emrich-Schönleber Frühlingsplätzchen 54 € (Magnum). Clemens Busch 18 € (einfach) bzw. 42 € (Raffes) – damals eines der teuersten GGs. Leitz Berg Rottland Alte Reben 29,50 (heute ~70). Künstler Hochheimer Kirchenstück Goldkapsel 27,50. Gegenbeispiel, bei dem ein Vergleich keinen Sinn ergibt: Rings 2005 „Schwarzes Kreuz“ Cabernet Sauvignon für 8,60 €. Dazu Felix‘ im Intro verwendetes Primo-Nebbiolo-Zitat: „Be happy and pay the deficit.“
Die „Dazwischen“-Beispiele & Felix‘ Fazit (28:44 – 35:43)
Mit geeigneter Auswahl lässt sich alles und nichts beweisen. Beispiele: Peter Jakob Kühn Doosberg „Zwei Trauben“ L 2003 (16 € → 100, heute als Landgeflecht); Künstler Hochheimer Kirchenstück Kabinett 2004 (13 €); Thanisch Alte Reben 2005 (10 → 20); Philipp Kuhn Mandelpfad Sauvignon Blanc 2007 (10 €, heute „Tradition“ 11,50 – der Sauvignon-Aufpreis ist verschwunden); Klaus-Peter Keller Grüner Silvaner Gutswein 2007 (~7,40 → ~14,90); Winter Leckerberg 2007 (14,50 → 45, heute GG); Reinhold & Cornelia Schneider Weißburgunder Spätlese 2008 (13 → 15); Salwey Weißburgunder/Chardonnay 2009, heute „Oberrotweil Weiß“ (8,80 → 23); Dönnhoff Tonschiefer 2011 (11,50 → 16,50); Wittmann GGs 2011 Brunnenhäuschen/Morstein (38/39, heute 85/75 – die Rangfolge hat sich umgedreht); Battenfeld-Spanier Kirchenstück 2011 (29 → 65). Fazit: Es kommt auf den Zeitpunkt an – vor drei Jahren war es viel schlimmer, aktuell sind wir in einer Entspannungsphase, die Daten geben jeder Meinung recht. Felix‘ eigene Sicht: Früher reichte ein typisches Blindflughörer-Budget, um in Deutschland fast jeden Traum zu erfüllen (Ausnahmen: Beckers Pinot/Heydenreich ~95 €, G-Max, Bürklin Kirchenstück). Heute sind mehr Weine unerschwinglich – aber das ist eine „Normalisierung“ (Deutschland war die Ausnahme, dass sich jeder alles leisten konnte). Zugleich ist die Qualität massiv gestiegen: Wer Genuss maximieren will, lebt im Schlaraffenland; wer Prestige maximieren will, braucht ein großes Budget. Das Ausland folgt in einer späteren Folge.
Verkostung Wein 1 (Colombo) & Auflösung (35:43 – 45:05)
Sascha: ein klarer Rotwein mit süßem Fruchtkern (nicht süß), feinkörnigem Tannin hinter der Frucht, wenig Alkohol-Eindruck, sehr trinkig; er verortet eine Grenache-/Rhône-Anmutung, reinsortig, tippt auf Pinot, ~13,5 %, Jahrgang ~2021 (zwei Jahre Flasche, trinkreif ausgeliefert). Auflösung: Pinot Nero aus dem Piemont, Weingut Colombo, angesiedelt im Alta-Langa-Gebiet (Schaumwein-Spezialisten). Felix erklärt die Philosophie „Klarheit in der Frucht“ (Andrea Colombo), die Herkunft der über 100 Jahre alten Pinot-Reben (jemand pflanzte sie in den 1930ern), den Star-Herzchirurgen als Vater/Gründer und Riccardo Cottarella als beratenden Önologen. Zwei Pinots: „Maxima“ (der große) und „Apertura“. Dieser Wein wird bei 20–22 °C im Edelstahl vergoren (fünf Tage Kaltmazeration ohne Stängel), dann viel altes Holz, malolaktische Gärung. ~35 €, die Schaumweine ~30 – ab sofort in Felix‘ Vipino-Kollektion und Teil des Verkostungspakets.
Preis-Doppelmoral, Champagner-Pop-up & Proben-Pläne (45:05 – 1:04:45)
Sascha schildert die Preis-Doppelmoral: Beim billigen Hauswein mit Eigenlabel (Einkauf ~2–3,50 €, Verkauf 20 €) hat kaum jemand ein Problem, bei teurer Qualität wird nachgefragt und über Preis/Menge diskutiert – „Nerds für Nerds“, eine „Selbsthilfeorganisation“. Dazu die KaDeWe-Happy-Hour-Anekdote (Ayala, 2 Gläser für 18 €). Felix‘ „Herzensprobe“ am Pop-up: sechs rare Champagner, 249 €, kalkuliert als doppelter Flaschenpreis bei 5 cl. Auf der Liste u. a. Frédéric Savart „Haute Couture“, Marie-Noël Ledru (Gut existiert nicht mehr, letzter Jahrgang ~2016), Christophe Baron (Pinot Meunier), Suenen, Charles Heidsieck; Clos d’Ambonnay (Krug, ~2.300 €) bleibt bewusst außen vor. Sekundärmarkt-Referenz: Catawiki. Werbe-Learnings: Tip-Berlin-Anzeige brachte null, Instagram funktioniert. Das Pop-up wird künftig nur noch eintägig; geplant ist eine Ausweitung quer durch Deutschland (Usedom/Ahlbeck im Juni, Frankfurt, Tegernsee). Proben-Vorschau: Romanée-Conti (Januar, ~3.300 €, erstaunlich leicht zu verkaufen), Sassicaia, eine Saint-Cosme-„Le Poste“-Probe (Weiß und Rot), möglicherweise mit Ponsot nach oben erweiterbar. Emotionaler Moment: ein erfahrener Weinkenner kämpfte beim großen Ulysse Collin mit den Tränen.
Verkostung Wein 2 (Chacra) & Auflösung (1:04:45 – Ende)
Zum zweiten Mal im Podcast, auf Hörer-Erinnerung: ein Wein aus den 120er-Folgen, den die beiden damals nicht ganz verstanden hatten. Felix beschreibt einen satten Rotwein mit schöner Struktur, leicht cremigem (nicht buttrigem) Nachhall – kein BSA-Touch, eher Reife; das anfangs ruppige Tannin gibt sich mit Luft, aromatisch eher beerig/kompottig als kirschig, mit holziger Zigarrenkiste (altes Holz), ~14 %. Auflösung: Chacra aus Patagonien, Lage „Cincuenta y Cinco“, Pinot 2021 – mit nur 12 % Alkohol. Beim ersten Mal ratlos, jetzt gefällt er beiden sehr. Kernpunkt: Pinot mit 12 % ohne jede grüne Note ist eine echte Horizonterweiterung (in Deutschland klimatisch nicht machbar), während der Colombo mit 14 % im Vergleich fast schlanker schmeckt. Dazu die wiederkehrende Grenache-für-Pinot-Debatte und Felix‘ Idee einer Pinot-Probe „around the world“, in der dieser Wein nicht fehlen dürfte.


