Von Bio-Buben und Unterstockbürsten

Ich war zum Weingipfel Österreich eingeladen. Mit Schreibern, Gastronomen und Händlern aus 38 Nationen erkundete ich Österreich und seine Weine. Zu so einem Spektakel gehören immer Money-can’t-buy-experiences (toller Anglizismus), also etwa Wanderungen in wunderschöne Steilhänge, wo unsereiner (tolles deutsches Wort) dann mit berühmten Winzern längst vergriffene, manchmal unbezahlbare Weine verkosten darf, weil das unsereinem enorm schmeichelt und unsereinen irgendwie in die Pflicht nimmt hinterher schwelgerisch darüber zu berichten. Von Bio-Buben und Unterstockbürsten weiterlesen

Ringelpietz mit Anfassen

Zu behaupten ich sei gestern zu einer Probe eingeladen gewesen, wäre die Untertreibung des Jahres. Ich war Gast bei einer Premiere und ich denke, das dargebotene Stück wird der Terroir-Diskussion neue Nahrung geben. ,Wurzelwerk‘ heißt es und die Einladung gab sich geheimnisvoll. Wer und was mich in der Berliner Weinbar Rutz erwarten würde, blieb unklar. 4 Winzer begrüßten schließlich die Gäste: Der aus meinem vorletzten Blogbeitrag bekannte Johannes Hasselbach (der mich über unser Wiedersehen im Argen gelassen hatte), seine Schwester Stefanie Jurtschitsch samt Gatte Alwin vom gleichnamigen Langenloiser Weingut aus dem Österreichischen Kamptal, sowie Max von Kunow, Saar-Star vom derzeit omnipräsenten Weingut von Hövel.

Die vier hatten Paul vom Weinblog ,drunkenmonday‘ als Moderator mitgebracht – ein Studienkollege von Ehepaar Jurtschitsch und Max von Kunow aus Geisenheimer Tagen. Dessen Lebenspartnerin Julia, Organisatorin der Veranstaltungsreihe Winevibes, hatte das Event auf die Beine gestellt. Sollte dem geneigten Leser der Verdacht kommen, im fünften Jahr meines Bloggerdaseins würde ich langsam von der Berliner Weinmafia adoptiert, ich wüsste kein Gegenargument …

So erfuhren wir erst einiges über die Protagonisten, den hartnäckigen Verfechter der Spontanvergärung von Kunow, der solange gegen Geisenheimer Windmühlen ritt, bis er den Spitznamen ,Sponti‘ verpasst bekam, die Hasselbach-Tochter, die das elterliche Weingut gegen das des Gatten tauschte, was ziemlich spontan den eigentlich branchenfremden Bruder ins Spiel brachte und über den Österreicher, der zwar wohlwollend aber unmissverständlich als das geschildert wurde, was Arbeitspsychologen eine ,Ideenschleuder‘ nennen.

Wurzelwerk Riesling Heiligenstein, Rothenberg und ScharzhofbergSodann wurde das Projekt vorgestellt: Die Winzer hatten Trauben getauscht und spontan vergorene Rieslinge produziert. Das klingt harmloser als es ist, denn die vier Winzer hatten im ständigen Kontakt Parzellen ausgesucht, von denen eine zeitgleiche Reife zu erwarten war, dann telefonisch den Lesetermin koordiniert – der mehrfach verschoben werden musste, weil es immer irgendwo regnete – und schließlich an einem Tag parallel gelesen, die Trauben nach Rheinhessen gefahren, je 500 Kilo getauscht und in die jeweiligen Keller verfrachtet – das alles während die Hauptlese in den Betrieben im vollen Gange war.

Wurzelwerk – Traubentausch und Terroir

Um vergleichbare Bedingungen zu erhalten wurde allen Trauben 13 Stunden Maischestandzeit verordnet, zwei Drittel der Ware verbrachte diese bei Tempo 150 auf der Autobahn. Ein Gäransatz für den Notfall war ebenfalls im Gepäck, kam aber nicht zum Einsatz (das ist ein Gebinde mit angegorenem Traubenmost aus Spontangärung, der als Starthilfe zum Most geschüttet worden wäre, hätte dieser die Spontangärung verweigert). In der Folge versuchten die Winzer den Wein möglichst allein zu lassen. Kühlung war nicht nötig, da 300 Liter sich im Stahltank nicht so erwärmen, dass die Kellerkühle sie nicht von allein im erträglichen Temperaturbereich hält (Most erwärmt sich bei der Gärung und wird er zu warm, verliert der Wein an Aroma). Im Keller der Jurtschitschs wurden die Tanks später in die wärmste Ecke gerollt um die Gärung am Laufen zu halten, denn trocken sollten sie werden, die neun Weine (und wird der Most zu kalt, stellen die Hefen die Arbeit ein).

Individuelle Entscheidungen trafen die Winzer hinsichtlich des Zeitpunktes der Schwefelzugabe, bezüglich der Menge hatten sie eine Obergrenze vereinbart. So präsentierten uns die Winzer ihre neun Weine mit der Anmerkung, sie hätten alles in ihrer Macht stehende getan, um persönliche Vorlieben und Stilistik auszuschließen. Der Weinberg, die Trauben und der Keller seien die Faktoren, die die Weine kennzeichneten, die wir nun zu verkosten bekämen. Dann schenkten sie endlich ein.

Wurzelwerk WeinScharzhofberg, Heiligenstein, Rothenberg, es gibt schlechtere Rieslinglagen – aber keine besseren. Dazu drei Betriebe, die mindestens als renommiert gelten: was würde uns erwarten? Wir erhielten alle neun Weine gleichzeitig und die Verkostung fand blind statt. Das erstaunliche: die Mehrzahl der Teilnehmer erkannte alle Weine korrekt. Dabei half, dass wir nur die Matrix erkennen mussten: waren die Weine zuerst nach Lage oder nach Keller sortiert und wie dann weiter? Mir erschienen Wein eins und vier sehr exotisch fruchtig zu duften, die Weine zwei, fünf und acht hatten eine Malz-Note im Abgang, die mir sehr vertraut erschien und die Weine sieben bis neun waren sehr verschlossen, würzig und andersartig. Wein fünf schmeckte für mich wie ein klassischer Rothenberg von Gunderloch – dieses mal allerdings diesseits meiner persönlichen Schmerzgrenze für ,erdige Noten‘ – und die ersten drei Weine zeigten die filigranste Mineralik. Daraus ließen sich Vermutungen ableiten: Die Aufstellung war nach Lagen sortiert, die erste war der Scharzhofberg, die letzte der Heiligenstein – für mich fremdartig – und die zweite der Rothenberg, weil er übrig blieb. Die Ordnung der Güter war jeweils zuerst der Saar-Keller (die exotische Frucht in der Nase), dann der Gunderloch (Malz und Karamell im Abgang) und dann der Kamptaler (weil er übrig war). So gelang mir die vollständige Zuordnung, obwohl ich nur einen einzigen der Weine kannte und erkannte.

Und was bedeutet das für die Theorie vom Terroir? Mindestens 50 Prozent der Indizien kamen aus dem Keller. Da waren offensichtlich nicht nur die importierten Hefen involviert. Wie sich die Aromen mit der Reife entwickeln, wie die Weine in ein paar Jahren schmecken und welchen Einfluss der Jahrgang auf die Balance von Keller und Berg hat – all das wollen die Winzer noch herausfinden. Deswegen geben sie nur 200 der 300 Liter in den Verkauf und werden das Projekt fortsetzen. So bunkern sie ausreichend Material um die nächsten zehn Jahre weitere Geschmackstests zu veranstalten.

Deklarationstechnisch bewegen sich die Wurzelwerk-Weine auf TetraPak-Niveau: ,Europäischer Wein‘ steht als Herkunftsangabe auf dem Etikett, die Lagennamen sind verfremdet und die Rebsorte fehlt, schließlich ist es nur so möglich Trauben über EU-Grenzen zu bewegen. Preislich bewegen sie sich hingegen auf oberstem GG-Niveau: 300 Euro kostet die dekorative Holzkiste mit neun 0,5l-Flaschen. Qualitativ liegen sie ziemlich weit vorn: von den neun probierten Weinen fand ich einen groß (Scharzhofberg aus dem Jurtschitsch-Keller), vier ausgesprochen gut und nur einen schwach (Rothenberg aus dem von-Hövel-Gewölbe). Aber aus der Konstellation geht schon hervor: das ist nur eine Momentaufnahme. Der Preis rechtfertigt sich eher über das zu erwartende Verkostungsspektakel im interessierten Kreis. Zum Wegsüppeln ist der Wein nicht gemacht, eher für Weinkreise, die zusammenlegen und sich Stoff für eine spannende Lehrprobe besorgen.

Ich füge jedem Artikel eine Weinbeschreibung an und schreibe nur über Weine, die ich in Ruhe getrunken habe. So ein Glück, denn das sicherte mir am Ende der Probe eine fast volle, angebrochene Flasche ,to-go‘. Es war Wein Nummer 8, einer von den ausgesprochen guten.

Gunderloch, ,Der Heilige Stein‘ Fass No 8/9, 2012, Europäischer Wein. In der Nase noch ganz jung – eine Woche nach der Füllung dominieren Hefe und Jungweinaromen wie Banane die Nase. Dazu riecht er duftig-blumig. Am Gaumen ist der Riesling mittelmäßig trocken, zeigt eine schöne Säure, ist aber auch etwas cremig und füllig wie es vom langen Hefelager zu erwarten ist. 12,5% Alkohol sind unauffällig. Klassische Rieslingaromen wie Aprikose und mürber Apfel dominieren, Sahnekaramell und eine schöne Würze bringen aber das gewisse Etwas. Der sehr lange Abgang ist leicht malzig, süß und sehr mineralisch.

Wer einmal die neun Wurzelwerk-Weine nebeneinander verkostet hat, wird nie wieder davon reden, dass Spontanvergärung die Vergärung mit ,weinbergseigenen‘ Hefen sei. Stattdessen wünscht er jedem Jungwinzer, der den elterlichen Betrieb auf Sponti umstellen will, eine wohlmeinende Kellerflora. Für das Wurzelwerk kann ich derweil resümieren: Jede Traube kriegt den Keller, den sie verdient.

Und das gab es zu trinken:

Der Scharzhofberg alias DER SCHATZ-BERG

1/9: Von Hövel 2012er “Der Schatz-Berg” (Scharzhofberg), Saar

2/9: Gunderloch 2012er “Der Schatz-Berg” (Scharzhofberg), Rheinhessen

3/9: Jurtschitsch 2012er “Der Schatz-Berg” (Scharzhofberg), Kamptal / Österreich

Der Rothenberg alias DER ROTE BERG

4/9: Von Hövel 2012er “Der Rote Berg” (Rothenberg), Saar

5/9: Gunderloch 2012er “Der Rote Berg” (Rothenberg), Rheinhessen

6/9: Jurtschitsch 2012er “Der Rote Berg” (Rothenberg), Kamptal / Österreich

Der Heiligenstein alias DER HEILIGE STEIN

7/9: Von Hövel 2012er “Der Heilige Stein” (Heiligenstein), Saar

8/9: Gunderloch 2012er “Der Heilige Stein” (Heiligenstein), Rheinhessen

9/9: Jurtschitsch 2012er “Der Heilige Stein” (Heiligenstein), Kamptal / Österreich

Meine erste Ersatzflasche

Es gibt wenige Aspekte des Weingenusses, die ich so albern finde wie Korken – Diskussionen über Korken vielleicht. Im Zeitalter von Facebook werde ich regelmäßig Zeuge dieser Diskussion – merke: Einzahl, denn es ist immer die gleiche Diskussion. Ausgelöst wird sie zumeist durch die Statusmeldung eines verhinderten Genießers, der beklagt, dass sein gerade geöffneter edler Tropfen korkend als stinkende Brühe aus der Flasche läuft – Echtzeitjammern sozusagen – verbunden mit dem Ausruf: ,Dreckskork‘ (hier sind begrenzt Variationen möglich).

Im nächsten Schritt melden sich ein bis drei Unterstützer, die beifällig murmeln auch sie fänden es absurd, dass man ein Stück Baumrinde für die Genussmittelverwahrung verwende – in der Deluxe-Edition verbunden mit einem Hinweis auf die umweltfrevelhaften Dünge-, Pflanzenschutz- und Bleichmethoden der südeuropäischen Produzenten.

Mit der Präzision einer Sinuskurve folgt als nächstes die Gegenbewegung in Form eines Kommentars von einem Weinfreund, der bemerkt, er sei ja auch ein großer Fan des Schraubers, allerdings nur für die Basis bitte, denn Spitzenweine benötigten schließlich den  Sauerstoff zum reifen. Wie orbi auf urbi folgt darauf ein Hinweis, ein guter Korken sei absolut gasdicht, wie ,die Wissenschaft‘ hinlänglich belegt habe. Der ungebildete Gasdurchlasser trollt sich und macht Platz für einen kleinen Einwurf zu Glasverschlüssen, der mit dem Hinweis beiseite gewischt wird, dieser sei längst tot weil nicht in die USA exportierbar (,Ich sag nur: Produkthaftung! Ein Glassplitter in der Flasche und die Millionenklagen fliegen dem Produzenten nur so um die Ohren‘).

Auftritt der Plopper: Nun möchte jemand über die Romantik, das Ritual und sonstige positive Aspekte des ,Plopp‘ sprechen. Selbstredend ist dies nicht dem Vortragenden selbst wichtig, sondern dem ,Durchschnittskonsumenten‘. Er wird brutal umgegrätscht von einem Weinkellner in Ausbildung, der erklärt, ein guter Sommelier wisse das ,Plopp‘ zu vermeiden und in der gehobenen Gastronomie werde die Flasche eh nicht am Tisch geöffnet (was zugegeben am Thema vorbei geht, weil kaum jemand sich noch gehobene Gastronomie leisten kann).

Früher lief die Diskussion ab diesem Punkt langsam ins Leere, doch seit sich auf Facebook Konsumenten mit Produzenten verbrüdern, gewinnt die Diskussion an Komplexität: Auftritt eines Winzers, der ein Foaf-Tale zum besten gibt. Das ist eine Geschichte, die dem Freund eines Freundes passiert ist (friend of a friend, in der Forschung über ,urban legends‘ eben mit foaf abgekürzt, in meiner Generation auch als Spinne in der Yucca-Palme bekannt): Der Schrauber, falsch justierte Maschine, alles undicht, 60% Verlust, Riesenschaden, oje oje. Sollte der Foaferzähler gerade im Urlaub sein, springt ein freundlicher Kollege ein, der zu Protokoll gibt, er sei ja wieder zum Korken zurückgekehrt, weil sich Weine ,unter Schrauber einfach nicht so gut entwickeln‘. Kurzer Diskussionsstrang der Profis (und solcher, die sich dafür halten) unter sich. SO2-Spiegel dem Verschluss anpassen, Kohlensäure etc. pp – für mich heißt‘s hier immer Wecker stellen.

Dann kommt erneut ein Verbraucher und stellt die Frage, ob es denn überhaupt Erfahrungswerte mit Schraubern gebe, die zuverlässige Aussagen über das Reifeverhalten über Jahrzehnte…“PENFOLDS“ schreit die Gemeinde unisono. Das sollte mittlerweile jedes Kind wissen, dass dort noch Probeflaschen aus den 70ern auf die Verkostung warten, die mit Screwcap (jetzt wird‘s international) verschlossen sind. Aha, aber wie steht‘s mit Bordeaux? Ja, da wird jetzt auch schon verschraubt, meldet sich meist ein Händler zu Wort. Anschließend wieder ein Winzer: der bringt Egon Müller ins Spiel, denn es sei ja wohl vollkommen unvorstellbar, dass der seine TBAs verschraubt. Die Teilnehmer werden müde, man wird kompromissbereit, macht Vorschläge zur Güte: ,Wenn Du wirklich Pech mit dem Korken hast, dann bekommst Du die Flasche doch vom Händler oder Winzer ersetzt‘. Wenn noch Energie vorhanden ist, meldet sich einer der zahlreichen anwesenden Juristen und erklärt die mögliche Unwirksamkeit des Haftungsausschlusses bei Korkfehlern. Es folgt nur noch halbherzig ein verächtliches Schnauben, dass man ja wohl kaum nach 5 Jahren zum Händler zurückkehren könne oder dass der Winzer 600 Kilometer weit weg ist und es höchstens möglich wäre – da der Wein längst ausverkauft und der aktuelle Jahrgang viel teurer ist – die Rücküberweisung von 13 Euro zu verlangen, was irgendwie albern klänge. Das halten alle Parteien für ein würdiges Schlusswort.

Es ist alles gesagt, von allen!

Naja, fast alles: Ich bin ein Mann und als solcher für Technik zu begeistern – mehr noch als für Romantik. Und deswegen muss ich einmal widersprechen: ,Plopp‘ ist nett, irgendwie retro, aber das Öffnen eines Glasverschlusses: das ist High-Tech-Revolution. Meine erste mit Glasstopfen verschlossene Weinflasche war so aufregend wie mein erster Mietwagen mit schlüssellosem Zugangssystem. Faszinierend! Habe den ganzen Abend diese Flasche auf und zu gemacht. Ich glaube ganz fest, wenn man 1000 männlichen Verbrauchern – und das sind in Punkto Wein die Kaufentscheider – die Wahl zwischen Glasverschluss und Korken gibt um eine Dame zu beeindrucken, 983 werden den Glasverschluss wählen (und traurig sein, dass sich die Dame nicht stundenlang über dieses Hightech-Präzisionsinstrument unterhalten mag).

Großer Cab aus AustriaUnd einmal muss ich zustimmen. Ich habe noch nie bei einem Händler oder Winzer eine korkende Flasche reklamiert. Trotzdem habe ich mal eine ersetzt bekommen. Der Winzer hatte gelesen, dass ich seinen Wein aufgrund Korkfehlers nicht genießen konnte. Er hat mir einen neuen geschickt, was mich enorm gefreut hat – ich wusste von einer Probe, wie gut der ist. Am Wochenende habe ich ihn getrunken.

Grenzhof Fiedler, Cabernet Sauvignon, 2003, Burgenland, Österreich. In der Nase fruchtig und süß mit typischer Johannisbeere, nur mäßigem Holz und einer leckeren Toffee-Note.  Am Gaumen zeigt der Wein ganz feines Tannin, spürbare Mineralik und eine schöne Struktur: er ist körperreich aber nicht fett, fruchtig mit Johannis- aber vor allem Brombeere, dazu Kaffee, helle Schokolade und feines Holz. Mit und nach dem Essen wirkt er noch eine Spur süßer aber auch auf animierende Art adstringierend. Trotz des heißen Jahres kam der Wein mit nur 13,5 Prozent Alkohol in die Flasche, das unterstützt die Eleganz – ebenso wie der enorm lange Abgang.

Der Winzer erzählte mir beim Vinocamp, Cabernet sei seine Lieblingsrebsorte. Kann ich verstehen. Wenn ich solche Drogen anbauen würde, wäre ich auch gefährdet.

Ich sprech’ Weinisch

,Spiele sind Snacks für‘s Gehirn‘ schrieb ein weiser Soziologe aus Amerika, als in den 90ern das Phänomen der Computerspiele die breiten Massen (und Büros) erreichten. Der Gehirn-Snack des 21. Jahrhunderts ist für mich facebook. Immer, wenn ich im Büro eine Arbeit erledigt habe, gönne ich mir zwei Minuten Zerstreuung mit den sozialen Medien. Leider reicht die Zeit selten um mit zu diskutieren. Das könnte ich dann am Wochenende, aber da sind die meisten Diskussionen schon gelaufen.

Also schreibe ich meine Beiträge hier ins Blog. Das hat den Vorteil, dass ich aktuelle Themen mit aktuellen Weinen verknüpfen kann – und die Beiträge bleiben mir erhalten und verschwinden nicht in den undurchsuchbaren Archiven facebooks. Einziger Nachteil ist, dass ich etwas spät bin mit meinen Thesen, sozusagen den kalten Kaffee noch mal aufwärme.

Vergangene Woche drehte sich viel um Sprache. Das Weinportal Wein Plus hatte zum ersten Mal seit langer Zeit von sich reden gemacht, indem es ein Konsensgespräch (denn so richtig gestritten wurde nicht) veröffentlichte, in dem sich Weinkritiker und -händler darauf einigten, dass Wein eine neue Sprache benötige, um die breite Masse zu erreichen.

Viel Richtiges und Wichtiges wurde dazu gesagt in diversen Weingruppen auf facebook und auch im Blog vom Würtz. Doch einen Aspekt habe ich so ein bisschen vermisst, der zwar hier und da angedeutet aber nie auf den Punkt gebracht wurde.

Sprache ist ein Kode, der von einer Gruppe von Personen zur Kommunikation genutzt werden kann, die gemein haben, dass sie den Kode beherrschen. Jede Weinsprache, egal ob alt oder neu, grenzt mithin jene aus, die sie nicht kennen. Wein den Massen näher bringen kann man  einzig, indem man die Sprache der Massen verwendet, in diesem Fall also Deutsch.

Das klingt banal, ist es aber nicht. Ich glaube fest, dass Wein eine eigene Sprache verdient, zumindest da, wo allgemeines Deutsch nicht ausreicht. Für den einen bitzelt es auf der Zunge, für den anderen kratzt es, dann hat sich das Deutsch auch schon erschöpft – wo Weintrinker mit begriffen wie mineralisch, grün, phenolisch oder schlicht ,von (zuviel) Gährkohlensäure geprägt‘ für sehr unterschiedliche Formen des Bitzeln und Kratzens erhellende Formulierungen finden. Die häufig geäußerte Forderung, sich kurz zu fassen bei den Weinbeschreibungen, haut mit Fachvokabular vermutlich besser hin.

Aber es kommt auf einen Versuch an. Also beschreibe ich heute mal zwei Weine mit Worten, die jeder kennt und beschränke mich auch auf Aromen, die jeder identifizieren kann, der älter als 12 Jahre und schon einmal in einer Küche gewesen ist.

Wein 1. In der Nase ist der Wein intensiv, er wirkt regelrecht parfümiert oder duftig. Eine bestimmte Frucht lässt sich schwer benennen, vielleicht Birne. Vor allem riecht er nach Heu und ein wenig nach Nuss, außerdem blumig und zu einem erheblichen Teil nach Trauben (was bei Wein ja witzigerweise eher selten vorkommt). Im Mund ist der Wein viel leichter, als man dem Geruch nach vermutet hätte. Er schmeckt mild, hat keinen sehr intensiven Eigengeschmack und wirkt sehr leicht, auch weil er nur 11,5% Alkohol hat. Das ist ein Wein für warme Abende, den man auch zur Schorle verdünnen kann, wenngleich er dafür vielleicht zu gut ist. Er hat sehr wenig Säure, ist überhaupt nicht kratzig oder anstrengend. Der Geschmack erinnert mich sehr an den Saft von Dosenmandarinen, wenn man sich nur das Aroma vorstellt und jegliche Süße wegdenkt, denn der Wein ist absolut trocken. Der Nachhall dauert mittelmäßig lang. Ich finde den Wein sehr gut, weil er ausgesprochen süffig und sommertauglich ist, ohne banal zu sein – einfach und lecker. Eine echte Granate ist er, wenn man bedenkt, dass der Wein gerade einmal 5,20€ kostet.

Zwei mal gelesen und über drei Tage mit dem Wein verglichen, finde ich das Ergebnis dieser Beschreibung sehr nah an den Sinneseindrücken. Ich habe nicht dazu geschrieben, welcher Wein es war. Wer Lust hat zu raten, hinterlässt einen Kommentar. Irgendwann im Laufe der Woche kommt die Auflösung. Hier noch ein zweiter:

Wein 2. Steckt man die Nase ins Glas, dann riecht das, als beuge man sich in der Küche über eine Arbeitsplatte, auf der gerade jemand zweieinhalb Kilo rohes Rinderfilet zu Tournedos geschnitten hat. Ein Zweig Thymian und Rosmarin liegen auch schon bereit. Leider hat sich der Koch heftig in den Finger gechnitten, denn es riecht nach Blut. Frucht hingegen ist Mangelware. Wenn man sich ganz doll einbildet, da müsse auch Frucht zu erschnuppern sein, findet man vielleicht Himbeeren. Im Mund entsteht dann der Eindruck, man sei selber der Koch gewesen und stecke sich zwischendurch immer mal den blutenden Daumen in den Mund, aber das ist nur ein Aspekt. Es fällt zunächst auf, dass der Wein einiges an Säure besitzt, er ist nicht besonders dick und dieses schöne (oder furchtbare) pelzige Mundgefühl, dass der leckere Australier immer macht, das sucht man hier vergebens. Er wirkt kühl und frisch, wie ein Mentholbonbon (aber nicht so extrem), schneckt auch ein bisschen fruchtig süß (da ist tatsächlich Himbeere). Im Nachhall ist der Wein von der Säure geprägt und von einem leichten Kratzen. Der Wein hat 13% Alkohol aber das merkt man nicht. Er wirkt sehr lange nach und zieht die Säfte im Mund zusammen, so dass man immer mehr davon trinken möchte. Den findet man entweder schrecklich oder wird süchtig davon. Nennt mich Junkie!

Der erste Wein war eher einfach zu beschreiben. Beim zweiten musste ich zumindest auf Aromen zurück greifen, die ein Mensch ohne Weinerfahrung vermutlich nicht sofort assoziiert. Aber wenn der Wein für jemanden mit einer gewissen Trinkerfahrung doch so schmeckt? Man kann versuchen, das Wort ,Abseits‘ durch den Terminus ,Wenn der Schiri pfeift und die Frauen verstehen nicht warum‘ zu ersetzen (da geht sie hin, meine weibliche Leserschaft), aber würden sich dann mehr Damen für Fussball interessieren? Dazu müsste man das Abseits an sich abschaffen, was vermutlich den Fußball ruinierte. Was ich sagen will: Wir lieben doch komplexe Weine. Und solange diese so schmecken, wie sie schmecken, benötigt man ein wenig Vokabular, das zumindest nicht alltäglich ist. Dieses auf ein Minimum zu reduzieren, ist vornehme Pflicht jedes Weintrinkers, der sich öffentlich dazu äußert. Oder auf Deutsch: weniger wichtig machen, niemals Leute mit weniger Ahnung ausgrenzen, dann darf man Wein auch mineralisch nennen.

Mein erstes Mal mit siebzehn

Als ich anfing mich mit Weinen zu beschäftigen, drehte sich für mich alles um die Frage, was mir schmeckt oder nicht schmeckt und vor allem, warum. Dass man Weine auch bepunkten kann, fand ich schnell heraus, da kaum ein Weinführer auf Punkte verzichtet, auf die Idee, dieses selber zu tun, kam ich zunächst nicht.

Nachdem ich ein ungefähres Koordinatensystem hatte, welches mir half, meine geschmacklichen Eindrücke in Worte zu fassen und Vorlieben und Abneigungen zu benennen, traute ich mich unter Leute. Ich traf auf einige, die dem Wein mit ähnlicher Leidenschaft aber deutlich mehr Erfahrung begegneten. Die luden mich ein in ihre Probenrunden und so lernte ich ganz automatisch zu punkten. Denn wenn man Weine in einer Probe gegeneinander antreten lässt, will man Sieger küren und das geht am besten, indem man Noten verteilt.

Mit fast kindlichem Eifer bepunktete ich fortan alles, was mir ins Glas kam und aus Trauben gefertigt war (bei Saft konnte ich mich gerade noch beherrschen). Und ich definierte eine eigene Skala, die Punkte in Worte übersetzen sollte. Ich ging sogar so weit, Weine zu bepunkten, die ich gar nicht mochte und dabei trotzdem noch wohlwollend zu urteilen, wenn ich meinte, eine gewisse Qualität zu erkennen, weil ich vermutete, die Königsdisziplin wäre das ,neutrale‘ Beurteilen jenseits der eigenen Präferenz.

Dann fing ich an zu bloggen und dachte, ein Weinblog sei nur so gut wie sein Bewertungssystem ausgeklügelt ist. Zum Glück bin ich lernfähig und halte nicht krampfhaft an Überzeugungen fest. Nach einem halben Jahr reifte langsam die Erkenntnis, dass Punkte überbewertet sind. Ich las und hörte Meinungen, die davor warnten, dass die unsäglichen Punkte nur dazu führen, dass sich niemand mehr die Mühe macht, vernünftige Beschreibungen zu formulieren. Aromen auflisten, Fülle und Länge beschreiben, punkten – fertig.

Also hörte ich mehr oder weniger auf, Punkte zu verteilen. Es gibt zwei Ausnahmen. Zum einen sind das Probensituationen (die ich im Blog aber kaum verarbeite), in denen ich Punkte für richtig und wichtig als Gedächtnisstütze halte. Und es gibt diese magischen Weine, die mehr sind als einfach nur sehr gut. Wenn meine Augen zu leuchten beginnen, dann nimmt der Wein eine Hürde, die die meisten Weintrinker als 90 Punkte definieren. Und dann finde ich es hilfreich, die verkürzte aber aussagekräftige Formulierung ,jenseits der 90 Punkte‘ zu verwenden.

Vorletzte Woche sah ich mich ganz unerwartet mit der Situation konfrontiert, dass ich um Punkte für einen Wein gebeten wurde. Um die Komplexität zu erhöhen, galt es dazu, im von mir noch nie verwendeten 20er System zu punkten und damit richtig Druck entsteht, war die Nachfrage nach dem Punkte-Urteil verbunden mit der Bitte, dieses auch eventuell in der Zeitschrift Weinwisser veröffentlichen zu dürfen. Schweißperlen!

Manchmal muss es Traminer seinEs ging um meinen Beitrag zum Gewürztraminertag auf Facebook. Der Wein hatte mir sehr gut geschmeckt und meine Begeisterung war ungebremst in die Beschreibung geflossen. Da Initiator Stephan Reinhardt überlegt, die interessantesten Weine des Abends in das Magazin zu übernehmen, dessen Inhalt er verantwortet, kam ich seiner Bitte nach. Dabei lernte ich dann auch gleich, dass die magischen 90 sich zu 17 Punkten übersetzen, wenn man das 20er System verwendet. Wohlan, hier also mein erster Wein mit 17 Punkten.

Zillinger, Traminer ,in Haiden‘, 2006, Niederösterreich. Der Traminer ist in der Nase und am Gaumen sehr sortentypisch. Das ist gut, da kann man die Aromen einfach irgendwo abschreiben, Punkte dran und fertig. Lieber das Zitat aus der ursprünglichen Besprechung von Facebook: Ganz im Ernst: das ist ein voller, furztrockener, wenngleich leicht alkoholsüßer Wein, der vor allem hammerstraff und mineralisch und dadurch nicht unangemessen fett ist. Hat viel Tiefgang und Länge. Die Aromen sind tatsächlich typisch, Rose und Litschi die Stichworte. Später schrieb ich noch: nach zwei Gläsern gebe ich aber auf. Morgen ist auch noch ein Tag. Drei Tage sind draus geworden, ehe die Flasche leer war, aber das liegt nicht daran, dass der Wein zu schwer wäre. Traminer ist einfach speziell – und in diesem Fall sehr gut!