Braune Lage

Für mich schmecken Rieslinge aus dem Graacher Domprobst irgendwie immer ‚braun‘. Ich weiß, dass das eine sehr persönliche Assoziation ist, eine Eselsbrücke ohne Wert für irgendjemand anderen als mich. Die beiden Graacher Steillagen Domprobst und Himmelreich sind keine reinrassigen Schieferlagen sondern zusätzlich mit relativ fetten Böden durchzogen (was auch immer das heißen mag). So lernte ich einmal beim Besuch eines Weingutes, das Parzellen in diesen beiden Lagen bewirtschaftet. Leider erinnere ich nicht mehr, was zuerst da war: die farbliche Assoziation beim Genuss der Weine oder die Information über den vergleichsweise hohen Erdanteil. Glauben will ich ersteres, wahrscheinlich ist wohl letzteres.

Es ist aber kein erdbraun, was ich da im Glas wähne, es sind wiederkehrende Aromen von Karamell, Malz sowie Kemm‘schen Kuchen und die sind tatsächlich farblich alle eines: braun (naja, sagen wir bräunlich). Und ich finde diese Aromen in Weinen von Molitor, Kees-Kieren oder Pohl-Botzet – der Winzerstil scheidet als Ursache also aus. Dieser Tage habe ich zwei Weine aus dem Domprobst parallel offen gehabt.

Kees-Kieren, Graacher Domprobst Riesling Spätlese trocken, 2009, Mosel. In der Nase zeigt der Wein einen leichten Spontistinker und eine grasige Note neben sortentypischen Düften von Aprikose, Zitrus und Mandarine. Am Gaumen zeigt der Wein bei mittlere Volumen ziemlich viel Druck. Ich finde der Wein hat schönes Spiel. Die recht straffe Säure wird von viel Frucht gepuffert aber auch von fast 8 Gramm Zucker. Ein Korb von Früchten (Mango, Banane, Aprikose und Mandarine) trifft auf eine prickelnde Mineralik und deutliche Karamelltöne nebst etwas Malz. Der Abgang ist sehr lang, der Alkohol sehr zurückhaltend (12%). Wenn man diesen nicht knochentrockenen Stil mag, ist das eine wunderbare Spätlese der etwas kräftigeren Art.

Kees-Kieren, Graacher Domprobst Riesling Kabinett feinherb, 2009, Mosel. In der Nase ist er reiner, mit einer Spur Hefe und ansonsten klarer Frucht von Apfel, Birne und Banane sowie Pistazie. Am Gaumen zeigt er deutlich mehr Süße und ansonsten ein vergleichbares Bild. Schönes Spiel, noch mehr Mineralik aber auch noch mehr Karamell und Malz. Der Abgang ist etwas kürzer, die qualitative und preisliche Abstufung zum Kabinett ist gerechtfertigt. Ein süffiger feinherber Wein, wie ich ihn mag.

Und heißt das nun, dass ich Graacher Weine blind zu identifizieren wüsste? Wohl eher nicht. Manchmal, wenn ich nachts auf der Suche nach Ruhe meinen unsteten Geist in seichte Gedanken schicke, sitze ich in einer illustren Runde und es wird blind ein Riesling kredenzt, der mir eine Fülle von braunen Aromen offenbart. Doch bevor ich meine Mitstreiter mit einem nonchalant hingeworfenen ‚Ah, ein Graacher Domprobst‘ beeindrucken kann, bin ich schon eingeschlafen.

Wenn Montage freitags betrunken sind

Die Kollegen vom fabelhaften Weinblog ‚Drunkenmonday‘ hatten zu einem spektakulären Tasting geladen. Da es sich bei diesem um einen kleinen Wettkampf der beiden Weingüter mit Besitz in der Lecker-Lage Monzinger Halenberg handelte und ich, wie man als regelmäßiger Leser dieses Blogs kaum übersehen kann, ein großer Fan dieser Lage bin, erhielt ich eine Einladung, sozusagen als temporärer Gastmontag. Wenn Montage freitags betrunken sind weiterlesen

Simple Genüsse (2)

Mein (Wein-)Leben besteht nicht nur aus Großen Gewächsen sondern auch aus Alltagsweinen. Einige davon sind erwähnenswert, über andere decke ich den Mantel des Schweigens. Hier ein paar Kurznotizen zu Weinen, die ich jüngst getrunken und auf die eine oder andere Weise für besonders befunden habe.

Thanisch (Ludwig Thanisch & Sohn), Spätburgunder, 2009, Mosel. (Über einen Zeitraum von mehreren Tagen getrunken) In der Nase zunächst diffus, laktisch, Erdbeere und Kirsche, etwas Holz; am vierten Tag etwas ernsthafter: Leder, Kirsche und Pflaume, wenig Rauch und Holz. Am Gaumen ist dieser Pinot zunächst gefällig und etwas beliebig mit schmeichlerischen cremigen Noten, nach ein paar Tagen fand ich ihn klarer konturiert: Kirsche, gekochte Erdbeere, Bleistift, etwas Teer, leicht mineralisch, wenig Holz, gut integrierter Alkohol und reifes Tannin; das alles mündet in einem langen Nachhall. Macht mit viel Luft jetzt schon Spaß und lässt mich für die Zukunft hoffen: ich mache die nächste Flasche in einem Jahr auf.

Earrazuriz, La Escultura Estate, Sauvignon Blanc from a single Vinyard, DO Vale de Casablanca, 2009, Chile. Der Wein hat einen ganz feinen Duft, trotz der nicht zu leugnenden sortentypischen Katzenpisse-Note, denn er zeigt auch florale Noten wie Lavendel und riecht angenehm herb. Am Gaumen ist der Chilene ein ziemlicher Brummer, ein Wein zum Kauen, so dicht präsentiert er sich. Orangenschale samt leichter Bitternote und Zitrus sind vorherrschende Aromen in einem massiven Wein, der 13,5% Alkohol locker integriert. Sehr langer Abgang. Für mich ein Wahnsinns-Stoff für gerade über zehn Euro.

Knipser, Blauer Spätburgunder, 2005, Pfalz. In der Nase Kirsche hoch vier mit einer ordentlichen Portion Holz, dazu etwas Kräuterwürze wie zum Beispiel Thymian. Am Gaumen ist der Wein dann weniger fruchtig als erhofft, ein wenig Kirsche und Blaubeere werden von Holz begleitet aber das ganze wird sehr von Säure dominiert. Auch wenn der Wein seine 13,5% Alkohol gut integriert und über schönes Tannin verfügt, ist er meines Erachtens letztlich für so viel Säure etwas zu schwachbrüstig. Ein ordentlicher Wein von einem Winzer für den ein ‚guter‘ Wein schon einen qualitativen Ausreißer nach unten bedeutet.

Das E-Wort

Wenn ich beim abendlichen nachhause kommen meinen Briefkasten leere, könnte ich leicht zu dem Schluss gelangen, ein ganz besonderer Mensch zu sein: So viele Angebote aus der tagsüber eingeworfenen Werbung sind ‚exklusiv‘ für mich reserviert. Exklusive Busreisen, Ausflüge und Gewinne zeigen vor allem eines: das Wörtchen Exklusiv meint heutzutage meist das Gegenteil. In Sippenhaft genommen sind all jene, die wirklich exklusive Vergnügen und Produkte anbieten, denn es gibt leider keinen adäquaten Ersatz in unserer Sprache. Und sollte sich einer entwickeln, so wird auch der alsbald von der Heizdeckenindustrie gekidnappt werden.

Lothar Kettern Riesling Terroir Exclusiv
Besonders besonders

In der Weinwelt gibt es eine exklusive Entsprechung: das Wörtchen ‚Terroir‘. Mittlerweile meint auch diese Bezeichnung allzu oft das Gegenteil: Masse und Maschinen. In Sippenhaft sind hier die ernsthaft um eine Interpretation des Begriffes bemühten Winzer. Die verwenden (so zumindest mein Eindruck) den Begriff immer sparsamer auf Etiketten und kommunizieren den Terroir-Gedanken lieber über Preislisten und Kundenbriefe. Umso erstaunlicher finde ich den Namen eines dieser Tage genossenen Weines, ist der Erzeuger doch eigentlich einer, der wirklich sehr um handwerkliche Spitzenwein-Erzeugung bemüht ist. Wenn ich richtig informiert bin, ist der Name des Tropfens eine Erfindung seiner im Betrieb mitarbeitenden Eltern. Tja, Abnabelung findet in Schüben statt…

Lothar Kettern, Piesporter Goldtröpfchen, Riesling Spätlese ‚Terroir Exclusiv‘, 2009, Mosel. In der Nase Apfel, Mango, Grapefruit, Aprikose, Hefe, ein Hauch Kräuter und Blüten. Am Gaumen ordentliches Spiel von praller Süße, zurückhaltender Säure und einigen Gerbstoffe, dazu klassische Riesling-Zutaten, wie man sie von süßen Mittelmoselspätlesen kennt: Apfel, Aprikose und dezente Mineralik. Der Wein ist im Abgang noch etwas austrocknend. Zu ernsthaft, um ihn einfach weg zu schlürfen; zu jung, um schon richtige Konturen zu haben. Ich glaube, in zwei Jahren macht diese fruchtsüße Spätlese als Dessertwein vor allem denjenigen Spaß, denen Auslesen etc. zu üppig sind. 86 Punkte

2011 wird frischer

Wie jedes Jahr beginnt mein Weinjahr mit einer kleinen Kellerinventur, einer Rückschau auf das abgelaufene Jahr und ‚guten Vorsätzen‘, wie ich das kommende Jahr hinsichtlich meines Weinkonsums gestalten will. Während ich letztes Jahr im Januar etwas weinerlich feststellen musste, dass ich ab sofort ein ‚Muss-Weg-Regal‘ in meinem Keller brauche, bin ich heuer geneigt, es wieder außer Dienst zu stellen. Die Zahl der 2005er GGs ist immer noch ziemlich groß aber bei denen kommt es auf ein Jahr mehr oder weniger wohl nicht an. Alle anderen zum Verzehr bereitgelegten Weine sind vertilgt.

Während die Kellerinventur keinen Anlass zu Vorsätzen gibt, tut es aber die Geschmackslage. Ich stelle fest, dass ich im Moment ein Bedürfnis nach Frische habe. 2010 war ein Jahr, in dem ich für meinen Geschmack ein bisschen zu viele gereifte Weine, vor allem gereifte dicke Brummer getrunken habe. Als ich dieser Tage einen frischen ‚einfachen‘ Lagenwein (also kein Großes Gewächs) eines VDP Winzers aus 2009 aufzog, hatte ich spontan das Gefühl: ‚das mach ich viel zu selten‘. Allerdings besitze ich aufgrund gesteigerter Einkaufsdisziplin nicht viele Weine dieser Art aus den letzten beiden Jahren. Die vorhandenen Exemplare dürften dieses Jahr nicht überleben.

Schäfer-Fröhlich, (Schlossböckelheimer) Felsenberg, Riesling trocken, 2009, Nahe. In der Nase Aloe Vera und Aprikose, sehr rein und sehr reif (nicht der Wein, der ist jung; es ist der Eindruck von ganz reifem und gesunden Lesegut, der sich einstellt). Am Gaumen ein Ausbund von Saftigkeit, ganz rein und klar, mäßig trocken, mit zurückhaltender Säure, nur leicht kalkig mineralisch, etwas blumige Aromen, dazu Pistazie und Aprikose. Der Alkohol von 13% ist sehr gut eingebunden. Sehr langer Abgang. 89 Punkte.

Wenn man unbedingt etwas kritisieren möchte, kann man die Typizität vermissen. Der Wein könnte von fast überallher stammen, sein Ursprungsgebiet springt mir nicht gerade ins Gesicht.