Was vom Urteil übrig blieb

2006 war in Deutschland ein wirklich schlechter Jahrgang ist die landläufige Meinung, der ich mich bisher – auf eigene Erfahrung stützend – vorbehaltlos angeschlossen habe. Ein paar Ausnahmen gab es: an der Nahe ist das Wetter freundlicher gewesen und unter den edelsüßen Rieslingen gibt es eine ganze Reihe Ausreißer nach oben. Im Großen und Ganzen aber war es das schlechteste Jahr seit dem uneingeschränkten Grottenjahr 2000.

In meinem Anfang des Jahres hier formulierten Bestreben meine Bestände an 2006ern zu minimieren, bin ich bei den Rieslingen dem Ziel schon nahe, weswegen ich zuletzt einige Burgunder köpfte. Und so langsam ändere ich meine Meinung. Bei den fast immer vor den Rieslingen gelesenen Burgundern habe ich mittlerweile eine Reihe prächtiger Weine getrunken. Nicht nur das, rückblickend stelle ich fest, dass ich überhaupt keine Ausfälle bei weißen und grauen Burgundern zu beklagen hatte. Während viele Rieslinge dieses Jahres schon furchtbar alt und teils müde schmecken, erstrahlen die Pinots in vollem Glanz. Hinsichtlich der Qualität der 2006er Spätburgunder schwenkt Deutschlands Wein-Community eh gerade um: die sind überwiegend großartig.

Nach einem wundervollen einfachen Dönhoff Weißburgunder, zu dem ich mir letzte Woche leider keine Notizen machte, habe ich gestern und heute einen famosen grauen im Glas.

Salwey, Henkenberg***, Grauburgunder Großes Gewächs, 2006, Baden. In der Nase sehr buttrig mit Haselnuss und etwas Vanille, dazu leicht kräutrig, etwas Mirabelle aber eher wenig Frucht. Am Gaumen einerseits cremig, andererseits mit einer animierenden Säure und spürbarem Alkohol, dessen Brand hier aber richtig gut passt (es sind nur 13%, die Wirkung mithin erträglich). Aprikose, Rauch, Sahnekaramell und der Holzeinsatz prägen die Aromatik, der sehr lange und volle Abgang ist leicht mineralisch geprägt. Zum Essen und solo ein großer Genuss (nördlich von 90 Punkten).

Kreismeister

Ich verkneife mir für gewöhnlich Superlative. Das liegt daran, dass ich nicht genügend Zeit für Wein aufwände, um Deutungshoheit zu beanspruchen. Heute mache ich eine Ausnahme. Das fällt nicht schwer, weil im betreffenden Anbaugebiet wenige Winzer Weißburgunder der Premiumqualität produzieren. Also: Markus Molitors besternte Weißburgunder sind die Gebietsspitze, niemand an der Mosel kommt auch nur in die Nähe dieser Qualitäten. (Bei den häufig heftig spontanstinkenden Rieslingen hingegen, und erst recht bei den Spätburgundern, kann man ganz anderer Meinung sein.)

Markus Molitor, Wehlener Klosterberg *, Weißburgunder QbA, 2006, Mosel. In der Nase und am Gaumen fruchtiger als der 2005er im gleichen Reifestadium. Als wären die verwendeten Holzfässer weniger stark getoastet, ist der Wein in der Nase frei von Raucharomen jedoch mit einer guten Portion Vanille, dazu viel Birne und etwas Grapefruit. Auch fehlen Butter und Nüsse im Bouquet, werden durch eine Blütennote ersetzt. Am Gaumen weist er deutlich weniger Säure auf als seine Brüder aus 2005 und 2007, ist aber trotzdem noch recht spielerisch, was auch an vergleichsweise moderaten 13% Alkohol liegen mag. Um Missverständnisse zu vermeiden: das ist immer noch ein kräftiger, druckvoller und voluminöser Wein, aber keine Wuchtbrumme mit Dampfwalzenstruktur. Eine feine Mineralik trägt einen fruchtig-süßen nach Mandarine und Marzipan schmeckenden, sehr langen Abgang. Für mich nicht als 2006er zu erkennen und ein herausragender Wein.

Der Wahnsinnswein

Das Spiel um Platz 3 sei uninteressant, er habe sich sowas früher nie angesehen, gab Nationalmannschaftskapitän Lahm jüngst zu Protokoll. Trotzdem hauten sich ‚unsere Jungs‘ gestern richtig rein und lag die Nation sich wieder feiernd in den Armen. Es ist alles eine Spur wahnsinnig, was sich dieser Tage in Deutschland ereignet (inklusive des Wetters). Also beschloss ich gestern, meine Weinauswahl ebenfalls etwas wahnsinnig zu gestalten.

Giulietta Pinot Grigio rosé
Wahnsinig hübsches Flaschendesign

Ich holte einen Wein aus dem Keller, der in vielerlei Hinsicht wahnsinnig ist. Das fängt beim Namen an, geht über ein Shakespeare-Zitat auf der Flasche weiter, setzt sich in der kitschigen Illustration nahtlos fort. Wenn er nicht aus einer geschmackssicheren Quelle stammte, über die ich bei Gelegenheit einmal schreiben werde, ließe ich sowas gar nicht in meinen Keller. Denn zu allem Überfluss ist dieser Wein auch noch die Kombination der größten Sünden der Weinwelt: Ein Pinot Grigio – als Rosé gekeltert.

Aber es passt zum Wahnsinn dieser Tage, dass der Wein richtig gut war. Und er zeigt, dass in der Welt des Fußballs und der Roséweine umgekehrte Vorzeichen gelten. Während viele pseudofrische Spanier, die fruchtig leicht scheinen, 14,5% Alkohol ins Blut schädeln, ist dieser Italiener wirklich filigran und gut verträglich mit nur 12%.

Sartori, ‚Guilietta‘ Pinot Grigio -blush-, ohne Jahrgang, Venetia IGT. Der Wein bekommt seine Farbe durch die Maischegärung der im vollreifen Stadium rötlichen Grauburgundertrauben. Er entspringt also Weißweintrauben und enthält daher kaum Tannin. In der Nase zeigt der Wein viel Frucht: zum einen Zitrus, aber auch Erdbeere und ein bisschen Himbeere. Am Gaumen ist der Wein frisch, leicht aber nicht dünn. Er zeigt Aromen von Birne, Quitte und etwas Haselnuss, süße Frucht und resche Säure. Der recht lange Abgang klingt sehr fruchtig und harmonisch aus. Viel Wein für kleines Geld und ein idealer Begleiter für die eher wahnsinnigen Momente im Leben.

Füllwein (16)

Nicht nur die Deutsche Nationalmannschaft hat mal einen schlechten Tag. Auch zwei meiner erklärten Lieblingswinzer ziehen mal was auf die Flasche, was mich nicht von den Socken haut. Das sind immer noch exzellente Weine aber nicht von der Brillianz, die ich von ihnen gewohnt bin. Ein relativer Nobody (hier im Schnutentunker aber schon mehrfach vertreten) konnte hingegen bezaubern.

Knipser, Kalkmergel, Chardonnay & Weissburgunder, 2004, Pfalz. In der Nase stören zunächst deutliche Alterstöne, regelrecht muffig ist der Wein. Nach einiger Zeit verfliegen diese Aromen. Der Wein verträgt noch einige Stunden Luft, ist eigentlich erst am zweiten Tag ein echtes Vergnügen. Dann in der Nase noch recht viel Holz, etwas Nuss, ein bisschen Birne aber insgesamt wenig Frucht. Am Gaumen ebenfalls noch spürbare Holzprägung, dazu buttrig, ziemlich mild in der Säure, typische Chardonnay-Aromen. Das ist ein angenehm gereifter holzlastiger Weißwein, der viel Genuss bietet aber nicht an Knipsers reinsortige Chardonnay-Auslesen heranreicht.

R.&C. Schneider, Sauvignon Blanc Spätlese ***, 2008, Baden. In der Nase buttrig und leicht böcksrig (also mit einem leichten Schwefelwasserstoffstinker), Jogurt, Grapefruit, minimal grüne Noten. Am Gaumen zeigt sich eine pikante Säure, die aber nicht zu dominant daherkommt. Der Wein ist relativ stoffig, cremig, mit Aromen von Grapefruit und brauner Butter, etwas eindimensional. Langer Abgang aber der Wein lässt mich etwas ratlos zurück. War er für kurze Zeit im Holzfass? Oder ist es lediglich ein langes Hefelager, das ihn prägt? Richtige Begeisterung kommt nicht auf.

Agritiushof, Oberemmeler Agritiusberg, Riesling Spätlese feinherb, 2005, Mosel (Saar). In gewisser Weise ist der Wein eine Mogelpackung: Winzer Alfred Kirchen bezeichnet als feinherb, was gesetzlich halbtrocken ist, und 13,5 Gramm Restzucker ergeben häufig einen sensorisch trockenen Wein, wenn man sie mit 8,2 Promill Säure verheiratet und fünf Jahre auf der Flasche reifen lässt. Doch der Wein ist saftig und kommt mit so viel süßer Pfirsichfrucht daher, dass er immer noch als nicht ganz trockener Riesling erkennbar ist. In der Nase noch frisch, kein Petrol, keine Firne, dafür Quitte und Aprikose etwas vollreife Ananas, ist der Agritiusberg am Gaumen ein voluminöser, saftiger Riesling, der seiner feinen Mineralik und der kräftigen aber nicht dominanten Säure verdankt, dass er die Balance hält. Nicht zu fett, nicht anstrengend – eher raffiniert und mit Spiel sorgt der Wein für jenen magischen Moment im Glas, der bei mir die 90 Punkte definiert.

Füllwein (15)

Mein (Wein-)Leben besteht nicht nur aus Großen Gewächsen sondern auch aus Alltagsweinen. Einige davon sind erwähnenswert, über andere decke ich den Mantel des Schweigens. Hier ein paar Kurznotizen zu Weinen, die ich jüngst getrunken und auf die eine oder andere Weise für erwähnenswert befunden habe.

Battenfeld Spanier, Weissburgunder QbA, 2007, Rheinhessen. Der Basiswein ist einer der dichtesten und fettesten Basisweine aus dieser Rebsorte, die ich je getrunken habe. Er hält locker mit so mancher Spätlese guter Erzeuger mit. Allerdings ist er trotz Schraubverschluss schon ziemlich reif und ich werde zukünftige Jahrgänge jünger trinken. In der Nase Apfel, Birne, Quitte, eine leichte florale Note aber auch erste Reifetöne. Am Gaumen ebenfalls Kernobst und eine recht deutliche Bratapfelnote, die der Wein in der Jugend vermutlich noch nicht hatte. Sehr viel Kraft, dicht und stoffig trotz dem der Wein im Alkohol mit 12,5% recht bescheiden ist. Der Wein ist mild in der Säure, der Abgang sehr lang.

Agritiushof, Riesling ‚Selection‘ (Oberemmeler Karlsberg), QbA, 2005, Mosel (Saar). Die sehr dunkle Farbe fällt sofort auf, und man erwartet instinktiv einen reifen Wein. In der Nase präsentiert sich der Wein auch vollreif mit Noten von Orangeat und gelben Früchten, doch er hat auch etwas duftig Blumiges. Am Gaumen ist er nicht sehr druckvoll, eher mittelkräftig mit feiner Säure und Aromen von Grapefruit und Mandarine. Mäßige Mineralik und ordentliches Spiel münden in einem langen Abgang, der beim ersten Glas etwas adstringierend am zweiten Tag jedoch vollkommen harmonisch ist. Der Wein ist ein schönes Beispiel, wie der Reifeprozess einen Moselriesling harmonisieren kann: acht Promill Säure und fast elf Gramm Restzucker haben sich zu einem harmonisch trockenen Gesamtbild vermählt.

Heymann-Löwenstein, Riesling ‚Schieferterrassen‘, 2007, Mosel. Sehr saubere Nase: Klare Pfirsichfrucht, Rhabarber, Aloe Vera. Am Gaumen mitteldick, halbtrockenes Geschmacksbild, schöne Frucht von Apfel und Pfirsich, etwas Mineralik, insgesamt schön aber nicht übermäßig komplex. Im langen Abgang ein leichter Gerbstoff/Bitterton, der zu ‚Abzügen in der B-Note‘ führt. Dieser Ton kann sich mit der Zeit integrieren – oder auch nicht. Ich habe beides schon erlebt und wage keine Prognose. Alles in allem ein sehr schöner Wein, der aber im Kontext von Winzer und Jahrgang etwas hinter meinen Erwartungen zurück bleibt.