Ca Del Bosco

Trauben im Whirlpool

Zwei Gründe gab es bisher für mich, eine Einladung zu einer größeren Veranstaltung oder Weinreise anzunehmen: entweder es passte voll in die Themenwelt dieses Blogs (zum Beispiel die Wiesbadener GG-Vorpremiere) oder lag im erweiterten Fokus (Österreich, Elsaß). Dieser Tage kam ein ganz anderer Grund dazu: Der Reiseleiter.

Auch wenn das jetzt wieder in die Kategorie ‚Opa erzählt vom Krieg‘ fällt: Als ich in das Alter kam, in dem die meisten Menschen ihre Liebe zum Wein entdecken, waren die Zeiten noch jene, in denen das Interesse an einem neuen Thema meist zum Erwerb eines Buches führte. Und wenn ich mich schon nicht detailliert an mein erstes Weinerlebnis der berückenden Art erinnern kann, so weiß ich doch wenigstens noch alles über mein erstes Weinbuch. Es hieß ‚Wein, die kleine Schule‘ und war von Jens Priewe. Vor ein paar Wochen schrieb mir eben jener Jens Priewe eine E-Mail und fragte mich, ob ich mich einer von ihm angeführten kleinen Gruppe auf eine Reise in die Franciacorta anschließen wolle. Raten Sie mal, wie lange ich überlegen musste, bevor ich zusagte.

Franciacorta – Gebiet und Schaumwein

Also flog ich gemeinsam mit dem Kollegen Niko Rechenberg von Berlin nach Bergamo, dem Eingangstor der Franciacorta, Franciacorta Modelljenem Weinbaugebiet in der Lombardei, in dem die Produktion des gleichnamigen flaschenvergorenen Schaumweines aus den Rebsorten Chardonnay, Spät- und Weißburgunder im Mittelpunkt steht. Unsere erste Station, an der wir auf Priewe und den Kollegen Patrick Hemminger treffen sollten, war das Weingut Ca’ del Bosco.

Ca’ del Bosco gehört zu den besten Schaumweinproduzenten der Franciacorta, insofern stiegen wir durch die Decke in das Gebiet ein. Auf die Kellertour war ich besonders gespannt, denn ich habe erst einen Sektproduzenten besucht und das war ein eher kleines Gut. Ca del Bosco produziert 1,5 Millionen Flaschen Franciacorta aus eigenen Trauben von über 160 Hektar, lagert die Weine im Schnitt drei Jahre auf der Hefe (von 20 bis ca. 90 Monaten, je nach Produkt) und hält entsprechend Lagerkapazitäten für 5 Millionen Flaschen bereit. Verschnitt-TankWir erlebten die Gewölbe bei niedrigstem Füllstand, denn die Saison für die Tirage begann gerade erst, der aktuelle Jahrgang lag noch in den Tanks und Fässern. Zum Start liefen gerade die Magnums des ‚Cuvée Prestige‘ durch die Füllanlage. Diese sind dankenswerterweise durchsichtig, so dass ich mir einmal anschauen konnte, wie das Gemisch im Rohzustand aussieht, das später einer der besten Basis-Bruts Italiens werden wird.

Um es zusammenzufassen: es war der Besuch bei einer Horde tüftelnder Kontrollfreaks, die nicht nur wenig dem Zufall überlassen, sondern auch da noch in Menschen und Maschinen investieren, wo andere – auch beste Erzeuger – längst Fünfe gerade sein lassen. Immerhin handelt es sich um Flaschengärung, da sind minimale Produktvarianzen normal. Trotzdem steht inmitten der Produktionsanlage ein gigantischer 300.000-Liter-Tank, der den Inhalt einer kompletten Charge des Basis-Franciacorta fasst, des meistverkauften Produktes. Wenn das Etikett zweier Flaschen identisch ist, dann sind sie bei Ca’ del Bosco auch vollständig identisch entstanden, das ist das Versprechen. Da die Flaschen des Cuvée Prestige in drei Chargen degorgiert werden, kann Ca’ del Bosco sein Versprechen mit einem Tank dieser Größe locker halten.

Ca’ del Bosco – Hightech für maximale Schonung

Doch den Anfang dieser Materialschlacht machte eine Waschstraße für Trauben. Die war eingemottet, aber gut erkennbar, benötigt aufgebaut die Fläche eines halben Fußballfeldes und besteht aus einer Dusche, einem ‚Trauben-Whirlpool‘, der mit eingeleiteten Stickstoff-Bläschen die Trauben blitzblank spült, sowie einem Gebläse für die Trocknung. ‚Man schmeckt keinen Unterschied zwischen gewaschenen und ungewaschenen Trauben‘ gab unsere Führerin unumwunden zu, ‚aber wir unternehmen hier alles für ein maximal verträgliches Produkt.‘

Traubenwaschanlage
Die Traubenwaschstraße in Aktion. (Foto: Weingut, alle anderen Fotos: Felix Bodmann)

Dass auch keine Hefen mehr auf der Beerenhaut haften, die eine Spontangärung ermöglichten, stört nicht weiter: ‚Wir wollen keine Spontangärung, weil wir keine Gärnebenprodukte wollen, wir halten schließlich auch den Schwefel so niedrig wie möglich‘. Bei Ca del Bosco steht der Schwefelgehalt auf dem Etikett, auch wenn die meisten Verbraucher mit der Angabe in Milligramm wenig anfangen können. Weniger als 60 sind es in allen Franciacorta des Hauses (das Weingut produziert auch Stillweine unter der Curtefranca DOC und Sebine Rosso IGT). Möglich machen das diverse Apparaturen und Methoden, auf die Ca’ del Bosco teils Patente hält und immer geht es um die Minimierung des Sauerstoffeintrages. Gepresst wird unter Schutzgas, ein ‚Most- und Weinfahrstuhl‘ in Form von zwei 10.000-Liter-Tanks,

Weinfahrstuhl
Zwei 10.000-Liter-Tanks als Most- und Weinfahrstuhl

die in einem Fahrstuhlschacht montiert von der tiefsten an die höchste Stelle des Kellers gefahren werden können, erspart jeglichen Pumpvorgang. Sind die Tanks am Boden, laufen Weine oder Moste aus jedem beliebigen Tank über Schläuche in die Behälter, befinden diese sich unter der Decke, läuft der Wein oder Most über ein zweites System wieder raus in einen beliebigen anderen Behälter. Die Füllanlage für die Tirage hat sich das Weingut von Bierbrauern bauen lassen. Diese verwenden einen dynamischen Stutzen, der das Einfüllen des Weines immer knapp unterhalb des Flüssigkeitsspiegels bewerkstelligt und so den Sauerstoffeintrag minimiert. Die patentierte Degorgierstraße arbeitet mit Stickstoff – es war eine Tour für Technikbegeisterte und ich gehöre zur Zielgruppe. Danach ging es dann aber zum wesentlichen, dem Wein.

Edler Schaumwein – kein günstiges Vergnügen

Bei der Cuvée Prestige merke ich gleich am Anfang, dass Ca’ del Bosco das Thema ‚Basis‘ (Preibereich um 25 Euro) sehr ernst nimmt: 100% Chardonnay mit klassisch hefiger Schaumweinnase, straffer Säure, Zitrusfrüchten, dezenter Würze am Gaumen, mittelfeiner Perlage und toller Länge.

Ca del Bosco Cuvee Prestige
Die Cuvée Prestige ist eine großartiger Einstieg in die Welt des Franciacorta

Das ist kein übertriebener Schmeichler, sondern ein zackiger Aperitif, der aber nicht ins beißend saure tendiert. Überhaupt ist das der zentrale Punkt der Franciacorta: Säure. Weiter südlich gelegen, liefern die Weinberge weniger Säure als in der Champagne, gleichzeitig lässt sich der Erntezeitpunkt nicht beliebig nach vorne verlagern, sonst zeigt der Wein Bittertöne. Als Resultat ist der durchschnittliche Franciacorta niedrig dosiert und Dosaggio Zero oder Pas Dosé bei jedem Produzenten fester Bestandteil des Portfolios. So auch hier, der ‚Dosage Zèro‘ kommt als zweites ins Glas. Er ist wunderbar weinig, was an 20% Pinot Noir liegen dürfte, die in der Nase rote Beeren zum klassischen Prickler-Eindruck hinzufügen. Die Säure ist eher mild, der Wein schmelzig und sehr viel zugänglicher als ich bei 0 Gramm Restzucker erwartet hätte.

Tirage Schaumwein
So sieht der Flascheninhalt unmittelbar nach der Tirage aus.

Um richtig viel Schmelz geht es beim nächsten Wein schon qua Definition: Der Satén ist eine spezielle Spielart des Franciacorta, ausschließlich aus weißen Trauben, also Chardonnay und eventuell Weißburgunder und mit 4,5 bis 5 bar Flaschendruck statt der für andere Franciacorta vorgeschriebenen 6 bar. Er ist niemals ohne Dosage, da er sanfter und schmeichlerischer sein soll, der Name leitet sich vom Seidenstoff Satin ab. Bei Ca’ del Bosco ist der Satén ein Millesimato, wir kriegen 2011 ins Glas, der zu 80% aus Chardonnay und 20% aus Weißburgunder besteht. Der Grundwein lag in teilweise neuen Barriques, weshalb der Satén in der Nase vom Holz dominiert wird. Am Gaumen viel weniger Holz, saftige Frucht, Apfel und Birne, sehr milde Säure. Mir ist die Säure etwas zu mild – bei nur 2,5 Gramm Dosage driftet der Wein zwar nicht ins Süße, wirkt mir aber zu weinig, obwohl das Jammern auf höchstem Niveau ist.

Annamaria Clementi – der junge Hüpfer

Weiter geht es mit dem 2010er Vintage Collection Dosage Zèro, zu dem mir in der Kurzprobe wenig einfällt: ich finde ihn etwas langweilig.

Ca' del Bosco Dosage Zero Noir
Der Dosage Zèro Noir war mir der liebste in dieser Phalanx großartiger Schaumweine

Mehr als entschädigen für diesen Ausrutscher kann dann der Dosage Zèro Noir 2006. Das ist höchste Schaumweinkunst mit rotfruchtiger Nase und deutlichem Duft nach ewig langem Hefelager. Am Gaumen ein reifer Wein mit wahnwitzig feiner Perlage, der cremig wirkt ohne Lebendigkeit einzubüßen, würzig den Gaumen auskleidet und dann auf einmal im Abgang eine feinnervige Säure durchbrechen lässt. Extrem lang, extrem gut. Für mich ist das das Highlight der Verkostung, auch wenn die beiden Prestige-Weine erst noch kommen: Cuvée Annamaria Clementi 2006 bietet in der Nase eine tolle Mischung aus Frische und etwas Holz, startet am Gaumen wunderbar zitronig-pikant, ist insgesamt aber etwas zu wuchtig um auf meiner Zunge zu tanzen. Der Wein kostet mit 65 Euro etwas weniger als der 70 Euro teure Dosage Zèro Noir und das passt auch zum Eindruck.

Cuvée Annamaria Clementi
Cuvée Annamaria Clementi Rosé: Ein grandioser Duft entströmt dem Glas!

Die mit 130 Euro preislich herausragende Rosé-Variante der Annamaria C. hat eine Wahnsinnsnase mit Orangenschale, roten Beeren und Brioché, kann das Versprechen am Gaumen aber nicht ganz einlösen, dazu ist der Wein nach hinten raus zu kurz und insgesamt etwas zu körperreich. Beide Weine sind gerade erst auf den Markt gekommen und werden sich dem Vernehmen nach mit weiterer Reife verschlanken, was ihnen gut zu Gesicht stünde. Ob das stimmt, kann ich mangels Erfahrung mit älteren Jahrgängen nicht beurteilen. Zum Glück habe ich einen Reiseleiter, auf dessen Urteil ich schon sehr lange vertraue.

Auch wenn ich es bisher nur aus Büchern kannte.

Alle Reiseberichte aus der Franciacorta:

Ca’ del Bosco

Ricci Curbastro

Berlucchi

Villa Franciacorta

Mirabella

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