FI Berlucchi

Geschwisterliebe

Der Schaumwein aus der Franciacorta hat eine Geburtstunde: Die Begegnung von Guido Berlucchi und Franco Zilliani im Jahr 1955. Ersterer war ein Lebemann mit einem Landsitz in der Franciacorta, zu dem ein bisschen Rebland mit Weißburgunder gehörte, von dem er einen leichten Weißwein keltern ließ, den er leider nicht stabil auf die Flasche bekam. Also heuerte er letzteren an, einen önologischen Berater, wie man heute sagen würde. Doch Zilliani, frisch in Alba in Önologie diplomiert, hatte weniger Interesse daran, den Weißburgunder sauber auf die Flasche zu bekommen, als ihn als Grundwein für seinen Traum zu verwenden: die Produktion eines flaschenvergorenen Schaumweins nach dem Vorbild der Champagne. Also überzeugte er Guido Berlucchi, sich an der ‚Metodo Classico‘ zu versuchen. Berlucchi FranciacortaRund fünf Jahre brauchten die beiden, bis ihnen erstmals ein vermarktbares Produkt gelang. Die letzte von 3000 Flaschen dieses 1961ers dient heute als eine Art Schrein im Keller des Unternehmens, das Berlucchi und Zilliani gründeten, um sich und ihren Schaumwein zu professionalisieren und das heute der größte Produzent der Franciacorta ist. Die Anteile des 2000 verstorbenen Namensgebers sind mittlerweile im Besitz einer gemeinnützigen Stiftung, Zilliani ist über 80 und hat sich weitgehend zurückgezogen. Heute leiten seine Tochter und die beiden Söhne als Mehrheitseigner das Unternehmen auch operativ.

Kamin Palazzo LanaBerlucchi, die Weinfabrik?

Die erste Tour an Tag zwei unserer Reise führt uns also zur Wiege des Franciacorta. Ich bin gespannt, weniger wegen der obigen Folklore oder dem angeblich so beeindruckenden Palazzo, sondern weil ich noch nie in einer Weinfabrik war. Bei 5 Millionen Flaschen Jahresproduktion, halte ich das Wort Fabrik für angebracht, wenn auch deutlich weniger negativ konnotiert als in der Weinszene üblich. Egal, es kommt sowieso alles anders, denn erstens ist der Palazzo tatsächlich atemberaubend, nicht so sehr in seiner Eigenschaft als alter Kasten, als vielmehr in der Art, wie er funktional in das Unternehmen und dessen Abläufe eingebunden ist. Statt in ein steriles Konferenzzimmer zieht man sich bei Berlucchi auch mal in eine lauschige Ecke vor dem Kamin zum ‚Meeting‘ zurück, die historische Küche scheint der einzige Bereich mit Museumsfunktion zu sein, alles andere wird genutzt, auch als Verkostungszimmer. Saten FranciacortaDoch vor der Verkostung steht die Besichtigung der Fertigung. Die wirkt weniger steril als erwartet. Das liegt auch daran, dass Berlucchi sich ‚in Umstellung‘ befindet, demnächst Bio-zertifiziert ist. Daneben produziert das Gut zwar knapp 5 Millionen Flaschen, davon aber 4 Millionen Basisprodukt. Für die nur ungefähr 700.000 Flaschen Premium- und Icon-Schaumweine finden hier Methoden Anwendung die sich kaum von denen anderer, kleinerer Weingüter unterscheiden.

Gyropaletten SchaumweinDoch wir betreten auch die Welt der Massenproduktion: Da das Rütteln bei der Flaschengärung selbst bei Einsatz der Gyropalette knapp 5 Tage benötigt, müssen sich zu jeder Zeit mindestens 70.000 Flaschen in der Remuage befinden um 5 Millionen Flaschen binnen eines Jahres zu degorgieren. Das ist dann selbst mit Maschinen eine beeindruckende Fläche, die diesem Vorgang gewidmet ist. Ein Foto noch vom Maschinenpark, dann ist die Führung beendet und wir kommen zum flüssigen Teil. Aus Zeitgründen verkosten wir nur einen kleinen Ausschnitt der Produktpalette, lassen ausgerechnet den Millionenseller Cuvée Imperiale weg. Der steht für 13 Euro im italienischen Supermarkt und ist eigentlich für die Heimat konzipiert, in Deutschland aber häufiger für (Vorsicht: Falle) €18.50 im Angebot – zum genau gleichen Preis wie die Premium-Linie ‚‘61’.

’61: Geburtsstunde des Franciacorta

Saten Brut Rose Pas DoseDie kriegen wir jetzt ins Glas, moderiert von einem Quartett bezaubernder Gastgeberinnen, haben sich zur Pressereferentin, die uns den Keller zeigte, doch zwischenzeitlich die Exportmanagerin für den deutschen Markt sowie die Chefin des Hauses, Cristina Zilliani und deren Assistentin gesellt. Eine entspannte Verkostung beginnt mit dem ‚‘61 Satèn’ und der ist eine extrem gelungene Interpretation des Themas. Zur Erinnerung: Satèns haben weniger Kohlensäure, 4,5 bis 5 Bar Flaschendruck und sind immer dosiert, sie sollen seidiger, cremiger und zugänglicher sein. Der Berlucchi, 100% Chardonnay, ist genau das, jedoch ohne sich ranzuschmeißen, die ernsthafte Nase zeigt reife Frucht und Brioche, am Gaumen wirken die 8 Gramm Restzucker weit weniger süß, als man bei nur 6,5 Gramm Säure denken würde. Tolles Spiel, sehr feine Perlage, ein Schnäppchen. Beim folgenden Brut legt die Nase eine falsche Fährte, denn sie leugnet jeglichen Einfluss des zehnprozentigen Pinot-Noir-Anteils, präsentiert sich stattdessen würzig, röstig, nussig. Dafür kommt der Pinot am Gaumen überproportional ins Spiel, mit roten Beeren, die sich bestens mit den Zitrusaromen des Chardonnay (90%) arrangieren. Feines Spiel, auch recht cremig – ein toller Brut, den ich jetzt gerne trinken würde. Decke BerlucchiDoch da kommt schon der nächste Wein, der Rosé und wie so oft bei rosa Schaumwein: ich bin enttäuscht. Gelangweilt trifft es besser: das ist arg schmeichlerisch, nicht knackig genug und irgendwie auch eher simpel. Wahrscheinlich hatte der Wein in dieser Verkostung eh nur die Aufgabe uns auf die letzten beiden vorzubereiten, denn der jetzt servierte 2009er ‚‘61 Nature’, ein Dosaggio Zero Millesimato aus Chardonnay mit 20% Pinot Noir fällt wieder in die Kategorie Volltreffer, leider derzeit noch nicht in Deutschland erhältlich. Ein kleiner Holzanteil und 5 Jahre Hefelager sorgen für enorme Würze, reife Früchte assistieren und machen jeden Restzucker überflüssig. Zupackende Säure sorgt für Trinkfluss, der Abgang währt sehr lang. Wie lang, kann ich nicht sagen, denn ich werde abgelenkt: Auftritt Arturo Zilliani.

Palazzo Lana: 4200 Flaschen Glückseligkeit

Der Co-Chef und Önologe des Hauses war aufgehalten worden, betritt nun den den Raum, bittet um Verzeihung für die Verspätung, kommentiert grummelnd die Tatsache, dass seine Schwester das Präsidium der Runde übernommen hat, ignoriert die Tatsache, dass wir beim vorletzten Wein angekommen sind und startet die Verkostung quasi erneut. Nun verkoste ich immer gerne mit den Menschen, die den Wein gemacht haben, es wird nur etwas mühsam: Arturo muss sich fortan von Cristina das Englisch korrigieren lassen, obwohl diese sich bis eben noch von ihrer Assistentin hat dolmetschen lassen. Als Gast bin ich versucht zu fragen, ob wir mal kurz rausgehen und die beiden alleine lassen sollen, damit diese ihre Differenzen klären können, aber bei 50jähriger Geschwisterhistorie könnte ‚mal kurz‘ ganz schön lange dauern.

Palazzo LanaDie drei jungen, bestens ausgebildeten Damen von der Belegschaft wirken derweil, als wünschten sie, die Erde täte sich auf, ob um sie zu verschlucken oder die kabbelnden Geschwister – wer weiß das schon. Dabei ist die Situation eher zum Schmunzeln als zum Fremdschämen. Ich konzentriere mich einfach auf den letzten Schaumwein: Palazzo Lana, benannt nach dem Gebäude, in dem wir sitzen und als 100% Pinot Noir (Blanc de Noir) eine seltene Erscheinung in der Franciacorta. Wir kriegen den 2007 Extreme ins Glas, die Dosaggio-Zero-Variante. Die Nase ist nobel, mit diesem tollen Touch ewig langen Hefelagers. Am Gaumen feinste Perlage, Pistazie, Apfel, feine Würze und dieser etwas fleischige, kräftigere Geschmack, der viele Franciacorta auszeichnet, weil ihre Trauben einfach mehr Sonne sehen als die der Champagne. Dieser Wein kostet in Deutschland 50 Euro und ist jeden Cent wert, egal wie viele Millionen Flaschen Cuvée Imperiale neben den 4200 Flaschen dieses Wundertranks durch die Hallen der Cantina Berlucchi laufen. Denn am Ende ist das hier ein Familienbetrieb, mit allen Blüten, die das so treiben kann.

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