Mirabella Franciacorta

Flummi ohne Schwefel

Es gibt wenig ungefähreres als Zeitpläne auf Weinreisen. Zu leicht verplappert man sich mit engagierten Winzern, stellt zu viele Fragen an auskunftsbereite Kellermeister oder verliert sich in Schwärmereien von tollen Weinen. Es wundert uns also nicht, reut uns allerdings ein wenig, als wir deutlich verspätet im Weingut Mirabella eintreffen, der letzten Station am zweiten Tag unserer Franciacorta-Tour unter kundiger Leitung von Jens Priewe.

Und Mirabella hat Feierabend. Eine einzelne Angestellte, eine junge Frau namens Marta, wartet auf uns und es ist nicht ganz klar, ob sie ausharrt, weil sie als Exportmanagerin das beste Englisch spricht, oder ob sie einfach das kürzeste Streichholz gezogen hat. Zementtank WeinWenn Letzteres der Fall ist, lässt sie sich jedenfalls nichts anmerken. Marta ist fröhlich, herzlich und enthusiastisch. Charmant erklärt sie uns, dass sie uns zwar alles zeigen und manches auch erklären, kaum aber technische Fragen beantworten kann. Jens Priewe atmet auf. Noch eine technische Exkursion mit önologischer Debatte hätte er nicht ertragen. ‚Ich find das großartig‘ strahlt er über das ganze Gesicht. ‚Ich mag keine technischen Touren mehr‘. Gut, wer soll dem Botschafter der Franciacorta auch noch was beibringen? Obwohl: Mirabella hat auch er noch nie besucht. Und Mirabella ist einen Besuch wert. Das sehen wir auf den ersten Blick nach betreten des Gebäudes.

Mirabella-Keller: Zement und Wasserader

Das Weingut Mirabella residiert in einem ehemaligen Genossenschaftsbau. ‚Der Hauptgrund für den Erwerb dieses Gebäudes waren diese hier‘ erläutert Martha und zeigt auf sehr alte und sehr große Zementtanks. Dann führt sie uns im Hüpfgang durch den Keller, der eine konstante Temperatur hat, weil er von einer unterirdischen Wasserader umspült wird. Der Rest ist spektakulär unspektakulär. In diesem Keller wird gearbeitet, sonst nichts.Abfüllanlage CO2 Den Blick auf die Giropaletten muss ich mir erkämpfen, indem ich ein paar Gerätschaften zur Seite schiebe und ein bisschen klettere. Einmal wird es noch besonders. Die Abfüllanlage hängt am Tropf. ‚Wir setzen hier an allen Stationen CO2 als Schutzgas ein, da wir den Einsatz von Schwefel im Wein reduzieren wollen, erklärt Marta uns beim Durchhüpfen. ‚Wir kommen gleich bei der Verkostung noch darauf zurück.‘

Die Verkostung startet konventionell mit dem Satén des Hauses. Der ist zu 100 % aus Chardonnay, wovon 10% in Barriques in Zweit-, Dritt- und Viertbelegung lag. Die Nase ist wundervoll, erinnert mit Noten von Aloe Vera ein bisschen an Riesling. In den nächsten Minuten wird mir dieser Ton noch mehrfach begegnen, es scheint das Hausbouquet zu sein Am Gaumen ist der Satèn eher straff in der Säure, frisch und fruchtig, guter Schaumwein, der aber nicht so Sáten-typisch erscheint. Beim folgenden Brut steckt 30 % Weißburgunder mit drin und Marta erklärt, dass man bei Mirabella entgegen dem Gebietstrend weiter am Weißburgunder festhalten will.Mirabela Franciacorta Elite ohne Sulfite Der Wein ist knackig, lag mehr als 3 Jahre auf der Hefe und könnte mich blind wohl trotzdem auf die falsche Fährte locken, nämlich die eines deutschen Winzersektes mit Rieslinganteil. Soweit so gewöhnlich, doch dann beginnt das Spektakel. Der wunderbar rotbeerige Rosé schmeckt nach rotem Wackelpudding (nur nicht so süß). Da würd’ ich gern drin baden. Die ‚Cuvée Demetra 2009‘ vermengt in der Nase den Hauston mit seriösem Schaumweinduft nach Brioche und Co.. Am Gaumen ein durch langes Hefelager (degorgiert 09/2015) verstärkt wirkender Holzeindruck (es waren wieder nur 10% in gebrauchten Fässern); eine extrem knackige Säure sorgt für großartige Struktur. Wunderbarer Wein und erstes Ausrufezeichen.

Elite: Erster schwefelfreier Flaschengärer Italiens

‚Wir haben ungefähr zehn Jahre daran gearbeitet einen stabilen, ungeschwefelten Franciacorta von Niveau zu erzeugen,‘ leitet Marta den nächsten Wein ein und mit Jens Priewes guter Laune ist es schlagartig vorbei. Er steht sichtlich in Opposition zu diesem ganzen Raw- und Natural-Zeugs. Und so ist sein Kommentar zum ‚Elite Extra Brut‘ denn auch ein fundamentaloppositionelles ‚Wer braucht sowas?‘Schwefelfreier Schaumwein Doch wir gehen ihm von der Fahne, widersprechen kollektiv. Priewe schmollt, wir erfreuen uns an diesem ‚Senza Solfiti‘. Sogar Niko Rechenberg, nicht gerade als Naturweinapostel bekannt, desertiert: ‚Also so mag ich ungeschwefelt sehr gerne‘. Ich auch, obwohl der Wein durchaus balsamische Noten zeigt, aber eben auch Power ohne Ende, gefüttert nicht durch Zucker – davon hat er nur 3 Gramm – sondern durch satte Frucht und eine wunderbar weinige Art, strukturiert von nerviger Säure (und mit weniger als 10 Milligramm natürlichen Schwefel unterhalb der Deklarationsgrenze).

Aber es geht noch deutlich besser, wenngleich wir erst durch ein Tal schreiten müssen. Die Riserva 2006 ohne Dosage wirkt mausetot. Wäre es nicht schon so spät, ich fragte nach einer Konterflasche, zumal die folgende Riserva 2004 viel besser ist. Die Riservas heißen albernerweise ‚Dom‘, wenngleich sie nicht mit ‚o‘ wie der berühmte Franzose, sondern mit einer Null geschrieben werden. ‚D0M‘ steht für Dosaggio Zero Mirabella. Der 2004er strahlt! Frische, knackige Säure, einerseits Zitrus und Melone, andererseits fleischig, dann mineralisch, feinste Perlage – eine Sensation, ein berührender Wein. Später am Ausgang werde ich eine Flasche davon geschenkt bekommen. Zurück in Berlin bringe ich sie als Reparaturschäumer zu einer Süßweinprobe mit und ernte Begeisterung. Der Wein ist wirklich so gut, wie er mir vor Ort gefiel.

Non Dosato 1991Mirabella Franciacorta: Noch ohne Vertrieb

Leider sind die Mirabella-Weine in Deutschland nicht erhältlich, daher hat dieser Bericht rein anekdotischen Charakter. (Update unten) Dazu passt der letzte Wein des Tages, denn Marta hat Geduld, spendiert uns noch einen Bonus Track: einen gewöhnlichen Dosaggio Zero Jahrgang 1991, aus einer Zeit, als Franciacorta noch mit 12% Alkohol entstehen konnte, degorgiert vor über 20 Jahren und seitdem im Archiv des Gutes gelagert. Der zeigt eine unfassbare Frische, Aromen von Honigwabe und Bienenwachs, ist würzig, fein, immer noch fruchtig und so gut, es ist eigentlich kaum zu fassen. Da strahlt auch Jens Priewe wieder.

Update: Leser Martin Hartweg hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass sein Unternehmen Vini del Mondo die Weine von Mirabella importiert. Er verkauft auch an Endverbraucher, allerdings nur in Originalgebinden (also eine gewisse Mindestabnahme pro Sorte). Sie können ihn unter martin(punkt)hartweg@gmx(punkt)ch oder über die Facebookseite von Vini del Mondo.

Alle Reiseberichte aus der Franciacorta:

Ca‘ del Bosco

Ricci Curbastro

Berlucchi

Villa Franciacorta

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