Der 27-Stunden-Mann

Vom technisch beeindruckenden Weingut Ca’ del Bosco führt uns unsere Tour durch die Franciacorta zu einem Betrieb, den man getrost als Gegenteil bezeichnen darf: Ricci Curbastro. Es dauert eine Weile, bis ich begreife, dass Ricci nicht der Kosename des Winzers ist, der Riccardo mit Vornamen heißt, die Familie trägt einen Doppelnamen. Unser Gastgeber hört mithin auf den klangvollen Namen Riccardo Ricci Curbastro. Wie klangvoll dieser Name im europäischen Weinbau tatsächlich ist, wird mir aber erst im Laufe dieses Nachmittags klar werden..

Auftakt unseres Besuches ist ein kleines Mittagessen. Wir speisen mit der Familie an einem langen Tisch im Obergeschoss des Wirtschaftsgebäudes, das einen Vortragssaal und einen Teil des zum Gut gehörenden Museums beherbergt. Alles ist funktional gehalten, was daran liegt, dass einiges hier stattfinden muss, was früher im in Sichtweite gelegenen Herrenhaus stattfand. ‚Ich musste mich entscheiden, Weingut oder Palazzo‘ erzählte der Hausherr. Also gehört das Wohngebäude jetzt seiner Schwester.

Franciacorta Weine Ricci CurbastroWir geniessen zwanglos: Essen, probieren, erzählen, alles auf einmal – bis das Handy von Ricci Curbastro klingelt und er nach einem Blick auf das Display um Verzeihung bittet, da müsse er kurz rangehen. Warum, verstehe ich ohne dass Ricci Curbastro auf laut stellt und ohne ein Wort Italienisch zu können – so resolut bellt ein Vorzimmerdrache durchs Telefon, sie werde jetzt mit dem Minister verbinden. Abgang des Seniors, der Junior macht mit uns weiter. Es gibt fantastische Schaumweine. Da ich dachte, wir äßen erst, liegt mein Notizbuch im Auto. Dumm gelaufen. Ich versuche mir, etwas einzuprägen, aber die positiven Eindrücke sind so zahlreich…

Fasan und Franciacorta – Volltreffer

Der Senior kommt wieder und bittet um Verzeihung. Er habe seit Tagen versucht, den Minister zu erreichen und nun hätte er die Gelegenheit beim Schopfe greifen müssen. Er sei bis vor kurzem Präsident des Verbandes der europäischen Herkunftskonsortien EFOW gewesen und nun gäbe es da ein paar Themen zu übergeben. Ich bin ehrlich beeindruckt. Ein Weingut zu führen und parallel diese Aufgabe zu übernehmen ist vermutlich ein Knochenjob. ‚Aber Präsident der Vereinigung italienischer Herkunftskonsortien bist Du immer noch, oder?‘ fragt Jens Priewe und Ricci Curbastro nickt. Von der italienischen Regierung bestellter Revisor bei der Aufarbeitung des Brunello-Skandals war er auch. Ich sitze mit einem von Italiens wichtigsten Weinbaufunktionären beim Essen, der eben gerade seinen Minister ins Bild gesetzt hat und jetzt nahtlos zum nächsten Wein übergeht, nicht ohne uns das Gefühl zu geben, dass er letzteres für bedeutend wichtiger hält.

JagdhundeWir probieren einen Ausnahmeschaumwein, den ‚Gualberto‘. Bevor wir ins Detail gehen können, serviert Frau Ricci Curbastro den Hauptgang, Fasanensalat. Der harmoniert aufs allerbeste mit dem Schaumwein. Ich tippe heimlich unter dem Tisch eine SMS an meine Frau: ‚Bin im Himmel‘. Dabei bemerke ich die beiden beeindruckenden Jagdhunde, die mucksmäuschenstill unter dem Tisch liegen. Die sind keine Zierde: ‚Ihr müsst entschuldigen‘ schmunzelt der Winzer, ‚ich habe gestern nichts anderes vor die Flinte bekommen‘. Er hat neben all der Arbeit auch noch unser Mittagessen geschossen!

Ich fange an zu glauben, dass Riccardo Ricci Curbastros Tag eine Stunde mehr hat als meiner.

Dritte Gärung – Ausnahme mit Genehmigung

‚In Deutschland nennen wir den Fasan auch Jagdpapagei‘ neckt Priewe den Mann, der wohl eine alter Bekannter für ihn ist. Das Opfer seines Spotts kontert, Italiens Jäger bezeichneten sie als fliegende Hühner. Dann deutet er auf unser Glas. ‚Dieser Franciacorta entsteht derzeit mit einer Ausnahmegenehmigung, aber ich arbeite daran, dass das Consortio die Regeln so ändert, dass wir ihn dauerhaft machen können. Ein Teil unserer Reserveweine lagert in Magnumflaschen nach einer kleinen Flaschengärung bei einem Bar Druck, was die Reife verzögert. Ein Teil des ‚Gualberto‘ hat also drei mal gegoren.’ Das sei nicht seine Idee, das habe er bei einer Betriebsbesichtigung bei Bollinger gesehen.

Gualberto FranciacortaOb er denn genügend Reserveweine für eine weitere Produktion habe, will ich von ihm wissen und er bejaht. ‚Ich habe im Jahr 2000 mit dieser Bibliothek von Reserveweinen angefangen.‘ In unserem Glas befindet sich der Gualberto Dosaggio Zero 2008. ‚Aber wenn Sie 2008 mit der Produktion angefangen haben, haben sie dann acht Jahre lang Reserveweine in Magnums gefüllt ohne zu wissen, ob sie je damit arbeiten können, weil das Consortio zustimmt?‘ will ich von ihm wissen. ‚Wine making is all about dreaming, isn’t it?‘ stellt er die Gegenfrage. Da mag ich nicht widersprechen, obwohl Ricci Curbastro damit nur teilweise Recht hat, denn es geht auch um Talent – und davon ist in diesem Hause reichlich vorhanden. Wir probieren uns durch die einfachen Weine, den Brut, den Satén, den Dosaggio Zero, alles sehr gut und alles für weniger als 20 Euro in Deutschland erhältlich. Neben jeden Wein stellt der Winzer noch einen aus der ‚MR‘-Edition. Das steht für ‚Museum Release‘ und bedeutet, dass von allen besseren Chargen der Produktion ein Teil beiseite gelegt und weitere vier bis fünf Jahre auf der Hefe liegen gelassen wird. Der Brut aus dem Jahr 2005 sowie Extra Brut und Satén aus 2006 stehen aktuell zum Verkauf – Schaumweingiganten, allesamt für unter 30 Euro.

Hefeextrakt – besser als Schwefel?

Der Name leitet sich von Ricci Curbastros privatem Museum ab, das uns umgibt. An der Wand neben mir sehe ich eine Vitrine mit höchst merkwürdigem Gerät: Landwirtschaftliche Werkzeuge, die die Menschen der Lombardei in der Not nach dem zweiten Weltkrieg aus Wehrmachtshelmen fabriziert haben. Zeugnis lombardischen Erfindungsgeistes, den wir auch im Glas haben, denn angesprochen auf die Wenig-Schwefel-Strategie von Ca’ del Bosco erzählt uns Ricci Curbastro, auch seine Schaumweine seien relativ niedrig im Schwefel, seit er Hefe-Extrakt als Schwefelersatz und Konservierungsstoff in der Versanddosage zum Einsatz brächte. Das ist zulässig, auch wenn Hefeextrakt andernorts als Geschmacksverstärker gilt.

Weingut Ricci CurbastroOb er ernsthaft Geschmacksverstärker aus der Lebensmittelindustrie verwende, wollen wir wissen und er winkt ab. ‚Ich kann das kaufen, aber dann weiß ich nicht genau, was drin ist. Also haben wir angefangen, das selber herzustellen. Alles was Sie brauchen ist die Hefe aus der ersten Gärung, einen Tank mit Rührwerk und eine bisschen Zeit‘. Mehr Zeit hätte ich gerne auf den nächsten Wein verwandt, denn Rotwein gelingt hier auch ein sehr guter, 2008er Pinot Nero für 15 Euro, der nach mindesten 30 schmeckt. Und dann das große Finale: Zum lombardischen Käse, der unser leichtes Mal beschließt, serviert Ricci Curbastro einen süßen Chardonnay, einen Passito. ‚Meine Oma war die letzte, die in der Franciacorta Passito gemacht hat. Mein Vater hat das dann aufgegeben. Ich habe den als junger Mann immer so geliebt, dass ich jetzt den entsprechenden Teil des Dachbodens, auf dem die Trauben getrocknet wurden, wieder frei geräumt habe.‘ Und so entsteht hier einer von zwei Chardonnay Passito Sebino der Franciacorta. Die anderen, die wieder damit angefangen haben, sind Mosnel.

Zwischen zwei Sitzungen in Rom und Brüssel noch schnell das Rührwerk checken und den Dachboden aufräumen, bevor er auf die Jagd geht und das Mittagessen schießt. Vielleicht hat Ricci Curbastros Tag auch zwei Stunden mehr als meiner.

Weingut Ricci Curbastro – zugiger Keller

Wir vertreten uns die Beine, besichtigen den Keller, der zu einem guten Teil überirdisch liegt und nach Norden zum Weinberg hin offen ist. ‚Die erste Gärung spielt bei uns keine so große Rolle, das findet alles hier oben statt und wird durch Fallwinde von Hang her gekühlt. Wenn die Temperatur steigt, sind die Tanks längst leer, die Weine entweder zur zweiten Gärung in der Flasche, oder unten in der Reservebibliothek und im Holzfasskeller.‘ In einem dieser Kellerräume hängt ein Schild mit einem Namen und Jahreszahlen. Ob hier jemand verunglückt sei, will einer meiner Mitstreiter wissen. ‚Nein, das war ein Arbeiter, der leider kurz nach seinem Ruhestand verstorben ist. Ich habe vor einiger Zeit angefangen, die wesentlichen Räume des Kellers nach verdienten Mitarbeitern zu benennen.‘ Im nächsten Raum hängt eine sehr ähnliche Tafel. ‚Das war der Sohn‘ erklärt Ricci Curbastro, ‚da hinten ist auch noch ein Raum nach dem Enkel benannt, wir pflegen eine sehr innige Beziehung zu unseren Mitarbeitern, da kommt die nächste Generation dann gerne hier in die Lehre‘. Wenn man einen Nachmittag mit diesem herzlichen Menschen verbringt, bezweifelt man das keine Sekunde.

Riccardo Ricci CurbastroEinen Abstecher machen wir noch, in das Landwirtschafts- und Weinbaumuseum. Ricci Curbastro führt uns zu den Highlights und erläutert kurzweilig die Funktion manch seltsamen Geräts. Dann drängt unser Fahrer zum Aufbruch, eine weitere Verkostung wartet.

Da steht er, der Mann, der Italiens Weinbau politisches Gewicht verleiht, den Stil der Franciacorta weiterentwickelt, seinen Gästen das Mittagessen jagt, Schwefelalternativen erforscht, und den Passito rettet, ein Museum betreibt und dabei seinen Angestellten ein so guter Chef ist, dass sie dem Weingut über Generationen die Treue halten – und hat alle Zeit der Welt uns zu verabschieden. Ob wir noch Fragen hätten, will er wissen. Ja, eine: Wie sind denn die Öffnungszeiten des Museums? ‚Ach‘, entgegnet er, ‚wir sind eigentlich immer da, aber wir freuen uns über eine telefonische Voranmeldung.‘

Vielleicht hat sein Tag auch… Lassen wir das.

Museum im Weingut Ricci Curbastro. Geöffnet täglich von 0-27 Uhr…

 

Alle Reiseberichte aus der Franciacorta:

Ca‘ del Bosco
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