Bordeaux Probe 2022

Bordeaux 2022 – kleine Bestandsaufnahme

Bevor sich die Weine verpuppen, wollten wir einigen Boliden des Jahrtausendjahrgangs wenigstens mal unter die Motorhaube schauen. Es war spaßig und manchmal etwas irritierend.

Wir haben Weine aus Bordeaux aus dem hoch gelobten Jahrgang 2022 probiert. Das war natürlich das, was in der Weinwelt gemeinhin als ‚Babymord‘ bezeichnet wird. Aber in den letzten 20 Jahren hat sich die ‚hedonistische Phase‘, also jener Zeitraum nach der Füllung, indem sich die Weine überschwänglich und zugänglich präsentieren (wenngleich von extrem festem Tannin eingehegt), regelmäßig ziemlich lang gezogen, zumindest bei den reichen und warmen Jahrgängen. Das bestätigte sich auch im Laufe unserer Probe. Viele Weine ließen tief blicken, nur wenige wirkten verschlossen.

Die Weine kamen blind in Zweierflights ins Glas. Sie waren im Durchschnitt zwölf Stunden vorher doppelt dekantiert und am Ende war ausreichend für weitere Nachproben übrig. Die Auflösung erfolgte nach jedem Fligh. Da ich aber eh nicht wusste, was alles am Start sein würde, hatte das keinen Einfluss auf mich. Zudem kann ich nur entweder die Güte evaluieren und Verkostungsnotizen festhalten oder versuchen, Anbaugebiete oder Chateaus zu erraten.

Flight 1
Les Carmes Haut Brion und Smith Haut Lafite

Les Carmes Haut-Brion. In der Nase schönes Holz, etwas Stall, nur wenig Frucht, leicht hitzig und gekocht. Am Gaumen sehr viel Frucht, satt beerig, durchaus strahlend und dann kommt sehr viel dunkler Wald und auch eine balsamische Note in der Frucht. Die ist heftig gekocht auf den zweiten Blick und kratzt stark an der Attraktivität des Weins. Das sehr feine Tannin kann das ganze ein bisschen aufpolieren. Während die Weine überwiegend unterschiedlich wahrgenommen wurden, herrschte hier Einigkeit und riesiges Rätselraten, woher die 100-Punkte-Wertungen für diesen Wein kommen.

Smith Haut Lafite. Völlig andere Nase, ziemlich grün, dann viel sehr schönes, leicht röstiges Holz. Am Gaumen mag ich das viel lieber, die Frucht ist etwas untergetaucht, aber nicht belegt, die Säure ist so lebendig, viel mehr Klarheit, auch nicht so dick und druckvoll. Ist noch nicht elegant, weil das Tannin zu hart ist, aber da deutet sich sehr viel an. Ich finde den richtig stark.

Flight 2
Canon und Beauséjour

Canon. Verhaltene, aber sehr ausgewogene Nase, sehr schön – nur einfach leise. Am Gaumen harmonischer Start, dann kommt eine ziemliche Latte-Macchiato-Keule. Die Frucht ist sehr schön, nicht strahlend, aber wie strahlt Pflaume? Da sehe ich keinen Grund zur Skepsis. Leicht cremige Textur, tolle Säure. Besonders schön, aber es dürfte etwas mehr Gerbstoff spürbar sein. Eigentlich geht Gerbstoff ja nicht auf Tauchstation, andererseits kann das cremige Mundgefühl jetzt als Puffer wirken und mit reife klarer werden. Alles gut.

Beauséjour (DL). Hier kommt die Keule als Kokos, aber die Frucht strahlt besonders schön, die Textur ist etwas saftiger, das Tannin ist besonders fein, leicht ledrige Aromatik, etwas straighter und mehr Zug. Noch etwas toller. Der Flight ging in der abschließenden Diskussion ein bisschen unter, wohl weil hier eine Mischung aus noch dominanten Holzaromen den Augenblick bestimmt, während alle Anlagen die Erwartungen an die Weine lässig erfüllen.

Flight 3
Figeac und Troplong Mondot

Figeac. Der ist erst ziemlich zu und abgetaucht mit ganz viel Holz/Kaffee/Kokos, schwenkt sich aber frei: die Frucht schält sich heraus und strahlt leicht kirschig, viel Struktur, wird dann auch saftig. Ganz wunderbares Tannin, viel andeutend und in der Nachprobe noch mehr offenbarend. Jep, das wird den Lorbeeren gerecht.

Troplong Mondot. Hat eine leicht blaubeerige Hitzenote, die mich nicht abholt. Andererseits: Flo lobt die kühle Anmutung, Sascha die Eleganz – ich stehe also vermutlich etwas auf dem Schlauch. Nachverkosten! notiere ich mir und stelle später fest, dass ich dieser Aromatik misstrauisch gegenüberstehe.

Flight 4
Conseillante und Pichon Comtesse

La Conseillante. Die Nase ist ziemlich grün, der Gaumen ist in der Frucht deutlich überreif und dann kommt massiv Holz, dazu schon leicht balsamische Noten. Die Aromatik wirkt auf mich schon deutlich von ersten Reifenoten geprägt, wofür der Wein ein bisschen jung ist. Nicht nur bei diesem Wein muss ich an manch hoch gelobten 2005er denken, denen man ewiges Leben voraussagte, was sich als maßlose Übertreibung entpuppte. Ich würde nicht auf eine große Zukunft wetten. Aber jetzt ein Glas trinken? Unbedingt!

Pichon Comtesse. Ich wusste, es gibt keine Piraten, sonst hätte ich hier auf einen Lala getippt (Lalande ist damit nicht gemeint). Straighter als der Wein im Nachbarglas, aber schokoladig, viel schönes Holz, dunkel, Syrah ohne Pfeffer. Ich finde das großartig, aber lasst uns bitte nicht über Typizität streiten.

Flight 5
Pontet-Canet und Leoville Barton

Pontet Canet. Die Nase ist leicht parfümiert, dazu etwas Marzipan, etwas ledrig, am Gaumen fleischig, würziger Biss, richtig maskuliner Punch und doch eher elegant und gar nicht so laut. Das ist eigentlich das, was Bordeaux groß macht. Für mich der bisher beste. Aber dann: Die Weine wurden bei 16 Grad eingeschenkt. Schwenkt man den Wein ein wenig, (und noch mehr in der Nachprobe) gibt es auch Momente, in denen sich die 14,5 Prozent Alkohol offenbaren. Es gab entsprechend auch andere Meinungen zu dem Wein.

Léoville Barton. Etwas weicher im Antrunk, aber ebenfalls noch gut strukturiert. Die Frucht hat einen Hauch Erdbeere, ist extrem süß, sehr klar und lang, dann kommt eine leicht erdige Aromenwelt, viel schönes Tannin. Das ist eine wunderbare Gaumenreise und ganz großer Sport.

Flight 6
Montrose und Leoville Las Cases

Léoville Las Cases. Auch wieder eine eher warme Frucht in der Nase, am Gaumen strahlend, aber nicht gerade kühle Eleganz, eher warme Fröhlichkeit. Ein bisschen Bleistift, sehr viel Latte Macchiato – extrem viel, was den Abgang sehr dominiert. Tolles, feines Tannin. Viel Vergnügen, aber echte Größe? Ich weiß es nicht, denn der Wein scheint auf dem Weg in den Winterschlaf.

Montrose. Das Bessere ist des Guten Feind. Hier finde ich bei einer ähnlich kirschig-beerigen Aromenausprägung etwas Eukalyptos und kühle Eleganz, auch etwas mehr Säure (?), das Holz ist viel weniger aufdringlich. Das ist jetzt purer Hedonismus und gleichzeitig ein solches Versprechen auf die Zukunft. Hammer. Auch nach ausführlichstem Nachprobieren (Hicks) mein Wein des Abends.

Flight 7
Cheval Blanc und Vieux Chat. Certan

Vieux Ch. Certan. Minimal Tomatengrün in der Nase und das ist sehr hübsch, dazu rote Frucht. Der Gaumen ist unfassbar: Diese strahlende Frucht, rot und schwarz, so balanciert, die Säure passt, das Tannin ist feinst, natürlich aktuell noch ein bisschen viel, aber das stört die Balance nicht. Ein bisschen dunkler Wald, dazu die ganze Zeit dieses Strahlen. Rückt Montrose auf die Pelle.

Cheval Blanc. Etwas dunklere, waldige Nase, der ganze Gaumen ist rauchig-würzig, dunkle Anmutung, aber das singt trotzdem, die Aromen wirken nicht belegt. Feine Säure, rauchiges Holz ohne Süße, torfig, leicht verschlossen, mehr für die Zukunft gebaut. Wie der Wein im Nachbarglas auch: Präsenz ohne Druck. Was für ein Flight.

Flight 8
Lafite und Mouton

Lafite Rothschild. Alles drin und dran, schöne Frucht, feines Tannin, etwas Milchkaffee, im Kontext eher normal (auf allerhöchstem Niveau), nach hinten raus recht viel Holz. Vielleicht schon ein wenig verschlossen, obwohl man das nicht als Universalausrede anwenden sollte. Einfach ein sehr guter Wein in einem Feld von Überweinen (im Flight zuvor und im Nachbarglas)

Mouton Rothschild. In der Nase angenehm animalisch (nur ein Hauch), leicht cremige Textur, ultrafeines Tannin, bei den Fruchtaromen dominiert der Cabernet, leicht fleischig, sehr voll (im Sinne von Substanz für ein langes Leben). Ganz stark.

Flight 9
Poujeaux und Lafleur

Poujeaux. Erstmals etwas Himbeere, was untypisch ist, aber toll. Ein Hauch Schokolade. Tolle Säure. Sehr viel Tannin, das (allgemeine Einigkeit) das gröbste des Abends, aber noch fein ist. Vermittelt Spannung und hat Klasse.

Lafleur. Wieder eher blaubeerig/hitzig in der Aromatik, aber durch das harte Tannin im Nachbarglas deutlich filigraner und eleganter wirkend. Ich bin da nicht so optimistisch, was die Entwicklung angeht, aber das ist immer noch ein sehr starker Wein. Der Flight kann aber nicht mit dem davor mithalten.

PLV wird nicht überbewertet

Der letzte Flight gab Anlass zu Diskussionen, hielt da doch ein Wein auf Augenhöhe mit seinem 33 mal teureren Glasnachbarn mit. Das klingt spektakulär, aber im Grunde wissen wir doch alle, dass kein Tausend-Euro-Wein ein Vergnügen bereitet, das es nicht auch ein paar Nummern günstiger gibt. Zudem finde ich das hier den falschen Blickwinkel, weil Poujeaux genau da den immer noch guten, am Ende aber schwächsten Eindruck des Abends hinterließ, wo Geld im Spiel ist: bei Holz und Tannin. Dass er fast so gut wie Lafleur war, lag vor allem daran, dass Lafleur nicht so gut war, wie die Primeurbewertungen hoffen machten.

93 bis 95 Punkte (meine Wertung, wenn ich unbedingt punkten müsste) für Poujeaux ist toll, ein Schnäppchen und der Grund, Bordeaux nicht aufzugeben. Aber eigentlich schafft dieses besondere Chateau das in jedem Jahrgang. Die wahre Sensation ist dann schon eher Léoville-Barton, der wohl einstimmig deutlich besser als Lafleur abschnitt und ein Achtel kostet. Oder Montrose, der immer noch deutlich günstiger als Figeac, Lafite, Mouton und Co ist, aber ihnen hier die Rücklichter zeigte und den Eindruck erweckte, dass er die Anlagen hat, auch in 20 Jahren wenigstens noch mit um den Titel zu kämpfen.

Bordeaux 2022 – ein spannendes Jahr

Was den Jahrgang angeht, offenbarte die Probe, dass wir uns (mal wieder) nicht so sicher sein sollten. Die warmen Jahre maskieren ihre teils anstrengende Überreife anscheinend während des Ausbaus. Ich kann da nur raten, weil ich nie zur Primeur-Kampagne in Bordeaux war. Aber das niemand die hitzigen, teils gekochten und balsamischen Noten in den Erstnotizen erwähnte, lag vermutlich daran, dass sie nicht da waren. Sind schließlich nicht alles Blinzen, die da hinfahren und verkosten. Jetzt sind sie allerdings nicht zu übersehen. Und einiges aus 2005, 2009 oder 2010 hat sich nach früher Zurschaustellung solcher Noten nicht so toll entwickelt.

Aber bevor hier der Eindruck entsteht, es sei nur verhaltene Begeisterung aufgekommen: Das war eine spektakuläre Probe mit einem Dutzend Weinen, die in so gut wie jedem anderen Probenfeld alles überstrahlt hätten. SHL, Flight 2, Figeac, Flight 5, Montrose, Flight 7 & 8 – da waren 11 Weine am Start, die in der Reife zwischen 96 und 100 Punkten spielen werden. Das habe ich noch nicht so oft in einer Probe gehabt.

Ein Dank dem großzügigen Gastgeber und dem effektiven Herbergsvater Zeremonienmeister für diesen grandiosen Abend.

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