Schammes für dreifuffzich

Ich war im Urlaub. Deswegen gab es eine Weile keinen neuen Artikel. Ich wollte einmal Pause machen vom Bloggen und den täglichen Social Media Diskussionen. Keine künstliche Askese, ich habe gelegentlich bei Facebook hineingeschaut, die Frequenz war nur sehr bescheiden. Eine Diskussion in meiner Lieblingsfacebookgruppe ,Hauptsache Wein‘ habe ich am Rande mitbekommen: die handelte davon, dass Spaniens Weinwirtschaft in der Krise (vorsichtig ausgedrückt) steckt. Daran musste ich denken, als ich mir Wein kaufte, denn Spanien war mein Aufenthaltsort in diesem Urlaub.

Spaniens Weinwirtschaft wurde Opfer einer kollabierenden Inlandsnachfrage. Das zu diagnostizieren, bedarf es keines Sachverstandes. Man muss nur hinfahren. In diesem Land gibt es viel zu sehen, nur eines nicht: Wein trinkende Einheimische. In den Tapas-Bars von Sevilla oder den Cervecerias von Malaga, der Spanier trinkt mit einer Regelmäßigkeit Bier, dass man meint, sie wollen die im Fußball drohende Entthronung durch die Deutschen damit kontern, uns beim Bierkonsum von der Weltspitze zu verdrängen.

Viel hört man von den Vorteilen, die der Verbraucher aus dieser Krise ziehen kann: spanische Rotweine sind vergleichsweise günstig und oftmals ausgesprochen gut. Die Vielzahl mit branchenfremdem Kapital hochgezüchteter oder neu gegründeter Spitzenweingüter soll zu einem derartigen Überangebot an Klasseweinen geführt haben, dass Schnäppchen an jeder Ecke lauern. Das nützt mir als passioniertem Weißweintrinker sehr wenig. Bei den Weißen ist die Inlandsnachfrage nach Spitzenweinen auf Null gesunken. Trotz mehrfacher Besuche in lokalen Weinhandlungen bin ich einem spanischen Spitzenweißen nicht einmal nahe gekommen. Im Millionärsquartier Sotogrande gibt es einen Supermarkt, der Vega Sicilia Unico in mehreren Jahrgängen führt, dazu seltenste Gran Reserva aus berühmten Häusern – spanischer Weißwein hört dort bei 15€ auf, teureres gibt‘s nur aus dem Burgund. Die gehobenen Weißen zwischen zehn und fünfzehn Euro, die ich in drei Wochen Spanien probierte, konnten mich allesamt nicht begeistern.

Mein UrlaubspricklerEin weißes Schnäppchen ist mir aber noch begegnet: im Supermarkt lachte mich ein Cava an: Champagner-Verfahren, Jahrgang und ohne Dosage. Produzent Jaume Serra ist im absoluten Billigsegment aktiv, seine Jahrgangscavas erreichen aber immerhin gelegentlich zweistellige Regionen. Dieser hier kostete €3,45 – was vermutlich auch der Krise geschuldet ist.

Cabré & Sabaté (Jaume Serra), Brut Nature Vintage, 2009, Spanien. In der Nase typische Düfte von Brioche, Apfel und Zitrus, dazu etwas verbranntest Gummi. Am Gaumen ist der Cava furztrocken und sehr frisch. Zitrusnoten und Buttertoast sind die dominierenden Aromen, mittlere Perlage paart sich mit feinem Spiel. Der sehr lange Abgang ist fein und fruchtig. Das schmeckt nach erheblich mehr als es kostet und macht mir richtig Spass.

Gran Reserva

Carsten Sebastian Henn, stellvertretender Chefredakteur des Gault Millau, hat einen neuen Krimi geschrieben, einen Weinkrimi. Weinkrimis machen mir Angst, wie alle Themenkrimis (Golfkrimis, Kochkrimis etc.). Zu häufig erhoffen sich schwache Krimiautoren, dass sie nur die Hobby-Neigungen einer Zielgruppe in ihren Plot einbauen müssten, dann verzeihe ihnen die entzückte Hobbyistenschar dramaturgische Defizite. Dazu verkaufen sich solche Bücher prima als Geschenk, weil Weinfreunde (Golfspieler, Hobbyköche) meist als solche bekannt sind und Freunde diese Art von Krimi als ideales Geschenk betrachten.

Ich hatte also Manschetten, als ich ,Gran Reserva‘, so heißt Henns neuestes Werk, in Händen hielt. Sein Verlag Piper hatte mich freundlicherweise bemustert. Glücklicherweise ist Henn ein Krimiautor mit Weinfimmel, kein Weinautor, der zur Aufbesserung der Urlaubskasse schlechte Krimis schreibt. Die Handlung lebt nicht in erster Linie von Wein oder Geschichten rund um seine Produktion.

Die Story: Max ist Fotograf, erfolgreich aber gelangweilt, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und fest entschlossen, aus seinem Alltag auszubrechen. Er verlässt seine Heimatstadt Köln in Richtung Rioja, um bei einem alten Studienfreund unterzuschlüpfen. Dort angekommen trinkt er Wein, besucht die Bodegas Faustino, verliebt sich, stolpert zufällig über eine Leiche, hilft bei deren Beseitigung, trinkt mehr Wein, übersteht allerlei Irrungen und Wirrungen, trinkt noch mehr Wein, findet eine weitere Leiche, trinkt sehr viel Wein und sieht am Ende doch erstaunlich klar.
Wie bei jedem guten Krimi schadet es nur, vorher zu viel über die Handlung zu wissen. Also konzentrieren wir uns auf die wesentlichen Fragen:

Ist das Buch spannend?
Durchaus. Es erzeugt vielleicht nicht die Art von Spannung, die einen vor dem Schlafengehen nachschauen lässt, ob die Haustür verschlossen ist, aber es ist ja auch ein klassischer Krimi, kein Thriller. Bis spät in die Nacht lesen will man allemal.

Sind die Charaktere gut gezeichnet?
Unbedingt. Bei den handelnden Personen kommt Henns Buch nicht ohne Klischees aus. Das stört aber nicht, denn es sind fröhliche Klischees: der Spanier ist ein Womanizer und Chaot, der Amerikaner bemisst den Wein in Dollar und Punkten, der alte Mann ist sentimental, die Frau emanzipiert und feurig, der Protagonist auf Sinnsuche.

Liest sich der Krimi flüssig?
Definitiv. Henn hat einen ausgesprochen angenehmen und gut zu lesenden Schreibstil: Klare Sprache, kurze Sätze, eine Portion Humor und Distanz zu seinen Helden. Beschreibungen von Land, Leuten und Weinen erzeugen Atmosphäre, ohne den Erzählfluss ins Stocken zu bringen.

Geht‘s denn arg viel um Wein?
Entwarnung. Jedem Kapitel ist ein kleiner Exkurs vorangestellt, der einen historischen Jahrgang der Rioja beschreibt. Der Bezug zur Handlung ist nicht ersichtlich aber die Zeit, die das Lesen in Anspruch nimmt, ist überschaubar. Der Rest des Textes kann des Autors Liebe zum Wein nicht verhehlen, so weinlastig, dass es nervt, wird es aber nie.

Wie schaut‘s mit dem Ende aus?
Durchwachsen. Die Königsdisziplin – Henn meistert sie, wenngleich nicht mit Bravour. Seine Herangehensweise ist Old School, Hommage an die British Crime Ladies, denn in der Schlussszene finden sich alle im Laufe der Handlung aufgetauchten Charaktere überraschend an einem Ort ein. Der Showdown erinnert derart an Agatha Christie oder Dorothy Sayers, dass ich dachte, jeden Moment kämen Hercule Poirot und Lord Peter Wimsey Arm in Arm hinter den Barriquefässern der Bodega hervor.  Die Handlung erfährt eine bodenständige Auflösung.

Bleiben Fragen offen?
Eine. Warum heißt es die Rioja? Genus feminin bei Landschaften ist so selten. Ich hatte mir erhofft, aus diesem Buch zu lernen, warum die Rioja weiblich ist. Die Herkunft (Rio Oja) wird zwar erklärt, aber das steht auch in Wikipedia

Da liegt zusammen, was zusammen gehört.Und was trinkt man dazu?
Rioja natürlich. Am besten Gran Reserva. Wenn man so was nicht hat, entweder eine Nummer kleiner oder größer. Ich hatte noch einen neumodischen Angeberwein aus der Rioja im Keller. Die Notiz ist etwas verkürzt, ich habe mich schließlich auf das Buch konzentriert.
Telmo Rodriguez, Altos de Lanzaga, 2003, Rioja, Spanien. In der Nase edel: der Wein riecht nach Kirsche, Zigarrenkiste, Alkohol und Lakritz. Am Gaumen begeistert er mit toller Struktur und herrlichen Aromen: Holz, Schokolade und Kirsche (und ja, das erinnert sehr an Mon Chéri), sehr feines Tannin, kräftige Säure (trotz des heißen Jahres). Der Abgang währt ewig. Ich bin hin und weg: wahnsinnig guter Wein!

Neben unterhaltsamer Lektüre war Henns Buch auch rechtzeitiger Anlass diesen Wein zu trinken, der wunderbar gereift und vielleicht jetzt auf dem Höhepunkt ist. ,Gran Reserva‘ hat sich also doppelt gelohnt.

Carsten Sebastian Henn, Gran Reserva, Piper, 2012, Deutschland. Im Antrunk feine Noten von Mord und Totschlag. Der komplexe Mittelbau ist voluminös, ohne fett zu sein, glänzt mit straffer Federführung und einem bunten Strauß an falschen Fährten. Der Abgang ist im besten Sinne klassisch, wenngleich den Fan rasanter Action die zarten Noten von Talkumpuder stören könnte – mich nicht, ich fand ihn lecker.

Simple Genüsse (3) – Olé!

Mein (Wein-)Leben besteht nicht nur aus Großen Gewächsen sondern auch aus Alltagsweinen. Einige davon sind erwähnenswert, über andere decke ich den Mantel des Schweigens. Hier ein paar Kurznotizen zu Weinen, die ich jüngst getrunken und auf die eine oder andere Weise für besonders befunden habe. Dieses Mal stammen alle drei aus Spanien.

Descendientes de J. Palacios, Petalos, 2008 DO Bierzo, Spanien. In der Nase Blaubeere, Brombeere und eine grüne Note (an Tomatenpflanzen erinnernd). Am Gaumen zeigt der Wein mittleres Volumen, recht sperriges Tannin, das sich mit etwas Belüftung zähmen lässt, schöne Blaubeerfrucht und eine leichte Mineralik. 14% Alkohol und der Barrique-Ausbau integrieren sich sehr gut. Als Essensbegleiter glänzt der Tinto Mencia (so der Name der Rebsorte, aus der der Petalos gekeltert wird), weil er zwar wuchtig aber nicht überkonzentriert wirkt. Ein wundervoller Rotwein, den diverse Weinführer, wie ich finde zu Recht, regelmäßig mit Punkten überschütten.

Casa de Mein, Viña Mein, 2008, Ribeiro, Spanien. Die im Barrique vergorene Cuvèe aus fünf autochtonen Rebsorten erinnert mich in der Nase an Chardonnay (wenngleich ich alles andere als ein Chardonnay-Experte bin): Florale Noten, Birne, Molke, Toast und Holz. Am Gaumen ist der Wein stark vom Barrique-Ausbau geprägt, ohne überholzt zu sein. Weich, schmelzig, buttrig und mit Aromen von Pistazie und Aprikose, schmeichelt der sehr trockene Wein mit nur 12% Alkohol. Sehr langer Abgang. Das ist ein Wein mit dem gewissen etwas, das bei mir den 90-Punkte-Reflex auslöst.

Finca Museum, Museum Real Reserva, 2004, DO Cigales, Spanien. In Sevilla für 35€ auf der Speisekarte eines ordentlichen Restaurants gefunden, einen Abend mit meiner besseren Hälfte dran festgehalten und nebenbei im Kopf ein paar Notizen formuliert (ich erwähnte schon mal, dass meine Frau sehr tolerant mit meinem Weinfimmel umgeht?). Der Wein riecht nach Kirsche und Marzipan, am Gaumen sehr schön strukturiert, 14% Alkohol, Tannin und Holzausbau sind gut integriert, Kirscharoma auch hier, gepaart mit Pflaume. Leicht mineralisch im langen Abgang, sehr weich trotz spürbarer Säure. Dieser Tinta del Pais, wie der Tempranillo in Cigales heißt, braucht sich vor der Konkurrenz aus den bekannteren Gebieten Spaniens nicht zu verstecken. Klassewein, wenngleich ich als Nebenberufsöko das massive, metallene Etikett eine echte Umweltsünde finde.

Der Chauvi in mir

Kein Blogpost hat mich je so viel Zeit gekostet, wie der folgende. Dabei war es nicht der hier zu lesende Text, der den Aufwand verursachte, der war in 15 Minuten fertig. Es gab etliche Vorgängerversionen, die ich allesamt wieder verwarf. Einige waren durchaus komisch, aber sie hätten mich wohl auf einen Schlag alle meine weiblichen Leser gekostet. Denn es geht um eine Frau Namens Waltraud, die große Liebe und unpassende Hitzenoten. Seitdem ich diesem Wein einen Text zu widmen versuchte, weiß ich: Ich kann auch zotig. Aber das wird nie an die Öffentlichkeit dringen. Stattdessen versuche ich es einfach mal mit den Fakten:

Miguel Torres produziert auf 640 Hektar in Spanien und Südamerika Massen von Wein – vom Massen- bis zum Spitzenwein. Herr Torres ist mit einer Deutschen verheiratet, die auf den Vornamen Waltraud hört. Seiner Ehefrau zu Ehren hat Torres im Anbaugebiet Penedès eine Anlage mit Riesling bestockt und dem daraus produzierten Wein ihren Namen gegeben. Dieser Riesling hat viele gute Anlagen, zeigt aber in beiden von mir getrunkenen Versionen (2007 und 2009) deutliche Hitzenoten, wie man sie von Rieslingen aus dem Jahr 2003 in Deutschland oder relativ regelmäßig aus Westaustralischen Rieslingen kennt.

Ich wünsche Herrn Torres, dass Frau Torres eine tolerante Weinliebhaberin ist, sonst könnte sie die Frage stellen, was das denn für ein Liebesbeweis sei, einen Haufen Reben aus ihrer Heimat an einen ungeeigneten Ort zu pflanzen. Andererseits ist das eine sehr deutsche Sichtweise, denn Waltrauds spezielle Note ist international durchaus konsensfähig, australische Rieslinge erfreuen sich zum Beispiel in der angelsächsischen Welt großer Beliebtheit. Schmeckt halt nur nicht nach Rheingau oder so…

Miguel Torres, ‚Waltraud‘, Riesling, 2009, Penedès, Spanien. In der Nase Aprikose, Apfel, Mirabelle und Aloe Vera. Am Gaumen wirkt der Wein relativ reif. Die Säure ist präsent aber nicht sehr akzentuiert, der Restzucker spürbar, der Wein wirkt harmonisch wenngleich nicht ganz trocken. Neben rieslingtypischer Aprikose und Apfel sowie einer leichten Mineralik zeigt der Wein auch Hitzenoten (die manch Internetautor mit verbranntem Gummi assoziiert, was ich sehr passend finde). 13% Alkohol sind ordentliche integriert, der Abgang lang und der spanische Riesling insgesamt ziemlich gut.

Nur vom Feinsten

Wenn ich mit interessierten Deutschen über Wein rede, was ich eigentlich ganz gerne tue, kriege ich eine Ahnung, was Churchill einst bewogen haben mag, über uns zu sagen, man habe die Hunnen entweder zu Füßen oder am Hals. Auf der einen Seite findet man eine aufrecht stehende Rieslingfraktion, die bei der Diskussion der auch von mir geschätzten Moselchen nicht selten am deutschen Wesen die Welt genesen lassen will. Auf der anderen Seite hört man reichlich Heulen und Zähneklappern, dass Deutschland keine Weinkultur habe, schlimme Massenweine produziere, mit denen der Ruf aller deutscher Tropfen im Ausland ramponiert werde, Aldi seinen größten Weinhändler nennen müsse und mit einer Bevölkerung geschlagen sei, die im Durchschnitt gerade einmal Zweieuronochwas für seine Weine ausgebe.

Ich bin in letzter Zeit mehrfach in spanischen Supermärkten gewesen. Vom Discounter bis zum SB Warenhaus war alles dabei. Besonders beeindruckend fand ich die Weinabteilung der Kette ‚Mercadona‘ – die man nicht zu den Billigheimern zählen, sondern eher als spanische Ausgabe von Rewe betrachten sollte. Sechs vierstöckige Regalmeter mit spanischen Weinen unter zwei Euro! Palettenweise 2-Liter-Flaschen Rotwein zu 1,99 Euro. Während es beim Rotwein noch ein paar einschlägige Massenriojas (Faustino) bis sechs Euro und sogar einen Gran Reserva für zehn gab, endete die Preisspirale beim Weißwein bei 3,50 Euro. Ich entschied mich zähneknirschend für den teuersten weißen.

Wir müssen uns nicht schämen. Ich möchte wetten, die Spanier geben im Schnitt noch weniger für Wein aus als die Deutschen.

Blanc Pescador, Vino de Aguja, ohne Jahrgang, Perlwein, Spanien. In der Nase sehr zurückhaltend, die Cuvée aus Macabeo (60%), Parellada (20%) und Xarel·lo (20%) riecht ein bisschen nach Apfel und Birne. Am Gaumen spärliche Perlage aus einer zweiten Gärung, weniger als ein Prosecco aber doch deutlich mehr als ein frisch gefüllter Stillwein mit viel Gährkohlensäure. Die winzigen Bläschen verleihen dem Wein eine cremige Textur, es dominieren Kernobstaromen. Etwas kräutrig ist der ansonsten vor allem frische Wein – ein leckerer Aperitif auch für hohe Temperaturen, denn bei nur 11,5% Alkohol gehen nicht schon nach einem Glas die Lampen an. Der Abgang ist relativ lang und fruchtig. Sehr ordentlich (der Rosé ist noch ein bisschen besser).