Malaga Mountain Wines

Chateau Industriegebiet

Eigentlich ist im Urlaub ja ein bisschen Weinpause, doch zum Glück habe ich eine Ausnahme gemacht. Es wurde ein denkwürdiger Weingutsbesuch.

Mein Sommerdomizil im andalusischen Sotogrande ist in Sachen Wein eher uninteressant. Zugegeben: Ronda mit seinen immer besser werdenden Rotweinen liegt Luftlinie 50 Kilometer entfernt – ‚immer besser werdend’ heißt aber noch lange nicht großartig. Also mache ich sommers Pause, was das Investigative angeht (Genuss hat Konjunktur). Gleichzeitig nehme ich mir seit Jahren vor, endlich Thomas vom wunderbaren Blog ‚Spaniens Weinwelten’ persönlich zu treffen. Der lebt zwar von Malaga aus ungefähr so weit nordöstlich landeinwärts wie ich südöstlich die Küste runter, aber eigentlich ist das doch ein Klacks. Der Klacks war nur immer etwas zu groß. Also schlug er dieses Jahr vor, sich in der Mitte zu treffen. Prima, dachte ich, gehen wir in Malaga ein paar Tapas essen. Doch Thomas schickte mir als Treffpunkt ein Weingut, keine drei Kilometer vom Flughafen entfernt. Nachdem ich Podcastpartner Sascha an eben jenem abgesetzt hatte, machte ich mich also auf meine kurze Anfahrt ums Rollfeld rum.

Weingut hinterm Rolltor

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich blind auf’s Navi verlassen. Als es zwischen der 40.000 Quadratmeter Logistikhalle, dem Autoschrauber mit Luxuskarossenfriedhof und ‚Irgendwas mit Elektroinstallation’ hieß: ‚Sie haben Ihr Ziel erreicht!‘ war ich entsprechend sicher: das mit Thomas klappt in diesem Leben nicht mehr. Doch dann entdeckte ich ein kleines Weingutsschild an einem Rolltor und während ich dem freundlichen Autoschrauber mit Händen und Füßen erklärte, dass mein Auto wirklich kein Chiptuning braucht, kam auch Thomas fröhlich winkend um die Ecke. Wir klingelten und es öffnete sich eine Tür in eine neue Welt. Der Begriff ‚Garagenweingut‘ hat seit letztem Montag eine völlig neue Bedeutung für mich.

Weingut Victoria Ordoñez

Wir trafen Victoria Ordoñez. Eine spanische Lady, die in die dritte Generation einer Dynastie von Weinhändlern, -exporteuren und Produzenten mit Sitz im Zentrum Malagas geboren wurde (die Frage nach dem Wann hätte selbst der tumbeste Grobian nicht gewagt). Wie in diesem Teil der Welt üblich, war von vornherein klar, dass sie ihren Brüdern den Vortritt bei der Nachfolge würde lassen müssen, also ging es für sie erst einmal ins Gesundheitswesen (hoffentlich ist das irgendwann mal vorbei!). Doch Victoria liebte den Wein und so hielt sie es dort nicht aus. Sie hospitierte, lernte, arbeitete auf der halben Welt. ‚Wie man wirklich guten Wein macht, habe ich von Alois Kracher gelernt’ fasst sie diese Jahre ein bisschen wehmütig zusammen. Ausgerechnet der Süßweinpapst inspirierte sie, konsequent trockene Weine zu machen. ‚Wir hatten einen Wein, der war in der Gärung stecken geblieben und hatte zwei Gramm Restzucker’, wird sie im Laufe des Nachmittags erzählen. ‚Bei allen anderen lautet das Analyse-Ergebnis: non-detactable’. Auch wenn die Dame einiges Deutsch versteht, sprechen wir diesen Mix aus Englisch, Spanisch und Händenundfüßen, der nirgendwo so gut funktioniert wie bei Weinverkostungen (auch weil Thomas notfalls helfen kann).

Strom und sauberes Wasser

Seit 2015 existiert dieses nach ihr benannte Weingut, für dessen Gründung sie ihre Anteile am Familienunternehmen verkaufte. Einige kleinere Nebenprojekte, etwa mit Verdejo und Tempranillo aus Kastilien macht sie weiterhin. Doch der Fokus liegt jetzt auf diesem Unternehmen und der Renaissance des trockenen Malaga-Weins.

Verkostung Ordoñez

Ich bin deutsch, entsprechend politisch-korrekt-ökomotiviert und kann mir die Frage nicht verkneifen, platze direkt damit heraus: warum hier, im heißen Malaga. Was für eine Öko-Bilanz! Victoria beschönigt nichts: die Trauben werden nach der Ernte in Kühlwagen (aus den weit entfernten Weinbergen) hergefahren. ‚Im Hof steht dann ein Hochleistungs-Kühlcontainer, in dem wir sie auf zwei Grad runterkühlen.‘ Sie deutet auf die im Raum verteilten Tanks: die werden gekühlt und sind teils in Thermofolie gewickelt. ‚Für meine Art Wein zu machen sind zwei Dinge unabdingbar: sauberes Wasser und eine stabile Stromversorgung. Ersteres endet dreißig, letzteres zwanzig Kilometer vor der Region in der meine Trauben wachsen.‘ Fotos im Büro wecken Sehnsucht: da will ich beim nächsten mal hin – mit Wanderschuhen. Das sind steilste Weinberge, in denen die Trecker Hufe haben und Ieehh-Ahh rufen, wenn ihnen danach ist. Zottelige Grautiere und 9-Kilo-Ernteboxen, mehr geht aus Sicherheitsgründen nicht.

Victoria Ordoñez hat die historische Literatur über die alte Weintradition Malagas gelesen, bevor sie startete. Der Wein wurde trocken ausgebaut und dann von Händlern und Distributoren in Malaga gespritet und gesüßt. Konfektioniert, stünde im Marketinghandbuch dazu. Aber es gab auch damals die klassischen ‚Mountain Wines’, wie sie sie nennt. Trockene Weine aus PX und Moscatel oder Cuvées davon. Das ist die Welt von Victoria Ordoñez. Wir fangen an zu probieren. Wir probieren endlos und vor allem probieren wir aus Fässern und Tanks, weswegen ich mir nicht zu allem Notizen machen kann. Aber keine Sorge: irgendwann landet das alles in Flaschen und auch in Deutschland, wo Vinaturel die Weine vertreibt.

Victoria Ordoñez: Malaga pur(istisch)

Der Basiswein, der für rund 80 Prozent der Produktion steht, heißt La Ola del Melillero. Er ist benannt nach der Bugwelle der Fähre nach Melilla, die täglich für Chaos im Hafen von Malaga sorgt (längere Geschichte, ein andern Mal…). Zwei Tanks mit insgesamt 20.000 Litern 2019er stehen in der Halle, daneben ein kleiner Tank mit vielleicht 5.000 Litern 2020er. ‚Wir haben mehr geerntet, aber nicht mehr verarbeitet’, schildert Victoria das Dilemma. Weinhandel war in Spanien, anders als in Deutschland, nicht systemrelevant und daher während der harten Phase der Corona-Pandemie geschlossen. ‚Wir vertreiben nur über Fachhandel und gehobene Gastronomie, nicht über Supermärkte und Warenhäuser, daher haben wir fast nichts verkauft.‘ Das Endkundengeschäft ist mühsam in Spanien, Versandkartons werden einzeln in Thermofolie geschlagen, sogar schon Mitte Juni. Eine Rolle dieser Folie dient uns als improvisierter Tisch. Hier lenkt nichts vom Wesentlichen ab.

 La Ola del Melillero

Victoria Ordoñez, La Ola del Melillero, 2020, D.O. Sierras de Malaga, Spanien (Fassprobe). Getragen von krasser Säure, wirkt die Frucht eher belegt. Die Struktur ist großartig, doch die Winzerin erklärt, dass der Wein vor einer Woche filtriert wurde, davor auch eine strahlende Frucht zeigte. Auf die müssen wir nun eine Weile warten. Viel zu lernen gibt es für mich anhand der Struktur: die Weine haben nie mehr als 12,x Alkohol, die Säure liegt bei 6 Gramm, der pH-Wert aber bei glatt 3, das führt zu enormer Frische und Zug. Der Wein ist geschwefelt aber nicht übermäßig. recht körperreich, mit reichlich Phenolik im Abgang. Befindet sich eher im Tiefschlaf.

La Ola 2019, Fassprobe (liegt füllfertig im Tank). Weicher und etwas weniger ausdrucksstark, in der Frucht zwar klarer, aber neutraler. 2020 hatte fast 30 Prozent Moscatel-Anteil im Mix, 2019 liegt bei rund 15 Prozent. P.X. ohne Firlefanz erinnert aromatisch an Zitrus und Stroh, ist dabei leicht und ein klassischer Meeresfrüchtebegleiter. Das hier schmeckt genau so, wie man sich einen zurückhaltenden Weißwein aus einer heißen Ecke wünscht: trocken, frisch, griffige Phenolik im Abgang (vom Moscatel), kein bisschen verspielt und trotzdem angenehm leicht.

La Ola 2018 aus der frisch geöffneten Flasche treibt das dann auf die Spitze: klarer PX-Einschlag, staubtrocken und frisch. Weine, die nicht nach ewigen Diskussionen verlangen, aber trotzdem sehr anspruchsvoll und komplex daherkommen.

Fass auf Fass Sensationen

Victorias Kellerhelfer schnappt den Weindieb und verschwindet in den Panzerschrank-ähnlichen Kühlzellen mit den Holzfässern. Er erscheint mit einer ersten Probe.

Kühlung der Fässer

PX 2020, Maischevergoren im Barrique. Ein Wein (noch) ohne Namen und ohne Vorgängerjahrgang. ‚Lange auf der Maische gegoren‘, erklärt die Winzerin. ‚Pero Ximen ist eine der Terpen-ärmsten Rebsorten, also habe ich die Maische lange stehen lassen, dafür aber nur den frei ablaufenden Wein ins Fass umgezogen, nicht gepresst. Und jetzt schaue ich mal, was ich damit mache.‘ Sie verwendet die lokal übliche Bezeichnung für die Rebsorte, die andernorts Pedro Ximénez heißt und weltweit PX abgekürzt wird. Diese irre Rhabarbernote macht mich ganz fertig. Noch nie habe ich einen Wein im Glas gehabt, der so intensiv nach Rhabarber roch und schmeckte. Da Jungweinaromen aber eh alle paar Wochen kommen und gehen, könnte es sein, dass der Wein schon bei der Füllung ganz anders schmeckt. Wann und wie er gefüllt wird, steht eh in den Sternen. PX geht auch in Orange!

…und Moscatel geht auch im Barrique:
Monticara 2020, Moscatel (Fassprobe). Es handelt sich um eine Mischung aus Moscatel Morisco de Malaga (also gelbem Muskateller) und Muscat de Alexandria, aromatisch typisch mit Litschi und etwas Parfüm, aber nicht plüschig. Das hat enormen Zug und Grip mit spürbarem Holz. Wahnsinnig gut. 

Picassos Onkel: Juwelier und Pionier

Es folgt Victorias Herzensprojekt. ‚Im zweiten Jahr haben mein Sohn und ich beschlossen, von nun an das beste Fass PX beiseite zu legen‘, erzählt sie. ‚Wir wollen wieder einen großen Bergwein machen.‘ Der letzte, der einen großen trockenen PX aus langem Fasslager machte, der fertig aus der Bodega kam und nicht in Malaga durch Händler seinen finalen Touch mit Alkohol und Most erhielt, war Baldomero Ghiara, nach dem dieser Wein benannt werden soll. Ghiara war Juwelier und Önologe. Als letzterer ist er fast vergessen, obwohl er mit ‚La Vinificación mediante el exclusivo empleo de la Asepsia Industrial‘ ein Standardwerk über Weinbereitung schrieb, mit dem er Pasteurs Erkenntnisse in die spanische Kellerwirtschaft einführte. Sein Juweliergeschäft hingegen ist heute Teil der Route ‚Picassos Malaga‘, nutzte er doch den dadurch begründeten Wohlstand, um seinem Neffen Pablo den Aufenthalt an der Real Academia de Bellas Artes de San Fernando zu finanzieren.

Voladeros ‚Ghiara‘ 2020 (Fassprobe) 100 Prozent PX, ausschließlich Vorlaufmost, spontan vergoren, Minimalintervention, aber leicht filtriert. Enorm geradlinig: etwas Zitrus, leichtes Holztannin, feine Säure. Die Trauben stammen von uralten Reben und man schmeckt die Intensität. Das hat Tiefe und Länge bis der Arzt kommt. Toll.

Voladeros ‚Ghiara‘ 2016 (Fassprobe) Jetzt der Erstling dieser besten Fässer. Sehr cremig, viel Kokos obwohl es sich um eine Zweitbelegung handelt; völlig anders, weicher, nicht so tief (wobei sich im Abgang dann doch Schicht auf Schicht zeigt) und viel charmanter, was ein vergiftetes Lob ist.

Wir sprechen offen über den Verlust an Fokus, den Wein zwei zeigt, weswegen wir zum besseren Verständnis gleich einen weiteren ins Glas bekommen.

Voladeros ‚Ghiara‘ 2017 (Fassprobe) Gleicher Küfer, gleiches Fass und gleiches Toasting, ebenfalls zweitbelegt. Auch dieser Wein zeigt schon ziemlich viel Kokos, aber hier noch gepaart mit dem beeindruckenden Biss des 20ers.

‚Was schließe ich daraus?‘ fragt die Winzerin. ‚2017 jetzt aus dem Fass nehmen, damit er nicht wird wie 2016?‘ Ich würde eigentlich zustimmen, doch sie erweitert die Diskussion um einen Aspekt: ‚Oder einfach noch ein paar Jahre warten und vertrauen, dass die Struktur wiederkommt?‘ Die Dame denkt in Dimensionen für die ich zu feige wäre. Ich weiß schon, warum ich kein Weingut betreibe. Aber einen Einwand habe ich: Ist es diese unbändige Kraft und der Fokus dieser alten Reben nicht wert, unverfälscht gezeigt zu werden? ‚Dafür habe ich ja die anderen Fässer. Die sind gefüllt‘, erklärt die Winzerin. ‚Daraus wird der einfache Voladeros.‘ Und den schenkt sie prompt ein.

Voladeros Montes de Malaga

Voladeros 2017. Der Wein wurde nach weniger als einem Jahr Fassreifung 2018 gefüllt. Hier ist die Kraft der alten Reben voll balanciert. Die Faust im Samthandschuh mit 12 % Alkohol, ganz trocken, zitrusfruchtig, kalkig, enormer Zug und dieser osmotische Druck, der einem die Zunge zerfetzen will und den die jüngeren Fassmuster auch zeigten. Das ist intensiv und druckvoll, aber nicht üppig oder kraftstrotzend. Wundervoll!

Die PX-Weine sind für mich das Highlight, denn diese Weine haben etwas Einzigartiges, sind ohne Entsprechung in meiner Weinwelt. Die Muskateller haben mit deutschen Weinen zwar nichts gemein, erinnern mich aber an den einen oder anderen Italiener.

Monticara 2018. 100 Prozent Moscatel, erinnert mich ein wenig an den Zibibbo von Donnafugata, auch weil dieser Jahrgang etwas weniger Holz zeigt als das Fassmuster des 20ers. Ein griffiger Sommerwein mit Anspruch.

Wir wechseln zu den Roten. Die stammen aus Rebsorten, die ich nicht erwartet hätte, doch in den Bergen hinter Malaga wächst auch Syrah, Cabernet und Petit Verdot. Ich bin jenseits des Punktes, an dem ich noch Notizen machen mag. Die Geschichte wird eh schon viel zu lang. Der Petit Verdot hat etwas Magisches. vielleicht wandelt sich für ihn das Klima zum besten in den Montes de Malaga. Das werde ich beim nächsten Besuch ergründen, denn noch einmal wieder kommen ins Industriegebiet am Flughafen muss ich unbedingt.

Victoria Ordoñez weiß vermutlich mehr über Malaga-Wein als sonst irgendwer, hat Bücher aus zwei Jahrhunderten studiert und bei den Besten gelernt. Andererseits ist sie eine totale Instinktwinzerin, hat noch kaum einen ihrer Weine genau so gemacht, wie den aus dem Jahr davor und lässt sich bei wichtigen Entscheidungen einfach treiben. Dieses totale Vertrauen darauf, dass sie aus feinsten Trauben immer irgendwie einen guten Wein machen wird, wenn sie gründlich arbeitet und Geduld mitbringt, ist zutiefst beeindruckend. Die gefüllten Weine sind ausgesprochen stimmig. Das Potential in ihren Tanks und Fässern aber lässt mich vermuten: in fünf Jahren wird das Weingut Victoria Ordoñez ein heiß gehandeltes Juwel der Wein-Avantgarde sein.

Thomas hat vor zwei Jahren schon über das Weingut geschrieben. Hier geht es zu seinem Bericht.

2 Gedanken zu „Chateau Industriegebiet“

  1. Hallo Felix, Danke für diesen Artikel, der wirklich Spass macht zu lesen. Wie du den Ansatz der Winzerin und ihre Weine beschreibst, trifft genau den Punkt. Absolut Top!

    In der Tat ging der Besuch viel, viel länger als anfangs gedacht. Wow, was für ein Tasting! Vielleicht gehen wir dann ja das nächste Mal in Málaga einfach nur Tapas essen – es gibt da so eine Weinbar in der Stadt …

    Cheers und beste Grüße nach Sotogrande!
    Thomas

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