Riesling hawaiianisch

‚Ihr müsstet mehr über die Kombination von Wein und Speisen schreiben‘, höre ich immer wieder, wenn ich als Weinblogger auf die Kollegen Koch- und Foodblogger treffe. Nur Wein sei langweilig und sehr für Freaks, die Kombination von Wein mit passenden Speisen und umgekehrt sei hingegen ein Massenthema. ‚Das wollt Ihr nicht wirklich‘, entgegne ich meist, ‚so viel Riesling könnt Ihr gar nicht trinken.‘ Riesling hawaiianisch weiterlesen

Nachwuchsförderung

Ich bin seit einiger Zeit als Ausbilder unterwegs, das erwähnte ich schon gelegentlich. Die Webweinschule ist mein Projekt für Anfänger und deswegen spielt es im Schnutentunker nur eine untergeordnete Rolle – meine Leser kennen sich allesamt mit Wein sehr gut aus. Also stelle ich hier nicht jede neue Folge vor, sondern belasse es bei ein paar Links. Nun habe ich im Rahmen der Weinschule allerdings ein kleines Projekt fertig gestellt, dass ich meinen Leser unbedingt präsentieren will. Ich habe ein Buch geschrieben, ein Weinbuch. Nachwuchsförderung weiterlesen

Gekühlte Zicke

Manche Themen beschäftigen mich so sehr, dass ich sie mit einem Blogpost alleine nicht abarbeiten kann. So auch die im letzten Bericht angeklungene Thematik der Preise guter und sehr guter Rotweine aus der Spätburgundertraube. Dazu habe ich die Angewohnheit beim ersten Kälterückschlag des Frühjahres – und der kommt in Berlin so sicher wie das Amen in der Kirche – einen unbändigen Heißhunger auf Pinot zu entwickeln. Und dann war da noch die zum X-ten Male aufgetauchte Diskussion um die Preise deutscher Premiumweine, die auf Mario Scheuermanns hier zu findenden Versuch einer Grand-Cru-Klassifikation hiesiger Spitzengewächse auf Preisbasis folgte. Beim Griff zu einem Spätburgunder GG aus dem Hause Knipser war also viel Unterbewusstsein im Spiel.

Die Knipsers gehören zu den bezahlbaren Produzenten der ersten Liga deutschen Pinots. Sie können sich vor positiver Presse kaum retten. Ihr Kirschgarten GG hat auch international schon häufig für Furore gesorgt, weswegen es wohl in einer Liste deutscher Grand Crus, die nicht lediglich Verkaufspreise zugrunde legte, einen gesicherten Platz hätte. In meinem Freundeskreis stoßen ihre Weine aber nicht nur auf Begeisterung und bei einigen Blindproben der jüngeren Vergangenheit landete das eine oder andere Knipser GG lediglich im Mittelfeld, Tenor jeweils: das ist ein bisschen viel des Guten. Und das ging mir auch beim Mergelweg GG aus 2005 durch den Kopf, als ich einen ersten Schluck aus der frisch geöffneten Flasche nahm. ‚Hui, das ist sehr viel Kraft, sehr viel Holz, sehr viel Alkohol!‘

Studieren geht über probieren

Nun trinke ich zuhause meine Weine und probiere nicht nur und sie reichen meistens mehr als einen Abend. Der Mergelweg machte schon nach zwei Stunden deutlich mehr Spaß und am zweiten Abend ergab es sich dann, dass ich den Wein – der die Zwischenzeit im Kühlschrank verbracht hatte – deutlich zu kalt einschenkte. Beim langsamen Erwärmen zeigte sich, dass das GG bei immer noch leicht kühlen 14 oder 15 Grad seinen alkoholischen Schrecken verlor. Das Holz – sonst bei leicht gekühltem Rotwein eher unangenehm – hatte sich zwischenzeitlich veratmet. Was übrig blieb war ein absolut wunderbares Erlebnis. Dass der Wein nach acht Jahren über 24 Stunden in der Flasche noch zulegt, empfinde ich dabei als Qualitätsmerkmal.

Also ist eigentlich wieder alles beim Alten: Spätburgunder ist eine Zicke, wer ihn mit einem Zeitplan im Kopf aufmacht, wird meist enttäuscht, wer ihn öffnet und bereit ist stundenlang auf den optimalen Trinkzeitpunkt zu warten, mit Luft und Temperatur zu experimentieren und auch dann nicht weint, wenn all das nicht hilft, der hat ihn sich redlich verdient: den wundervollen Pinot-Moment.

Knipser Mergelweg GGKnipser, Mergelweg GG, Spätburgunder, 2005, Pfalz. In der Nase unmittelbar nach dem Öffnen viel Holz, rote Früchte, Blut, Leder und Schuhcreme. Das ist eigentlich der Mix, der mich in Verzückung versetzt und an der Nase gibt es auch zu keiner Zeit etwas auszusetzen. Mit der Zeit tritt das Holz etwas in den Hintergrund und wäre nicht ein bisschen Alkohol im Spiel, wäre es eine Weltklasse-Nase. Am Gaumen erst sehr voll, später deutlich eleganter, süße Frucht, Kirsche und dunkle Beeren, spürbare Säure, die den Wein herrlich strukturiert, zunächst etwas brandig und zu konzentriert, mit Luft klassischer und leicht gekühlt dann großartig. Sehr seidiges Tannin, deutliche Röstaromen, sehr saftiger, langer Abgang.

 

Beobachtungen von den billigen Plätzen

Ich war zu einer Weinprobe eingeladen. Es ging um mein Lieblingsthema: Pinot Noir, oder Spätburgunder. Der Riesling ist mir zwar die liebere Rebsorte, doch als Probenobjekt eignet sich nichts besser als Pinot. So viele Vorurteile, so viele Glaubenskriege (im friedlichsten aller möglichen Sinne dieses eigentlich tragischen Wortes), so viele Behauptungen, denen nie Beweise folgen – Pinotproben sind kultivierte Schlägereien unter Weinfreunden. Ich liebe sie. Beobachtungen von den billigen Plätzen weiterlesen

Weinrallye No. 68 – die perfekte Weinkarte

Christoph verwandelt sein Blog ‚Originalverkorkt‘ heute in die Aktionsplattform zur 68. Weinrallye und bittet um Antworten auf die Frage: ‚Wie sieht Eure perfekte Weinkarte aus?‘ Das ist ein weites Feld und ich liebe weite Felder. Also legen wir los. Die perfekte Weinkarte deckt jedes Anbaugebiet nach drei Kriterien ab: Jugend, Grandezza und Klassik. Von der Mosel könnte man also Knebel für die Jugend, Molitor für die Grandezza und Thanisch (Ludwig & Sohn, keine Witwen und Waisen) für den klassischen Stil und hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis nehmen. Aus der Pfalz… Haha, Felix schreibt eine Weinkarte? Klar, und der Mond besteht aus Käsekuchen.

Ich bin aus Hamburg und in Hamburg sieht die ideale Weinkarte tatsächlich so aus. Aus jedem Dorf ’n Köter, möglichst prominent, dazu ein paar Newcomer oder wiedererstarkte Traditionsbetriebe, vor ein paar Jahren waren das Winter, Kranz und Schloss Lieser, heute sind es Wechsler, Bickel-Stumpf oder Ress. Letztere geben der Karte einen Hauch von Avantgarde und bedienen die Klientel mit dem kleineren Budget.

Gegen diese telefonbuchdicken Weinkarten, die sich wie das Who-is-Who der Weinwelt lesen ist nichts einzuwenden. Ich bin nur nicht der richtige Gast dafür, da ich, was Deutschen Wein angeht, auf lauter Positionen treffe, die ich auch daheim im Keller habe.

Nun lebe ich seit anderthalb Jahren in Berlin. Irgendjemand stellte vor ein paar Tagen bei Facebook die Frage zur Diskussion, ob Berlin Deutschlands Weinhauptstadt sei und es gab allen ernstes ein paar Zweifler (die München gern zu selbiger küren wollten). Man hätte auch darüber diskutieren können, ob der Papst katholisch ist – die Frage ist ähnlich knifflig zu beantworten. Berlin, Deutschlands Weinhauptstadt, hat einige Weinkarten im Angebot, die dem Hamburger Konzept vollständig zuwider laufen und gerade deswegen so gut sind. Meine erste Begegnung mit einer solchen hatte ich im Restaurant Reinstoff. Ivo Ebert serviert ausschließlich Weine aus Spanien und Deutschland. Wer sich nun fragt, ob man ohne Frankreich eine Weinkarte von Klasse zusammenstellen kann: das Reinstoff hat mittlerweile zwei Michelin-Sterne. Die teilweise wilden Spanier, die Ebert auch glasweise ausschenkt, heben so manches Gericht in höchste Höhen. Dass Molitor zum Repertoire gehört, versteht sich von selbst…

Und dann saß ich neulich in meiner Lieblingsweinbar, dem Rutz, als mir der Sommelier ein Glas zum probieren hinstellte. ‚Hier, die Flasche hat ein Gast gerade mit wenig schmeichelhaften Worten zurückgehen lassen.‘ Es handelte sich um einen weißen der Domaine de l’Horizon. Sommelier Billy Wagner hatte den Wein als Speisenbegleiter vorgeschlagen, der Gast fand ihn schaurig und verlangte ‚Chardonnay aus dem Barrique, von irgendwoher‘. Das schöne an meiner Lieblingsweinbar ist, sie verkaufen keine Weine, die von irgendwoher kommen oder schmecken, als könnten sie von irgendwoher kommen. Ich finde die Karte im Rutz fast grandios (es fehlt halt Molitor), besagter Gast sah das vermutlich anders und wünschte sich in dem Augenblick bestimmt nach Hamburg. So gibt es sie nicht, die ideale Weinkarte. Es gibt nur gute Weinkarten und für jede gute Weinkarte den idealen Gast.

Was wäre denn, wenn man das Hamburger mit dem Berliner Modell vermählte? Dann wäre die Karte dick wie zwei Telefonbücher und der ganze Pfiff raus (aber jede Menge Molitor drin). Wenn ich eine Weinkarte in die Finger kriege, versuche ich ein Konzept zu erkennen. In Berlin erkenne ich es regelmäßig. Berliner Weinkarten sind wie Frankfurter Zeitungen: dahinter steckt immer ein kluger Kopf – nur bitte nicht meiner. Ich genieße lieber die wilden Spanier in Rutz und Reinstoff oder trinke zuhause Weine, die schmecken, als kämen sie von irgendwoher. Die können auch richtig gut sein, so wie dieser:

Nicht von irgendwoher, sondern aus dem eigenen KellerWittmann, Chardonnay -S-, 2005, Rheinhessen. Der Wein riecht nicht, er duftet: ziemlich frisch aber auch typisch für einen gereiften Chardonnay. Da ist etwas Butter, Haselnuss und Karamell, aber auch Ananas und Mandarine. Am Gaumen verfügt der Wein über schöne Säure und ein paar Gerbstoffe, das raut ihn etwas auf und bildet einen schönen Kontrast zur cremigen Buttrigkeit der Rebsorte und des Barrique-Ausbaus, der Vanille zum Aromenspektrum beisteuert. Der Chardonnay ist konzentriert und hat 14% Alkohol ohne dick zu sein oder gar schwer. Diese Balance aus Frische, Gewicht und Reife macht ihn zu einem faszinierendem Wein. Der Abgang ist sehr lang und mir eine Spur zu süß, sonst wäre ich restlos geplättet.