Reifer Riesling

Das Reifeverhalten von Bonn

Ich habe etwas getan, was mich eindeutig als weinverrückt charakterisiert. Ich bin frühmorgens in einen Zug gestiegen, quer durch die Republik nach Bonn gefahren, habe an einer Weinprobe teilgenommen und bin direkt in einen Nachtzug gestiegen und wieder zurück gefahren. Anlass war ein Bloggertreffen. Wenn Sie bei ‚Bloggertreffen‘ jetzt an ein paar selbsternannte Nachwuchsweinpäpste denken, die sich auf eine Rheinwiese hocken, diverse Guts- und Ortsrieslinge öffnen und dabei jede Menge selbstreferentielle Tweets und Facebookeinträge in Ihre Mobiltelefone hacken, dann haben Sie die vergangenen fünf Jahre vermutlich im Koma gelegen. Das Bloggertreffen von heute geht auch mal mit 42 gereiften internationalen Spitzenrieslingen einher, einem 5-Gang-Menü und dienstbaren Geistern, die Catering, Weintemperatur und geräuschloses Einschenken übernehmen – zugegeben, das passiert eher selten und nur, wenn der Gastgeber des Bloggertreffens Rainer Kaltenecker von weintasting.de heißt. Die weiteren Teilnehmer waren Rainers Co-Blogger Guido und Thorsten, Achim vom wineterminator.de, Matthias von Chez Matze, der weinkaiser.de und meine Wenigkeit. Komplettiert wurde die Runde von einigen weiteren Weinkennern und -könnern, unter anderem Hans Onstein, der ebenso selbstlos wie großzügig seltene Weine zur Probe beisteuerte.

Das Thema der Weinprobe war ‚das Reifeverhalten von Spitzenrieslingen‘ und der Hauptgrund dafür durch die Republik zu fahren war – neben der zu erwartenden herzlichen Gesellschaft – die Definition von ‚Reife‘. Reif sollte eben nicht ‚alt‘ sein, sondern 10+ Jahre, konkret ging es um die Jahrgänge 2001 bis 2006. Zur Einleitung gab es ein paar wirklich ältere Weine, unter anderem Bürklin-Wolfs 1996er Kirchenstück (viel Säure aber schöner Schmelz, exzellent, wenn auch nicht groß; Jammern auf hohem Niveau), Trimbachs Clos Sainte Hune 1988 (sehr trocken, schlank, großartig, aber einen Tick zu aggressiv in der Säure; Jammern auf höchstem Niveau) und Künstlers Hölle Auslese trocken 1997 (mehr Süße als die ersten beiden, mehr Frucht, mehr Wumms, mehr Harmonie, vielleicht einen Tick sättigend; wer hier jammert, der hat kein Niveau).

Je sechs Weine pro Jahrgang traten in einer Blindprobe an, thematisch in Flights von zwei bis vier Weinen angeordnet, die Jahrgänge waren nicht chronologisch sortiert. Das Feld bestand aus den absoluten Spitzen des Elsass und der Wachau, sowie ganz großen Namen aus Deutschland, wenngleich bei den Deutschen einige der Überfliegerweine aus damaliger Zeit nicht am Start waren; zum einen hatten wir keinen G-Max, was ob des Preises und der Seltenheit nicht verwundert, zum anderen fehlten Weine wie die trockenen S-Auslesen vom Karthäuserhof oder Laible Seniors ‚Achat‘ – damals extrem diskutierte Weine, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht. Aber wer traut sich schon in ein Feld voller Pichlers und Clos Sainte Hunes einen Laible einzubauen?

Überhaupt: Ein solches Feld birgt Gefahren: ich kenne Verkoster, die bei so viel Glamour anfangen das Haar in der Suppe zu suchen und solche, die vor Ehrfucht erstarren und alles großartig finden, weil sie sich nicht dafür rechtfertigen wollen einen großen Weißwein der Welt kontrovers bewertet zu haben (oder meinen, dies sein ein Zeichen von Undankbarkeit). Das kam bei dieser Probe nicht vor. Ich behaupte Etiketten gegenüber immun zu sein. Meine Erwartung war klar: drei bis vier Mal würde ich mir das Hemd vom Leib reißen, auf die Knie sinken und erst dem Herrgott danken, dass es solche Weine gibt und dann Rainer, dass er sie mir eingeschenkt hat. Trockener Riesling dieser Altersstufe ist mein Lieblingswein und dies waren erwartbar die besten ihrer Art. Doch es kam anders, ich hatte etliche Wow-Erlebnisse, Tränen in den Augen aber kein einziges Mal.

Vorurteile – ich darf sie behalten

Rainer hatte uns aufgefordert in und mit der Probe neue Erkenntnisse zu gewinnen oder bestehende Vorurteile bestätigt zu sehen – also fange ich mit den Vorurteilen an: 2003! Dies war das x-te Mal, dass mir jemand 2003er Rieslinge mit den Worten präsentierte, die Weine seien viel besser als Ihr Ruf und hätten nur viel Zeit gebraucht. Und es war das x-te Mal, dass sich diese These nicht bestätigte. Ich habe eine Theorie: wir (ich schließe mich ein) haben diese Weine so schlechtgeredet/-geschrieben, dass die bloße Tatsache, dass sie teils mit ordentlichem Vergnügen zu trinken sind, schon zu Euphorie führt, blind in Vertikalen von 2001 bis 2009 platziert belegen sie aber fast immer den letzten Platz. Das war hier nicht anders.

‚Brauchen viel Zeit‘ ist generell so ein Thema. Ja, 2003 hat sich vor einigen Jahren viel schlechter getrunken als jetzt. Doch das heißt nicht, dass sie von jetzt an immer besser werden. Da ich aber schon 90 Jahre alten trockenen Riesling in Hochform getrunken habe, ist das Argument ‚Der braucht noch Zeit‘ ein innerhalb gängiger Lebzeiten nicht widerlegbares Killer-Argument. Mein Moment des Tages war daher der Kommentar vom mitprobierenden Winzer Frank Schönleber zum 2003er Flight. Sein eigener Halenberg war unharmonisch, zu viel Süße, kaum Spannung, sehr alkoholisch. Als das obligatorische ‚Der braucht noch Zeit‘ fiel, widersprach er höflich aber bestimmt. Der Wein habe schlicht zu viel Zucker und der werde sich nicht mehr harmonisieren, und selbst wenn: ein bedeutender Teil der störenden Süße käme gar nicht vom Zucker, sondern vom ungewöhnlich hohen Glyzeringehalt. ‚Der Wein war bei 9,9 Gramm Zucker in der Gärung steckengeblieben. Es war unser erstes GG aus dem Halenberg und für das GG waren damals 12 Gramm Restzucker gestattet. Also beschloss mein Vater, dass er nicht versuchen würde den Wein mit Gäransätzen zu einer weiteren Gärung zu prügeln, sondern füllte ihn, wie er war. Heute wissen wir, dass das eine unglückliche Entscheidung war.‘ Das hilft zwar den Käufern des 2003er nicht mehr, andererseits: Wer keine Fehler macht, der kann auch nichts lernen.

Szenenapplaus beim Bloggertreffen

Wenn es einen Weingott gibt, dann ist er ein gütiger, denn für seine ehrlichen Worte gab es im nächsten Flight postwendend die Belohnung. Mit Abstand bestes 2004er GG im Feld war der Halenberg. Szenenapplaus beim Bloggertreffen, auch das gibt es. Insgesamt waren die 2004er aber nicht die besten ihrer Art, an Wittmanns Morstein oder Weils Gräfenberg kam keiner der gezeigten Rieslinge (Neben Emrich-Schönlebers Halenberg auch der von Schäfer-Fröhlich, Dönnhoff Hermannshöhle, Diel Burgberg) heran, die beiden Elsässer, Trimbachs Clos Saint Hune (elegant, eher schlank, frisch, einer der Tagessieger) und Zind-Humbrechts Rangen/Clos-Saint-Urbain (extrem mächtig, für diesen Weintyp tatsächlich etwas zu jung) spielten eine Liga weiter oben.

2003 konnte sich nicht rehabilitieren, wie war es denn dann mit 2006? Anders. Die Deutschen waren auch nicht gut, Ausnahme Keller, dessen Kirchspiel war sehr ordentlich (und das war kein Zufall, Kirchspiel 2006 war schon immer erstaunlich gut, Abtserde dafür nie, es geht halt doch nicht immer ums Geld). 2006 Wachau stand unter anderen Vorzeichen: ursprünglich kein Problemjahr, sondern als Jahrhundertjahrgang gefeiert, entwickelten sich die extrem üppigen Weine mit Flaschenreife so besorgniserregend, dass sich das Urteil über den Jahrgang ins Gegenteil verkehrte. Das ist auch wieder zu extrem. Der gezeigte ‚Unendlich‘ von F. X. Pichler hatte 15 % Alkohol, den konnte man nur kosten, nicht trinken. Kosten hätte allerdings extrem viel Spaß gemacht, wenn es nicht gerade der 42. Wein gewesen wäre. Die Weine dieser Gewichtsklasse sind besser als ihr Ruf und wer die Wucht aushält, der wird mit viel Struktur und Komplexität belohnt – nur Trinkfluss entsteht keiner.

Pichler Loibner Berg2002 präsentierte sich als sehr gutes Jahr, das schon erste Ausfälle zeigt. Dönnhoffs Hermannshöhle (damals noch als trockene Spätlese) und Emmerich-Knolls Kellerberg (ein Wachauer mit moderaten 13% Alkohol) waren die Stars des Jahrgangs. Aus 2001 hatten wir ein großartiges Kirchenstück von Bürklin-Wolf (aus suboptimaler Flasche, wie die B-W-Kenner am Tisch berichteten), einen irre guten Frédéric Emile von Trimbach (staubtrocken, 8,5 g/l Säure, 12,5% Alkohol, aber eine cremige Karamellnote, die das alles zusammenhielt) und vielleicht den Wein des Tages F. X. Pichlers Loibner Berg: Ein halbes Volumenprozent weniger Opulenz und ich hätte mir das Hemd vom Leib gerissen… 2005 war mit eher mittelmäßigen Weinen nicht optimal vertreten.

Gereifter Riesling – das Fazit

Viele der angestellten deutschen Weine kenne ich in- und auswendig, sie haben sich ordentlich präsentiert, Dönnhoff 2002 herausragend, Emrich-Schönleber 2004 auch. Aber es gibt besseres; Deutschland wurde unter Wert geschlagen. Für einen Länderkampf war das Feld nicht geeignet, bei mir schloss es aber ein paar Wissenslücken – besonders hinsichtlich ausländischer Rieslinge. Die Wachauer hatte ich überwiegend das erste Mal gereift im Glas, aber sie entsprachen meinen Erwartungen: schwer, üppig, anstrengend und am besten einzeln genossen. Sie waren ein Opfer ihrer Legionsstärke. Das Elsass vielfältig: manche fett, die Mehrzahl schlank und trocken, als Teilnehmerfeld der haushohe Sieger (der auch mit einem ideal besetzten deutschen Feld mitgehalten hätte).

Auch an so einem Tag gibt es Weine, die richtig furchtbar sind. Meine Grausamkeit des Tages war Köhler-Ruprechts Saumagen Auslese trocken ‚R‘ aus 2005 – ein Wein, der selbstverständlich nur noch ein bisschen Flaschenreife braucht, bis er großartig wird. Die Leiche des Tages war Breuers Schlossberg 2002, der umstrittenste Kühns Schlehdorn 2006 (wie immer: Kühn) und Pragers Achleiten 2002. Die beiden wichtigsten Erkenntnisse des Tagen überhaupt aber waren: 8 bis 15 Jahre ist genau das Alter, das für mich einen gereiften Riesling zum ‚Best Ager’ macht, und wer mich zu solchen Proben einlädt, dem werde ich ewig dankbar sein. Danke Rainer!

Hier kommen in den nächsten Tagen noch die Links zu den Berichten der Kollegen. Alle Weine im Bild gibt es in einer Fotogalerie von Ralf Kaiser, dem auch mein Dank für das Titelfoto gilt.

‚Der Schlehdorn hat sicher seine Fans, und denen möchte ich ihn nicht wegtrinken.’ Tischnachbar Achim Beckers Bericht – ungefähr 38 Übereinstimmungen bei 42 Weinen; Brüder im Gaumen kann man das wohl nennen.

Und hier sind die Gastgeber mit Ihrem Bericht.

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