Genheimer Kiltz Historische Rebsorten

Gelber Kleinberger? Brauchen wir!

Ich habe vor einiger Zeit ein Video in der Webweinschule über historische Rebsorten veröffentlicht. Bei der Recherche nach geeigneten Weinen half mir Rebveredler Ulrich Martin. Einer seiner Tipps lautete damals: Gelber Kleinberger von Genheimer-Kilz. Der Gelbe Kleinberger sei eine Rebsorte, die ‚in der Historie in Osteuropa auch „Sauvignon“ benannt wurde‘ und Harald Kiltz sei Sauvignon-Blanc-Spezialist.

Letzteres wusste ich auch vorher schon. Wie hier schon mal erwähnt, hatte ich drei Jahre lang sechs verschiedene Sauvignon Blancs von Genheimer-Kiltz zur Verkostung. Der Winzer lotet nicht nur Lagen aus, er variiert auch die Stile der Weine von fruchtsüß-kabinettig, über stahlig-schlank, orange-natural bis hin zu opulent. Dabei umschifft er mittlerweile gekonnt alles, was die Rebsorte zur Katastrophe machen kann und der Risiken gibt es bekanntlich viele: Grüne Paprika im Überfluss, Katzenpipi in nicht tolerabler Konzentration, Maracuja in Marmeladenform und weitere mehr.

Historische Rebsorten – eine Bereicherung

Leider waren Harald Kiltz historische Rebsorten nicht rechtzeitig gefüllt, um im Video aufzutauchen. Doch wir blieben im Kontakt und letzte Woche schickte mir der Winzer die frisch gefüllten Weine. Dazu sprachen wir am Telefon über seine Motivation. ‚Als ich bei Ulrich Martin den ersten Schluck Gelben Kleinberger probiert habe, hat mich der Blitz getroffen, wie zuletzt bei meinem Praktikum in Neuseeland nach der Ausbildung‘, erzählte er mir. Der Blitzeinschlag in Neuseeland führte zu einer an Besessenheit grenzenden Liebe zum Sauvignon Blanc. Nun scheint eine zweite Liebe dazu zu kommen: ‚Mir war sofort klar: ich will diese Rebsorte pflanzen.‘ Dazu nahm Harald Kiltz noch zwei weitere historische Rebsorten in Angriff, den Grünfränkisch und Grünen Adelfränkisch.

Ich verkostete die drei Erstlinge über mehrere Tage und fand sie einen Blogpost wert. Die Weine sind noch sehr unruhig. Sie kommen auch erst in einigen Wochen in den Verkauf. Sie zeigen aber schon, dass diese Erstlingskollektion ein durch und durch gelungener Auftakt ist und da es nur jeweils rund 300 Flaschen gibt, mache ich lieber frühzeitig auf die Weine aufmerksam.

Grünfränkisch – gekommen um zu bleiben

Genheimer Kiltz, Grünfränkisch trocken, 2021, Nahe. Gummibärchennase mit leichtem Hefeschleier, das verrät noch gar nix. Am Gaumen auch noch etwas unruhig, immerhin sehr angenehm süße Frucht (Apfel und Zitrus, nicht restzuckergetrieben, der liegt bei lediglich 4,7 Gramm bei 7,3 Gramm Säure pro Liter) und etwas getrocknete Kräuter. Was aber jetzt schon punktet (und für mich langsam zu einem Wiedererkennungsfaktor beim Grünfränkisch wird) ist der schöne Schmelz und der enorme Druck, der nur nach vorne und nicht in die Breite geht. Ich mag diese ‚brachiale Eleganz‘. Das schiebt kompromisslos in Richtung Schlund und hallt dann erstaunlich locker und beschwingt ewig nach. Schon wieder ein Wein, der mich im Glauben bestärkt, dass Grünfränkisch in naher Zukunft eine beispiellose Erfolgsgeschichte wird. Das ist fruchtig wie guter Riesling. Ich mag das sehr!

Genheimer Kiltz, Grüner Adelfränkisch trocken, 2021, Nahe. Auch noch sehr diffuse Nase mit interessantem Mix aus Frucht und Fleischbrühe. Am Gaumen ziemlich süß aber mit pikanter Säure, im Nachhall Zündplättchen und Kreide. Das Etikett sagt 13,5% Alkohol, aber dieses tanzende Süße-Säure-Spiel – 8,5 (!) Promille Säure treffen auf 7 Gramm Restzucker – sorgt für good vibrations. Meine Frau, die am Sonntagnachmittag normalerweise feinherben Riesling Kabi trinkt, beschließt spontan die Flasche zu adoptieren und ich kann gut verstehen, was sie antreibt. Das hat eine Leichtigkeit, die die Alkoholangabe wie einen Laborfehler aussehen lässt – ist aber trotzdem noch zu jung.

Gelber Kleinberger Gebheimer Kiltz

Genheimer Kiltz, Gelber Kleinberger trocken, 2021, Nahe. Würzige Nase mit etwas Tabak und reifen, gelben Früchten. Am Gaumen cremig, immer wieder durchstochen von reifer Säure (die analytisch nur bei 5,1 Gramm liegt, aber Wirkung entfaltet). Reife Melone und Dosenmandarine und etwas Erdiges (was mich an Topinambur erinnert, aber vielleicht nur, weil ich den kürzlich gegessen habe), getrocknete Kräuter und im Abgang würzig und pfeffrig. Nach drei Tagen Belüftung findet das zu sehr würziger Harmonie und wirkt extrem eigenständig, auch weil es den relativ hohen Restzucker von 7,8 Gramm nicht als pappige Süße ausspielt. 

Gelber Kleinberger – sehr eigenständig

Nach der Verkostung kann ich Harald Kiltz sehr gut verstehen: Es sind vermutlich die erdig-gemüsigen Aromen, die den Winzer am Gelben Kleinberger faszinieren. Gerade beim Sauvignon Blanc ist meine Erfahrung, dass nicht die schlechten gemüsig und die guten fruchtig oder kräutrig sind, sondern die schlechten sind unangenehm gemüsig und die guten sind es auf spannende Art. Dass einer, der beim Sauvignon Blanc den Weg durch diese herausfordernde Aromenwelt gemeistert hat, sich spontan beim ersten Schluck entschließt: dieses Biest muss ich zähmen, kann ich mir lebhaft vorstellen. Deswegen hege ich die Hoffnung, dass hier eine Reise beginnt, die zu begleiten viel Spaß machen wird. Allerdings erlaube ich mir den warnenden Hinweis, dass Gelber Kleinberger garantiert nie Everybody’s Darling wird. 

Wir brauchen sowieso mehr Weine die polarisieren!

7 Gedanken zu „Gelber Kleinberger? Brauchen wir!“

  1. …wir haben noch keine Runde für die 3 „Vintage“ zusammen bekommen, wird schon noch. Ggf. machen wir da noch den ein oder anderen SB des Guts auf, die ich interessehalber mal mitbestellt habe. Ich kann über das Ergebnis zu gegebener Zeit gerne hier berichten…

    (Sorry, daß meine Antwort nicht der Frage zugeordnet ist, aber es wird auf der Seite keine Antwortfunktion zu dem letzten Post angeboten, anscheinend ist die maximale Verschachtelungstiefe bei den Kommentaren hier schon erreicht…)

  2. „Wir brauchen sowieso mehr Weine die polarisieren!“

    Volle Zustimmung! Auch wenn man da so manches mal etwas verloren in der Runde sitzt! 😀

    Sehr schöner Hinweis, das hilft mir zu meinem nächsten Etappenziel 200 Reinsorter etwas weiter. Grünfränkisch (aka Philipp Cuntz) kenne ich schon als recht wandlungsfähige Sorte, Adelfränkisch nur als Bestandteil eines Gemischten Satzes, vom Kleinberger hab ich noch nicht mal was gehört.

    Vielen Dank für den animierenden Beitrag!

      1. Nachdem ich die drei Weinchen jetzt im Keller habe (je eine Flasche): gemäß den Beschreibungen sollte man insbesondere dem Adelfränkisch, aber auch dem Grünfränkisch noch ein bißchen Zeit gönnen und der Kleinberger ist aktuell der zugänglichste Wein. Deute ich das richtig?

        1. Ganz und gar nicht. Der Gelbe Kleinberger ist der wildeste, unruhigste und unfertigste, aber einer, der schon ganz viel Ausdruck ins Glas bringt, wo die anderen teils noch ganz einfach verschlossen sind. Ich weiß nicht, was der Spaß gekostet hat, aber ich denke, es ist es wert, die Weine am Freitag einfach alle drei zu öffnen und die ganze Woche über parallel zu verkosten. Wenn zwischendurch einer richtig begeistert, trinkt man ihn einfach aus. Und wenn einer ganz viele Fragezeichen hinterlässt, die aber Aufregung verheißen, dann kauft man das halt nach.

          1. Danke für die Einschätzung! Dann werd ich mal versuchen, eher kurzfristig eine eher kleine Runde zusammen zu bekommen, so daß auch noch was für ein paar Tage später übrig bleibt!

            Kosten übrigens 14 Euronen je Flasche…

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