#vdpgg16 Fazit

#vdpgg16 – das Fazit

Zwei Tage Große Gewächse in Wiesbaden verkosten und livetickern, da ist es ganz sinnvoll eine Nacht drüber zu schlafen, bevor es an das große Fazit geht. Dieses gliedert sich heute nach den wichtigsten Fragen, oder dem, was ich aus der Rückmeldung der Leser als die scheinbar drängendsten Fragen identifiziert habe.

Zur Erläuterung: ich habe dieses Jahr mehr Weine verkostet als letztes Jahr (wo es schon mehr als 2014 waren). Das hat eine gewisse Aussagekraft: zugängliche Weine probieren sich einfacher. 2015 ist zugänglicher als 2014, das zugänglicher als 2013 war. Ich habe alle Rieslinge probiert, die Pfalz und Nahe teilweise zweifach. Ich glaube nicht, dass das Plus an Weinen die Urteile erschwert hat.

Wie ist der Jahrgang 2015?

Keine Ahnung. Es ist das große Missverständnis, das ich selber verschuldet habe: Ich schrieb immer ‚der Jahrgang‘, dabei war doch lediglich der Jahrgang bei den GGs gemeint. Ich sollte zukünftig ‚die GGs dieser Saison‘ schreiben – klingt nur doof. Also lassen Sie mich bitte weiter vom Jahrgang schreiben und setzen Sie den Filter ein. Die Qualität der GGs sagt eh nichts über die Basis. Kostprobe gefällig? 2002, 2004, 2008, 2010, 2013 waren in der Basis häufig grün und unreif, teils desaströs, bei den GGs in der Mehrheit ordentlich (2002, 2013) oder sehr gut (2004, 2008, diskutabel: 2010). Andererseits: 2005, 2007, 2009, 2011 mit entspannter Basis aber überreifen, mastigen und alkoholischen (diskutabel: 2007, 2009) GGs. Oder generisch: es gibt keine Korrelation zwischen Basis und GGs und daher eigentlich auch nicht mehr die eine pauschale Jahrgangsbewertung. Und weil Ausnahmen so wichtig für die Regel sind: jaja, 2012!

Wie ist das GG-Jahr 2015?

Sehr gut. Die Definition des GG (der trockene Spitzenwein aus der besten Lage) sollte eigentlich bedeuten, dass in Wiesbaden nur atemberaubende Weine stehen. Dieses Ziel ist utopisch, aber der VDP gibt es nicht auf und das ist auch gut so. Insgesamt hatte ich vielleicht 6 Rieslinge im Glas, bei denen ich die GG-Würdigkeit anzweifle. Bei mindestens der Hälfte denke ich selber, dass sich die Weine eventuell noch nach der Füllung harmonisieren müssen. Auf der anderen Seite kann ich ganz klar ableiten: es war 2015 überall in Deutschland möglich Trauben zu produzieren, aus denen ein Könner ein großartiges GG produziert, denn die Spitzen sind breit gestreut.

Welches sind die Klippen, die es als Käufer zu umschiffen gilt?

Hoher Alkohol und Bitterstoffe. Künstlers Kirchenstück ist eine solche Granate, dass ich die Flasche an den Hals setzen will – dachte ich nach dem ersten Schluck. Aber der Wein hat fast 15% Alkohol. Die versteckt er jetzt prima, ist wirklich großartig. Aber ob das reift? Will ich davon eine ganze Flasche trinken? Letzteres finde ich ein fragwürdiges Bewertungskriterium, werden doch 90% der GGs in größeren Runden getrunken. Trotzdem: der Blick aufs Rückenetikett lohnt.

Thema Bitterstoffe: Die Mittelrhein-Rieslinge gefielen mir, weil sie alle (bis auf Müllers Engelstein) ein animierendes Bitterl zeigten. Ich mag leichte, speicheltreibende Bitterstoffe und die gibt es nicht nur am Mittelrhein. 30% meiner Leser dürften das anders sehen.

Was sind die Sieger-Regionen?

Die Mosel (inklusive Ruwer und Saar) hat es geschafft, wirklich ohne Aussetzer anzutreten. Das war in früheren Jahre anders. Die Weine sind stilistisch breit gefächert, von nennen wir es mal ‚moseltrocken‘ (also Restzucker am Anschlag) über deutschtrocken (dienende 6-7 Gramm) bis fränkisch oder international trocken (bis 4 Gramm). Alles stimmig, nie pappig, manchmal traditionell, manchmal modern, häufig groß, immer gut. In Zahlen: mehr als die Hälfte der 49 gezeigten Weine entlockten mir ein ‚Wow!‘. Franken reicht ran, hat aber nach dem kurzfristigen Rückzug von Wirsching nur 16 Weine am Start. Alle anderen Regionen haben eine deutlich niedrigere Quote.

Kurzer Ritt durch die Gemeinde, bitte!

Na gut, für alle, die nicht die gesamten Verkostungsticker lesen wollen, hier ein Schnelldurchlauf. Mosel grandios, mit Heymann-Löwenstein, Lauer, St. Urbans-Hof und von Othegraven an der Spitze. Mittelrhein hatten wir schon, der Rheingau mit tollen Kollektionen von Ress, Jung, von Oetinger und Spreitzer sowie einem großen Gräfenberg. Einzelne tolle Weine von Flick, Allendorf, Johannishof, Prinz, Künstler und dann war da noch der Kühnsche St. Nikolaus aus 2014. Wenn Sie von dem noch nichts gehört haben, waren Sie die letzten Tage vermutlich in irgendeinem Kloster. In Rheinhessen schlägt die Rheinfront das Hügelland, vor allem bei dem Winzerehepaar, das Weine aus beiden Lagen anstellt, (also Kühling-Gillot vor Battenfeld-Spanier). Wittmann finde ich klasse, das sehen erstaunlich viele Kollegen anders. Kellers Hubacker ist groß, aber eigentlich bedeutend ist das Debüt von Schätzel: Pettenthal und Ölberg stünden auch einem alten Hasen gut zu Gesicht; Wagner-Stempel umstritten, mir sehr lieb. An der Nahe liefern die üblichen Verdächtigen. Gut Hermannsberg muss man allmählich dazu zählen, Joh. Bapt. Schäfer arbeitet sich auch vor. Diel ganz stark, Emrich-Schönleber sowieso. Dönnhoff steckt in einer Abwärtsspirale bei der schreibenden Zunft, sein Dellchen ist ein gutes Gegenargument! Die ‚Brücke‘ liefert den Kritikern dann leider wieder Munition. Die zweite Reihe hat an der Nahe eine Chance vertan, mehr als nur gute Weine zu machen. In Franken können Sie alles kaufen, wenngleich der ‚Stein‘ in 2015 keine privilegierte Riesling-Lage war. Die Weine daraus sind nur ganz okay. Baden solide, Württemberg auch. Und dann die Pfalz. Ich habe sie am zweiten Tag nachprobiert. Tolle Kollektionen von von Buhl und Bassermann-Jordan. Und wir müssen mehr über Acham-Magin reden, die treten immer weiter aus dem Schatten der großen Nachbarn. Rings Debüt gelingt durch und durch. Sie sollten mal hören, mit welchem Respekt Pfälzer VDP-Winzer über den Saumagen ihres neuen Kollegen reden. Ganz vieles ist sehr gut aber eine kleine Warnung: Wenn Sie sich erst seit kurzem mit GGs beschäftigen, dann probieren Sie vor dem Kauf, denn die Pfalz ist 2015 mal wieder richtig Pfalz, also barock. Wenn Sie 2013 und 2014 für die Pfälzer Referenz halten, könnten Sie sich die Augen reiben.

Was soll ich kaufen?

Ganz einfach: Ihre Lieblingsweine. Da quasi alle ordentlichen Wein gemacht haben (und sich in der Kategorie Lieblingsweine ja doch meist irgendwelche Blue-Chips tummeln) können Sie da nichts falsch machen. Und dann fügen Sie je nach Geldbeutel noch einen oder mehrere aus folgender Liste hinzu:

Winzer Lage/Wein
Achim Ritter und Edler von Oetinger Siegelsberg
Achim Ritter und Edler von Oetinger Hohenrain
Clemens Busch Marienburg “Fahrlay”
Clemens Busch Marienburg “Falkenlay”
Emrich-Schönleber Halenberg
Forstmeister Geltz-Zilliken Rausch
Fritz Allendorf Berg Roseneck
Geh. Rat Dr. von Bassermann-Jordan Ungeheuer
Heymann-Löwenstein Kirchberg
Heymann-Löwenstein Stolzenberg
Heymann-Löwenstein Röttgen
Heymann-Löwenstein Uhlen “Blaufüßer Lay”
Heymann-Löwenstein Uhlen “Laubach”
Horst Sauer Am Lumpen 1655
Jakob Jung Siegelsberg
Joachim Flick Königin Victoriaberg
Johannishof Berg Rottland
Maximin Grünhaus – von Schubert Herrenberg
Ökonomierat Rebholz Kastanienbusch
Peter Lauer Kupp
Peter Lauer Schonfels
Peter Lauer Saarfeilser
Reinhold Haart Grafenberg
Reinhold Haart Ohligsberg
Robert Weil Gräfenberg
Schäfer-Fröhlich Halenberg
Schloss Lieser Niederberg Helden
Schlossgut Diel Pittermännchen
St. Urbans-Hof Saarfeilser
St. Urbans-Hof Bockstein
von Othegraven Altenberg
von Othegraven Bockstein
Wagner-Stempel Heerkretz
Wagner-Stempel Höllberg
Wittmann Brunnenhäuschen
Zehnthof Luckert Maustal

Und wie lange soll ich das lagern?

Hahahahahaha. Sie wollen es aber wirklich ganz genau wissen, oder? Diese Diskussion wird uns die nächsten 30 Jahre beschäftigen. Es war ein warmes Jahr und die warmen Jahrgänge der jüngeren Vergangenheit sind alle Ruckzuck in die Breite gegangen. Allerdings sind mindestens die Säurewerte, teils auch die Oechsle- und Extrakt-Zahlen näher an denen vieler kühler Jahre. Es gibt quasi keinen Referenzjahrgang. Und es gibt trockene Rieslinge aus so antiken Jahren wie 1921, die noch da stehen wie eine eins. Daher gibt es mittlerweile das Totschlagsargument: ‚1921 (und 1945) waren auch warme Jahre. Die Weine kommen wieder.‘ Was niemand überprüfen kann, weil wir in 94 Jahren eh alle tot sind. Also fragen Sie bitte jemanden mit mehr Sendungsbewusstsein.

Was ist mit den Spätburgundern?

Die Nicht-Riesling-Zusammenfassung gibt es hier.

Haben Sie noch einen Geheimtipp zum Schluss?

Weil Sauer Erste LageJa, habe ich. Dieser Jahrgang (und jetzt meine ich tatsächlich den Jahrgang) hält einige atemberaubende ‚Erste Lagen‘ von VDP-Winzern bereit, die mit etlichen dieser GGs mithalten können (und solche aus anderen Jahren übertreffen). Beispielsweise Weils Turmberg Riesling oder Rainer Sauers Lump Silvaner. Da kriegen Sie verdammt viel Wein für spürbar weniger Geld. Aber pssst, das haben Sie nicht von mir!

 

Dirk Würtz hat ebenfalls sein Fazit veröffentlicht

Yves Beck schreibt ebenfalls sehr ausführlich

Hier der Live-Ticker von Tag 1 (Riesling außer Mosel)

Hier der Live-Ticker von Tag 2 (Mosel und alles außer Riesling)

Eine Liste der nicht gezeigten Weine und weitere Erläuterungen gibt es hier

Hier finden Sie Berichte aus dem Jahr 2015

Und hier aus dem Jahr 2014

5 Gedanken zu „#vdpgg16 – das Fazit“

  1. Danke für die Aufstellung. Mache es wie in deinem Buch beschrieben: Kaufe mir die GG, die mir sehr gut schmecken in dreifacher Ausführung (mehr gibt der Geldbeutel noch nicht her, da Berufsanfänger) und hoffe ihnen beim reifen zu schauen zu können.

    Bisher habe ich die Grünhäuser Herrenberg und Abtsberg Superior (finde ich ganz toll)
    Auf der Liste stehen Uhlen R und Fahrlay für 2015. Meine Freundin hat mich leider schon als verrückt abgestempelt. Die bekomm ich bisher nur mit den Domprobst und Himmelsreich Kabinetts von Willi Schäfer geködert …

    Liebe Grüße aus Trier!

  2. Danke!
    Dann werden es aus dieser Kategorie in meinen Keller wohl der Pettenthal von Gunderloch, der mir bereits 2014 gut gefallen hat, sowie einige Mittelrhein GGs schaffen

    1. Ach komm, da geht mehr. Ich schreib das alles doch, damit meine Leser mal neugierig werden und die ausgetretenen Pfade verlassen. Also: Wagner-Stempel oder einen der Rheingauer, den Du noch nicht kennst – mindestens!

  3. Ich mag Rieslinge mit einem Gerbstoffschwänzchen, wenn der Gerbstoff schön reif ist.
    Wo, außer am Mittelrhein, soll ich da besonders suchen?

    1. Diefenhardts Langenberg, Jungs Hohenrain, der Marcobrunn der Staatsweingüter, Langs Wisselbrunnen, Barths Schönhell, Fürst Löwensteins Kallmuth, Gunderlochs Pettenthal, Dönnhoffs Hermannshöhle, beide Wagner-Stempel, Christmanns IDIG und Rebholz’ Ganzhorn hatten das so, dass es in meine Notizen einfloss.

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