Auftakt-Wein

Eigentlich war der Sonntag anders geplant, aber plötzlich sah die Agenda vor, dass es das WM-Erstrunden-Match der deutschen Mannschaft auf dem heimischen Schirm und in der Halbzeitpause ein Filetsteak gibt. Viel Zeit blieb nicht für die Weinauswahl, und der Sommer macht schon wieder Pause. Also gab‘s Bordeaux. Am Sonntag mit einer Stunde Luft war meine Wahl schon sehr ordentlich, heute zum Brasilien-Spiel mit zwei weiteren Tagen Luft ist er richtig grandios. Bei den Spielen sah es eher umgekehrt aus…

Chateau Lascombes, Chateau Lascombes 2004, Deuxième Cru Classé Margaux, Bordeaux. Rotweincuvée: 50% Merlot, 40% Cabernet Sauvignon, 10% Petit Verdot. In der Nase Johannisbeere, Cassis, Paprika, Schuhcreme und Kirsche. Am Gaumen viel Schokolade und Mokka, schwarze Johannisbeere, sehr milde Säure, mittleres Volumen aber recht kräftig, schöne Struktur mit sehr festem Kern, relativ viel Tannin. Der Abgang ist sehr lang, noch etwas adstringierend und mit erdigen Noten. 13% Alkohol sind gut integriert. Am 3. Tag sehe ich den Wein bei 91 Punkten. Kann man jetzt trinken, erst recht wenn man ihn eine Weile dekantiert. Ich werde die nächste Flasche allerdings erst bei der nächsten WM aufmachen.

Füllwein (13)

Mein (Wein-)Leben besteht nicht nur aus Großen Gewächsen sondern auch aus Alltagsweinen. Einige davon sind erwähnenswert, über andere decke ich den Mantel des Schweigens. Hier ein paar Kurznotizen zu Weinen, die ich jüngst getrunken und auf die eine oder andere Weise für erwähnenswert befunden habe.

Markus Busch, ‚Steillagenprojekt‘ (Pündericher Marienburg), Riesling Kabinett halbtrocken, 2008 Mosel. Die Nase ist noch ziemlich hefig, kleiner Spontistinker, Mirabelle, blonder Tabak, sehr jung und wild, beruhigt/bereinigt sich etwas unter Lufteinfluss. Am Gaumen ist der Riesling weniger süß als ich von einem halbtrockenen Wein erwartet hätte, sozusagen am trockenen Ende von halbtrocken. Aromen von Apfel und Pfirsich treffen auf eine feste aber nicht zu akzentuierte Säure und mittlere Mineralik. Das Mundgefühl ist mitteldicht und -stoffig, der Abgang lang. Sehr guter Wein.

Agritiushof, ‚Embilaco‘ (Oberemmeler Karlsberg), Riesling QbA, 2006, Mosel (Saar). Die Nase ist ebenfalls sehr hefig, dazu Rhabarber, Pfirsich, und ein Hauch tropischer Früchte. Am Gaumen ist der Wein für den Jahrgang vergleichsweise sauber und klar, nur etwas Würze, überwiegend klare Frucht (Apfel und Pfirsich). Da die Säure für einen Riesling mild ausfällt, wurde der Wein sehr trocken ausgebaut (ich meine zu erinnern, dass er nur 4 Gramm Restzucker hat). Der dabei entstandene Alkohol von 13% ist gut integriert. Da hält der Wein eine perfekte Balance.  Für Spannung sorgt statt der Säure jetzt eine üppige Schiefermineralik. Die trägt auch den langen Abgang. Blitzsaubere Arbeit im Problemjahr und ein Vergnügen im Glas.

Azienda Agricola Lhosa, Morellino di Scansano DOC, Rotweincuvée, 2004, Toskana (Maremma), Italien. 85% Sangiovese, 15% Ciliegolo (eine autochthone Sorte aus der Maremma). Der Wein ist ein typischer Vertreter seiner Art. Sehr viel Kirsche, ein bisschen helle Schokolade und einen kleinen Tick Leder in der Nase. Am Gaumen präsentiert sich der Morellino sehr balanciert mit einer feinen Fruchtsüße, mittlerem Druck und einem stabilen Tanningerüst. Er ist in gebrauchten Eichenfässern verschiedener Größen ausgebaut, was ihm eine schöne Struktur ohne zu viel Holzaromen eingebracht hat. Langer, harmonischer Abgang. Eine dieser konsensfähigen roten italienischen Allzweckwaffen die Anspruch und Unkompliziertheit miteinander vermählt – hier sogar besonders erfolgreich.

Füllwein (12) – Pinot Edition

Mein (Wein-)Leben besteht nicht nur aus Großen Gewächsen sondern auch aus Alltagsweinen. Einige davon sind erwähnenswert, über andere decke ich den Mantel des Schweigens. Hier ein paar Kurznotizen zu Weinen, die ich jüngst getrunken und auf die eine oder andere Weise für erwähnenswert befunden habe.

Im März trinke ich in normalen Jahren schon wieder Weisswein. Der ausserordentlich lange Winter führte bei mir zu erheblich mehr Spätburgundernotizen. Daher hier gleich drei Pinots.

Reinhold und Cornelia Schneider, Spätburgunder -C-, 2004, Baden. Der Wein duftet vergleichsweise zurückhaltend nach Himbeere und Leder. Am Gaumen ist er von mittlerer Dichte und entfaltet maßvollen Druck: Kirsche, Erdbeere, etwas Holz und Vanille, gereifte aber präsente Tannine. Der Abgang ist eher kühl (im Sinne von Menthol) und 14% Alkohol voll integriert. Summa summarum ein hervorragender Spätburgunder mit spannender Struktur und einiger Finesse.

Robert Mondavi, Pinot Noir Private Selection, 2004, Central Coast California, USA. Mit dieser leicht schweißig-laktisch-sauerkrautigen Nase geht der Mondavi kinderleicht als Deutscher Spätburgunder durch. Dahinter erahnt man noch ein bisschen Himbeere, aber auch das kommt hierzulande vor. Am Gaumen ist der Wein hervorragend balanciert: saftig, beerig (Erd- und Himbeere), mit spürbarer Säure, gereiftem Tannin, Spuren von Holz und einem insgesamt süffigen Charakter bei voll integrierten 13,5% Alkohol. Langer Abgang, großes Vergnügen.

Ludwig Thanisch & Sohn, Spätburgunder unfiltriert, 2007, Mosel. Als der Wein jung war fand ich ihn schauderhaft, weil dünn, völlig überholzt (obwohl der Wein in überwiegend gebrauchten Barriques ausgebaut wurde) und mit stechender Säure – was für ein Irrtum. In der Nase immer noch recht viel Holz, etwas Erd- und Himbeere, leichte Noten von Leder und Zigarrenkiste. Am Gaumen ist die Säure zurückgetreten und der Wein ist ein bisschen cremig geworden. Er ist mineralisch, von eher schlanker aber nicht dünner Struktur, süffig ohne banal zu sein und am Gaumen überhaupt nicht vom Holz dominiert. Der Abgang ist sehr lang, fruchtig und mineralisch. Nicht so gut wie der 2006er des Gutes aber auf Augenhöhe mit 2004 und 2005.

Reifeprüfung

Ich erwähnte gelegentlich, dass ich hinsichtlich der allermeisten Aspekte der Weinbegeisterung ein Durchschnittsmensch bin. So mag es kaum verwundern, dass auch ich nach einigen Jahren des Probierens bei Bordeaux-Weinen anlangte. Selbst wenn sich daraus keine meinem Riesling- und Spätburgunder-Faible vergleichbare Leidenschaft entwickelte, übt Bordeaux Faszination auf mich aus. Als ich vor einigen Jahren endlich einen zur Weinlagerung geeigneten Keller mein Eigen nennen durfte, lagerte ich mir prompt einige Kisten mittelgewichtiger Gewächse ein. Ein kleiner Traum ging in Erfüllung. Aber die Freude war nicht ungetrübt. Ich stand vor den Kisten mit diesen faszinierenden Namen und wusste nicht: wann trinken?

Die Recherche war ergiebig: es gab und gibt bergeweise Literatur mit Empfehlungen zu Trinkreife. Doch bei genauerem Hinsehen trat ein Problem auf. Als ich die Empfehlungen der vier mir zugänglichen Quellen nebeneinander legte, ergab sich der perfekte Widerspruch. Wo Johnsons Zeitfenster zugeht, fängt Parkers manchmal erst an. ‚Vinum‘ drängt mich zur Eile, wo Gabriels ‚Weinwisser‘ zur Geduld ermahnt. Einigkeit herrscht eigentlich nur in einem: nach der Ankunft im Keller erst mal nicht anrühren – ob zwei oder fünf Jahre kommt schon auf die Quelle an.

Nun werden Weine aus Bordeaux in Zwölferkisten verkauft. Also beschloss ich den Selbstversuch und mache von einigen Weinen jetzt alle paar Jahre einen auf und notiere. Das schult meinen Gaumen nur bedingt, weil sich einzelne Jahrgänge in der Reife erheblich unterscheiden können, ist aber eine prima Ausrede, um jederzeit edlen Stoff ins Glas zu kriegen. Einen nichtigeren Anlass als: ‚Ich muss überprüfen, wie es um den Reifeverlauf steht‘, kann ich mir kaum vorstellen. Dieser Tage war es mal wieder so weit.

Chateau Giscours, Rotweincuvée, 2004, Margaux (3. GCC), Frankreich (Bordeaux). 65% Cabernet Sauvignon, 30% Merlot, 5% Cabernet Franc. Ich habe den Wein nicht karaffiert. Nach einer Viertelstunde war er voll da und hielt sich über mehrere Tage, wobei er am ersten Tag am schönsten war. In der Nase dominierten das Fass und der Cabernet: ziemlich viel Holz, daneben Johannisbeere, Cassis und grüne Paprika. Am Gaumen war der Wein sehr jugendlich aber auch zugänglich. Johannis-, Blau- und Brombeeren gesellten sich zu auch hier deutlichen Holzaromen. Reifenoten oder Tertiär-Aromen fehlen vollständig: kein Leder, Zeder, Tabak, Waldboden, Kuhstall, Kakao, Trüffel oder ähnliches, stattdessen eine kühle Frische und mineralische Struktur. Überhaupt ist es vor allem die Struktur, die Spaß macht: Mittlerer Druck am Gaumen, eher seidige Textur, spürbare Säure und mineralischer langer Abgang machen diesen Wein sehr elegant, wenngleich über allem noch kräftiges Tannin liegt. Jetzt einen Tick besser als die erste Flasche vor zweieinhalb Jahren. In Punkten ausgedrückt sind das für mich 91.

Ersatzbank Superstar

Man liest immer wieder von Blindverkostungen in denen Weine der mittleren Preisregion weitaus teurere und vor allem berühmtere Weine aus dem Feld schlagen. Bekanntes Beispiel ist die ‚Berliner Verkostung‘ bei der chilenische Weine Latour, Petrus & Co in Reihe versägten. Aber auch in kleinerem Rahmen kommt sowas vor und wird dann intensivst werblich ausgeschlachtet. Ich spare mir die Diskussion darüber, dass die Ikonen in diesen Tests völlig vor der Zeit geköpft, die Underdogs hingegen im perfekten Reifezustand ins Rennen geschickt werden, denn hier geht es um einen anderen Aspekt.

Wenn so ein Underdog gewinnt, ist das für den privaten Konsumenten nicht immer Grund zur Freude.

Es begab sich dieser Tage nämlich folgendes: Wir hatten Gäste zum Essen und zum Hauptgang plante ich einen Castillo Ygay Gran Reserva Especial aus dem Jahr 1989 von Marques de Murrieta zu servieren – ein sogenannter ‚Kultwein‘, wenn auch für den schmaleren Geldbeutel. Die Zahl der Weintrinker und das Vorprogramm legten nahe, dass eine Flasche nicht ganz reichen, eine zweite aber wohl nicht leer werden würde. Mein Ygay war eine Einzelflasche und so suchte ich für die Ersatzbank einen anderen, günstigeren Wein. Dieser sollte eine spürbare Säure bei nicht zu viel Power und jugendlichem Feuer zeigen. Ganz alt sollte er aber nicht sein, damit der zu erwartende Rest am nächsten Tag noch Spaß macht. Ich entschied mich für einen von Blaufränkisch dominierten Österreicher aus dem Jahre 2004. Da er unterm Schrauber steckte und weil der erste Schluck es nahe legte, landete er in der Karaffe.

Die Gäste kamen, der Abend war nett und das Essen lecker. Das Vorprogramm mit unter anderem Wittmanns Morstein aus 2008 befriedigte alle Erwartungen. Beim Ygay hielt ich mich etwas zurück und lies den Gästen den Löwenanteil. Anhand des einen getrunkenen Glases muss ich konstatieren, dass es sich – wie schon beim vor Jahren getrunkenen 1978er – um einen sehr ordentlichen aber eigentlich kreuzbraven Rioja handelt. Irgendwo bei 87 Punkten könnte er verortet sein, aber das ist ganz schön enttäuschend bei dem ganzen Buhei um seine mindestens 50 Monate Fasslager, x-fache Selektion und all dem anderen Tüdelüd.

Mein Glas war als erstes leer. Ich holte die Karaffe von der Ersatzbank. Es kamen scherzhafte Bemerkungen, ob ich die ordentlichen Weine für mich beiseite geschafft hätte und ich stieg ebenso scherzhaft darauf ein. Was dann aus der Karaffe ins Glas strömte spielte allerdings eine ganze Liga über dem großen Spanier. Mir war es zwar recht aber auch ein bisschen peinlich. Ich wurde gebeten, das Glas mal rumzureichen und auf einmal landeten die Ygay-Reste meiner Gäste in einem nicht mehr gebrauchten leeren Glas. Alle wollten den Ösi trinken. Beim Aufdecken des Weines konnte niemand was mit dem Winzer anfangen (keine Web-2.0-Menschen unter den Gästen), der Preis von 18€ versus 33€ ließ allerdings ein zweites Mal aufhorchen. Zum Glück waren auch weniger weinbegeisterte mit am Tisch, so dass nach kurzem Ordnungsruf der Hausherrin das Thema gewechselt wurde.

Wie erwartet blieben ungefähr ein viertel Liter übrig und überdauerte ohne Schaden im Kühlschrank, so dass ich am nächsten Abend den Rest trinken und eine Verkostungsnotiz anfertigen konnte.

Grenzhof Fiedler, Mörbisch Rot, Rotweincuvée, 2004, Burgenland, Österreich. 87% Blaufränkisch und 13% Cabernet Sauvignon. In der leicht alkoholischen Nase Pflaume und blonder Tabak. Am Gaumen ist der Wein dunkel und kräftig: schwarze Johannisbeere, Kaffee und Bitterschokolade. Dabei ist er aber nicht mollig, breit und warm sondern begeistert vor allem mit Textur (straffe Säure), Struktur (harmonisches Tannin), gut integriertem Alkohol und diesem kühlen, an Menthol erinnernden sehr langen Abgang. Große Klasse.