Riesling und Silvaner Rudolf May Lanius-Knab

Trainingstrinken

Die Jugend mag meinetwegen für Olympia trainieren, ich trainiere für Wiesbaden! Am Montag und Dienstag findet die Vorpremiere der Großen Gewächse des VDP statt und ich darf wieder teilnehmen. Das will sorgfältig vorbereitet sein.

Letztes Jahr war ich erstmals dabei, bei der begehrtesten Verkostung der deutschen Weinwirtschaft und es hat viel Spass gemacht. In Vorbereitung auf die kommende Berichterstattung habe ich mich noch einmal mit meinen Erfahrungen und Berichten vom letzten Jahr beschäftigt. War das sinnvoll, wie ich an die Sache herangegangen bin und was ich als Ergebnis verkündet habe?

400 GGs in 2 Tagen – geht nicht

Ich hatte mir vier Kategorien erstellt und alles, was ich ins Glas bekam entsprechend einsortiert: grauslig, gut (GG-würdig), exzellent oder ‚verstehe ich nicht‘ (= müsste ich mehr von probieren um zu entscheiden, ob das gut oder schlecht ist). Das hat für mich funktioniert und im späteren Vergleich mit den Ergebnissen anderer Verkoster erscheint mir meine Quote an Ausfällen und Sensationen nicht absonderlich. Ich werde es dieses Jahr wieder so machen (mehr zur Entstehung meines Schlachtplans finden Sie hier). Das ermöglicht mir eine schnelle Verkostungsfolge. Alle 391 Weine der Veranstaltung werde ich trotzdem nicht schaffen und ich nehme es mir gar nicht erst vor. Württemberg als Gebiet und die weißen Burgundersorten lasse ich aus und sage es diesmal vorher, damit klar ist, dass es nicht mit der Qualität zu tun hat.

Freude auf Franken

Letztes Jahr hatte ich noch gehofft, alle Weine zu probieren und dann auf der Veranstaltung festgestellt, dass das nicht geht. Also schrieb ich Folgenschweres:

Ich habe in der Mittagspause des zweiten Tages an einer Streichliste gearbeitet, indem ich Mitverkoster fragte, was man denn am ehesten auslassen könne. Die Antwort war eindeutig: Franken. Also habe ich die Zeit gespart und mich lieber den Spätburgundern gewidmet.

Oje, das ist mir dann aber mal so richtig um die Ohren geflogen. Verkürzt zu ‚Franken ist so schwach, das brauchst Du gar nicht zu probieren‘ geisterte das Statement durchs Netz und noch Monate später kam das Thema immer mal wieder zu mir zurück. Logischerweise kamen Retourkutschen, eine sogar zum Nachhören in einem der Frankenpodcasts von Originalverkorkt, wo ein fränkischer Winzer die naheliegende Keule auspackte: Wer auch immer das geschrieben habe, der verstünde vermutlich den fränkischen Wein einfach nicht, der sei ja auch besonders. Ich gelobe also Besserung. Montag Morgen, 9.00 Uhr, mein erster Flight: Silvaner GGs aus dem Stein vom Bürgerspital und Staatlichen Hofkeller, Stein-Harfe, vom Bürgerspital und Pfülben von Schmitts Kinder, gefolgt von 11 weiteren Silvanern, danach beginne ich den Riesling mit den fränkischen (15 stehen auf der Probenliste). Spätestens um 11.00 Uhr gibt es den ersten Tweet zu fränkischen Weinen von mir (@schnutentunker, wer kein Twitter hat, kann es hier links in der Seitenleiste auf dem Blog lesen). Und damit ich das alles auch verstehe, trinke ich mich gerade ein. Rudolf May, einer der fränkischen Winzer, die noch mit mir reden, hat mir freundlicherweise ein paar Silvaner fürs Training geschickt. Die machen mir übrigens Hoffnung, dass das ein spaßiger Montagmorgen wird:

Retzstadt SilvanerRudolf May, Silvaner ‚Retzstadt‘ (VDP Ortswein), 2014, Franken

Für mich gibt es zwei Arten Silvaner: die zitrusfruchtigen Ich-wär-viel-lieber-ein-Sauvignon-Blanc-Silvaner und die aromatisch an Birne und Heu erinnernden Wir-sprechen-mit-tiefer-Stimme-und-rollen-das-R-Silvaner. Dieser hier ist letzteres, bringt aber mit seiner knackigen Säure eine Portion Spaß ins Glas, die dafür sorgt, dass man Lust auf ein zweites und drittes Glas bekommt. Mittlerer Körper, süße Frucht, die wirklich an Birne erinnert und nix mit Zucker zu tun hat (2,8 Gramm Restzucker), unauffälliger Alkohol (12,5%) und eine schöne Mineralik/Phenolik, die den langen Abgang sehr lebendig macht und für Trinkfluss sorgt. Toller Wein, der mit 9 Euro extrem günstig ist.

Geheimtips, wir wollen Geheimtips

50 Prozent der Weine hatte ich letztes Jahr aufs Podest gehoben und es waren viele übliche Verdächtige dabei. Das konnte ich gar nicht vermeiden, denn die Üblichen sind ja die Üblichen weil sie üblicherweise die besten Weine machen. Für Sie als Leser relevanter dürfte in dem Zusammenhang gewesen sein, welche der Üblichen in der Listung fehlten oder bei welchen ich das Lob relativiert habe. Und siehe da, nachdem ich gelesen habe, was andere schrieben, stelle ich fest, dass ich mit vielen Mitverkostern übereinstimmte, wenn es um die Weggelassenen geht und auch die expliziten Einschränkungen des Lobes, etwa bei den Weinen von Keller oder Diel, tauchen in anderen Berichten vielfach auf. Bei den Geheimtips entwickelt sich mittlerweile auch ein Trend zu üblichen Verdächtigen (etwa Jakob Jung). Also traute ich mich, Weine wie die von Lanius Knab zu empfehlen. Da habe ich mittlerweile bei Kollegen auch deutlich abweichende Meinungen gelesen. Das verlangte Überprüfung.

Lanius Knab Oelsberg GGLanius Knab, Oberweseler Oelsberg, Riesling Großes Gewächs, 2013, Mittelrhein

Schöne, klassiche Rieslingnase mit gelben Früchten dazu getrocknete Kräuter, keine überreifen Auffälligkeiten. Am Gaumen sehr straff mit knackiger Säure, auch kräftig und voll aber eher mit Muskeln als Babyspeck. Mit etwas Luft wird er molliger. Nach zwei Stunden eher süßlich, nach 24 Stunden sogar etwas plump, weil im Abgang zu süß. Am dritten Tag findet er wieder zu alter Kompaktheit, macht Spaß, wenngleich der Abgang noch ein wenig ins Süßliche dreht. Länge, Tiefe und Struktur sind wundervoll, der hohe Alkohol (13,5%) steht dem Wein gut. Ob das jetzt zwei Gramm Zucker zu viel sind, werden die nächsten Jahre zeigen, ich glaube an eine positive Entwicklung. Unter Preis-Genussverhältnis-Gesichtspunkten ist der Wein eh großartig.

Und das bringt mich zum Fazit von letztem Jahr. Gleich mehrfach schrieb ich, dass ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor bei der finalen Beurteilung des Jahrgangs sei, wie sich die häufig der kantigen Säure gegenübergestellten ein oder zwei Extra-Gramm Zucker integrieren würden. Ob die Weine plump und ‚mastig‘ oder würdig-würzig mit vibrierendem Spiel werden, wüssten wir erst in einigen Jahren. Der Lanius Knab zeigt ein Jahr später beide Eigenschaften, die gute frisch aus der Flasche, die schwierige mit 24 Stunden Luft. Ich bin also so klug als wie zuvor.

Werd’ ich halt noch ein bisschen weiter trainieren.

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