Bart Riesling brut Versteigerung

Achtung, Riesling!

Auch dieses Jahr haben die Versteigerungsweine der Kategorie VDP.Auktion.Reserve ihren Weg aus dem Rheingau zu mir nach Berlin gefunden. Wir haben sie probiert und hatten viel zu diskutieren.

Es ist mittlerweile eine liebe Tradition: Im Februar verkoste ich die Auktionsreserven für die Versteigerung Anfang März (dieses Jahr am 7.). Das ganze bahnt sich meist kurzfristig an und doch ist es kein Problem, Mitstreiter für die Verkostung zu finden, denn die Auktionsreserven haben einen Fanclub in Berlin.

Das Konzept ist hier schon mehrfach beschrieben. Wer es nicht kennt, der liest es hier nach. Ultrakurzform: Rieslinge und Spätburgunder der Kategorie Ortswein deluxe, also ohne Lage, aber mit längerem Hefelager und strengerer Selektion. Allerdings gibt es einige Weine, die sich nicht ganz an die Spielregeln halten. Also servierte ich den Sekt offen, dann drei Reserven blind, dann eine offen, dann einen Versteigerungskabi offen und schließlich zwei Spätburgunder blind. Man sollte die Darreichung dabei nicht überbewerten, die interessantesten Diskussionen ergaben sich eh nach dem Aufdecken.

Barth, 2021 VDP.Auktion.Reserve Riesling Sekt Brut

Sehr helle Nase, duftig, blumig, Holunderblüte und nur etwas Hefewürze. Am Gaumen ist der Wein straff, zackige Säure, Plattpfirsich, wenig Süße, tänzelnde Anmutung mit herbem Finish, wunderbar leicht mit 11,5 Prozent Alkohol, sehr säurebetont, was keine ungeteilte Begeisterung auslöst. Ich bin am Tisch vermutlich der größte Fan. Der Wein ist frisch degorgiert mit 5 Gramm Dosage, was nach Aussage des Winzers schon in kurzer Zeit eine schöne Reife entwickeln wird. Ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln.

Wie er früher einmal war …

Riesling VDP.Auktion.Resrve

Die Diskussion um die ersten drei Weine ist eine, die ich zuletzt häufiger erlebe. Es gibt so viel zahme Riesling aus den warmen Jahren der jüngeren Vergangenheit, dass die zackigen Vertreter Irritationen auslösen. Dabei sind sie harmlos im Vergleich zu den Rieslingen der 90er-Jahre – und die waren schon von der Erderwärmung geprägt. Anja fasste es schön zusammen: ‚Wer ein Hotel bucht, das in der Beschreibung darauf hinweist, dass es keinen Pool hat, sollte in der Bewertung keinen Punktabzug für das fehlende Schwimmbad vornehmen.‘ Frucht-Säure-Spiel ohne zu viel Schminkzucker und leicht im Alkohol, das ist eigentlich die ideale Daseinsform für trockenen Riesling. Der Sekt von Barth repräsentiert das in meinen Augen perfekt in der Bubble-Version. Und auch zwei Stillweine gingen in die Richtung.

Robert Weil, 2024 VDP.Auktion.Reserve Riesling trocken

Das ist aroimatisch Bilderbuchriesling, knackige Aprikose, etwas Apfel, mühelos reif in der Frucht, die minimal mürbe erscheint. In der Nase druckvoller als am Gaumen, wo der Wein leiser ist. Saftig und mit knackiger Säure, die sehr gut gepuffert ist, auch weil sich irgendwann das etwas längere Hefelager bemerkbar macht. Schöne Länge. Riesling ohne Firlefanz – und das letzte Wort hat die Säure!

August Eser, 2024 VDP.Auktion.Reserve Riesling trocken
August Eser Versteigerung
Philipp mochte Eser

Bunte Nase, ein paar Gummibärchen, darunter eher mürbe Frucht und leicht rauchige Würze, kommt am Tisch sofort sehr gut an und wirkt ähnlich sortentypisch wie der Weil. Am Gaumen extrem charmante Frucht, dann sehr lebendig weil ein leicht grüner Ton mit etwas malziger Würze spielt. ‚Überraschend komplex‘ nennt das Mitverkoster Philipp, und auch ich finde den Wein am Gaumen besonders schön, weil neben den Aromen auch Frucht und Säure miteinander spielen, bevor es leicht phenolisch schmirgelt. Eine schöne Reise durch den Mund, wird von allen trotz sehr kräftiger Säure sehr gemocht. Angesichts der Tatsache, dass dieser Wein vermutlich nah am Ausrufpreis von 16 Euro netto zugeschlagen werden wird, ist das ein Megaschnäppchen.

Achim von Oetinger, 2023 VDP.Auktion.Reserve ‚Am Hoen Reyn’ Riesling trocken
Oetinger Am hoen Reyn
Anja mochte ‚Am Hoen Reyn‘

Der Wein von Ö ist abweichend vom Statut eher eine alternative Interpretation seines GGs aus dem Hohenrain. Der Unterschied im Jahrgang fiel auch den Blindverkostern sofort auf. Wärmer, deutlich malzige Nase, zurückhaltendere Säure, etwas plüschig im Vergleich, aber er polarisiert sehr am Tisch. Einige sagen kräutrig, andere finden das eher krautig und nach hinten raus auch bitter. Ein spannender Wein, der bei der ‚nassen‘ Versteigerung in der Vorprobe für Diskussionen sorgen wird. Wenn ich mir überlege, wie sich junge GGs des Winzers präsentieren und dann später gereift schmecken, zähle ich mich unbedingt zu den Anhängern des Weins und sehe viel Potenzial.

Prinz 2023 VDP.Auktion.Reserve ‚Le Cœur’ Riesling trocken
Prinz Le Cœur

Ein ‚echtes Statement mit Seele‘ nennt das Weingut diesen sehr naturnah ausgebauten und fast ohne Intervention zur Füllung gebrachten Riesling. Schon in den letzten Jahren war der Wein schwierig zu verkosten, auch weil immer jemand ‚Kork‘ rief. Aber die typischen Nachweishilfen deuten dann in eine andere Richtung: das leere Glas riecht sauber und der mit Wasser verdünnte Wein weist auch eher auf eine andere Ursache. Ich mag an dem Wein die leicht ölige, warme Frucht, die mich an winterlichen Bratapfel erinnert. Die eher vollmundige Art wird von ausreichend Säure und feiner Phenolik gepuffert, die reichlich vorhandene Würze hat dann den beschriebenen Effekt. Ich glaube, dass zu früh geöffnete Flaschen des Cœur den Trinker bestrafen werden. Geduld hingegen wird reich belohnt. 

Zwei Spätburgunder und ein Kabi

Georg Müller Stiftung, 2023 VDP.Auktion.Reserve Pinot Noir trocken
Spätburgunder Versteigerungsweine

Sehr deutsche Nase, Kirsche und Erdbeere, Weichsel, etwas rohes Fleisch, etwas Ziegelstein, Tomatengrün, aber eher klar und angenehm, weil durchaus strahlend. Hat flüchtige Säure im bemerkbaren Ausmaß, die aber nicht zu Verwerfungen am Tisch führt. Am Gauen angenehm, erst schöne, weiche Frucht, dann Säurespannung und dann feiner Grip, bedient das Bild eines straffen Essensbegleiters und ist jetzt sehr präsent. ‚Gebt uns ein Steak‘, ruft die Runde und hat mehrheitlich Zweifel an großem Entwicklungspotenzial. Durchaus komplex.

Kloster Eberbach 2023 VDP.Auktion.Reserve Pinot Noir Goldkapsel trocken

Viel weicher als der Wein von Georg Müller Stiftung, überraschend, anders. Die Nase ist dabei eher verunglückt, erinnert ein bisschen an Waschpulver. Am Gaumen geht für mich die Sonne auf, aber nur für mich, die Mitstreiter nehmen krautig-schwierige Störgeräusche war. Die Frucht ist leicht belegt, aber nicht überreif, Kirsche, etwas rohes Fleisch, dezente Würze und angenehme Säure. In dieser Mittelgewichtsklasse ein sehr schöner Rheingauer Spätburgunder.

Achim von Oetinger, 2024 Hohenrain Riesling Kabinett
Oetinger Kabi
Sascha mochte Kabi

Vom Winzer freundlicherweise mitgeschickt. Wir waren sehr schnell einig: der Wein ist fein, leise, elegant und klar. Und wieder stand ich allein, denn jetzt hatte ich etwas zu meckern. Der Wein ist mir nicht süß genug – als Kabi. Er ist geschmacklich über jeden Zweifel erhaben, aber eher feinherb als fruchtsüß. Anruf beim Winzer, der die Kritik gelten lässt, aber erklärt, dass das Abstoppen eher mit Blick auf Alkohol als auf Restzucker stattfand. So sind es 37 Gramm Restzucker geworden, was nur 3 Gramm weniger als die für viele als inoffizieller Zielwert ausgegebenen 40 Gramm Restzucker für den fruchtsüßen Kabi sind. Und ich habe keine Ahnung, ob sich der Unterschied mit Reife überhaupt noch bemerken lässt. Großartiger Riesling auf leisen Sohlen ist der Wein auch für mich.

Ran an die Bulletten

Fazit: die Rheingauer bleiben sich treu und liefern wieder Versteigerungsweine mit viel Qualität und Potenzial für den kleineren Geldbeutel. Hier geht es nicht um das beste Preis-Leistungs-Verhältnis, sondern darum, das Erlebnis Versteigerung mitzumachen und später Freunden einen sehr seltenen Wein mit schöner Geschichte einzuschenken. Den muss man dann aber nicht vor lauter Ehrfurcht nur in kleinen Schlucken trinken. Mein Tipp ist der Wein von Eser und wie man den dann ersteigert, lesen Sie gerne hier. Dabei ist die Stückelung zur Mindestabnahme bei den Weinen häufig ausgesetzt – einfach mal beim Kommissionär anfragen.

4 Gedanken zu „Achtung, Riesling!“

  1. Danke für den Überblick.
    Ich bin interessiert das erste Mal mitzusteigern.
    Er gibt es Sinn als Blindflug-Gemeinschaft zu bieten?
    Ansonsten werde ich mich noch mal einlesen und oder das Web-Wein-Schule-Video gucken.

  2. Lieber Felix, liebe Verkostungsrunde,
    Vielen Dank für die Einsicht und Einschätzung. Da mit Barth, Eser und Ö Weine dabei waren, die ich mir schon mal notiert hatte, werde ich mich dann mal drum kümmern auch ohne vor Ort sein zu können.
    Vielleicht noch als Tip an Interessierte. Es gibt die Möglichkeit auch online zu bieten. Ein Teil der Kommissionäre richtet auf Anfrage einen Zugang ein, so dass man auch noch während der laufenden Auktion reagieren kann.
    Viele Grüße
    Michael

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