Gute Vorsätze (1)

Ich hoffe, alle, die diese Zeilen lesen, sind wunderbar ins neue Jahr gerutscht. Meine besten Wünsche allen Lesern und von Google irrtümlich hierher verwiesenen. Ich habe in letzter Zeit einige Jahresrückblicke gelesen und kann meinen ganz kurz fassen: schön war‘s.

Ich habe 2012 vor allem meine etwas zu großen Vorräte an Mittelklasse-Rieslingen aus dem Jahr 2007 vernichtet. Das hat erstaunlich viel Spaß gemacht. Ein typischer Vertreter dessen, was mein Glas in 2012 gefüllt hat, ist beispielsweise dieser hier.

Leitz, Rüdesheimer Bischofsberg Riesling Spätlese trocken 2007, Rheingau. In der Nase voll, dick und süß; reifer Pfirsich, etwas Aloe Vera – ein ziemlich üppiger Riesling halt. Im Mund grüßt die prägende Säure und etwas Kohlensäure. Der Riesling wirkt auch am Gaumen ziemlich dick und erstaunlich gereift (für einen Wein unter Schraubverschluss). Ein leicht cremiges Mundgefühl steht in Kontrast zur kalkigen Mineralik, die fast an Tannin erinnert. Das ist ein satter, fruchtiger Wein, der im Abgang etwas austrocknend wirkt, was einen schönen Gegensatz ergibt. Der Alkohol ist präsent, obwohl es nur 12,5 % sind. Sehr langer Abgang, sehr schöner Wein.

Für 2012 hatte ich keine guten Vorsätze gefasst, vor allem, weil mein Leben Anfang letzten Jahres gerade sehr im Fluss, der Weg mithin das Ziel war. Für 2013 hab ich mir aber viel vorgenommen. Zu viel, um es in einen Artikel zu quetschen. Der Januar ist ja noch lang.

Ein Vorsatz lautet, auf jeden Fall wieder zum Vinocamp nach Geisenheim zu fahren. Da werde ich dann eine Session initiieren zum Thema ,neid- und vorbehaltloses Verlinken unter Weinbloggern‘. Das mag für Nicht-Blogger jetzt langweilig klingen, aber eigentlich geht es um genau sie, die Leser, also lesen Sie ruhig noch ein bisschen weiter, selbst wenn Sie nicht bloggen und das Vinocamp Ihnen Schnuppe ist.

Ich gebe mir zwar Mühe, meine Leser zu unterhalten, jedoch vernachlässige ich sträflich, ihnen die gelungene Unterhaltung neuer und alter Kollegen nahe zu bringen. Dabei bin ich kein Einzelfall. Ein anderer Teilnehmer sagte beim letzten VinoCamp sinngemäß, dass wir Weinblogger ein fürchterlich misstrauisches Volk seien. Neuankömmlinge würden erstmal argwöhnisch beäugt, an eigenen Maßstäben gemessen und nur zurückhaltend eingemeindet. Recht hat er. Dabei sollte jeder neue Blogger eine, ich gestatte mir die direkte Sprache, willkommene Sau sein, die jeder alte für ein paar Stunden durchs digitale Dorf treibt. Die ersten Tausend Leser sollten die Morgengabe der Altvorderen sein. Das motiviert zum Weitermachen und wenn die Qualität nicht stimmt, dann ist das Blog eh schnell Geschichte.

Vorgestern bin ich über so einen Neublogger gestolpert. Max schreibt unter dem Titel ,Gustumas/Sinneswelten‘ über das Verkosten. Interessante Fakten mischt er mit fundierter Meinung. Das sollten Sie sich mal anschauen. Leider hat er keine Kommentarfunktion, denn auf seine gut begründete These, dass Verkostungsnotizen, die vorwiegend aus Aromen bestünden, sinnlos seien, hätte ich ihm gerne einen protestierenden Kommentar hinterlassen. Dann also hier (ohne dass ich das von ihm gesetzte Thema klauen will). Aber bevor Sie weiterlesen gehen Sie erst mal hier hin und lesen Sie, worauf ich mich überhaupt beziehe (Husch Husch, zu Tausenden bitte).

Neues Blog zum Thema SensorikIch halte Weinbeschreibungen mit Aneinanderreihungen von exotischen Aromen auch für Zeitverschwendung, doch gerade der Riesling ist zum Beispiel ein Wein, den man gut über ein paar Schlüssel-Aromen klassifizieren kann. Es gibt die molligen, siehe oben, die haben immer was von reifem Pfirsich und Dörraprikose, gern gepaart mit Malz, es gibt die strengeren, die oft duftig daher kommen, zum Beispiel dieser hier:

Jos. Rosch, Selection J.R., Riesling Spätlese trocken, 2007, Mosel. In der Nase leicht kräutrig, dazu Pistazie, Aloe Vera, verhalten fruchtig mit Aprikose, leicht blumig. Die obendrein mit einem kleinen Spontistinker aufwartende Nase empfinde ich zwar als typisch für einen Riesling aber eher auf der kargen Seite. Am Gaumen ist der Wein von mittlerem Volumen aber großer Intensität mit deutlicher Säure, ziemlich wenig Restzucker und viel Mineralik. Dabei glänzt der Selection J.R. mit unaufdringlichen 12,5% Alkohol und einem sehr langen Nachhall. Ich finde wiederum Pistazie, etwas Birne aber insgesamt wenig Frucht. Ein leicht cremiges Mundgefühl passt – sonst wäre mir das Spektakel am Gaumen zu fruchtlos. So ist es ein Wein von enormer mineralischer Dichte, den auch trinken kann, wer‘s nicht so mit den kratzigen Rieslingen hat. Für Liebhaber letzterer ist er jedoch großes Kino.

Es gibt auch noch ein oder zwei andere Typen trockenen Rieslings. Pistazie, Aloe Vera, Dörraprikose, blumig (meinetwegen auch Blüten oder Blumenwiese), reifer Pfirsich, Kemm‘sche Kuchen und zwei oder drei weitere reichen als Aromen vollkommen aus, um mir eine Ahnung zu verschaffen, ob ein Riesling vom Typ her eher auf den Punkt gelesen ist oder im April des übernächsten Jahres geerntet á la Molitor und Löwenstein, ob er vollreif oder strahlend ist oder wie immer man die Typisierung betreiben will. Deswegen freue ich mich über Aromen in Weinbeschreibungen. Dazu habe ich gelernt, dass Banane ein Jungweinaroma ist, Vorhandensein oder Abwesenheit sagt bei deutschen Weißweinen einiges über den Entwicklungsstand, Haselnuss und Vanille vermitteln einen Eindruck von der Wirkung eines möglichen Holzfassausbaus aus und und und. Max‘ Grundbedenken, dass ob unterschiedlicher Empfindlichkeiten Aromenbeschreibungen eingeschränkt aussagekräftig sind, ist allerdings auch nicht von der Hand zu weisen.

Nachdem ich im vergangenen Jahr endgültig den Punkten abgeschworen habe, werde ich 2013 also versuchen, die Aromen in den Griff zu kriegen. Ab 2017 bin ich dann perfekt und nehme Eintritt von denjenigen, die mir beim Weintrinken zusehen wollen. Max bekommt Rabatt – aber nur, wenn er dann noch bloggt.

4 Gedanken zu „Gute Vorsätze (1)“

  1. Hey Felix, vielen Dank für die ersten 20 Besucher. Ich war heute mit einer Komplettumstellung beschäftigt und werde mich morgen Deinem Artikel widmen. Die Umstellung ist jetzt fertig, aber ich gehe stark davon aus, dass die Links zu meinen Seiten nicht mehr funktionieren.
    Sorry für die Mühe.

  2. Ebenfalls einen guten Rutsch! Schöner Beitrag, wie immer. Mal schauen, ob ich es mal zum Vinocamp schaffe. Irgendwie kommt immer was dazwischen.. Und stimmt, 2007 ist schon ein eigenartiger Jahrgang.

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