Weingut Jakob Jung

Der Klassifikationskiller

2015 ist das Jahr, in dem viele Übergangslösungen und Ausnahmen rund um die VDP-Klassifikation deutscher Weine auslaufen sollen. Jetzt wird alles besser. Denn der aktuelle Stand ist sehr einfach, wenn man die Klassifikation in der Theorie betrachtet, also die Welt, wie der VDP sie gerne hätte. Wer versucht, sie sich auf Basis der Preislisten der VDP-Weingüter zu erschließen, wird sie nicht verstehen: Es gibt in der Praxis mehr Produzenten mit Ausnahmen im Sortiment als ohne.

In den letzten Wochen trank ich vier Weine des Weinguts Jakob Jung im Rheingau. Ich hatte sie von Alex Jung geschenkt bekommen, als wir eine Video über sein Weingut und das spannende Käseprojekt seines Vaters drehten. Und diese Weine sind dermaßen exemplarisch für die Wehen dieser Klassifikations-Geburt (die jetzt ja eher Nachwehen sind), dass ich mich nicht zurückhalten kann das Fass noch einmal aufzumachen, bevor endgültig der Deckel drauf kommt.

VDP Rheingau – vierstufige Klassifikation

Der Rheingau arbeitet vierstufig, gestattet seinen Mitgliedsbetrieben mithin beliebige Weine als Gutsweine und Riesling und Spätburgunder aus eingegrenzter Herkunft als Ortsweine zu vermarkten. Ebenfalls dem Spätburgunder und Riesling vorbehalten sind die Vermarktung von Weinen aus als besonders gut klassifizierten Parzellen mit Lagen-Nennung und Zusatz Erste Lage sowie aus als ‚Große Lage‘ eingestuften Lagen als ‚Großes Gewächs‘ oder GG. Aus wein- und markenrechtlichen Gründen muss mancher Begriff merkwürdig geschrieben und fest mit den Buchstaben VDP verbunden sein. Für die trockenen Weine gilt das Ein-Wein-Prinzip in Stufe drei und vier, es gibt also nur einen trockenen Wein aus einer Lage und das war’s. Für die frucht -und edelsüßen Weine all dieser vier Qualitätsstufen gilt: gleiche Verwendung der Guts-, Orts- und Lagensystematik plus Verwendung der klassischen Prädikate.

Die nachträglich in dieses Modell aufgenommene ‚Erste Lage‘ ermöglicht den Winzern des Rheingaus einen ihrer wichtigsten Weine weiter im Sortiment zu behalten: die trockene Lagen-Spätlese, die jetzt halt ‚Erste Lage‘ heißt. Und genau daran erinnert – wie im Video schon gesagt – der Jungsche Steinmorgen: eine wunderbar saftige, junge und vibrierende, trockene Spätlese. Wie schön, dass es so etwas gibt und wie gut, dass der VDP da nachgebessert hat.

Die Klassifikation hat in meinen Augen nur einen echten Fehler und der ist eher technischer Natur, wurde vom zweiten Wein aber gnadenlos aufgedeckt. Was fruchtsüß ist, entscheiden die Regionalverbände und von denen haben einige halt gesagt, ‚Alles, was nicht trocken ist, ist süß‘. Viele Verbraucher denken aber in drei Kategorien: trocken, halbtrocken/feinherb, frucht-/edelsüß. Die wundern sich dann über den zweiten Wein in meinem Glas.

Update: Das Obige ist quatsch. Im Kleingedruckten des VDP heißt es zur ersten Lage:

Gesetzlich halbtrockene Qualitätsweine tragen keine zusätzliche Bezeichnung. Die Geschmacksangabe halbtrocken ist fakultativ. Gleiches gilt für feinherbe Weine.

Jakob Jung Riesling Alte RebenJakob Jung, Erbach Steinmorgen, Riesling Erste Lage feinherb, 2013, Rheingau. Das Fazit vorneweg: das ist ganz großes, feinherbes Kino: nichts von der in diesem Jahrgang omnipräsenten Grapefruit, sondern vollreife Rieslingfrucht, malzig, warme Aromatik, Melone, Apfel, leicht kandiert aber gar nicht so süß, gefühlt gerade mal halbtrocken, saftig aber auch leicht rauchig, sehr voll aber mit feiner Mineralik/Phenolik, die alles zusammenhält, davor bewahrt breit zu wirken. Die Säure ist so reif, dass ich zwei Mal nachschaute, ob das nicht doch ein 2012er ist. Am zweiten Tag noch rauchiger, ewig lang und noch besser. 11,5% Alkohol sind zu jeder Zeit fest integriert.

Die meisten Winzer machen genau einen trockenen, einen feinherben aber mehrere (Kabi, Spätlese, Auslese) richtig süße Weine aus ihren ersten und großen Lagen. Dass sie da gerne einfach nur erste Lage feinherb draufschreiben möchten, kann ich als Konsument gut verstehen, bei einem solchen Hammerwein wie diesem finde ich es sogar besser, weil es wertiger wirkt und dem Wein gerecht wird. Dass die Angabe fakultativ ist, bietet allerdings Raum für Fehlinterpretationen.

Dann kam der Alles-Richtig-Alles-Falsch-Wein. Es handelt sich um den Riesling Alte Reben trocken 2013. Der Rheingauer Weinschmecker hat neulich beim Würtz einen schönen Artikel über Sinn und Unsinn der alten Reben geschrieben. Die meisten Weine, die diese Beschreibung tragen, lösen das damit verbundene Versprechen nicht ein. Alte Reben reduzieren den Ertrag auf natürliche Weise, tragen weniger Trauben, und die Beeren sind etwas kleiner – so das Klischee. Die bessere Wasserversorgung dank tieferer Wurzeln führt zu guter Nährstoffaufnahme, das geringere Verhältnis Fruchtfleisch/Saft zu Beerenhaut zu größerem Extraktreichtum. Im Idealfall hätte also ein auf der gleichen Qualitätsstufe geernteter Riesling aus alten Reben einfach einen Tick mehr Tiefe und Bumms, ohne weniger Säure oder mehr Alkohol zu haben, denn das Plus wird nicht über längere Reife erwirkt. Der Konjunktiv ist der Tatsache geschuldet, dass kaum ein Wein aus alten Reben diesem Bild entspricht. Aber dieser! Jungs Wein ist ein Riesling Alte Reben, der einen mit dem überstrapazierten Blabla um das Rebalter gründlich versöhnen kann. Zehn Prozent konzentrierter als der trockene Steinmorgen, etwas mehr Ernst – ohne gleich die Spätlesecharakteristik aufzugeben. Alles Richtig gemacht – wenn da nicht noch eine Lage auf dem Etikett stünde: Erbach Hohenrain. Das ist eine Große Lage und Jung macht ein GG daraus. Da verwirrt ein leichterer Wein mit dem Zusatz ‚Alte Reben‘ jeden, der nicht hüfttief in der Materie steckt.

Weingut Jakob Jung – VDP und Charta

Der letzte Wein war der Riesling Charta. Dass es den gibt, hat vermutlich historische Gründe. Er trägt keine Lagenbezeichnung, ist eine Respektserweisung an die Väter der GG-Bewegung (vermute ich zumindest). Meine Erwartung war, dass er sich auf dem Niveau eines klassischen Rheingauer ‚Ersten Gewächses‘ nach gesetzlicher Klassifikation (die nichts mit der VDP.Ersten Lage zu tun hat) bewegt, also irgendwo zwischen Erster Lage und GG oder auch zwischen Spätlese trocken und Auslese trocken. Genau da sah ich ihn dann auch.

Kapsel eines Charta-WeinesJakob Jung, Riesling Charta, 2013, Rheingau. In der Nase die Grapefruit, die in meinen Augen (in meiner Nase) diesen Jahrgang so prägt, dazu grüner Apfel und Brottrunk, jung und wild. Am Gaumen viel ‚wärmer‘ als erwartet, keine Grapefruit, relativ viel, aber sehr reife Säure, gepuffert von Frucht und Zucker. Das schmeckt gerade eben noch trocken, eher schmelzig als saftig, mäßig mineralisch/phenolisch, was sich aber im Abgang ändert, da kommt mächtig viel Mineralik/Phenolik, ein leichtes, sehr animierendes Bitterl. 12,5% sind angenehm. Ich behaupte, in fünf Jahren ist der richtig gut.

So, da war sie also, die Kollektion, die zeigt, dass man auch sechsstufig arbeiten kann: Gutswein, Ortswein, Erste Lage als Nachfolger der Spätlese, Großes Gewächs als mächtige Auslese trocken und dazwischen Alte Reben mit 10% Extra-Bumms und Charta als Zwei-Sterne-Spätlese trocken mit fünf Jahren Reifebedürfnis – passt. Könnte man eine schöne Story draus machen. Sie war schon halb geschrieben, da schaute ich der guten Ordnung halber mal in die Jungsche Preisliste. Die Erste Lage kostet 11,40€ die beiden anderen kosten 11,90€ – 50 Cent mehr für Alte Reben und Charta. Das Weingut gibt es nicht seit gestern. Die Preisdifferenz dürfte das sein, was Jung bei seinen Kunden für diese Weine durchsetzen kann. Da verspüre ich zwar Bewunderung für einen Winzer, der in einem so komplizierten Jahr so feine Nuancen herausarbeiten kann, aber ich verspüre auch den Drang ihm den Rat zu geben: 50 Cent??? Komm, dann lass den Quatsch doch einfach. Vier Stufen tun’s bestimmt auch.

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