Zwischen allen Stühlen

In den vergangenen zwei Wochen habe ich etwas getan, was ich schon seit langer Zeit nicht mehr getan habe: ich war ein wenig in der Online-Weinszene unterwegs. Aufgrund einiger Verzögerungen bei anderen Projektteilnehmern hatte ich im Büroalltag immer mal wieder ein paar Minuten, um mich mit einem Blick in das eine oder andere Blog oder einem Beitrag bei dieser und jener Diskussion auf Facebook zu zerstreuen.

Doch was ich dabei erlebte, machte mir gleich wieder deutlich, warum mir die arbeitsreiche Zeit lieber ist, in der gerade einmal Zeit für einen eigenen Artikel pro Woche und die Lektüre der Blogs in meiner Blogroll bleibt.

Es begann mit einer erhitzten Diskussion auf Facebook, ob die Deutsche Weinbloggerwelt heillos zerstritten sei, die sich glücklicherweise nur einige Tage hinzog und mehr oder weniger ein Sturm im Wasserglas war. Ich dachte immer, dass diejenigen, die ein Blog nicht mögen, es einfach nicht lesen. Das scheint aber nicht immer so zu sein.

Weiter ging es mit einem Klassiker: dem Korken. Die Diskussion in der gleichen, Weinfreaks genannten Facebookgruppe brachte tatsächlich mal etwas neues, denn es beteiligten sich auch Korkbefürworter, was zunächst für einen facettenreicheren Austausch als das übliche Rindenbashing sorgte. Leider schlugen die Wellen in kürzester Zeit hoch, einzelne Teilnehmer verließen die Diskussion unter Absingen schmutziger Lieder und es zeigte sich die alte Krankheit der Weinszene: zu viele Menschen diskutieren um zu gewinnen, nicht um sich mit anderen Menschen auszutauschen.

Als Reaktion schrieb Manfred Klimek eine kleine Polemik in seinem Weinmagazin Captain Cork, die man amüsant finden kann, wenn man darüber hinweg sieht, dass er eine Menge Behauptungen aufstellt, die zu belegen er vermutlich nie vorhatte. Der Hauptvorwurf war, dass Deutschlands Blogger dem Wein die Romantik nehmen oder die Weinkultur zerstören – oder so ähnlich. Mich erinnerte das sehr an eine verunglückte Glosse eines damals noch recht bedeutenden Weinjournalisten über ,die Spinner in ihren Blogs‘, zu der sicherlich in Dirk Würtz‘ Blogarchiv noch etwas zu finden ist.

Als Zerstörer der Weinkultur betätigte sich selbiger wahrlich nicht, als er in seinem Blog einen ultimativen Erklärungsversuch der neuen VDP-Klassifikation unternahm. Auch der wurde eifrig auf Facebook diskutiert – mit exakt den gleichen Statements, mit denen vor bald zehn Jahren schon im damals wichtigsten und heute nicht grundlos verwaisten Web-Weintreff ,talk-about-wine‘ auf alle eingedroschen wurde, die das GG als großen Wurf betrachteten. Ich habe mir mal die Mühe gemacht zu zählen und habe 71 verschiedene Riesling GGs aus dem vermutlich ziemlich guten Jahr 2007 in meinem Keller gefunden. Damit qualifizierte ich mich in den Augen des Gruppenleiters als Etikettentrinker der Extraklasse – und ich dachte, ich wäre einfach nur neugierig.

Von außen betrachtet, wirkt die Online Weinszene vermutlich wie ein humorloser Klub älterer Herren, zänkisch und in der eigenen Bedeutung gefangen. Das sollte man nicht zu dramatisch sehen, denn wer je auf einer Mövenpick-Weinprobe war, wird zugeben, dass die Offline-Welt von außen betrachtet ebenfalls wie ein zänkischer, humorloser Klub älterer Herren wirkt (die sehen nur nicht so gut aus wie auf Facebook-Profilfotos)

Niemand hat mich persönlich der Ahnungslosigkeit, des Technokratentums oder der Etikettentrinkerei beschuldigt – das wäre auch zu konkret in der Online-Welt, in der niemand je Ross und Reiter nennt. Daher bin ich auch nicht ernsthaft beleidigt. Ich hab‘ mich einfach bei der Gruppe wieder abgemeldet und die Auswahl der Blogs, die ich lese richtet sich nach meiner verfügbaren Zeit. Das erledigt sich alles von alleine. Fehlt nur noch ein guter Wein. Ein Lieblingswein. Mal wieder ein ,Trio‘ von den Schneiders. Die sind vor Jahren mal aus dem VDP ausgetreten – ob sie das gemacht haben, weil Ihnen der VDP damals wie ein Klub zänkischer älterer Herren vorkam, weiss ich nicht. Die Vorstellung wäre mir aber irgendwie symphatisch.

R.&C. Schneider, Weißer Burgunder Spätlese tr. *** trio, 2007, Baden. In der Nase Birne, Aprikose, Quitte, Holz und Rauch – 5 Aromen, mehr schaff‘ ich nicht. Am Gaumen ein bisschen überdreht mit einem Geschmack, den ich nur als Grüner-Apfel-Bubblegum beschreiben kann, kräftige Säure, ziemlich viel Holz, etwas cremig aber vor allem rassig. Die 14% Alkohol sind erstaunlich unauffällig. Nach hinten raus schmeckt der Wein nach Birne, ist etwas kratzig im Abgang, was sehr animierend ist, auch rauchig und vor allem sehr sehr lang – immer noch ein Lieblingswein, auch wenn er sich am zweiten Tag sehr viel cremiger und weniger rassig und dann auch alkoholischer und insgesamt fett (aber immer noch gut) präsentiert.

P.S. Während ich diesen Artikel schrieb, nahm ich parallel an einer wahnsinnig spaßigen Aktion teil, die der Weinjournalist Stephan Reinhardt spontan einberufen hatte. Einem Gewürztraminer-Happening auf Facebook. Das zeigt, welche Kraft die sozialen Medien haben können, wenn sich alle mal locker machen.

7 Gedanken zu „Zwischen allen Stühlen“

  1. Gefällt mir! Und in vieler Hinsicht teile ich Ihre Meinung. Es wird oftmals zu verbissen diskutiert, behauptet, beharrt. Aber die Angelegenheit hat zwei Seiten, nämlich dann, wenn Behauptungen aufgestellt werden, die anhand von Fakten nachweislich falsch sind, Anschuldigungen gegen Personen oder Institutionen in den Raum gestellt werden, die diese in ein schlechtes Licht rücken, mies machen oder gar an Verleumdung grenzen, ohne dass belegbare Grundlagen oder wenigstens ein begründeter Anfangsverdacht vorhanden ist. Und besonders perfide wird das, wenn das natürlich alles im heeren Interesse der Aufklärung, des Verbraucherschutzes, der Weinqualität oder sonstiger angeblich altruistischer Ziele geschieht. Dann sind, zumindest für mich, facebook, blogs oder twitter keine Spaßmedien mehr, sondern werden von mir mit der gleichen Messlatte gemessen, die die reale offline Welt zu Recht definiert hat. Dabei geht es nicht um politische Korrektheit, einseitige, abwegige, anrüchige Beiträge machen die online Szene interessant. Aber online ist eben nicht aus der Welt, online heißt nicht, dass man sich alles erlauben kann, sein Hirn an der Tastatur abgeben kann und vergessen darf, was Respekt bedeutet. Das ist eine der Gründe, weshalb ich z.B. Dirk Würtz sehr schätze; er schafft den Balanceakt ohne gemein und vorsätzlich verletzend zu zu werden und liest sich trotzdem interessant und spaßig. Mit vinophilem Gruß, Joachim Kaiser

    1. Danke für den Kommentar. (Nicht wundern, ich habe den zweiten mit der Korrektur des ersten gelöscht und die Korrekturen direkt in Ihren ersten eingefügt).
      Tja, es gibt halt viele Menschen, die glauben, es reiche ‘nur meine Meinung’ drüber zu schreiben, um dann behaupten zu können, was immer ihnen in den Kram passt. Wie ein solcher Irrtum entsteht, konnten Sie aber ja auch heute im Laufe des Tages recht anschaulich verfolgen 😉

  2. Erstens: Eine These oder Behauptung muss nicht bewiesen werden, es ist Meinungsjournalismus und als solcher am Beginn des Beitrags in der Überzeile ausgewiesen. Ich habe nicht gedacht, dass ich hier das Wesen des Journalismus erklären muss. Aber egal.

    Zweitens verliert für mich jeder Beitrag seinen Wert, der das Medium falsch schreibt, über das er schreibt. Captain Kork heißt Captain Cork. Aber auch egal..

    1. Vielen Dank für die Korrektur.
      Was, wenn nun mein Stück auch Meinungsjournalismus wäre? Dann müsste ich Ihnen jetzt Meinungsjournalismus erklären – ohje!
      Ich versuch es mal: Die Verknüpfung des Korken mit dem BiB in Ihrem Stück war ein hübscher Kunstgriff. Ziemlich exakt die gleiche leicht hinterhältige Technik, die ich auch in meinem Stück angewendet habe. Aber wir werden vermutlich nicht auf einen Nenner kommen, was daran liegen könnte, dass es in der Weinwelt viel zu viele Menschen gibt, die diskutieren um zu gewinnen.
      Ich rufe Sie zum Sieger aus.

  3. Tja, wenn man zwischen allen Stühlen sitzt, geht man am besten rüber zum Sofa, macht es sich gemütlich und guckt in aller Ruhe zu.

    Diese Rückblicke würde ich gern regelmässig lesen. Kann man die nicht institutionalisieren? Schnutentunkers WWW (–> WeinWebWochen. Vielen dank jedenfalls die nette (und nein, in diesem Falle meint das nicht die kleine Schwester von …) Rückschau auf die diese Woche durch kleien Weindorf getriebenen Sauen.

    1. Danke für das Lob aber glaub mir, jede Wiederholung wäre langweilig, dafür gibt es zu wenig Säue für das Weindorf. Teil zwei ginge vermutlich um Spontangärung statt Kork aber danach wär’s dann ausgereizt…

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.