Der Champagner anderer Leute

‚Alle Menschen mögen Champagner, solange jemand anderes ihn bezahlt!‘ Wilhelm Lahr bringt es auf den Punkt, ironischerweise zur Eröffnung einer Veranstaltung, bei der ich gleich Champagner lieben werde, den jemand anderes bezahlt – eben jener Wilhelm Lahr und sein Arbeitgeber, das Haus Duval-Leroy. 

Doch sein Statement ist weder doppeldeutig noch unpassend. Er spricht an, was auch für seine Gäste ein Thema ist. Außer mir handeln schließlich alle mit Champagner, die hier heute an der langen Tafel im hinteren Gastraum der Ottorink Weinbar Platz genommen haben.

Unter Händlern und Gastronomen

Mein Bekannter Frederic vertritt Weingüter gegenüber Berliner Händlern und Gastronomen. Manchmal lädt er mich zu seinen Veranstaltungen ein, wenn die Repräsentanten seiner Auftraggeber ihre Weine erläutern. Ich folge diesen Einladungen, wenn ich eine Chance sehe Berichtenswertes zu erleben. Neulich, beim Dinner mit den vorzüglichen Weinen von Borgogno, hat das nicht geklappt, weil die Barolos zwar großartig waren, sich aber keine Geschichte ergab.

Heute geht es um Champagner von Duval-Leroy. Und schon mit seinem Eröffnungs-Statement bietet Wilhelm Lahr ein Motiv für eine Geschichte. Dabei bräuchte ich das gar nicht: auch die Weine von Duval-Leroy erzählen Geschichten. Da ist der Basiswein Brut Reserve, ein beeriger, leicht molliger und sehr zugänglicher Wein (90% Pinot, 10% Chardonnay), einer für Menschen, die Sätze sagen wie: ‚Eigentlich ist mir Champagner immer zu sauer‘. Er ist großartig für diese Qualitätsstufe, aber er ist das Gegenteil von dem, was ich von einem Haus wie Duval-Leroy erwarten würde. Duval-Leroy keltert in Vertus, inmitten 200 Hektar eigener Weinberge an der Côte des Blancs, dem Teil der Champagne, wo zu 95% Chardonnay steht. Da hätte ich eine andere Zusammensetzung des Brut Reserve erwartet, aber so passt es auch. Die Gastronomen sind angetan, denn im Veranstaltungs- und Bankett-Bereich, also da wo andere den Champagner bezahlen, ist es von Vorteil, wenn der Wein auch denen gefällt, denen ‚Schammes‘ sonst zu sauer ist.

Duval-Leroy – das Winzer-Haus

Kollektion Champagner400 Hektar Zukauf zu den eigenen 200, Viermillionen Flaschen Jahresproduktion – das ist auf jeden Fall mehr, als ich erwartet hatte. Und irgendwo muss der Chardonnay ja bleiben. Also ist schon in der nächsten Stufe viel davon im Einsatz, der Fleur de Champagne Premier Cru liefert mit 70% heftig zitrischem Chardonnay den Stoff für all diejenigen, die die Liebhaber der Basis-Cuvée als Warmduscher bezeichnen würden. Ich erkenne eine gewisse Finesse, finde mich aber ebensowenig wieder wie beim in der Runde sehr gelobten Grand Cru Blanc de Blanc 2006, der einerseits würzige Noblesse verströmt, andererseits mit Bratapfelaromatik betört, am Ende dann für mich aber ein bisschen laktisch wirkt. Preislich ist das alles sehr gemäßigt, die Basis findet sich im Netz für 31, der Premier Cru für 35 und der Grand Cru ab 55 Euro. Hätte ich das selbst bezahlt, hätte ich beim Premier Cru den besten Deal gemacht – aber an der Basis das höchste Glücksgefühl erzielt.

Duval-Leroy ist in der sechsten Generation im Familienbesitz. Und die Familie fühlt sich eher der Winzerzunft zugehörig, als dass sie das Selbstverständnis eines ‚Hauses‘ pflegen, erklärt Lahr die Philosophie des Unternehmens. Klingt hübsch, könnte Marketing-Bla-Bla sein, ist es aber für alle erkennbar nicht, denn es folgt eine wilde Phalanx an Weinen, die den Marketingmenschen in mir zur Verzweiflung brächte, den Weininteressierten aber zutiefst neugierig macht.

Duval-Leroy Femme – Prestige-Schnäppchen

Das fängt mit den beiden derzeit verfügbaren Prestige-Cuvées an. Der Femme de Champagne existiert in einer Jahrgangsversion, so weit so üblich. Doch erstens findet dort demnächst der Jahrgangswechsel von 2000 auf 1996 statt und zweitens gibt es parallel eine Non-Vintage-Version, die als Cuvée aus vermeintlich schwächeren Jahren derzeit hauptsächlich aus solchen des Jahres 2004 besteht. Der Femme de Champagne 2000 ist bereits seit mehreren Jahren degorgiert, lag aber über 10 Jahre auf der Hefe. Ich finde ihn in der Nase unauffällig, am Gaumen beeindruckt eine satte Frucht, die nicht zu Lasten der Säure und Eleganz geht. Der ziemlich trockene Wein (6 Gramm Restzucker, 95% Chardonnay) mündet in einem phenolischen/mineralischen Abgang mit ganz viel Tiefe. Die Weine von Duval-Leroy brauchen viel Luft; die höheren Qualitäten dekantieren wir an diesem Abend. Der Femme de Champagne Non-Vintage ist in der Frucht karger, knackiger (5 Gramm Restzucker) und zeigt eine feinnervige Säure, die den insgesamt sehr mineralischen Eindruck unterstreicht. Ein Champagner von beeindruckender Klarheit – razor sharp and laser focused. Für 75 Euro ist das ein Wein, den ich auch dann mit Liebe tränke, wenn ich ihn selbst bezahlen müsste. Die 100 Euro für den 2000er sind im Prestige-Kontext günstig, im Vergleich zum kleinen Bruder aber kein Investment, das ich tätigen würde. Der im Markt bald folgende 1996er lag 18 Jahre auf der Hefe und wird gut 250 Euro kosten.

Rosé Premier Cru– Legales Doping

Auch an der Rosé-Front hat Duval-Leroy außergewöhnliches zu bieten. Der ‚einfache‘ ist der Rosé Prestige Brut Premier Cru (ca. 50 Euro) und der ist eine seltene Kombi. Nur beim Schaumwein ist es gestattet Rosé durch das Zusammenschütten von Rot und Weißwein zu produzieren und besonders in der Champagne sind mit 8-15% Rotwein gefärbte Rosés aus eigentlich weißem Grundwein weit verbreitet. Doch der Gesetzestext lässt auch die Interpretation zu, dass der Produzent einem eigentlich klassisch nach Saignée-Verfahren hergestellten Rosé eine Spur Weißwein für zusätzliche Frische mitgeben darf. Und das passierte beim Rosé: 90% Saignée-Pinot und 10% Chardonnay. Und es gibt den Extra-Kick am Gaumen. Für mich einer der besseren Rosés, wenngleich ich immer noch nach einem Suche, der mich umhaut. Der 2007er Femme Rosé ist dann Rotwein mit Kohlensäure. Er hat schmeckbares Tannin und ersetzt im Menü zur Entenbrust hervorragend einen Rotwein. Den würde ich kaufen, wenn ich in einem guten Restaurant die Lust auf eine Champagner-Begleitung zum Menü hätte. Leider wird den kaum ein Restaurant glasweise anbieten, kostet er doch im Handel um 130 Euro. Eine Erfahrung, die zu machen sich lohnt, wenngleich man am besten mit fünf Leuten zusammenlegt, denn mehr als ein Glas schafft man davon vermutlich nicht.

Nach den ‚klassischen‘ Champagnern, die eine Range abbilden, wie sie für ein Haus typisch ist, kommen die vier Weine, auf die ich am neugierigsten war: Konzept- und Einzellagenweine, teilweise in Kleinstauflagen, die so kaum ein Haus machen würde, vor allem, da Duval-Leroy den Grundsatz ‚je rarer, desto teurer‘ konsequent außer Kraft setzt.

Clos de Bouveries: Knie nieder!

Der Cumiéres 2005 Blancs de Noir Premier Cru aus Bio-Zukauf ist ein weißer Barrique-Pinot-Noir mit zehn Jahren Hefelager. Das Holz finde ich vor allem in der Nase, dann noch ein bisschen am Gaumen, dort aber von sattem Boskop-Apfel, zehn Jahren Hefekontakt und einer sehr weinigen Anmutung überlagert. Zum Abgang hin wird’s kalkig, nervig, drahtig. Das ist auf 5600 Flaschen limitierte Kunst für etwas über Hundert Euro. Der Bouzy 2005 Blancs de Noir Grand Cru Brut Nature zeigt trotz gleicher Herstellungsparameter deutlich mehr Holz, dazu massiv an Pink Grapefruit erinnernde Frucht und hat was von Brausepulver. Ich notiere ernsthaft die Worte ‚sexy‘ und ‚funky‘ in meinem Notizbuch, was mir wirklich selten passiert. Etwas weniger als 4000 Flaschen, etwas weniger als 100 Euro. Petit Meslier Duval-LeroyDann kommt der Petit Meslier 2007 Extra Brut, zu 100% aus der eher seltenen namensgebenden Rebsorte, ebenfalls mit Barrique-Einschlag. Dies ist mein erster reinsortiger Petit Meslier und ich verbuch’s als Erfahrung. Für mich ist das zu bonbonig und irgendwie rustikal. Auch hier kann man zu fünft 100 Euro zusammenlegen, denn reinsortigen Petit Meslier sollte mal getrunken haben, wer sich für Champagner interessiert.

Und dann ist da noch der Clos de Bouveries 2006 Premier Cru Extra Brut, 25.000 Flaschen aus einer Einzellage, 100% Chardonnay, zu 50% aus dem Barrique und nach 9 Jahren auf der Hefe mit 2 Gramm Restzucker dosiert. Der ist jeden einzelnen seiner 90 Euro wert. Nussig, fruchtig, druckvoll aber strukturiert, feine Säure, tolle Perlage, unfassbar elegant und mein absoluter Favorit.

Es steht kein Spucknapf auf dem Tisch und es kommen noch die Süßen. Die sind großartig, aber ich mache keine Notizen mehr. Ich genieße und akzeptiere, dass ich heute eine Weinveranstaltung in einem Zustand verlassen werde, den ich normalerweise vermeide, weil es sonst heißt: ‚diese schnorrenden Blogger wieder!‘ Ich sehe mich um und stelle erleichtert fest, dass es den Gastronomen und Händlern nicht viel besser geht. Aber was hatte ich erwartet? Alle Menschen mögen Champagner, solange jemand anderes ihn bezahlt!

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