Wie legt man einen Weinkeller an? (1)

Ratgeber-Artikel verkneife ich mir für gewöhnlich. Ich glaube nicht, über so fundiertes Wissen zu verfügen, dass ich meinen Lesern (allesamt in Weindingen ziemlich beschlagen, wie ich den Kommentaren entnehme) noch viel beibringen kann. Heute mache ich eine Ausnahme. Meine Lieblingsaphoristikerin Eleanor Roosevelt hat dereinst einen Satz geprägt, dessen universelle Gültigkeit mich zum Abfassen einer Anleitung veranlasst hat. Sie schrieb: ‚Learn from the mistakes of others. You can’t live long enough to make them all yourself‘.

Sechs Jahre ist es her, dass ich anfing, mir einen eigenen Weinkeller einzurichten. Und es wird Zeit einzugestehen, dass ich so viel Unsinn bei der Anlage gemacht habe, dass man durch bloßes Vermeiden meiner Fehler einen prima Keller hinbekommen sollte. Dabei geht es nicht um die technische Anlage, das ist ein individuelles Problem und eher eine Frage für Architekten und Klimatechniker. Mein Keller ist ausreichend kühl und temperaturbeständig um Weine zu lagern, wenn die nicht älter als 20 Jahre werden sollen. Ich habe mich mit technischen Fragen rund um die Weinlagerung also nie beschäftigt. Die Fehler, von denen ich berichten will, hängen mit der Befüllung des Gewölbes zusammen. Fangen wir also an mit den Geständnissen.

Mangels geeignetem Keller belief sich mein Bestand zu Beginn meines Abenteuers auf weniger als 50 Flaschen, meine Interessen waren vielfältig – was mein Lieblings-Euphemismus für ‚ich hatte keine Ahnung‘ ist. Ein normaler Weinkeller dürfte über vier Wände verfügen, die sich eventuell in sechs Abschnitte einteilen lassen, da je eine Wand von einer Tür und einem Fenster geteilt werden. Ähnlich sieht das auch bei mir aus, nur dass meine Tür tatsächlich in einer Ecke liegt, dafür aber einige fest eingebaute Regale als Trennelement fungieren. Also schritt ich mein leeres neues Reich ab, deutete auf eine Wand und sprach zu mir: ‚Da kommt Frankreich hin‘. Einer anderen Wand teilte ich ‚Deutschland normal‘ zu, ein Teilstück war für Übersee vorgesehen, eines für ‚Deutschland GGs‘ und die fest eingebauten Regale schließlich für Italien. Das war also der Schlacht- und Einkaufsplan. Dass ich wenig Erfahrung mit französischen Weinen hatte, störte mich nicht; auch meine Begeisterung für Italien bedurfte eigentlich noch einer genaueren Prüfung.

Den Einkauf für mein Italienregal nahm ich anhand der gängigen Literatur und unter Berücksichtigung aktueller Schnäppchengelegenheien vor. Proben gab es in meiner Gegend nicht sehr viele. Ich hielt mich an die üblichen Verdächtigen – ein paar Barolos, Brunellos, Mehr-oder-weniger-Supertoskaner und für den frühzeitigeren Genuss einige Chiantis, Primitivos und Negro Amaros.

Das ominöse Regal...
Der Rest von Italien

Kaum hatte ich um die 70 Flaschen zusammen und die Italien-Baustelle vorerst abgearbeitet, lernte ich, wie großartig deutscher Spätburgunder sein kann. Ich hatte ein erstes Thema gefunden, dass meiner Weinliebhaberei als Leitmotiv dienen sollte (und bis zum letzten Atemzug wird, da möchte ich mittlerweile drauf wetten). Es gab natürlich keine passende Wand dafür. Meine Italiener mussten enger zusammenrücken (wie auch die Franzosen, doch dazu ein andern mal mehr) und weitere kamen nicht hinzu. Im Gegenteil: etliche günstige Weine verschenkte ich schon wenige Monate nach ihrer Anschaffung. Ich hatte gar keine Lust mehr, sie zu trinken.

Brunellos kommen seitdem im Familienkreis bei der Anti-Spätburgunderfraktion zum Einsatz. Doch wenn ich heute einen Weinkeller einrichten würde, er käme ohne eine einzige Flasche aus Bella Italia aus. Das heißt nicht, dass ich Barolos und Brunellos grausam finde, sie stehen nur nicht im Mittelpunkt meines Interesses. Bis meine letzten Flaschen weg sind, werde ich so manchen in meinem Keller gereiften Wein mit Vergnügen trinken, danach wird das Regal einer neuen Bestimmung zugeführt. Das mit den Schnäppchen von damals relativiert sich dabei heute, wenn man bedenkt, dass ich mir manchmal einen 30-Euro-Brunello öffne, wo mir ein 15-Euro-Spätburgunder genauso viel Freude bereiten würde.

Caparzo, Brunello di Montalcino, 1998, Toskana, Italien. Die Nase ist typisch und schön: Kirsche, Tabak, Pferdestall, Schuhcreme und etwas Holz – das volle Programm. Auch am Gaumen zeigt sich Kirsche, dazu reifes Tannin, Holz, ordentliche Säure; der Abgang ist lang. Das ist elegant und gut strukturiert, mäßig druckvoll und etwas langweilig – bis der Caparzo nach zwei Stunden den Frucht-Turbo zuschaltet und den Suchtfaktor deutlich erhöht. Dann vermag der Brunello zu begeistern. Leider macht der Wein am zweiten Tag schlapp. Aber das ist bei einem 13 Jahre alten Wein in Ordnung.

Marchese di Frescobaldi, Tenuta di Castiglioni, 2003, Toskana, Italien. Der Wein ist eine Cuvée aus Sangiovese, Cabernet Sauvignon, Merlot und Petit Verdot. Die Frucht in der Nase kommt etwas dumpf daher, am ehesten erinnert das an Pflaume, dazu Tabak und Stall. Am Gaumen ebenfalls Pflaume, Kirsche, Blaubeere, Rosmarin und ein sehr trockenes Geschmacksbild, herbes Tannin, mittelkräftige Säure. Das passt alles zusammen, ist mittelkräftig und durchaus elegant. Der Abgang ist lang, der Wein eher süffig als komplex aber trotzdem hervorragend.

Fazit (und Regel Nummer eins): Ein Weinkeller ist ein Aufbewahrungsraum für Deinen Wein, kein Weltweinbaumuseum, in dem alle Anbaugebiete des Planeten mit einigen Flaschen Vertreten sein müssen. Der beste Keller ist der, der sich den Vorlieben seines Besitzers widmet. Und der kluge Weinkellerbesitzer lässt sich mit dem Befüllen seines Kellers Zeit, bis er seine Vorlieben kennt.

3 Gedanken zu „Wie legt man einen Weinkeller an? (1)“

  1. Sehr geehrter Herr Bodmann, wenn man in die Weinwelt eintaucht liest man immer von Italienern, Franzosen und Deutschen (Weinen, versteht sich). Wo bleiben denn die spanischen Vertreter? Es gibt in Spanien hervorragende Trauben und Weine, die fast durchgängig unberücksichtigt bleiben ? Der Grund dafür hat sich mir noch nicht erschlossen. Sogar von Portugiesen spricht man häufiger als von deren Nachbarn? Können Sie mir weiterhelfen?

    Freundliche Grüße

    Gunter Barbosa

    1. Lieber Herr Barbosa, ich bin unschuldig, ich habe in letzter Zeit ziemlich viel über Spanien geschrieben. Ich denke, Spanien liefert nach Deutschland vor allem Alltagsqualitäten (gerade in der Cava-Geschichte beschrieben). Das verändert die Wahrnehmung und das mediale Echo.
      Beste Grüße
      Felix Bodmann

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