Traubensammler

Verwirrende Traubensammler

Die Frage, welchen Einfluss die Weinbergslage auf den Geschmack des Endproduktes hat, beschäftigt nicht nur Weintrinker rund um den Globus, auch Winzer gehen ihr auf verschiedenste Weise nach. Das klingt banaler als es ist, denn vor der Beschäftigung mit dem Einfluss des Bodens auf den Wein, musste in den Produzenten erst die Bereitschaft wachsen, mit einer möglicherweise unbequemen Antwort zu leben, falls die Erkenntnis lautet, dass er viel kleiner ist als jahrzehntelang propagiert (wenngleich es noch viel zu früh ist das zu beurteilen).

Zu den wissbegierigen gesellten sich im Jahr 2012 (also parallel zu den Wurzelwerk-Machern) die beiden Erbacher Winzer Johannes Jung und Achim von Oetinger. Beide heckten einen Plan aus. Was, wenn wir aus identischem Ausgangsmaterial zwei Weine keltern, deren Entstehungsgeschichte unterschiedlicher nicht sein könnte? Das Winzer sich die Ernte einer Parzelle teilen und dann in ihren jeweiligen Kellern einen Wein daraus machen, gibt es schon. Die Weine schmecken höchst unterschiedlich. Was aber, wenn man nichts dem Zufall überlässt, eine Mostpartie einem höchst technischen Prozess der Weinbereitung unterzieht, den anderen auf althergebrachte Art vergärt? Würde die Lage noch durchscheinen?

Also machten sich Jung und von Oetinger ans Werk. Beide ernteten von Hand eine Tonne Trauben in ihren jeweiligen Parzellen im Erbacher Steinmorgen. Beste Trauben sollten es sein und um den Unterschied zwischen den Mikroklimata der Weingärten zu eliminieren, tauschten sie je 500 kilo miteinander und hatten so den gleichen fifty-fifty Mix an Ausgangsmaterial. Ein Problem war noch zu lösen: keiner wollte den Technik-Wein herstellen, beide hatten Lust auf die alte Schule – das Los musste entscheiden und Jung zog den kürzeren Strohhalm.

Und so entstand im Keller des Weinguts Jakob Jung ein Wein aus Ganztraubenpressung, ohne Maischestandzeit, durch gekühlte Vergärung mit Reinzuchthefen, im Edelstahltank und mit minimiertem Hefekontakt. Von Oetinger hingegen ließ die Maische zehn Tage stehen, füllte den Most in ein Holzfass, wartete bis die Gärung spontan mit Keller- und Weinbergshefen einsetzte und ließ dem Wein 4 Monate zum Gären (Jungs Wein war nach zehn Tagen mit der Gärung durch), die Hefe ließ er sogar noch länger beim Wein und rührte sie regelmäßig auf. Einmal musste auch von Oetinger in die technische Trickkiste greifen: da bei dieser traditionellen Machart manchmal ein biologischer Säureabbau (BSA) vorkommt und manchmal nicht, das Old-School-Erlebnis aber maximal sein sollte, leitete er den BSA gezielt ein. Beide Weine durchliefen nur einen einzigen Filtrationsvorgang unmittelbar vor der Füllung.

Ob des Traubentauschs verbietet das Gesetz die Vermarktung als Erzeugerabfüllung. Ob der Minimenge verzichteten die Winzer auch auf die Qualitätsweinprüfung und brachten die Weine direkt unter dem Erzeugernamen ‚Die Traubensammler‘ als Tafelwein auf den Markt. Die Weine sind lediglich mit einer Zahl (1 für Jungs und 2 für von Oetingers Wein) und kleingedruckt den gesetzlichen Angaben beschriftet. Ein Beipackzettel informiert über die Idee und die analytischen Werte des Endprodukts.

Traubensammler – das Protokoll

Das konnte ich mir nicht entgehen lassen. ich kaufte mir ein Paket und legte zuhause los. Um maximalen Spaß zu haben, bat ich meine bessere Hälfte, das Einschenken zu übernehmen und probierte blind. Hier das Protokoll:

Samstag Abend, unmittelbar nach dem Öffnen der Flaschen:

Glas 1: In der Nase verhalten, im Hintergrund ein leichter Stinker, diffusere Frucht, mimimale Sherry-Note. Am Gaumen saftig, würzig, etwas Apfel, eher wenig Frucht, die aber süßlich, kräftige Säure, spürbare Mineralik/Phenolik, insgesamt eher karg und doch tief, Kategorie schlafender Riese.

Glas 2: Nase geringfügig kräftiger, fruchtig, Litschi und reife Aprikose, etwas würzig, ziemlich bunt – erstaunlicherweise ist auch hier diese leichte Sherry-Nase riechbar. Am Gaumen süßer, geschmeidiger, saftiger aber auch etwas glatter, Apfel und Aprikose, kaum Phenolik, easy drinking, lecker, zeigt nicht die gleiche Tiefe.

Danach zu urteilen müsste Glas 1 der ‚wilde‘ Wein sein. Also schnell aufgedeckt – falsch gelegen. Wie kann ich mir das jetzt schönreden? Tagesform? Eher nicht, es ist 17.00 Uhr und ich probiere vor dem Essen, da sind die Sinne geschärft. Bei der Suche nach Ausreden stoße ich auf die Analysedaten. Ha! So funktioniert’s: Traubensammler 2 hat aufgrund des biologischen Säureabbaus nur 6,3 Gramm Säure pro Liter bei 3,2 Gramm Restzucker, der Tekkie-Wein hingegen 7,4 Gramm Säure bei 4,8 Gramm Restzucker. In diesem frühen Stadium ist Traubensammler 2 einfach etwas süßer und leichter zu trinken. Die Nase war eh eher verhalten und da ich nur halb-blind probiere, schließlich habe ich eine konkrete Zielvorgabe, erledigt das Hirn den Rest per Autopilot.

Ich rieche eine Weile an den leeren Gläsern: bezüglich des Stinkers muss ich zurückrudern, den finde ich jetzt eher in Glas 2. Die Verwirrung ist perfekt.

Samstag, später am Abend:

Der ‚wilde‘ wirkt etwas oxidiert. Das macht es jetzt leichter. Das Fazit des ersten Tages: Beide Weine gefallen mir sehr gut – gleich gut.

Sonntag Abend (wieder blind eingeschenkt):

Glas 1: In der Nase wenig Frucht, leicht hefig. Am Gaumen sehr schlank, deutliche Sherry-Note, ein leichtes Bitterl, harmonisches Spiel von Süße und Säure.

Glas 2: Mehr Frucht, Apfel und Litschi, Aprikose, Pistazie(?), am Gaumen erst blitzsauber, saftig, fruchtig, tief und vor allem sehr harmonisch – lecker. Ich könnte das Glas auf ex trinken. Im Abgang auf einmal auch ein leichter Sherry-Ton. Überhang von Glas 1 oder ist der wirklich da? 

Den Sherry-Ton kenne ich so eigentlich nur von Weinen von Clemens Busch (wo er in den GGs manchmal so krass dominiert, dass ich die Weine nicht mehr trinken mag), obwohl es da meist mit hohem Alkohol und einem Mangel an Säure einhergeht, was hier nicht der Fall ist. Diese spezielle Note im Abgang von Glas 2 gefällt mir nach Eingewöhnung ausnehmend gut. In Glas 1 ist es mir etwas zu viel, in Glas 2 gerade richtig. Vielleicht bringt die Lage dieses Aroma mit und der oxidative Ausbau von Glas 1 verstärkt es auf ein Maß, bei dem es anfängt mich zu stören? Aber erst aufdecken: Glas 1 muss Traubensammler 2 sein, sonst sollte ich zukünftig besser über Zierfische bloggen – Ja, stimmt. Puh, Glück gehabt.

Mit Luft sind die Unterschiede deutlicher und der ‚technischere‘ Weinstil gefällt mir besser. Mit ansteigender Temperatur wird der ‚wilde‘ Wein bitter.

Montag Abend, offen eingeschenkt: Ich moderiere parallel meine Radiosendung auf kochblogradio.de – die Doppelbelastung ginge vielleicht als Entschuldigung durch, aber Blind ist mir jetzt zu aufwändig.

Traubensammler PaketTraubensammler 1: Sehr ähnlich zu Sonntag, satte Frucht, ein bisschen Eisbonbon, typische Aromen von Edelstahl/Kaltgärung. Enorm Saftig am Gaumen, knackige Säure, geschmacklich vollkommen trocken. Wieder dieser leichte Sherry-Ton aber der passt jetzt sehr gut.

Traubensammler 2: Sehr hefig, jetzt aber auch hier schönes Spiel, nicht ganz so prall wie bei Wein 1. Der Sherry-Ton etwas ausgeprägter aber deutlich geringer als Sonntag. Jetzt macht auch dieser Wein viel Spaß, ist eher cremig, (wer jetzt ‚burgundisch‘ sagen will, der soll es) aber noch als Riesling erkennbar. Schöne Tiefe und Länge aber nicht so wunderbar wie mein Tekkie in Glas 1.

Fazit: Die Weine verbindet einiges, mit Luft driften sie auseinander, sind beide aber auf ihre Art sehr gut. Wein 1 ist mein Favorit. Gäbe es die Weine regulär zu kaufen, würde ich mir sechs Flaschen von Wein 1 gönnen und zwei von Wein 2, als kleine Wette auf die Zukunft.

Es gibt das Traubensammler Paket in Berlin bei Planet Wein, sonst ab Weingüter von Oetinger und Jakob Jung zu kaufen und es kostet 30 Euro, was nur auf den ersten Blick teuer wirkt. Gemessen am Vergnügen liefern die Traubensammler ein Schnäppchen.

Mit Achim von Oetinger konnte ich vor kurzem auch ein kleines Interview für die Webweinschule führen.

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