Peter Lauer Wiesbaden

Wiesbadener GG-Vorpremiere, Tag 1

Der Startschuss zur großen Weinbeschau in Wiesbaden ist gefallen. Bei der GG-Vorpremiere des VDP stehen 381 Weine zur Begutachtung und wie im letzten Beitrag erklärt, startete ich mit Franken.

Der Blick auf die Verkostungsliste wirft Fragen auf: Da standen nur je 15 Große Gewächse vom Silvaner und vom Riesling. Das sind je vier weniger als letztes Jahr. Waren die angestellten Weine bei der internen Prüfung alle durchgefallen, oder werden viele erst später gezeigt? Das Julisspital hatte zuvor schon per Pressemitteilung verlauten lassen, dass es seine Weine erst später zeigen würde, aber was war mit den anderen? Eine Liste der später kommenden Weine gibt es leider aktuell beim VDP nicht. Die Qualität der gezeigten Weine legt jedenfalls nahe, dass die Franken streng gesiebt haben, denn bis nach Wiesbaden haben es fast nur großartige Silvaner geschafft. Zwei Fragezeichen, zwei schwache Weine und 11 richtig gute GGs sind mein Fazit der Silvanerprobe. Das Bürgerspital hat gleich zwei Mal den heiligen Geist in die Flasche gefüllt, wobei mir der ‚Stein-Harfe‘ noch einen Tick grandioser erschien, Knolls Stein ist ein unglaublicher Brocken, der satt macht, aber den Trinker zur Völlerei verführt, Mays Rothlauf ist der schmelzigste von den 15, Bickel-Stumpfs Mönchshof der wildeste (als einziger mit Stinker in der Nase) und Schmitts Kinders Pfülben der knackigste mit den gefühlt meisten Gerbstoffen (die dem Wein gut zu Gesicht stehen). Horst Sauers ‚Am Lumpen 1655‘ hat ein faszinierendes Spiel aus anfangs kantiger Säure und einem immer schmelziger werdendem Abgang. Als bekennender Fan wage ich es kaum zu schreiben, aber was ist dieses Jahr mit Wirsching los? (Update: Heftige Kontroverse mit den beiden Verkostern hinter uns. Paul und ich finden Wirsching schwierig, Würtz und Hofschuster lieben die Silvaner. Ab sofort verläuft zwischen den Reihen 11 und 12 der Wirsching-Graben)

Die Antwort geben die Rieslinge, denn da zeigt Wirsching seine Klasse, zumindest mit dem Kronsberg; der richtig saftig und schmelzig ist, was zu seiner kantigen Säure passt und tolles Spiel ergibt, wäre er im Abgang etwas spannender, wäre er groß, so ist er sehr sehr gut. Der zweite Wirsching Riesling ist auch GG-würdig. Insgesamt zeigen sich bei den Rieslingen mehr Schatten, das ganze Feld ist in der Aromatik teils arg zitronig, was aber nicht immer unangenehm auffällt. (Update: Verglichen mit anderen Anbaugebieten sind die Schatten allerdings winzig.) Schmitts Kinder haben im Pfülben eine würzige Note, die für Vielfalt sorgt, Knoll packt auf die Säure noch massig Gerbstoff drauf und präsentiert einen Wein, den zu öffnen sich vermutlich ab 2023 lohnt, dann aber richtig. Der Schlossberg vom Fürstlich Castell’schen Domänenamt hat einfach Esprit und entzieht sich ansonsten meinem Wortschatz. Das rundeste Paket liefert der mir bis dato unbekannte Bernhard Höfler mit seinem Apostelgarten „Ickelhans“. Mit der schönsten Balance aus Frucht, Saft, Säure und Phenolik, startet er eine große Reise, die er leider im Abgang nicht zu Ende bringt, sonst wäre er groß. Zehnthof Luckerts Maustal ist der würzigste mit einer eigenen Aromenwelt jenseits der Zitrone, dadurch sticht er sehr positiv heraus. Die Lumpen von den Sauers machen beide großen Spaß.

Rheinhessen schwächelt

Update: Kaum 5 Stunden online, setzte es schon heftige Kritik für die Headline. Wenn der FC Bayern Vizemeister wird und in der Champions League im Halbfinale scheitert, schriebe wohl die gesamte Presse, der FC Bayern schwächelt. Ich wage schon jetzt die Prognose: in der Endabrechnung werden nur sehr wenige Verkoster Rheinhessen dieses Jahr auf den Schild heben und damit hat die Überschrift nach den fulminanten Jahren ihre Berechtigung. Sie bedeutet nicht, dass im Wonnegau auf einmal schlechte Weine gemacht werden. Aber wer sich aufregen will, der findet einen Grund.

Plakative Überschrift aber ein nicht zu leugnender Eindruck, den ich gewonnen habe, vor allem weil die großen Namen nur sehr ordentliche bis gute Weine gemacht haben. Wittmann fand ich durch die Bank sehr gut aber nicht überragend, Brunnenhäuschen und Kirchspiel kratzen am ehesten am Olymp. Kühling-Gillot lässt mich ratlos (was nicht ausschließt, dass die Weine sich später besser zeigen), bei Battenfeld-Spanier find ich den Frauenberg nur okay, was mir mehr Zeit lässt, auf Knien ein Dankgebet für den ‚Am Schwarzen Herrgott‘ zu sprechen, denn das ist ein monumentaler Wein. Das Kirchenstück ist ein leiser Wein, dem ich aber noch ganz viel zutraue. Wagner-Stempel zeigt zwei richtig gute Rieslinge: Heerkretz wirkte auf mich etwas gefälliger, Höllberg etwas trockener und spannender. Der ist groß. Gutzlers Liebfrauenstift Kirchenstück ist ein extrem harmonischer Wein. Den Vogel schießt aber Gunderloch ab. Was für eine Kollektion. Drei großartige Riesling GGs: der Pettenthal wie immer der etwas leichtere, mit gelben Früchten und viel Zug zum Tor, der Hipping ein Strukturwunder und ein Rothenberg, der die Besonderheiten dieser Lage herausarbeitet wie kein Rothenberg zuvor (von denen, die ich getrunken habe) – kantig, mit viel Würze und trotzdem so fein und einfach zu trinken.

Mosel: Flussaufwärts zur Weltklasse

Die Mosel hat 36 GGs am Start und es gilt das gleiche wie letztes Jahr: bei manchen Winzern hätte es auch ein oder zwei GGs weniger sein können. Auch dieses Mal kann ich nicht mit allen sechs GGs von Dr. Loosen gleich viel anfangen. Viele sind sehr ordentlich, die Bernkasteler Lay reißt mich vom Hocker, ebenso wie Heymann-Löwensteins Uhlen-Laubach. Sein Uhlen-Blaufüßer Lay und Dr. Loosens Treppchen gefallen mir sehr gut. Clemens Busch hat einen tollen Marienburg, die Gewanne kann ich in so kurzer Zeit nicht beurteilen. Und dann kam Brauneberg und Umgebung: Schloss Lieser haut einen echten Helden raus, zeigt dazu eine großartige Juffer Sonnenuhr, Fritz Haag wagt den Stilwechsel, verpasst der Juffer ein paar Ecken und Kanten in Form von mehr Gerbstoff und weniger Zucker. Das schmeckt zwar erst in etlichen Jahren, wird dann aber riesig, darauf wette ich. Die Juffer-Sonnenuhr von Haag ist schwerer und melodiöser, früher zugänglich, aber keinen Deut schwächer – großes Kino! Reinhold Haart bringt mit Ohligsberg und Goldtröpfchen zwei Rieslinge, die viel Trinkspass mit Tiefgang kombinieren. Unter den Kesselstadt-GGs finde ich einige etwas simpel weil süßlich, das Goldtröpfchen aber ist ein grandioses Mosel-GG. Der Karthäuserhof rückt die Ruwer in den Fokus: viel Säure mit tollem Spiel dank wunderbarer Mineralik/Phenolik, aber trinken würde ich das jetzt nur mit vorgehaltener Waffe – das ist pures Potential und wird mal großartig. Von Othegravens Altenberg ist aromatisch heller als sonst, das verspricht mehr Spass und trotzdem bin ich unsicher: reicht die Säure für ein langes Leben? Wenn ja, ist das in ein paar Jahren ein Gigant.

Und dann kam da dieser Flight, den Sie im Titelbild sehen. Ich würde ja gerne ‚Ohne Worte‘ sagen, aber dann haben Sie nichts zu lesen. Bockstein, Rausch und drei Mal Peter Lauer war der beste Jungweinflight meines Verkosterlebens. Das strahlt alles, zeigt außergewöhnliche Pikanz und schafft es samt und sonders das besondere der Mosel (Saar) – vibrierendes Spiel und grazile Leichtigkeit – mit der wünschenswerten Wucht eines Großen Gewächses zu kombinieren. Zum Glück punkte ich nicht, sonst gäbe es jetzt die galoppierende Inflation.

Baden, Mittelrhein, Saale-Unstrut

Insgesamt zehn Rieslinge gab es aus den drei Anbaugebieten und die Mehrzahl ist in Ordnung, eines GGs würdig aber nicht so inspirierend, dass ich Überstunden beim Texten machen muss. Wer Pawis‘ mächtige Rieslinge aus dem Edelacker mag, der muss sich unbedingt üppig bevorraten.

Dieser Text ist im Laufe des Tages live zustande gekommen (inspiriert durch den ebenfalls live bloggenden Dirk Würtz der hinter mir saß und diesen Hinweis dezent eingefordert hat). Morgen werde ich die Berichterstattung fortführen. Auf Facebook und Twitter (@schnutentunker) gibt es die schnellsten Updates. Schauen Sie nach #vdpgg15

Hier der ausführliche Bericht zu Tag 2 mit den übrigen Rieslingen und dem Spätburgunder

Hier das Fazit zur Veranstaltung

Und hier die weißen Burgunder und Lemberger (in Berlin verkostet)

Extern:

Hier finden sich Berichte von Rainer Kaltenecker zu den GGs.

4 Gedanken zu „Wiesbadener GG-Vorpremiere, Tag 1“

  1. Ich finde, man sollte mit solch plakativen Überschriften sehr vorsichtig sein. Gerade weil das extrem junge GGs sind. Und weil viele ganz große GGs in diesem Babystadium noch nicht ihr volles Potenzial offenbaren, wenn sie als Langstreckenläufer ausgelegt sind. Umgekehrt werden viele im Moment sehr zugängliche Weine, die auf frühe Verkostungserfolge getrimmt sind, auf lange Sicht nicht halten können, was sie jetzt versprechen. Das sollte ein wirklich erfahrener Verkosten wissen.

  2. Ich finde diesen Blog sehr gut und bin der Meinung dass der Autor sehrwohl ein erfahrener Verkoster ist an dessen persönlicher Meinungsäußerung, die durchaus plakativ geäußert werden darf, ich als Leser gerade interessiert bin. Weichgespülte Allgemeinplätze kann man anderswo lesen. Weiter so!

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