Orange Wine

Versöhnung in orange

2015 war das Jahr, in dem ich mich mit Orange Wine versöhnte. Ich glaube, das hat einen banalen Grund: ich habe die richtigen getrunken. Die richtigen wohlgemerkt, nicht die guten, obwohl eine Menge gute darunter waren. Aber gute Orange-Weine hatte ich auch vorher schon getrunken.

Was im letzten Jahr mein Umdenken beschleunigte, war die Tatsache, dass ich eine ganze Reihe Orange-Weine ins Glas bekam, deren Herkunft und Rebsorten mir sehr vertraut waren. Ich glaube mittlerweile, dass man – ich schließe wieder von mir auf Andere – das Thema Orange erst dann versteht, wenn jemand die orangene Methodik auf vertrautes Material anwendet. Schenkt man mir Godello, Albillo Real oder Macabeo ein, wirken diese meist staubtrockenen Weine auf mich und meinen mit 5 Gramm Restzucker sozialisierten Gaumen eh alle, als hätte jemand versehentlich in die Flasche geascht – was mich nicht aufhält, wenn ich Durst habe. Die orangenen Vertreter kann ich da nur mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit blind erschmecken, ich könnte also auch eine Münze werfen. Bei heimischen Rebsorten springen mich die Unterschiede an.

Naturweine – Mind the Kühlkette

2015 gab es also jede Menge orangene Weißburgunder, Chardonnays, grüne Veltliner und sogar ein paar Rieslinge. Dass ich mich erst so spät dem Thema widmete, hat einen einfachen Grund. Als neugieriger Mensch habe ich mich früh mit den vor knapp zehn Jahren aufkommenden ‚Natural Wines‘ beschäftigt –  vielleicht etwas zu früh, denn das damals verfügbare Testmaterial waren vor allem Weine von Frank Cornelissen aus Sizilien. So um 2007 herum hatten Freunde diese Weine für eine Verkostung organisiert und mir eine erste Begegnung mit dem Trendgetränk ermöglicht. Die war prägend.

Frank Cornelissens Weine waren zu jener Zeit ungefähr so stabil wie Cäsium-136. Bei ihrem Import war auf eine ununterbrochene Kühlkette zu achten – auch für die Rotweine. So saßen wir denn bei jeder neuen Flasche da und spekulierten, ob dieser Wein so sein sollte, oder ob die Kühlkette nicht gehalten hatte. In der Nase waren das Variationen von Dung, streng und nicht ansatzweise einladend. Der Mut die Weine trotzdem in den Mund zu nehmen wurde nicht belohnt. Es war die einzige Verkostung meines Lebens, bei der sich Bewusstsein und Unterbewusstsein in seltener Einmütigkeit entschlossen den Schluckreflex zu unterdrücken. Eine Stunde Waterboarding wäre die reinste Kinderlandverschickung dagegen. Dass ich so lustvoll lästere hat einen einfachen Grund: die Cornelissen-Erzeugnisse sollen längst stabile, spannende Weine sein, die keine Kühlkette mehr benötigen. Niemand sollte diese Zeilen also gegen sie verwenden.

In der Folge dieses unvergesslichen Tastings war meine Lust auf Naturweine gering. Ich probierte sie, wo sie mir begegneten und einige gefielen mir sogar sehr gut, interessanterweise waren die ausnahmslos weiß. Dem Thema aktiv nachgehen mochte ich trotzdem nicht. Moment mal, mögen Sie jetzt denken: da wirft aber jemand eine Menge Begriffe durcheinander. Naturweine sind nicht zwingend Orange … und umgekehrt …und Wein ist ein Kulturprodukt … Naturwein gibt es gar nicht, weil ohne menschliches Handeln kein Wein entsteht … es gibt auch geschwefelten und filtrierten Orange-Wein… Halt. Stopp. Eines vergaß ich zu erwähnen:

Die Begriffe sind schwammig, nichts ist gesetzlich definiert, vieles ist sprachlich ungenau – drauf gepfiffen. Grundvorraussetzung für meine Aussöhnung mit Orange Wine war neben heimischen Rebsorten und Lagen auch die Abkehr vom Klugscheißertum. Es wissen doch eigentlich alle, was gemeint ist: Wein anders machen, die Trauben als einzige Zutat und das einzige Mittel mögliche Fehlentwicklung zu korrigieren ist die Zeit. Alles, was in Pulverform verfügbar ist, bleibt draußen. Aber wir müssen gar nicht ins Detail gehen: Wenn es Ihnen wichtig ist, erst einmal genau zu definieren, was sie da ins Glas bekommen, bevor Sie es probieren, dann bleiben Sie beim Bekannten. Das mache ich auch – jetzt halt nur noch in 90% der Fälle.

Orange Wine – lasst Beispiele sprechen

Ende des Jahres habe ich dann mit Anja Schröder gemeinsam ein Video für die Webweinschule gedreht, in dem wir das Thema für Einsteiger aufbereitet haben. Dazu hangelten wir uns an drei Weinen entlang, die zwar alle Orange, aber ansonsten total unterschiedlich waren. Die habe ich anschließend über einen längeren Zeitraum zuhause verkostet und getrunken. Sie dokumentieren vor allem eines: Auch Orange lässt dem Winzer Spielraum für Stilistik und Interpretationen.

Jurtschitsch, Grüner Veltliner ‚Amour Fou‘, 2013, Kamptal, Österreich. Der Wein ist zwar auf der Maische vergoren, dann aber nicht gepresst worden. Stattdessen zog nur der frei ablaufende Wein in ein Holzfass um, wo er noch ein paar Monate reifte. Die Nase eher verhalten, ein bisschen Pfeffer, ein bisschen Kräuter, etwas Hefe (autolytisch, champagnerähnlich), wenig Frucht, am ehesten reife Birne. Am Gaumen knochentrocken mit zurückhaltender Säure, einem kleinen Plus an Gerbstoffen, Aromen von weißem Pfeffer, Zitrus, Apfel, eigentlich auch keine Sensation. Aber diese Textur, dieses Mundgefühl, diese Saftigkeit und dieser Schmelz kombiniert mit diesem Hauch Gerbstoff, das ist wie Wasserski auf Stoppersocken, geht eigentlich nicht und geht dann doch und ist dabei so klar und sauber und gleichzeitig so aufregend; keinerlei Fehltöne, sondern absolute Glockenklarheit und Frische. Grandios, schwer zu beschreiben, sollte man erleben (was zu schreiben gemein ist, wenn man weiß, dass der Wein nicht mehr erhältlich ist).

Weinreich Orange.jpgWeinreich, ‚Orange‘ (Weißburgunder & Chardonnay), 2013, Landwein (Rhein). Der Wein ist klassisch orange produziert, dann entschloss sich der Winzer bei der Füllung einen Teil des abgesetzten Trubs mit in den Fülltank umzupumpen. Er weist eine deutliche Trübung auf. Am Anfang wirkt der Wein ein bisschen wie ein Craft-Hefeweizen mit Anklängen von weißem Burgunder. dann wird er sehr cremig und verliert dieses zu hefige, wird wie ein komplexer Weißburgunder und Chardonnay mit einer Extraportion Gerbstoff, der viel Spaß macht. Am dritten Tag wandelt sich die Aromatik extrem ins nussige: Haselnuss und Macadamia, dazu Karamell, ein bisschen Malzbier, da ist auch Vanille und Pistazie. All das überdeckt aber nicht die Tatsache, dass es sich um einen deutschen Weißwein handelt. Gegen Ende des dritten Tages dann weitere Wandlung: Nutella, im Abgang ein bisschen Alkoholisch (13%), da erinnert er an Whiskey, torfig, dann kommt wieder ganz reife Orange (die Frucht nicht die Farbe) changiert und entwickelt irren Trinkfluss. Lang, nicht sperrig, mittlerer Gerbstoff, ordentliche Säure, sehr cremig. Ein toller Ritt.

Balthasar Ress, Pinot Blanc, 2014, Landwein (Rhein). Achtung: Der Weißburgunder kam quasi aus der Füllanlage in den Versandkarton (daher kein Etikett auf dem Foto). Er hat vor der Maischegärung noch eine Woche ohne Gärung auf der Maische gestanden. Die ersten Tage im Glas vor allem massiver Gerbstoff, zitrisch, monolithisch, Brottrunk und Sauerkrautsaft, auf Messers Schneide. Am fünften Tag ziemlich großartig: viel Frische, kleiner Stinker, eher fruchtfern, hefig, ‚mineralisch‘, tolle, animierende Gerbstoffe ohne Bitterton. Die Adstringenz macht den Abgang extrem lang. Macht Spass und zeigt, dass er mit mehr Ruhe und Reife ein interessanter Wein werden wird. Um die Menge an Gerbstoff wird sich vermutlich die eine oder andere Diskussion entwickeln.

Der guten Ordnung halber: Alle Weine sind Dauerleihgaben der Produzenten. Ich habe sie nicht bezahlt.

P.S. Lesetipp zum Thema, eine etwas ernsthaftere aber keineswegs anstrengende Betrachtung des Themas gibt es bei Christoph.

Und hier das angesprochene Video:

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