100 Jahre Weinrallye: Darauf ein Rebhuhnbein

WeinrallyeDie Weinrallye wird 100 und feiert das mit einer Ausgabe zu just dieser Zahl: 100. Bei Thomas Lippert können Sie alles weitere dazu lesen, vor allem, was eine Weinrallye eigentlich ist und auch die Links zu hoffentlich 100 teilnehmenden Blogs finden. 100 also, da passt es gut, dass ich gerade in einen Club aufgenommen wurde, der sich genau dieser Zahl widmet: den Wine Century Club. Wenn Sie jetzt denken: ‚Pah, juckt mich nicht, ich trete eh keinem Club bei, der mich aufnehmen würde!‘, lassen Sie mich Ihnen versichern, da sind wir seelenverwandt. Als ich das erste mal vom Wine Century Club hörte, war das auch noch genau so ein Club – einer der mich nicht aufnahm, denn die Mitgliedschaft steht nur denen offen, die in ihrem Leben mindestens 100 verschiedene Rebsorten getrunken haben. Das klingt viel einfacher als es ist, denn ein gemischter Satz mit 27 Varietäten oder ein Chateauneuf mit 13 nützen nix, es geht um reinsortig ausgebaute Weine und da sind die 100 eine echte Hürde. 

Eine Möglichkeit sich diesem Ziel zu nähern ist eine Reise in das von autochtonen Rebsorten nur so strotzende Piemont, (womit wir den atemberaubend originellen Bogen von der Weinrallye zu meiner aktuellen Reiseberichterstattung gespannt hätten, danke, danke, Sie können jetzt aufhören zu applaudieren). Dort begegneten mir ein gutes Dutzend autochthone Rebsorten: Grignolino, Cortese, Timorasso, Caricalasino (alternativ Carica l’asino), Freisa, Uvalino, Ruché, Brachetto, Nascetta, Verduno Pelaverga und, tatsächlich nur am Rande, natürlich Barbera und Nebbiolo.

Und es gab ‚Gamba di Pernice’ das Rebhuhnbein, den Wein mit der schönsten Geschichte. Die fängt mit Valter Bosticardo an, der sich zwar ungewöhnlich schreibt, aber traditionell spricht (also wie der Walter und nicht der Falter). Die Kommunikation mit Valter war ein Vergnügen, eine Mischung aus Händen, Füßen, Deutsch, Schweizerdeutsch, Italienisch und Englisch, aber am Ende hatte jeder alles verstanden. Zur Not hätten wir Valters Ehefrau als Dolmetscherin einsetzen können, die stammt aus der Schweiz. Dass ich mich dem Gamba di Pernice etwas intensiver widmen konnte, lag daran, dass ich zwei Nächte auf der Tenuta dei Fiori, Valters Weingut in Calosso, wohnen durfte. Das Haus inmitten der Weinberge bietet einigen Komfort und die Tenuta dei Fiori ist ein Öko-zertifiziertes Weingut, was vor allem deswegen wichtig ist, weil Sie inmitten der konventionell bewirtschafteten Weinberge des Piemont garantiert nicht Ihre Ferien verbringen wollen.

Gamba di PerniceVom Gamba di Pernice standen vor Jahren in vielen Weinbergen von Calosso jeweils ein paar Stöcke. Valter kam auf die Idee, seinen Kollegen ihre Trauben von diesen Stöcken abzukaufen, bis er genügend Menge hatte, um einen ersten reinsortigen Wein daraus zu fabrizieren. Der war sehr schön und so machte Valter sich daran, Klone zu selektieren, zu vermehren und einen eigenen Weinberg nur mit Gamba di Pernice zu bepflanzen. Einige Kollegen zogen mit und so stehen heute in Calosso drei Hektar Rebhuhnbein, das sind sechzig Prozent des gesamten Vorkommens, oder anders gesagt, im restlichen Piemont stehen versprengt noch weitere zwei Hektar dieser extrem raren Rebsorte.

Wachtelbein WeinDen Namen führt die Gamba di Pernice aufgrund ihrer Eigenheit, leuchtend rote Rappen zu haben und an vielen Trauben auch noch einen charakteristischen Knick, der wie ein Gelenk aussieht (siehe Foto). Das erinnert (mit ein wenig Fantasie oder genügend Promille, was in Weinbaugebieten ja beides vorkommen soll) an das Bein eines Rebhuhns. Knapp 25 Jahre nach der ersten Neupflanzung gelang es Valter und seinen Mitstreitern dann sogar, eine eigene DOC für ihren Hühnerfuß zu kreieren. Als 333. DOC Italiens (und eine der kleinsten der Welt) erblickte der ‚Calosso‘ das Licht der Welt – Gamba di Pernice durfte er nicht heißen, da die zuständige Behörde eine Verwechslungsgefahr zur toskanischen DOC ‚Occhio di Pernice‘ sah (Augen und Beine kann man schon mal durcheinander kriegen). Also benannte man den Wein nach seiner Herkunft. Die DOC verlangt nur 90%ige Sortenreinheit, weswegen Sie ein Calosso nicht zwangsweise der Aufnahme in den Century Club näher bringt.

Tenuta dei Fiori, Calosso DOC, 2011, Piemont. In der Nase sehr speziell mit Kirsche, grünem Pfeffer und Lavendel, auch etwas rohes Fleisch. Am Gaumen geprägt von einer feinen Säure und sehr mildem Tannin ist der Wein fruchtig, würzig, aber auch etwas diffus und rustikal. Der Abgang ist extrem lang. Das ist schön und gut und mit rund 15 Euro völlig adäquat bepreist, aber eben nicht der schönste Wein meiner autochthonen Entdeckungsreise, sondern der mit der schönsten Geschichte.

Verduno PelavergaAlso kommen hier noch ein paar Lieblinge aus anderen Rebsorten. Über den Grignolino habe ich eine eigene Geschichte geschrieben, gleiches werde ich noch über den Freisa tun, über den Cortese sowieso (weil er die Rebsorte des Gavi ist und ich mich damit intensiv beschäftigen durfte). Verduno Pelaverga hat mir als Rebsorte außerordentlich gefallen und die Weine aus dieser Traube (allesamt preislich zwischen 10 und 15 Euro verortet) seien jedem anempfohlen, der sich für deutschen Spätburgunder interessiert. Meine Favoriten stammen von Fratelli Alessandria, Burlotto, Castello di Verduno, Massara und – primus inter pares – San Biagio. Die Rebsorte Uvalino erinnert mich ein bisschen an Dunkelfelder und fällt in die Kategorie ‚Erfahrung‘. Der Nascetta konnte mich nicht begeistern, aber der Caricalasino. Multitalent und -unternehmer Ghio Roberto (der in seiner Osteria Piemontemare in Gavi Ravioli nach dem Rezept seiner Großmutter serviert, die mit weltklasse nur unzureichend gelobt sind) macht  einen unter dem Namen ‚Zané‘. In der Nase betört beim 2015er Marzipan, am Gaumen trifft kräftige Säure auf angenehme Fülle und fügt sich bei 13% Alkohol zu einem harmonischen Weißwein zusammen. Der zwei Jahre ältere Vorgänger zeigt, dass die Rebsorte auch mit 12% Alkohol auskommen, erheblich mineralisch/phenolischer sein und sehr gut reifen kann. Eine andere Interpretation der Rebsorte stellt der ‚Carialoso‘ der Schwestern Marenco dar. Hier erinnert vieles an Müller-Thurgau – aber Müller-Thurgau in sehr gut – und im Abgang erheblich mineralisch-phenolischer als der durchschnittliche Rivaner. Marenco ist sowieso ein Weingut, das die deutschen Weinregale bereichern würde, wenn es denn mal einen Importeur fände. Maeenco Albarossa RedSunriseUnter dem Titel ‚Red Sunrise‘ verkaufen die Damen für 15 Euro einen wahnsinnig guten Albarossa. Auch wenn das eine Neuzüchtung aus dem Veneto ist, finden sich eine Reihe toller Weine aus dieser Rebsorte im Piemont und Marenco macht einen herausragenden. In der Nase typisch italienische Kitschkirsche mit etwas Leder, am Gaumen aber zum verlieben: Holz, Säure, Tannin, Frucht so unendlich elegant verwoben – ich war geplättet. Mit Skepsis belastet war ich, als Michela Marenco ihren grandiosen Brachetto d’Acqui einschenkte: roter Schaumwein mit 5,5% Alkohol und 120 Gramm Restzucker. Hammer! Zum Glück habe ich ihn trotz aller Vorurteile probiert. Aber das bin ich mir als Mitglied im Century Club ja auch schuldig.

 

Was ist eine Weinrallye?
Seit Oktober 2007 sind alle deutschsprachigen Wein- und Foodblogs einmal im Monat aufgerufen, sich einen Tag lang einem gemeinsamen vorher festgelegten Thema zu widmen. Heute war ein solcher Tag und das Thema dieser Weinrallye, wie sich das ganze nennt, die heute zum 100. mal stattfand, war die Zahl 100. Der Aufruf zur Weinrallye #100 kam von Thomas Lipperts Winzerblog.

Kommentar verfassen