Wein Galicien

Einfach mal die Klappe halten…

Ja, das Originalzitat ist etwas derber, aber es weiß ja jeder, wie es geht. Hier geht es um einen Jahresrückblick, Horizonterweiterung und Weine, die mich sprachlos machen, obwohl sie doch so viele banale Brüder haben. Aber der Reihe nach.

Ich bin mal wieder spät dran mit dem Jahresrückblick, also beschränke ich mich auf das Wesentliche. 2016 war für dieses Blog und mich ein fantastisches Weinjahr. Ich hatte – sogar mit Ansage – mir für das Jahr vorgenommen, meinen Horizont und das Themenspektrum dieses Blogs etwas zu erweitern. Immer nur Riesling, Weiß- und Spätburgunder war mir zu wenig, wenngleich Sie, meine Leser, erkennbar nicht genug davon kriegen können. Und ich habe gegen den Vorsatz geliefert, was zu einigen der für mich interessantesten, laut Statistik aber von niemandem gelesenen Geschichten geführt hat.

Sorry, ich lasse mich da nicht entmutigen. Auch zukünftig müssen Sie hier regelmäßig Geschichten über eher ausgefallene Weine ertragen. Ob es noch tiefer in das autochthone Piemont geht, weiß ich nicht. Auf jeden Fall bemühe ich mich weiter um rote Alternativen zum ewigen Pinot – Nebbiolo steht oben auf der Wunschliste.

Orange – manchmal uniform

Bei den Weißweinen habe ich mich stärker mit dem Thema Orange beschäftigt, allein der Funke sprang nicht über. Einerseits gefallen mir viele Orange-Weine, zumindest in Dosen von ein bis zwei Gläsern. Andererseits ist mir neulich ein Licht aufgegangen. Ich war auf der Messe ‚Raw-Berlin‘. Gerade hatte ich einen deutschen Orange-Wein probiert, irgendwas mit Bacchus und ein zwei anderen heimischen Rebsorten. Mein Schlendern führte mich zu den Winzern aus dem Peñedes und spülte mir einen Xarel·lo ins Glas. Und der schmeckte eigentlich genau wie der Deutsche. 2000 Kilometer, 300 Sonnenstunden und 5 Grad Jahresdurchschnittstemperatur sowie die an sich völlig unterschiedlichen Rebsorten – alles weggewischt und nivelliert von Maischegärung, Oxidation und dem obligatorischen BSA.

Das ist nicht schlimm. Das ist oft sogar lecker. Aber das hat eben nicht das, was ich beim Wein so gerne Erkunde: Kontext. Es gibt Rebsorten, die widerstehen dem Gleichmacher BSA, aber es sind die wenigsten. Ich werde diese Weine weiter trinken, wenn sie gut sind und ich ändere meine grundsätzlich positive Haltung auch nicht. Es ist nur einfach nicht mehr mein Forschungsgebiet, denn dann könnte ich mir auch so etwas Beliebiges vornehmen wie: künftig beschäftige ich mich mit Cuvées – egal woraus und woher, Hauptsache Cuvées.

Wein aus Galicien – Entdeckungen warten

Ersatz steht schon bereit: Galicien. Irgendwann vor zwei Jahren kam mir einer der bekanntesten galicischen Weißen ins Glas, der Lapola von der Dominio do Bibei. Godello und Albariño wie ich sie vorher noch nicht getrunken hatte. Dem ging ich nach, fand schnell heraus, dass Lapola und Lapena, in sechsstelliger Auflage produziert, noch lange nicht die Spitze der galicischen Wildheitspyramide darstellen. Der Besuch einiger Stände auf der ProWein brachte mich ein gutes Stück weiter und in Kontakt mit einem, der tief im Thema steckt: Marco Antonio Aguado. Den besuchte ich dann im Sommer in Hamburg, wo er beim Weinhändler Ravenborg pan y vino den ‚Terroir Translator‘ gibt.

Golliardo Forjas del SalnésMeine Beute ist schnell beschrieben, die weißen Kollektionen der Weingüter Forjas del Salnés und Zarate. Daneben probierte ich das ganze Jahr über diverse Weine aus der Appellation Rias Baixas und alles, was mir aus Ribeira Sacra, Ribeiro und Co. ins Glas kam. Und all das mehr oder weniger heimlich, zumindest habe ich hier keine Zeile darüber geschrieben.

Mein Schweigen hat einen Grund. Godello und vor allem Albariño sind zwei Rebsorten, die sehr verlässlich ordentliche aber etwas eindimensionale Weine ergeben. Weine, die sich ein Glas lang hervorragend trinken lassen, bevor sie langweilig werden, zumindest wenn man das gewisse Etwas sucht. Um ihnen Komplexität und – um im Bild zu bleiben – Dreidimensionalität abzugewinnen, muss der Winzer einiges investieren. Wenn es ihm gelingt, bin ich regelmäßig verzückt aber sprachlos. Und da ich ein großer Fan des Mottos aus der Überschrift dieses Artikels bin, habe ich geschwiegen.

Forjas del Salnés und Zarate – ohne Worte

Aber jetzt traue ich mich an die Öffentlichkeit – zumindest mit eher allgemein gehaltenen Eindrücken. Forjas del Salnés produziert seine Weine teils aus 180 Jahre alten Pergola-erzogenen Reben, maischt mit den Füßen ein und vergärt in traditionellen Holzfässern. Die Tradition reichert das Team um Gutsbesitzer Rodrigo Méndez und önologischen Berater Raúl Pérez mit jeder Menge Experimenten an, unter anderem bis zu zwölfmonatigem Lager auf der Maische. Das Ergebnis ist hier glücklicherweise keine uniforme Orange-Aromatik.

Die Weine von Forjas del Salnes sind ein Ritt auf der Rasierklinge. Einige waren schon am zweiten Tag vom Sauerstoff schwer in Mitleidenschaft gezogen, andere wurden zunehmend frischer. Die aromatische Tiefe ließ mich bei allen an irgendeinem Punkt immer wieder den Versuch starten Verkostungsnotizen zu schreiben. Doch irgendwie war ich am Ende mit keiner zufrieden, obwohl ich alle sieben Weine der Kollektion in Ruhe und über mehrere Tage trank. Ich habe selten etwas im Glas gehabt, was für mich so wenig greifbar war und mich doch so glücklich machte. Allerdings nicht immer und überall, manches Erlebnis war knapp jenseitig. Das muss als erstes Fazit reichen.

Zarate PalomarDie Weine von Zarate präsentieren sich etwas anders. Winzer Eulogio Pomares erneuert seinen Traditionsbetrieb etwas zurückhaltender. Er experimentiere mit Maischestandzeit und Hefelager, heißt es in der Weingutsbeschreibung. Das Ergebnis ist manchmal nicht viel komplexer als Allerwelts-Albariño. Doch zum Ausgleich gibt es den El Palomar, aus der gleichnamigen 150 Jahre alten Parzelle. Tante Lotta würde den nicht trinken, ihn als bitter schmähen. Ich hingegen bin ihm verfallen, gebe gerne zu, dass seine extrem feste Mineralik kurz davor steht, ins Bittere abzurutschen, aber eben nur fast. Der 2012er ist ein solches Brett – der beste spanische Weißwein, den ich bisher in meiner zugegeben an spanischen Weißweinen nicht überreichen Weintrinkerkarriere ins Glas bekommen habe. Ich kann nur leider noch nicht beschreiben warum. Ich suche noch die zu den Weinen passende Sprache.

Wenn Sie mir im neuen Jahr die Treue halten, dürfen Sie mir beim Suchen zusehen.

10 Gedanken zu „Einfach mal die Klappe halten…“

  1. Falls Du weiter Albarinos erkunden möchtest: Halt mal nach dem von Palacio da Brejoeira Ausschau. Der kommt zwar nicht aus Galizien, sondern nebenan aus Portugal, ist aber klar der beste Albarino (bzw. Alvarinho) den ich bislang getrunken habe (Jahrgang 2013, getrunken 2015).

  2. Weil es zu Zarate und Eulogio Pomares und den Orange Wines passt: Eulogio Pomares macht einen wirklich guten Orange-Albarino unter eigener Flagge. Der ist nur ganz leicht Orange und riecht und schmeckt noch richtig nach Albarino. Das steht im Vordergrund, nicht die typischen Orange Merkmale. Den gibt es aber m.W. nur in Spanien

    1. Ja, diese Minimengen machen die Sache nicht leichter. Die Leute von der Gebietsweinwerbung Ribeira Sacra haben mir erzählt, ihr mit Abstand wichtigster Exportmarkt sei Deutschland. Und trotzdem muss man es hier mit der Lupe suchen.

  3. Den „Organe“ von Eulogio Pomares gibt es auch in Deutschland. In homöopathischen Dosen zwar, aber es gibt ihn. 10 Kisten laden Jahr für Jahr in Deutschland, der Wein ist ohnehin auf wenige hundert Flaschen limitiert. Als Gegenstück macht Eulogio zudem einen klassischen Wein mit ultralangem Hefelager (60 Monate Reife/Crianza de 60 meses), leider noch rarer aber auch in Kleinstmengen in Deutschland erhältlich.

  4. Lieber Felix, jetzt bin ich endlich dazugekommen die Albarinos von Zarate zu probieren. Habe Eulogio Pomares auf der Fenavin in Ciudad Real getroffen. Der El Palomar ist – wie du zutreffend beschreibst – ein enorm mineralischer Wein (Granitböden mit hohem Glimmeranteil). Fabelhaft! Großartige Struktur! Mit das beste, was es an Albarinos gibt. Nochmals knackiger und konzentrierter fand ich den Carralcoba. Und auch der Balado hat’s in sich: „Tastes like champaign just without bubbles“ – wie eine chinesische Einkäuferin dazu bemerkte.

    1. Carralcoba 2015 ist definitiv ein extrem gelungener Wein. Ganz traditionell gemacht und im Fuder aus Kastanienholz ausgebaut (Eiche war in Galizien eigentlich kaum bis nie verfügbar, Kastanie hingegen autochthones Holz). Stramme Säure, Tiefe und Kick! Der Wein wird sehr gut reifen.

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