Douro-Docs

Ein Herz für Seelen

Hans-Joachim Friedrichs formulierte einmal die Maxime, dass sich ein Journalist nicht mit einer Sache gemein macht, auch nicht mit einer guten Sache. Wie schön, dass dies ein persönliches Blog ist, denn ich erlaube mir gelegentlich, gegen diese Vorgabe zu verstoßen, zum Beispiel heute. Ich habe ein paar Leute getroffen, die ein bisschen mehr Öffentlichkeit gebrauchen können, weswegen ich ausnahmsweise über Weine schreibe, von denen ich nicht die geringste Ahnung habe.

Die Produzentenvereinigung Soul Wines war in Berlin und hat ihre Weine gezeigt, genauer waren rund zehn der zwanzig Winzer da, die sich zusammengetan haben, um ihre Weine besser vermarkten zu können. Die Soul-Wines-Winzer stammen aus dem portugiesischen Douro-Tal. Viele von ihnen machen erst seit kurzem eigenen Wein, wenngleich sie meist schon seit zig Jahren Trauben anbauen. Das hat etwas mit der Geschichte des Douro-Tales zu tun, einer Geschichte vom Kampf vieler Davids gegen wenige Goliaths und einer Geschichte von den Segnungen der angeblich so unsäglichen EU, alles zusammen eine Sache, mit der ich mich gemein machen mag.

Douro-Docs und die Segnungen der EU

Portwein ist ein schon sehr lange reglementiertes Produkt. 1756 wurde der Vorgänger des heutigen Kontrollorgans gegründet und schon kurz darauf das Anbaugebiet vermessen und klassifiziert. Eine Reihe von Gesetzen sorgte zwar einerseits für die kontrollierte Qualität des Portweins, andererseits knechtete sie auch die Traubenerzeuger. Sie konnten quasi nur entscheiden, an welches der großen, meist ausländisch dominierten, Portweinhäuser sie ihre Rohware verkaufen wollten. Die Produktion ungespriteten Weines fand nur zum Eigenverbrauch statt. Die eigenständige Vermarktung ihres Portweines war praktisch unmöglich, da die Vermarktung mit einer Präsenzpflicht in der Stadt Vila Nova de Gaia verbunden war, die sich für einzelne Winzer finanziell nicht darstellen ließ.

Als Portugal 1986 der EU beitrat, dauerte es nicht lang, bis jemand auf die Idee kam die für Traubenproduzenten nachteiligen Bestimmungen rund um den Portwein vor einem europäischen Gericht auf ihre Vereinbarkeit mit dem Prinzip der Freizügigkeit prüfen zu lassen. Sie waren unvereinbar und wurden gekippt. Ab diesem Zeitpunkt konnte jeder Erzeuger im Gebiet seinen Wein ab Hof in Flaschen gefüllt an jedermann verkaufen. Dabei spielte es keine Rolle, ob das Getränk ein Portwein oder ein klassischer Wein war, für die es mittlerweile eigene DOC-Regeln gibt. Diese Wendung kam keine Sekunde zu früh, denn die Lust auf Portwein schwächelt weltweit und, wie es sich für eine ordentliche David-Goliath-Geschichte gehört, schlägt das viel mehr als auf die Gewinne der Großen auf die Rohstoffpreise der Kleinen durch. Also nimmt die Menge an Douro-DOCs (so die gängige Bezeichnung der ungespriteten Weine) stetig zu und liegt mittlerweile gleichauf mit der Menge des erzeugten Portweines. Denn Stillweine lassen sich leichter vermarkten und Stillweine werden auch nicht erst Jahre oder Jahrzehnte gelagert, bis sie auf den Markt kommen. So kam es, dass von den in Berlin anwesenden Produzenten lediglich drei mit Portwein unterwegs waren. Alle bis auf einen hatten Weißwein im Gepäck und Rotwein stand auf jedem Winzertisch. Zum Start gab es eine Masterclass mit Axel Probst, am Abend standen alle gezeigten Weine auch bei einem Winzerdinner zur weiteren Inspektion zur Verfügung.

Rund 80 Prozent der gezeigten roten Douro-Docs gefielen mir sehr gut. Die 20 Prozent, die mich nicht überzeugen konnten, hatten mir zu wenig Säure, was meiner Pinot-Sozialisation geschuldet sein mag. Allerdings zeigte kaum einer gekochte, marmeladige Frucht. Die Gerbstoffe waren durchgehend fein, übertriebener Holzeinsatz kam gar nicht vor.

Alves de SousaMit Alves de Sousa war ein Renommierbetrieb dabei. Sein Flaggschiff-Wein, der ‚Abandonado‘ gehört zu Portugals Icon-Weinen und kostet in Deutschland knapp 60 Euro. Ich konnte ihn erst probieren und dann zum Essen trinken und verstehe den Ruhm: das ist schon großes Kino. Doch beeindruckte mich auch, was Betriebe wie Quinta da Rede, Quinta Dos Lagares oder Parceiros na Criação in Berlin zeigten.

Douro – grandiose Weine, gute Preise

Quinta da RedeGleich vier Weißweine zeigte Quinta da Rede und die variierten stark, von 100% gebrauchtem bis zu teilweise neuen Holz mit mehr oder weniger langem Hefekontakt und durchgehend moderatem Alkohol. Da war viel Eigenständigkeit mit Komplexität und einer erstaunlichen Portion Frische, vor allem beim 2015er Grande Reserva. Quinta Dos Lagares, zeigte drei Weine aus fast identischer Cuvée-Zusammensetzung, die die Unterschiede der verschiedenen Böden und Expositionen schmeckbar machten.

Parceiros na Criação h'our

Der Velha Geração Grande Reserva von D’Origem ist schon seit über 10 Jahren immer wieder einer der besonders guten Rote aus dem Douro-Tal und hat doch noch keinen Vertrieb in Deutschland, dabei kostet er ab Hof 10 Euro und schmeckt nach 25. Der rote 2010er h’OUR von Parceiros na Criação ist ein Erstlingswein und schmeckt doch nach so viel Erfahrung und Tradition. Das mag daran liegen, dass Cabernet und Co keinen Einzug ins Douro-Tal halten. Fast alle arbeiten mit den ‚Famous Four‘ Touriga Franca, Touriga Nacional, Tinta Barroca und Tinta Roriz (Tempranillo). Auch Jose Luis Breia von Monte Sao Sebastiao, Monte Sao Sebastiaoder Abends beim Essen neben mir saß und geduldig meine Fragen beantwortete. Sein Grande Reserva Tinto 2010 hatte mir schon bei der Masterclass grandios geschmeckt, vielleicht weil der vor Ort als mittelmäßig eingestufte Jahrgang dem Wein eine feinnervige Säure mitgibt. Es gibt den Wein noch nicht in Deutschland, dabei wäre er selbst für unseren übervollen Markt eine Bereicherung. Allerdings eine für wenige, denn das Wesen der Davids ist die mangelnde Größe und vom Gran Reserva hat der Winzer gerade mal 2000 Flaschen produziert.

Es wäre wunderbar wenn einige davon zukünftig ihren Weg nach Deutschland fänden.

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