Schloss Neuweier Mauer Wein

In Sack und Flasche

Ich finde Bocksbeutel doof, jene altdeutsche Flaschenart, in der traditionsbewusste Franken ihren Wein füllen. Bocksbeutel kann man nicht stapeln, Bocksbeutel nehmen in der Kühlschranktür den Platz von zwei Flaschen ein, Bocksbeutel kreiseln wie beim Flaschendrehen, will man sie liegend lagern und Bocksbeutel dienen viel zu vielen Winzern als Ausrede weiter auf Korken zu setzen (dabei gibt es ihn mit Schraubgewinde und Glasverschluss).

Ich liebe Bocksbeutel, jene traditionellen Flaschen, an denen nichts Praktisches ist, die niemand hübsch findet und die nichts als Ärger machen. Sie sind so antiquiert, dass sie nicht einmal Retro-Chic entwickeln. Hipster schütteln sich. Sie sind der Glas gewordene Stinkefinger. Sie sind Balsam für meinen Widerspruchsgeist und sie signalisieren mir: ‚Ich bin ein Frankenwein‘. Da kann ich blind zugreifen, wenn mir der Sinn nach Riesling oder Silvaner aus dem Frankenland oder Tauberfranken steht.

Dachte ich zumindest immer. Aber so kann man sich irren.

Dieser Tage griff ich mir einen Bocksbeutel, weil ich Lust auf was Fränkisches hatte und stellte erst beim Fotografieren des Weines fest: Der ist ja aus Baden. Also bemühte ich Google und siehe da, es gibt einen winzigen Flecken außerhalb Frankens (und Tauberfrankens, das verwaltungstechnisch aber nicht geografisch zu Baden gehört), in dem Winzer ihren Wein in Bocksbeutel füllen dürfen. Es handelt sich um die Gemeinden Neuweier, Varnhalt und Steinbach-Umweg in der Ortenau. Auch lernte ich, dass der Bocksbeutel die einzige Flasche in Deutschland ist, die eine Qualitätsaussage darstellt: Vorraussetzung für die Füllung ist ein Mindestmostgewicht von 72 Grad Öchsle und eine Punktzahl von mindestens 2 bei der Qualitätsweinprüfung. Chateauneuf läßt grüßen – naja, ein ganz klein bisschen …

Diese Hürden übersprang mein Wein mühelos, es handelte sich um ein VDP Großes Gewächs. Und auch in dieser Kategorie scheint er etwas besonderes, zierte sein Weinetikett doch kein Lagenname, sondern ein Markenbegriff, verschämt in Anführungszeichen gesetzt, was so hübsch aussieht wie ein Bocksbeutel. Mauerwein lautet der Name, der zugehörige Hang ist der Mauerberg. Das verriet mir die Homepage des Erzeugers Schloss Neuweier. Und noch etwas war besonders, die vom Erzeuger genannten Eigenschaften fanden sich allesamt in meinem Glas wieder, DAS hat wirklich Seltenheitswert. Frisch, filigran mit Aromen von Zitrus- (naja) und exotischen (aber Hallo!) Früchten sei er. Kann ich unterschreiben. Hätte ein neuer Lieblingswein werden können. Dann erzählte mir aber ein anderer Felix die Neuweier-Leute füllten den Wein mittlerweile in Schlegelflaschen. Dann halt nicht. Wie war das noch mit dem Stinkefinger?

Neuweier_MauerweinSchloss Neuweier, Riesling ‚Mauerwein‘ GG, 2007, Baden. In der Nase gleichzeitig frisch und in Würde gereift, duftig mit Noten von Blüten und Aloe Vera: ein bisschen wie ein schöner ‚Aprilfrisch’-Weichspüler dazu Muskat, Marzipan und tropische Früchte – das macht Spaß! Am Gaumen eher zart und fein, 12,5% Alkohol, Frucht und dezente Würze – das ergibt eine tolle Balance in einem filigranen Wein. Feine Phenolik/Mineralik im sehr langen Abgang, doch es gibt ein kleines Störfeuer: Die Säure wirkt ein wenig aufgesetzt, für diesen zarten Wein ein wenig zu spitz. Am zweiten Tag genieße ich ein Glas als Aperitif, das wunderbar schmeckt, beim zweiten Glas, nach dem Essen, ist der Eindruck wieder da, insofern sollte man den Makel nicht überbewerten, er ist nicht penetrant.

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