Punkteschleudern im Messlabor

Manchmal ist die Online-Weinszene ein schrulliger Haufen. Als dieses Jahr die Diskussion über die neuesten Ausgaben der gängigen Weinführer trotz mehrfacher Versuche nicht in Gang kommen wollte, versammelte man sich schließlich auf verschiedenen Webseiten, um episch darüber zu diskutieren, warum dieses Jahr denn nicht über den ,Gault Millau‘ diskutiert wurde. Wer da auf die Idee kommt, dem einen oder anderen fehlte es an sinnvollem Zeitvertreib, der liegt so falsch vermutlich nicht.
Ich hatte zu viel zu tun und muss mich deswegen wieder mit Verspätung äußern, dafür stellt mein Beitrag gleichzeitig eine Art Jahresrückblick dar – und da bin ich mal einer der ersten.
Die fehlende Reaktion auf die gedruckten Weinführer ist für mich die logische Konsequenz aus einem Trend, den ich seit einigen Jahren eher spüre als messe und dessen Manifestationen 2012 so vielfältig waren, dass ich vom Beginn eines Paradigmenwechsels sprechen will.
Punkte verlieren an Bedeutung. Und mit ihnen büßen diejenigen an Bedeutung ein, die sich vor allem über die Vergabe von Punkten definieren.
Punkte, wie sie Gault Millau, Eichelmann oder Wein Plus vergeben, sind viel mehr als Punkte. Sie sind Ausdruck einer Einstellung: Die Qualität von Wein ist messbar und wir haben die sensorischen Fähigkeiten dazu. Wir vom Weinführer haben keinen Gaumen, wir haben ein kleines Messlabor zwischen den Kiefern und 89 Punkte heißen nicht ,wir finden den Wein 89 Punkte‘, sondern ,der Wein ist 89 Punkte‘. Doch dieser Aussage schenken immer weniger Menschen Glauben. Nachdem sich alle bedeutenden Weinführer in den letzten Jahren teils massiv widersprochen haben und vor allem nachdem jetzt deutlich wird, dass kaum eine Prognose der optimalen Trinkreife aus den Führern richtig ist, wackeln die Throne.
Zugegeben: Punkte sind allgegenwärtig, kaum ein Mailing oder Prospekt kommt ohne aus. Ich könnte mir vorstellen, mindestens jede zweite Kaufentscheidung im gehobenen Segment ist irgendwie mit Punkten unterfüttert. Aber in der öffentlichen Diskussion spielen sie eine geringere Rolle. Es ist gängige Praxis guter Händler, alle Führer auszuwerten – irgendeine überdurchschnittliche Bewertung hat jeder Wein. Aber die Zahl der Konsumenten, die die Weinführer kaufen, um sie zu lesen, wird immer geringer, wenn ich den Stichproben im eigenen Freundeskreis vertrauen darf. Man braucht sie nicht mehr, denn der Handel bombardiert einen kostenlos mit den hohen Bewertungen.
Gleichzeitig war 2012 ein Jahr, in dem ich mehr und mehr Berichten begegnet bin, die sich nur der Begeisterung rund um Wein widmeten. Zum einen gibt es neue Formate wie Wein am Limit von Hendrik Thoma, in denen mit Begriffen wie ,Soulfaktor‘ für die Qualität eines Weines deutlich gemacht wird, dass diese eher empfunden als gemessen ist – Soulfaktor klingt nicht nach Labor. Stuart Piggot macht auch mit, turnt in seiner schon in die zweite Verlängerung gehenden Sendereihe Weinwunder Deutschland durch die Republik, um Subjektivität und Begeisterung zu versprühen. Seinen Weinführer hingegen hat er eingestellt. Jüngst veröffentlichte er in seinem Weinhier-Newsletter einen Bericht zu einer Silvanerprobe, bei dem er sich gewissermaßen entschuldigte, dass er in Probensituationen zur Differenzierung Punkte verwendet.
Carsten Henns Weinentdeckungsgesellschaft und das von ihm betriebene Vinum-Blog sprühen vor Liebe zum Wein und kommen ohne Punkte aus, in seinem Webprojekt ,Missionswerk Öxle‘ präsentiert er die Spassguerilla-Variante eines Wein-Kreuzzugs, ohne das Wort Punkte auch nur in den Mund zu nehmen – die Information, dass er als leitender Mitarbeiter auch eine Funktion bei der Punkteschleuder Gault Millau hat, muss man auf seiner Homepage lange suchen.
Stephan Reinhardt hat als Chefredaktor erst dem ,Weinwisser‘ (ein Einkaufsführer für besserverdienende Eidgenossen, die eine Anleitung zum Kauf von Weinen jenseits der 70 Franken benötigen) ein Social-Media-Event zum Thema Gewürztraminer angetan und ihn dann verlassen (ob es einen Zusammenhang gibt, weiss ich nicht, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass das Wort ,Missverständnis‘ zu dieser Liaison besser passte als ,Liebesheirat‘). Reinhardt übernimmt jetzt die Vinum und die Reaktionen der Weinwelt auf diese Personalie war vor allem die Formulierung von Hoffnungen, die Vinum könnte wieder zu einem sinnlichen Leitmedium für wahre Weinfreunde werden – eine Sehnsucht, der ich mich anschließe.
Die Reaktion des konservativen Teils der Weinwelt fällt wütend aus. Ein bekannter Verkoster eines Internetportals spricht beinahe wöchentlich Menschen (die er allerdings nie namentlich nennt) die Verkostungsbefugnis ab, weil sie ,Fruchtsüße nicht von Restzucker‘ oder ,Mineralik nicht von Phenolen‘ unterscheiden können, als käme es darauf an. Ein gelernter Journalist erklärte neulich auf Facebook, dass bloggende Weinhändler oder Sommeliers in etwa so problematisch seien, wie eine Nachrichtensendungen produzierende Bundesregierung – die Nerven scheinen blank zu liegen bei denen, die ihre Bedeutung schwinden sehen. Dazu zoffte sich die Weinwelt gleich mehrfach in diesem Jahr, ob die Verwendung des Begriffes ,lecker‘ dem Untergang der Weinkultur Vorschub leiste.
Die Demarkationslinie verläuft im Zickzack. Das präzise Messlabor findet sich im Mund von Profis wie Amateuren. Es gibt auch Hobby-Blogger die nicht müde werden zu erklären, wie ausgeprägt fein ihre Sensorik und unbestechlich ihre Punkteskala sei. Die von Dirk Würtz in seinem Blog und an anderer Stelle wiederholt ausgesprochene Einladung zu einer Blindverkostung zwecks Erbringung des Nachweises dieser herausragenden Fähigkeiten wird auch 2013 nicht angenommen werden, da wette ich eine der Flaschen Rüdesheimer Berg Rottland 2011, die der Würtz mir noch für meine zahlreichen Gastbeiträge auf seinem Blog schuldet (Achtung, Dirk: Zaunpfahl!).
Einer solchen öffentlichen Entzauberung bedarf es auch nicht mehr. Ich glaube, der Bann ist gebrochen. Gehört wird verstärkt derjenige, der auf ansteckende Art und Weise Gründe für seine Begeisterung liefert und nicht, wer am schneidigsten Verkosterfähigkeiten proklamiert oder Deutungshoheit beansprucht. Ich folge dem Weinzirkus jetzt gute sieben Jahre und es ist das erste Mal, dass ich den Eindruck gewinne, der Trend sei unumkehrbar. Darüber freue ich mich. Noch schöner wäre es, wenn die Entwicklung so von allen Teilnehmern aufgegriffen wird, dass alle Weinführer eine Zukunft haben und keine Arbeitsplätze verloren gehen. Aber damit das möglich wird, müsste der Gault Millau Markus Molitor erst mal die fünfte Traube verleihen…
Molitor_ZEltinger_SonnenuhrMarkus Molitor, Zeltinger Sonnenuhr, Riesling Kabinett trocken, 2007, Mosel. In der Nase mürber Apfel, etwas Aprikose, eine zarte Reifenote und Hefe, keine störenden Spontitöne. Am Gaumen zart, leicht aber nicht dünn, feine Säure, Apfel und Melone, ziemlich trocken, enorm mineralisch, leicht malzig, etwas kräutrig, mit viel Tiefe und sehr langen Abgang. 11,5% Alkohol sind völlig unauffällig.
Ich versuche mal, meine Begeisterung zu begründen: Dieser Wein ist leicht und verspielt aber dennoch von berauschender Intensität. Ihm mangels Konzentration die Größe abzusprechen, wäre wie Lionel Messi mangels Körpergewicht aus der Champions League auszuschließen. Vielleicht holen sich die Gault-Millau-Verkoster bei der nächsten Molitor-Probe Unterstützung aus der Redaktion des kicker. Dann klappt‘s auch mit der fünften Traube.

14 Gedanken zu „Punkteschleudern im Messlabor“

  1. Herzlichen Dank für diese wunderbare Zusammenfassung. Leider werden diese Throne nicht so schnell wackeln, da die Weingüter selbst diese hochhalten. Im Falle Gault Millau wird es durch das Marketingpaket mitfinanziert. Schade ist allerdings, dass das Potential der Verkoster nicht ausgenutzt wird und vieles wegen Platzmangel nicht publiziert werden kann. Da lobe ich mir das Netz, welches genügend Platz für Informationen bietet…

    Zum Thema Mineralik und Phenolen kann ich nur auf die Folge Wein am Limit mit Stephan Attmann’s Interpretation von Mineralik verweisen. http://weinamlimit.de/2012/02/16/3-folge-stephan-attmann/
    Vielleicht ist es so, dass Riesling Phenole als Mineralik Komponente benötigt… Bei Grauburgunder ist es daneben…

    Das Missionswerk Öxle wird so langsam erst richtig spannend. Carsten Henn macht aus Hagen so langsam einen richtigen Weinkenner, der sich eines Tages evtl. zu den Profiverkostern einreihen kann. (Jeder hat mal angefangen…)

    Bei der EWBC letztes Jahr in Brescia habe ich eines gelernt… Die Leute wollen Stories und Unterhaltung. Und dann sollte man sich spezialisieren und zu einer Anlaufstelle zu diesem Thema werden…

    Dieser Artikel gefällt mir besonders gut, weil er uns Allen einen Spiegel vorhält… Diese Funktion hatte mal Charles von http://www.weincasting.com/ … oh wie ich Ihn vermisse.

    Zum Thema Molitor kann ich leider nur eines sagen… Gnadenlos Geniale Weine, die erst mit ein paar Jahren Reife diese wahre Größe zeigen… Warum hat er es nötig immer seine aktuellsten Weine dort einzureichen…
    … Stuart Pigott sagte mir dieses Jahr… Es ist erschreckend wie bei manchen Winzern jetzt schon der 2011er Spitzengewächs auf dem Punkt ist…

    Publikationen wollen aktuelle Weine im Verkauf bewerten damit deren Anhänger wie die Lemminge diese hochbepunkteten Weine gleich kaufen und trinken können…

    … Hier liegt einfach soviel Weinkulturgut brach und aus Mangel an Wissen, wann ein Wein seinen idealen Trinkzeitpunkt hat wird es einfach so weitergehen…

    Und ehrlich gesagt sind diejenigen, die den optimalen Trinkzeitpunkt erkennen können sehr erfolgreiche Weinhändler… (jung und günstig einkaufen… und nach ein paar Jahren dann als wirklich großer Wein verkaufen…)

    Lassen wir uns einfach von tollen Weinen begeistern und es unseren Mitmenschen mitteilen…

    Herzliche Grüße und eine wunderschöne Adventszeit

    Patrick

    1. Patrick, danke für Deinen Kommentar. Die Attmann-Aussage zu den Phenolen fand ich auch sehr interessant. Ich warte ja immer noch auf die wissenschaftliche Erklärung, was das mineralische Geschmacksbild denn nun hervorruft. Irgendwann wird’s einer aufschlüsseln – hoffentlich.

  2. Ein gewohnt souveräner Artikel. Ich bleibe ja bei meiner Vermutung, dass die „Mineralik“, speziell bei Riesling, häufig eine Hilfsbeschreibung ist, die in erster Linie „Abwesenheit von Frucht“ (oder zumindest eine weniger prägnante Frucht) meint. Und da man sich schwerlich damit begnügen kann, einen Wein über das zu beschreiben, wonach er NICHT schmeckt, erleben wir die Mineralik-Inflation. Und wenn sich das erst mal verfestigt, wird es für jeden weiteren Verkoster einfacher, mineralische Noten im Wein zu finden. Getreu dem Motto: Wenn man nur einen Hammer hat, sieht alles aus wie ein Nagel.

  3. Gute Analyse, und dabei klar, könnte im Economist stehen!
    Mir kommt es auch vor, als wären Punkte weniger wichtig als eine begeisterte Weinbeschreibung. Begeisterung wird gern gelesen und führt vielleicht auch eher zum Kauf. Wenn man aber einen irgendwie enzyklopädischen Anspruch hat, ist Begeisterung für jeden beschriebenen Wein unmöglich. Deshalb sind die VKNs von Parker, Eichelmann etc. so langweilig. Hofschuster ist da fast eine rühmliche Ausnahme.
    Was ich vermisse, hin und wieder doch kriege, wenn auch meist in hoher Verdünnung, ist Weinkritik.

  4. Guido, gute Definition von Mineralik, nicht nur beim Riesling. Habe ich schon vor 10 Jahren im Wein-Brockhaus geschrieben, aber leider hält sich das Missverständnis „Mineralik = Geschmack von Mineralien“ sehr hartnäckig.

  5. Diese Diskussion kommt seit Jahrzehnten regelmässig, vielleicht durch die höhere Anzahl der Internetter etwas häufiger. Ich würde seit Jahren liebend gerne auf Punkte verzichten und Parker, Gabriel & Co. sicherlich auch. Aber, wie du richtig schreibst, die Leute wollen Punkte, Rankings etc. Die Käufer, um eine wie immer geartete Sicherheit beim Kauf zu haben – oder zumindest zu Hause keine Nachkaufs-Dissonanz.
    Und natürlich die Verkäufer – ja und auch die Winzer selbst – weil es sich eben damit leichter verkaufen lässt. Dass Parker so bekannt und mächtig werden konnte, auch daran ist der Handel schuld, der eben seine Punkte – übrigens gegen seinen Willen, Parker verlor den Prozess! – aus dem Zusammenhang gerissen überall publizierte. Hätte er damals gewonnen, müssten die Bemerkungen zu den Weinen mit abgedruckt werden, wie er es immer wollte, dann wäre sein gelbes kopiertes Blattl mit ziemlicher Sicherheit nie mehr als eine Info für ein paar betuchte Amis geworden.
    Aber so spielt das Leben bzw. in diesem Fall die Wirtschaft. Manches geht andere Wege, als vermutet oder geplant. Vielleicht brauchen wir das alles bald nicht mehr, mich würde es freuen. Denn ich hätte sehr gerne, dass die Leute wieder Wein TRINKEN und nicht verkosten und spucken, nur damit sie auch irgendwo Punkte absondern können. Und dann hätten wir wieder spannendere Diskussionen und würden viel mehr lachen. Glaub ich halt.

  6. Das fehlende Frucht oftmals als mineralisch schöngeschrieben wird ist eine Sache für sich. Meiner Erfahrung nach wird „mineralisch“ auch gerne verwendet weil die verschiedensten Säuren eben dieses >salzig-pikante-Brausepulver-Mundgefühl http://www.martin-darting.de

    1. Also ich habe es nicht so mit dem ’salzig‘ bei Weinen. Ich finde einige Muscadet mal jodig/salzig, finde das aber nicht mineralisch.
      Mineralik ist für mich eher ein taktiler als ein geschmacklicher Eindruck – das spräche für die polymerisierten Phenole.

  7. Felix hat recht, wenn er sagt, dass sich für die Weinfreaks-Weine immer irgendwo eine gute Bewertung findet. Diese Weine interessieren mich aber weniger, weil ich das Geld dafür nicht habe. Für gewöhnliche Weine, die ja letztlich jenseits der fünf Euro Marke auch schon ein Luxusgut sind, fehlt aber ein Orientierungsinstrument. Deshalb haben wir dreizehn° gebaut. Das bietet Schwarmintelligenz einerseits und andererseits die Möglichkeit einen Weinfreund zu finden, dessen Geschmack ähnlich dem eigenen ist. Dann brauche ich eigentlich keine Punkte mehr, bzw. weiß genau WER sie vergibt.
    Die Mineralik ist die Mineralik ist die Mineralik. Momentan nutzen viele dieses Attribut gleichermaßen als Ritterschlag und Totschlagargument für die Qualität eines Weines. Interessant ist also weniger die „Bedeutung“ des Wortes als seine Verwendung. Ich halte es für das typische Beispiel, wie das System Weinsprache versucht, sich gegen das Eindringen von vermeintlichen Banausen zu wehren. You use it wrong, you´re out. Ich bin aber eher für Weindemokratie.

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