Sebastian Michel Rheinhessen

Reine Formsache

Kennen Sie das: Sie sitzen in gemütlicher Runde mit netten Weinfreunden, jemand schenkt einen Wein ein und alle sind begeistert ob der Klasse und Eleganz des Gereichten, nur Sie denken bei sich: ‚was ist das denn für ein banaler Tropfen?‘ – obwohl Rebsorte und Art eigentlich genau Ihr Ding sein sollten? Und haben Sie schon einmal der Gelegenheit entgegengefiebert einen Wein, den Sie in jüngster Zeit mehrfach mit größtem Vergnügen getrunken haben, im vinophilen Freundeskreis vorzuführen, und wenn es dann endlich so weit ist, dass Sie Ihren Superstar präsentieren, tritt betretenes Schweigen ein, bis schließlich jemand verlegen etwas sagt, was ungefähr klingt wie ‚Ja, öhm, äh … also das ist wirklich okay, aber jetzt, so Begeisterungsstürme, äh…eher nicht…‘ und dann probieren Sie nach und stellen fest, dass Ihr Liebling sie gerade im Stich lässt und diese spezielle Flasche auch bei Ihnen keine Euphorie auslöst?

Diese vermaledeite Tagesform beim Schmecken ist schon ärgerlich und dass junge Weine Ihr Erscheinungsbild ohne Vorankündigung binnen Tagen verändern können sowieso – die Flaschenvarianzen bei gereiften Weinen thematisieren wir jetzt lieber nicht, sonst driften wir in eine Korkdiskussion ab. Aber die Tagesform und die Sprunghaftigkeit junger Weine sind der Hauptgrund, warum ich so selten von negativen Erlebnissen mit jungen Weinen Berichte. Die Möglichkeit, dass ein Wein einfach schwach ist, besteht zwar, sie ist aber nur eine von vielen möglichen Erklärungen und in der Liga, in der Sie und ich trinken, nicht unbedingt die wahrscheinlichste.

So richtig übel wird die Geschichte ja, wenn beides aufeinandertrifft. Das hatte ich neulich. Am Ende eines langen Tages wollte ich einfach nur ein Gläschen Wein trinken. Irgendetwas nicht so anspruchsvolles wollte ich mir aufmachen. Ich griff zu einem Wein, den ich noch nie im Glas hatte und von dem ich nichts wusste, außer dass er ein Weißburgunder ‚Ortswein‘ eines jungen Winzers war, dessen Gutsriesling mir gut gefallen hatte. Das Weingut ist nicht im VDP, folgt aber dessen Klassifikation, so dass ich davon ausging, dass der Weißburgunder nicht zu kompliziert sein würde. Was ich ins Glas bekam, war dann aber völlig spaßbefreit, sollte wohl etwas mehr als ein Schoppen sein, lieferte aber nicht gegen diesen Anspruch und ließ mich ratlos zurück. Ich trank nicht mal ein Glas.

Weißburgunder – Fuß vom Gas

Zwei Tage später hatte ich große Lust einen Wein zu trinken, der alle Sinne beschäftigt. Ich suchte mir etwas aus und stellte es in den Kühlschrank, wo ich allerdings erst Platz machen und dazu den angebrochenen Weißburgunder herausnehmen musste. ‚Ach komm‘, dachte ich bei mir, ‚probier den doch noch mal‘. Sie ahnen es, was kam war große Oper. Der Wein fing an zu singen, was mir wohl auch besonders gefiel, weil meine Ohren eh gespitzt waren. Die Arie, die mir der Weißburgunder sang, handelte von Versuchungen und davon, dass es manchmal besser ist, diesen zu widerstehen. Drama, Baby! Dass zwar weniger Alkohol und Opulenz drohen, wenn man die Trauben nicht bis zur Überreife am Stock hängen lässt, dass knackige Säure und klare Konturen aber gelegentlich viel schöner sind, dass Maischestandzeit zwar schwer in Mode (und gerade beim Weißburgunder ein Zaubermittel) ist, bestimmte Trauben aber dankbar sind, wenn der Winzer sie kurz ausfallen lässt. Und schließlich sang der Wein vom Holz und davon wie interessant Weißburgunder sein kann, wenn der Kellermeister es damit nicht übertreibt. Das war ein ganz anderer Wein, der zugegeben wohl auch auf einen ganz anderen Verkoster traf. Das ursprünglich vorgesehene GG landete wieder im Lager.

Der Wein war ein Westhofener Weißburgunder vom rheinhessischen Weingut Michel. Sebastian Michel hatte mir ein Paket mit Weinen aus der M-Linie geschickt, für die er im elterlichen Weingut die Verantwortung trägt, nachdem er gelesen hatte, dass ich seinen Gutsriesling beim Berlin Gutsriesling Cup sehr gut fand, aber der Meinung war, dass der Wein einer genaueren Betrachtung bedürfe um ein finales Urteil zu fällen – das dann übrigens tatsächlich sehr positiv ausfiel, das ist ein toller Gutsriesling. Und Sebastian hatte mir zu allen Weinen eine kleine Erläuterung mitgeschickt. Ich lese solche Entstehungsgeschichten aus Prinzip immer erst, nachdem ich den Wein probiert habe, weil ich um die Gefahren der Autosuggestion zu wissen glaube.

Michel Westhofener WeißburgunderWeingut Michel, Westhofener Weißburgunder, 2014, Rheinhessen. Hier also, was der Winzer dazu schrieb: ‚Ausbau im großen Holz, 28% neues Mercurey Tonneaux, nicht zu spät geerntet, hat noch Säure (7,1 g/l), schlank, elegant, druckvoll, hat bis 10 Tage vor der Füllung noch gegoren und braucht dementsprechend auch die meiste Zeit im Glas‘. Gut, ich gebe zu, das hätte ich vielleicht vorher lesen sollen, aber egal, wichtig ist, dass man diese Entstehungsgeschichte im Glas schmeckt, auch wenn man sie nicht kennt. Aromatisch ist das klassischer Weißburgunder mit Apfel, Birne usw. plus ein Hauch extrem feines Holz, der am dritten Tag so dezent ist, dass ich mir auch hätte vorstellen können, dass der Wein kein neues Holz, sondern nur ein extralanges Hefelager erfahren hat, am vierten Tag, war das Holz dann deutlicher. Was beeindruckt ist der Zug zum Tor bei moderaten 12,5% Alkohol, die straffe Erscheinung, die Eleganz und das Mundgefühl. Die Hand geht zum Glas, Reflexe werden ausgelöst und trotzdem beschäftigt der Wein alle Sinne – wenn man das will. Extrem langer Abgang, grandioser Wein.

Ich habe schon lange keinen besseren Weißburgunder aus Deutschland im Glas gehabt, der nicht mindestens von den Schneiders aus Endingen kam oder das Kürzel ‚GG‘ auf dem Etikett trug. Für 10,20 Euro ist der Westhofener Weißburgunder von Sebastian Michel ein echtes Schnäppchen. Aber hätte ich noch eine Flasche, ich würde sie in den nächsten Monaten garantiert nicht meinem vinophilen Freundeskreis vorführen, denn das könnte ein betretenes ‚Äh…Ja…‘-Sie-wissen-schon hervorrufen, oder vielleicht sogar Ablehnung, denn der Wein dürfte sich auch mal beherzt-holzig präsentieren. Doch ich bin sicher, dass Michels Wein in zwei oder drei Jahren so eine halbholzige Würde erreichen wird, die Begeisterung unabhängig von jeder Tagesform rechtfertigt.

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