Gutsriesling Robert Weil

Geleimt, aber glücklich

Zu einer ‚once in a lifetime‘-Probe lud Wilhelm Weil per E-Mail ein und ich hätte misstrauisch werden müssen, denn eigentlich ist der Mann viel zu bescheiden, um derart auf den Schlamm zu hauen. Aber mir waren die Sinne ein bisschen vernebelt, schließlich war ich schon einmal zu einer Probe auf dem Weingut Robert Weil geladen, die sich – weit weniger pompös angekündigt – als ein Highlight meines Weinlebens entpuppte.

Weil CabinetIm weiteren Text seiner Einladung erläuterte Weil dann, dass es sich bei etlichen der gereichten Weine um ‚letzte Flaschen‘ handeln würde, weswegen sich ‚once in a lifetime‘ auch auf die Tatsache bezöge, dass sich diese Probe nicht wiederholen ließe. Wer jemals an der Weil’schen Schatzkammer vorbeidefilieren durfte, der bekommt bei der Aussicht auf letzte Flaschen daraus Herzrasen. Ich sagte also zu und war voller Vorfreude.

Am Tisch mit den Großkopferten

Zwei Tage vor der Wiesbadener GG-Premiere war es dann soweit und bei Ankunft auf dem Gut stellte ich schnell fest: Weil hatte alles eingeladen, was Rang und Namen hat und etliche waren seinem Ruf gefolgt. Die Chefredakteure wichtiger deutscher Weinpublikationen, Parkers Mann für den Riesling, Blogger, Buchautoren und bedeutende Gastronomen, rund 30 Multiplikatoren nahmen Platz am großen Verkostungstisch im Glaspavillon mit Blick auf den Gräfenberg.

Weil CabinetAn meinem Platz fand ich eine Mappe, der ich entnehmen konnte, dass wir zunächst blind 25 Weine verkosten sollten, bevor es dann im zweiten Teil um offene Schätze gehen würde: trockenen Cabinet aus den Jahren 1921, 1934, 1937, 1949 und 1953 sowie die süßen Auslesen aus den Jahren 1917, 1920, 1947, 1964 und 1976. Zu den 25 blind gereichten Weinen merkte Wilhelm Weil lediglich an, dass sie alle aus den Jahrgängen kämen, für die er im Weingut verantwortlich zeichne, mithin keiner älter als 30 Jahre sein konnte. 

Robert Weil GutsrieslingWer an diesem Tisch im beeindruckenden Verkostungsraum Platz nehmen darf, den überkommt das Gefühl, in der Mitte der deutschen Weinwelt angekommen zu sein, es sei denn er ist vollkommen Immun gegen jede Form von Eitelkeit. Ich gestehe: ich bin es nicht. Und deswegen schmeckt vieles, was dort gereicht wird, vielleicht besser, als tränke man es im heimischen Heizungskeller, aber andererseits pumpt das Adrenalin auch nie einen ganzen Abend lang. Irgendwann erscheint die Szenerie normal und alle Weine standen nach der Probe zur offenen Nachverkostung bereit. Deswegen kann ich einen berechtigten Einwand entkräften: das gute Ergebnis der Veranstaltung ist nicht allein auf die Inszenierung zurückzuführen.

25 Mal Gutsriesling – wtf?

Es hat sich mittlerweile herumgesprochen: Weil hat uns alle geleimt. Die 25 blind gereichten Weine waren allesamt Gutsrieslinge. Ich hatte in der blinden Verkostung lange getippt, das verbindende Element sei ein anderes (mir völlig unbekanntes) und gemutmaßt, da wären mindestens ein paar Kloster-, Turm- und Gräfenbergs dabei gewesen. Das Weil schon vorher die Schatzkammerweine angekündigt hatte, war allein seiner Angst geschuldet, irgendjemand würde sich bei Aufdecken der Gutsweine veräppelt fühlen, für eine Gutsweinprobe extra hunderte Kilometer angereist zu sein.

Das Weingut Weil gehört zu den von Freaks beständig angefeindeten. Insbesondere die Tatsache, dass sein Gutsriesling zu den teuersten in Deutschland gehört, aber mit über 300.000 Flaschen auch zu den auflagenstärksten, vergrätzt die Puristen. Einige dieser Puristen hatte Weil extra eingeladen. Denn die ätzen nicht nur gerne gegen etablierte Weingüter, sondern auch gegen etablierte Weinkritiker, hätten das erstaunliche Ergebnis also damit abgetan, dass es lediglich beweise, dass die deutschen Weinkritiker alle keine Ahnung haben.

Das erstaunliche Ergebnis der Probe war: die schwächsten Weine waren allesamt mindestens so gut, dass ich gerne einen Abend mit einer Flasche davon verbringen wollte. Es gab nur zwei Ausfälle und die würde ich auf die Korken schieben. Es gab keine Konterflaschen mehr, denn wer archiviert schon seinen Gutswein? Wilhelm Weil präsentierte 25 Gutsrieslinge aus den Jahren 1990 bis 2018 unter Auslassung der Jahrgänge 1991, 1999 und 2000. Jeder Mitarbeiter des Hauses erhält ein Deputat von 100 Flaschen Wein, davon 80 Gutsriesling. Nicht alle trinken alles aus. Einen Teil der Probenweine hatte Weil seinen eigenen Mitarbeitern abgekauft.

Riesling braucht perfekte Säure

Zu den per Handzeichen bestimmten Favoriten gehörten ausgerechnet die Problembären aus den Jahren 2003 und 2010. Bei Gutsweinen arbeitet Weil in extremen Jahren mit Aufsäuerung (2003) und Entsäuerung (2010), was laut vielen Puristen auch eine Todsünde ist – offensichtlich nicht, wenn der, der es macht, das Thema beherrscht.

Meine Favoriten waren (Kurznotizen, in der Reihe der Darreichung):

  • 2010: Reife Frucht, ordentliche Säure, saftig, relativ tief und schöner, mineralischer Abgang
  • 2009: wunderbar saftig, warm-würziger Abgang, lang und mineralisch
  • 2008: sehr saftig, ein bisschen glatt, im Abgang dann zupackend
  • 2005: würzig-rauchige Nase, wunderschönes Mundgefühl, auf den Punkt trinkreif (!)
  • 2003: straff, kräftige Säure, tänzelnd
  • 2001: Vollgas, Attacke – und dann wird’s tänzelnd
  • 1997: blasse Farbe, sehr frisch, süße Frucht, balanciert
  • 1995: saftig, Orangeat und Würze, gute Spannung
  • 1992: leichter Stinker, komplex, frisch und gereift, großartig
  • 1990: Leicht nussig, etwas frischer als 1992, aber ähnlich komplex
  • 2015: Süße Frucht, dezente Phenolik, gute Länge, viel Potential
  • 2013: saftig, straff, gut
  • 2011: vollmundig, aber balanciert, satt

Meine Top-5 waren 1990, 1992, 2003, 2009 und 2010

1917: Krieg und Riesling

Weil AuslesenDann kamen die alten Weine und es war mir fast peinlich meinen Sitznachbarn zu erklären, dass ich die alle schon kannte. Lediglich der 1937er war neu für mich, konnte die anderen Weine aber nicht überstrahlen. 1934 war dieses Mal erheblich spannender, als bei meiner ersten Begegnung, wo auch eine extra geöffnete Konterflasche etwas muffig war. Im zweiten Flight dann allerdings Premieren zuhauf. Ich kannte keine der Auslesen und ich hatte noch nie einen Wein aus dem ersten Weltkrieg im Glas. Er war für mich der frischere der beiden Methusalems. 1920 war etwas belegt und zeigte Kaffee-Aromen, wo 1917 klarer war. Der Star in diesem Flight war für mich aber die 1947er Auslese: saftige Aprikose, feine Säure, dann Gräfenberg-Würze, die mich immer etwas an Süßholz erinnert, das alles balanciert, der Wein unfassbar fokussiert. Im Kontext hatte 1976 dann regelrecht Babyspeck.

Wilhelm Weil hat an diesem Abend gezeigt, wie man Kritikern stilvoll begegnet. Leider sind wir in Zeiten angekommen, wo den Menschen ihre Überzeugungen so wichtig sind, dass sie gegenteilige Fakten einfach nicht zur Kenntnis nehmen. Aufschreiben muss ich sie trotzdem. Und ein Video zum Thema habe ich auch noch. Da erklärt Weil, wie man Gutsriesling macht, der nach 25 Jahren noch großartig schmeckt.

2 Gedanken zu „Geleimt, aber glücklich“

  1. Hey Felix, ich freu mich für dich dass du einer der Auserwählten bist. Ich hätte da aber mal so ein Frage. Und zwar wenn du deine VN schreibst. Gehst du da richtig ins Detail oder genau so wie du es hier notiert hast, kurz und bündig? Oder ich frag mal anders, wenn ein Wein in einem bestimmten Punkt zBsp Abgang mittelmäßig ist, lässt du dann es außen vor und beschränkst dich eher auf die Stärken?
    VG
    Sascha M.

    1. Nein, ich habe mich hier im Artikel auf die Besten beschränkt. In meinen Kurznotizen steht über den 2012er beispielsweise: fruchtig, einfach. Oder über den 2007er: etwas süß und einfach, aber mit mineralischem Biss (im Abgang). Bei dieser Art von Verkostung gehe ich nicht ins Detail, weil ein kleiner Probeschluck und zwei Minuten viel zu wenig ist, um einen Wein abschließend zu bewerten.

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