Zeig Dich, Du Lump!

Ich habe mich geschlagen. Mit einem Lumpen. Ich habe verloren. Aber ich kann die Niederlage verschmerzen, denn der Lump kam aus Escherndorf – die Geschichte eines lustvollen Scheiterns. 

Es gibt Fragen, die muss jeder für sich klären. ‚Gibt es einen Gott?‘ wäre eine solche, eine einfache. ‚Was ist Terroir?‘ wäre eine andere, eine schwierige. Doch auch wenn man die Fragen für sich beantwortet hat – Frage 1 ist nicht Thema dieses Blogs, Frage 2 löse ich für mich mit dem etwas sperrigen Terminus ‚ein schmeckbarer geologisch-klimatischer Gesamtkontext‘ – lohnt es, die Diskussion mit anderen zu suchen und einen gemeinsamen Nenner anzustreben. Für erstere Frage kann man in die Kirche gehen, für letztere zum VDP!

Niederfall gleich Erntedank

Einmal im Jahr treffen sich die Fränkischen VDP-Winzer zum Erntedank, dem sogenannten Niederfall. Sie suchen sich dazu jedes Jahr einen anderen Ort, einen mit wichtigen Weinlagen. Und sie laden sich schreibende und weinhandelnde Gäste ein um ihnen einen Einblick in ihr Schaffen zu gewähren und zu diskutieren. Dieses Jahr traf man sich in Volkach, auf der Vogelsburg, stieg durch den Escherndorfer Lump ab gen Escherndorf und kehrte im Weingut Rainer Sauer ein (Titelfoto: der Eingangsbereich zum Weinverkauf). Dort fand eine Verkostung statt: Das Terroir des Escherndorfer Lumps. Ich durfte freundlicherweise dabei sein.

Wie so häufig, wenn viele kundige Menschen zusammenkommen: einer will immer ans Grundsätzliche (und nein, ich war diesmal nicht der party pooper). Was denn eigentlich Terroir sei, kam früh die Frage eines Teinehmers. Da war sie wieder, die Diskussion. Ist der Mensch Teil des Terroirs? Ist es nur der Boden? Wie einheitlich kann das Terroir einer 35-Hektar-Lage sein, deren Zeilenlänge teils 160 Meter beträgt und die einen  Höhenunterschied von 90 Metern überbrückt? Ich habe das für mich beantwortet (diese Verkostung war dafür wichtig): Die Wahrheit liegt im Glas. Gibt es etwas, das immer stärker hervortritt, je länger die Weine reifen und je mehr die Auswirkungen der Machart verblassen? Wenn Ja, ist das das Terroir. Also horchte ich ins Glas.

Escherndorfer Lump – Muschelkalk

Um den Gaumen zu eichen und die Besonderheiten des Lumps (mit dem Genitiv Lumpen tu ich mich schwer, wie läuft das eigentlich bei Eigennamen, die von einem normalen Substantiv abgeleitet sind? Germanisten bitte ran an die Kommentare) zu verdeutlichen stiegen wir mit einem Dreier-Flight 2014er GGs in die Thematik ein. Ein Silvaner vom Keuper, einer von einer anderen Muschelkalklage und ein Lump. Weltners Silvaner vom Rödelseer Küchenmeister war eher üppig, jedoch mit feiner Frucht und viel Grip, so kalkig, dass er trotz eher verhalten wirkender Säure enormen Zug entwickelt. Brilliant. Vom Randersacker Weingut Schmitts Kinder kam ein Muschelkalk Silvaner aus dem Pfülben. Dieser 2014er war eher saftig, dazu würzig, dabei etwas zu weich und diffus um richtig groß zu sein. Die für mich unerwartete, opulente Passionsfruchtaromatik machte aber enormen Spaß. Der erste Lump war das 2014er Silvaner GG von Rainer Sauer – der offenste und einladendste Wein. In Ansätzen leicht cremig und eher opulent, wird der Wein von einer knackigen Säure passend strukturiert. Im Abgang gesellt sich zur klaren Frucht eine schöne Mineralik/Phenolik, die für Seriosität sorgt. Letztes Jahr in Wiesbaden ließ mich der Wein noch etwas ratlos zurück, jetzt glaube ich, er reift in Richtung Silvaner-Olymp.

Es folgte der aktuelle Jahrgang der Silvaner Ersten Lagen und das Puzzlespiel war eröffnet. Der Escherndorfer Lump ist als ganzes eine Erste Lage, das Filetstück als Escherndorf am Lumpen 1655 eine Große Lage nach VDP-Statut. Die Ersten Lagen von Michael Fröhlich, dem Volkacher Weingut Zur Schwane, Rainer Sauer und Egon Schäffer haben wenig gemein. Fröhlichs Wein ist eben das: fröhlich. Etwas Gummibärchen in der Nase, von toller Struktur, schon offen aber auch mit Potential. Zur Schwane mit wunderbar typischer Nase aber eher diffusem Gaumen, wie frisch gefüllt. Sauers erste Lage hatte mich im Frühjahr gepackt und zum Kauf einiger Flaschen verleitet, die großteils schon getrunken sind, denn er ist strahlend, gelbfruchtig und balanciert, auch wenn man mit der Nase derzeit fruchtfrei in der hintersten Ecke des Heubodens steckt. Schäffer lieferte eine Fassprobe, allerdings liegt der Wein filtriert im Fass. Sein Silvaner ist in der Nase eine Mischung aus Sauer und zur Schwane, am Gaumen sehr fleischig (er lag recht lang auf der Hefe) und sehr konzentriert, eigentlich eher ein GG als eine erste Lage.

Gemeinsamkeiten? Nicht in meinem Glas

Wie um mir meine Grenzen aufzuzeigen, bestand der nächste Flight aus Riesling. Diese in Relation zu den Silvanern zu setzen war mir nicht möglich und ich lasse sie zwecks besseren Leseflusses weg, denn ich muss von den Silvaner GGs aus 2012 berichten. Fünf waren es und sie ließen mich aufhorchen: da war bei jedem Wein ein Ton in der Nase, der mich an blonden Tabak erinnerte. War das das Terroir des Lumps? Es war wohl eher der Jahrgang, denn die 2007er im nächsten Flight waren allesamt Nichtraucher.

Michael Fröhlichs 2012er GG war in der Nase eher leise, am Gaumen aber ein Wahnsinnspaket: cremig, leicht rauchig, mit ersten Reifenoten, doch immer noch saftig mit intensiver Birnenfrucht, voller Körper, spürbarer und hier dringend nötiger Alkohol und im sehr langen Abgang dann mineralisch/phenolisch. Weltklasse. Zur Schwane am Gaumen eher ölig, dafür mit einem Abgang aus Feuerstein und Kalk, der für Gänsehaut sorgt; Schäffer entwickelt am Gaumen Druck ohne Ende und punktet mit süßer Frucht – zwei sehr gute Weine. Horst Sauers Silvaner war der einzige im Flight mit Zitrusnoten, was dem Wein zu einer Festigkeit verhilft, die hervorragend zum spürbaren Alkohol passt. Ein zackiger Wein, mit dem man sich besser nicht anlegt, wenn er den Trinkbefehl formuliert und das tut er. Von Rainer Sauers GG konnte ich nach der Abendveranstaltung eine fast volle Flasche mit nachhause nehmen um eine Verkostungsnotiz anzufertigen. Aber als ich ihn ausführlich im Glas hatte, fiel mir doch nur wieder der gleiche angelsächsische Schnack wie beim Probeschluck ein:

Escherndorf Am Lumpen 1655 SauerRainer Sauer, Escherndorf am Lumpen 1655, Silvaner Großes Gewächs, 2012, Franken. Razor sharp and laser focused. (Wem das nicht reicht: kräftige, klare Birnenfrucht, Heu, phenolischer Grip, dass man kauen möchte, Tiefe, Länge, Schnörkellosigkeit, Grandezza!)

Um mich maximal zu verwirren, tauchte im nächsten Flight ein 2007er vom Juliusspital auf. Die haben vor einigen Jahren aufgehört mit der GG-Produktion, weil sie der Meinung sind, man sollte mehr als 1,4 Hektar einer Lage besitzen, um den qualitativen Anforderungen für die GG-Selektion zu entsprechen. Der Wein unterstützt diese Einstellung nicht, denn er ist groß. Die klare Frucht strahlt immer noch, im Abgang kommen Würze und etwas Nuss dazu. Das erinnert stilistisch an Rainer Sauer, denn während ich am Escherndorfer Lump verzweifelte, konnte ich über die Stile der beteiligten Winzer einiges lernen; über Rainer Sauers suche nach Klarheit und Egon Schäffers Fähigkeit Weine zu erzeugen, die wirken wie er selbst: bärbeißig (nich’ hauen, das ist ein Kompliment!). Horst Sauers Weine sind meist Typizität pur und im Weingut Zur Schwane mag man Silvaner und Riesling gern ein bisschen geheimnisvoll. Ob das am Umgang mit der Maische, längerem Hefelager oder etwas anderem liegt, ich weiß es nicht – aber irgendwas ist da. Michael Fröhlich hingegen reitet gerne auf der Rasierklinge. Dabei kann Irritierendes entstehen, aber auch ganz Großes.

Escherndorfer Lump TBAsMir blieb nichts anderes, als die Kapitulation zu erklären. Lump? Ja, äh, großartige Lage, aber was sie ausmacht? Ich weiß es nicht. Zum Glück waren die Franken nicht nachtragend. Sie spendierten einfach noch zwei TBAs aus 2015, die Lump Riesling TBA von Zur Schwane und die Silvaner TBA von Horst Sauer. Monumente. Zum Niederfallen.

Jede Verkostungsnotiz wäre pure Angeberei.

 

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