Grand Enclos Graves

Geschwätziger Wein

Ich habe Wein getrunken, mit netten Menschen an einem schönen Ort. Nein, kein Bloggerprivileg, einfach ein Treffen unter Freunden in der Cordobar. Über die wird derzeit viel geschrieben, deswegen hier nur: nichts davon ist übertrieben. Mein Freund Michael war in der Stadt. Der ist Weinagent. Keine Spionage, er sorgt dafür, dass seine Klienten – internationale Weingüter – in Deutschland bei guten Händlern und in der besseren Gastronomie vertreten sind. Nun war er mit Francis unterwegs, dem Vertriebsleiter von Chateau de Cérons. Die Reise führte nach Berlin und das nutzten wir zur Zusammenkunft mit einem Teil der Runde, die auch Blaufränkisch und Lemberger bei mir verkostet hatte.

Wir tranken Weine aus dem Offen-Ausschank. Aber Vertriebsleiter können nicht aus ihrer Haut. Francis hatte einen Wein dabei. Den tranken wir auch – einfach so, keine Werbeveranstaltung, kein Vortrag. Es war der Grand Enclos du Chateau de Cerons 2012, ein Weißwein aus Graves. Francis musste gar nichts über den Wein erzählen, das besorgte der Grand Enclos ganz allein. Selten habe ich einen Wein im Glas gehabt, der so deutlich seine Machart verriet. Dachte ich zumindest, sicher war ich nicht, sollte man sich bei Wein sowieso nie sein. Aber Francis war ja da und so konnte ich fragen. Der Wein sprach die Wahrheit. Was er erzählte war Folgendes: Ich bin eine Cuvée aus zwei Weinen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und ich habe die Eigenschaften beider Weine bei der Vermählung zur Cuvée erhalten können. Sie mischen sich nicht, sie stehen gleichberechtigt nebeneinander und erzeugen eine Spannung im Mund, die enorm faszinierend ist.

Grand Enclos ist eine Cuvée aus Sémillon und Sauvignon Blanc. Der Sémillon kann ein richtig öliges Schwergewicht werden, wenn man ihn im Holz vergärt, im Holz reifen lässt und dabei möglichst noch die Hefe aufrührt. Dann wird er unter Umständen so buttrig, dass man den Eindruck bekommt: ‚Den muss ich mit einem Schnaps runterspülen‘. Sauvignon kann alles, den kann man unter anderem vollständig auf knackige Säure, Frische und quietschbunte Frucht trimmen. Und Francis bestätigte: genau das war hier passiert. Ein spät gelesener reifer Sémillon durchlief die volle Butter-Schule: Im Holzfass vergoren, in kleines, teils neues Holz umgezogen, 10 Monate gelagert und dabei die Hefe aufgerührt. Der Sauvignon Blanc wurde früh gelesen (aber nicht so früh, dass er grasig schmeckt), kam mit knackiger Säure in den Keller, stand eine Weile gut gekühlt auf der Maische und zog dann zur Gärung in Stahltanks um. Die Reinzuchtgärung fand bei tiefen Temperaturen statt und das Ergebnis war ein maximalfruchtiger und aromatischer Sauvignon Blanc. Die Geschichte klang für mich so, als hätte ich keinen der beiden Cuvée-Partner für sich genommen gerne im Glas.

Das Ergebnis der Mischung ungefähr gleich großer Teile Sémillon und Sauvignon ergibt einen Wein, wie ich ihn aus Deutschland nicht kenne. Das mag daran liegen, dass wir keinen Sémillon in unserem Rebsortenportfolio haben. Doch mit Chardonnay und Riesling müsste man das auch hinkriegen. Aber wer Chardonnay und Riesling cuvetiert, riskiert hierzulande vermutlich die Ausbürgerung. Ich fragte Francis, ob ich eine Flasche davon haben könnte um daheim zu überprüfen, ob meine Begeisterung nicht nur dem schönen Ort und den netten Leuten geschuldet war. Er schickte mir zwei – da war es wieder, das Bloggerprivileg. Zuhause beschäftigte ich mich zwei Tage mit dem 2010er und trank ihn unter anderem zur Pizza, was erstaunlich gut passte. Der 2010er erzählte die gleiche Geschichte wie der 2012er und es stellte sich die gleiche Begeisterung ein.

Grand Enclos GravesChateau de Cérons, Grand Enclos, Weißweincuvée, 2010, Graves. In der Nase am ersten Tag viel Heu und Stroh, ein bisschen Johannis- und Stachelbeere, mit 24 Stunden Luft dann Vanille, deutlicher neues Holz und ein bisschen Birne, erinnert in der Nase dann an einen Silvaner. Am Gaumen buttrig, kleidet den Gaumen aus, als wenn man in eine dick mit Butter bestrichene Stulle beißt. Andererseits zeigt der Wein aber auch Frische, kontrastierende Säure, am ersten Tag frische Frucht, Stachelbeere und Johannisbeere dazu Minze, am zweiten Tag bleibt die Johannisbeere und Minze, es überwiegt aber Haselnuss und andere vom Holzausbau stammende Aromen, die Assoziation von Heu zieht sich durch beide Tage. 13,5 % Alkohol sind spürbar aber angemessen, denn der Wein ist ein ordentliches Kaliber, kein Leichtgewicht. Das Holz hinterlässt deutliche Spuren, die mir (ich hab’ bekanntlich ein Bibergebiss) viel Freude machen. Der Abgang ist extrem lang. Für jemanden, der das nur selten trinkt (zum Beispiel mich) ist das ein Wein, der die ganze Aufmerksamkeit bindet und entweder totale Ablehnung oder tiefe Freude hervorruft. Ich hab mich gefreut – zwei ganze Tage lang.

7 Gedanken zu „Geschwätziger Wein“

  1. 6 Flaschen des 2010er sollen heute bei mir eintreffen. Eine davon wird
    am Sonntag in einer Blindprobe gegen meinen “Platzhirsch”, in der
    Preisklasse bis 20 Euro, Grand Village blanc 2010 antreten.
    Darüber werde ich berichten.

  2. Hallo Felix,

    ich interessiere mich sehr für den Chateau de Cérons Grand Enclos und würde sehr gern wissen, wie ich an diesen Wein komme!

    Im Voraus vielen Dank für eine Antwort und liebe Grüße aus Hamburg!

    Tobias

    1. Das Kölner Weindepot führt den Wein. Die versenden auch zu vernünftigen Konditionen, haben aber keinen Online-Shop, da müsstest Du anrufen.

      1. Danke für den Tipp, habe heute dort angerufen. Leider versenden sie nicht (an mich!?) und eine Auflistung Ihrer Weine haben sie auch nicht! 🙁

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