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Das generationswechselbedingte Schnäppchenfenster

Samstagnachmittag, Florian vom Planeten hat geschrieben: ‚Sven Klundt ist in der Stadt und will ein paar Weine zeigen. Hast Du Zeit?‘ Das mache ich möglich, denn Sven Klundt macht erstaunliche Weine und trägt die Leidenschaft in sich, die gute Gespräche jenseits von Winzerlatein und Nullinterventionsrhetorik ermöglicht. Also bin ich da, als Sven Klundt erscheint. Er kommt nicht allein, hat Benjamin Ehrhart im Schlepptau, vom mir unbekannten Weingut Ehrhart aus Eschbach. Und Klundt hat die Fassproben vom 16er, über die ich am Vortag Euphorisches in den sozialen Medien gelesen hatte, beim gestrigen Gastgeber gelassen. Also probieren wir drei hervorragende 15er, doch die haben eingeschränkten Nachrichtenwert. Und so stiehlt der Ehrhart dem Klundt die Show, obwohl auch er nur 15er dabei hat.

Es gibt in Deutschland immer noch eine Milliarde Winzer, die vor allem die Dornfelderfraktion mit ordentlichen, günstigen, handwerklich sauberen Weinen versorgt. Winzer, die Weine wie ‚Inspiration Winter – die frische leichte Rotweincuvée mit Restsüße‘ für vier Euro die Flasche im Programm haben. Und alle diese Milliarden Winzer haben Söhne und Töchter, die in Geisenheim und Bad Kreuznach hervorragend ausgebildet, nach inspirierenden Praktika in der ganzen Welt zurückkehren und sehr schnell für sich beschließen, wir müssen weg von Dornfelder halbtrocken.

Gib mir halbtrockenen Dornfelder…

Das Problem hat einen Namen: Bestandskunden. Die ernähren schließlich die Familie. Aber um der Wahrheit die Ehre zu geben, auch die Dornfelder-halbtrocken-Produzenten haben reichlich trockenen Riesling im Programm und Kunden dafür. Es ist also nicht alles verloren. Benjamin Ehrhart fasst die Situation prägnant zusammen: Er sei überzeugt, dass man die Kunden, die bisher trockene Rieslinge kaufen (bei Ehrhart den Liter für 4 Euro!) schrittweise an höhere Qualitäten und damit einhergehend auch höhere Preise gewöhnen könne. Die Hardcore-Halbtrockenfraktion (zumindest beim Rotwein) würde man halt irgendwann verlieren.

Das schöne für Menschen wie mich (und die meisten meiner Leser) ist: Der Winzer muss in Vorleistung gehen, die Weinqualität deutlich erhöhen, kann mit den Preisen aber nur moderat nachziehen. Es öffnet sich das ‚generationswechselbedingte Schäppchenfenster‘ (ich beanspruche Urheberschaft) und der Grund für diesen Bericht ist simpel: Im Weingut Ehrhart steht es gerade sperrangelweit offen.

Magische Frucht im Mittelgewicht

Drei Weine hat Benjamin Ehrhart dabei. Zwei Pinots und einen Riesling. Den Anfang macht der Ortswein Eschbach Spätburgunder R aus 2015. Der ist so klar konturiert, dass ich mir den Geschmack zwei Tage später noch aus dem Gedächtnis wieder auf die Zunge zaubern kann: Eine dominierende, ganz klare Kirschfrucht, ohne jede gekochte Komponente, geschärft von deutlicher Säure und freigestellt von einem ganz zurückhaltenden Alkohol von 12,5%, nach hinten raus von Holzwürze begleitet, die ein medium-getoastetes Tonneau beigesteuert hat, das eigentlich neu, aber 3 Monate von einem darin vergorenen Sektgrundwein entschärft worden war. Ehrhart PinotsDas ist einerseits kühl und elegant, andererseits so satt fruchtig, dass Burgunderfans die Nase rümpfen – aber auch nicht plakativ. Ein Wein der stilistisch ein Ausrufezeichen im Mittelgewicht setzt – und unfassbare 12 Euro kostet. Mir wäre er 16 bis 18 Euro wert, weil (auch wenn die Stile nicht vergleichbar sind) ein Becker’scher ‚B‘ oder Meyer-Näkelscher Blauschiefer im Wettstreit kaum besser abschnitten.

Der 2014er Leinsweiler Sonnenberg Spätburgunder Lagenwein will viel mehr als der vorherige Wein und kann mich einerseits überzeugen, da er mehr Tiefe in den Anlagen hat. Andererseits ist er auch bewusst ruppig. 13,5 Prozent Alkohol, höhere Traubenreife, trotzdem deutliche Gerbstoffe, die ich auch ein bisschen grün finde, als wären ein paar Rappen bei der Gärung dabei gewesen (waren sie aber nicht). Benjamin Ehrhart erzählt von den verschiedenen Parzellen, den Terroirs, den Toastings, den Fassgrößen – vom Ausprobieren und Sortieren in neuen Qualitätsdimensionen. Und er erzählt von dem einen gebrauchten Fass, dass in der Cuvée das Neuholz im Zaum halten sollte, dann aber so eine diffuse Frucht zeigte, dass sein Wein nur in Auszügen zum Einsatz kam. Jetzt hat der Wein etwas zu viel Kante und Würze, was aber mit Reife vielleicht großartig wird. Wir diskutieren angeregt über den Wein und seine Entstehung wie über die eines Großen Gewächses, doch der Wein kostet 18 Euro. Das generationswechselbedingte Schnäppchenfenster…

Bittertonentwarnung im Sonnenberg

Als letztes haben wir den Riesling im Glas. Leinsweiler Sonnenberg 2015, trocken ohne Prädikat, aber ganz klar Ausleseniveau. Das ist ein Kraftpaket: Muskeln, Sehnen, Spannung – aber kein Gramm Fett. Er bringt einen deutlichen, animierenden Bitterton mit. Ich bin skeptisch, habe gerade am Vorabend eine Reihe 2011er probiert und nicht trinken mögen, bei denen der Bitterton in der Reife alles erschlug. Aus 2015 habe ich auch schon einiges im Glas gehabt, was zu bitter ist. Vielleicht ist meine Skepsis nicht angebracht, denn im Moment ist das hier sehr erträglich. ‚So ist gut, aber mehr darf es nicht werden‘, fasst Florian vom Planeten es treffend zusammen. Der Riesling kostet 10 Euro. Das ist unfassbar billig. Bei Sven Klundt (Sie wissen schon: der, um den es hier eigentlich mal gehen sollte) kostet sowas 18 Euro und ist selbst dann noch preiswert.

Wir beenden die Verkostung und da die beiden Jungs keine Verwendung mehr für die Weine haben, nehme ich mir einen mit, eben jenen Sonnenberg. Und schon nach einer Stunde zieht sich der Bitterton etwas zurück, am nächsten Tag ist er nur noch eine animierende Nuance im Hintergrund.

Sonnenberg RieslingEhrhart, Leinsweiler Sonnenberg, Riesling trocken, 2015, Pfalz. In der Nase Apfel und Aprikose, leicht würzig, etwas Aloe Vera – typische, gehaltvolle Riesling-Nase. Am Gaumen kräftig, gut integrierte, strukturierende Säure, die die 13,5% Alkohol im Zaum hält, etwas Malz, etwas Aprikose, reichlich Boskop, unmittelbar nach dem Öffnen ein deutlicher Bitterton, der sich nach einer Stunde etwas zurückzieht, angenehm wird, am zweiten Tag nur noch zu erahnen ist. Saft und Kraft, etwas Schmelz, deutliche Mineralik/Phenolik. Das ist ein ziemlicher Brocken, der allerdings vor allem aus Muskeln und weniger aus Fett besteht und viel Vergnügen bereitet. Größere Gläser und zwei Mitstreiter sind sicherlich hilfreich, denn das ist kein Schoppenwein. Mittellanger Abgang, ziemlich große Begeisterung.

4 Gedanken zu „Das generationswechselbedingte Schnäppchenfenster“

  1. Der Leinsweiler Sonnenberg Riesling – Im großen Glas (habe mal das Zalto Burgunder genommen) tatsächlich deutlicher Bitterton. Im Gabriel Glas ist der Bitterton dagegen fast kaum spürbar und der Wein kommt mE wesentlich besser zur Geltung. Deine Beschreibung ist sehr passend. Er macht auf jeden Fall jetzt schon richtig Spaß. Bei dem Preis kann man außerdem seine Enwicklung in höherer Frequenz erleben 😉

  2. vielen Dank für diesen Bericht, der mich gestern nach Eschbach geführt hat. Benjamin Erhart hat sich sehr viel Zeit für eine intensive, super nette Fachsimpelei samt Verkostung genommen, und mich haben sowohl die Rieslinge als auch die Pinots absolut überzeugt. Der „R“-Pinot ist eine Freude, und vom „großen Bruder“, dem Lagen-Pinot, habe ich mir eine Kiste mitgenommen. Der wird über die nächsten Jahre beobachtet, und darauf freue ich mich!

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